Etwa ein Drittel der heutigen Erwachsenen wird finanziell von den Eltern unterstützt, regelmäßig, verlässlich, dauerhaft, haben verschiedene Studien ergeben. Und mit “Erwachsenen” sind hier nicht frisch in die Volljährigkeit gestartete Studienanfänger gemeint, sondern Menschen zwischen 33 und 55. Ob die Eltern die Mieten übernehmen, Versicherungsbeiträge oder Autos finanzieren, ob sie den Nachkommen Eigentumswohnungen zur Verfügung stellen, Büros einrichten oder monatlich Flatrate-Beiträge der Summen X bis Y überweisen: Von der Gewöhnung an eine lebenslage “Nabelschnurversorgung” reden die einen, vom Alimentierungsmodell Airbag-Eltern die anderen.
“Die Eltern finanzieren, was die Wirtschaft oder der Staat nicht mehr bezahlen wollen oder können, immer in der Hoffnung, dass sich das symbolische Kapital, das ihr Kind erwirbt, später auszahlt.” So hat es der Pädagoge, Journalist und Popkultur-Experte Mark Terkessidis beschrieben, mit besonderem Blick auf das glamaourös-abgerissene Leben zahlreicher Mittelschichtepigonen im gebeutelten Berlin. Der Begriff “Symbolisches Kapital”, den Terkessidis benutzt, spielt auf den französischen Soziolgen Pierre Bourdieu an (1930 - 2002). Gemeint ist damit unter anderem eine gute Ausbildung, sozialer Anschluss an einflussreiche Kreise und ein zeitgemäßer Lebensstil, der Ansehen und damit weitere “lohnende Kontakte” verspricht.
Tatsächlich wäre es, gut zwanzig Jahre nach der Wende, interessant, einmal zu ermitteln, wie viele der aufsehenerregenden Galerien, Shops und Special-Interest-Magazine in Berlin auch heute noch von rheinischen Rechtanwalts-Papas, westfälischen Fleischer-Dynastien oder fränkischen Oberstudienräte-Haushalten am Laufen gehalten werden. Es ist die akademisch angebildetete westdeutsche Mittelschicht, die das schillernde “Berlin” erfindet, definiert, forterzählt und bis heute dominiert, jenes “Berlin”, von dem wir so oft und gern lesen und auf dessen kulturellen Gehalt wir so stolz sind - weil es Deutschland ein junges, abenteuerlustiges, sympathisches Gesicht leiht. Als “Clubbing Capital of Europe” hat die britische Sunday Times die Stadt einmal bezeichnet, als “Party-Hauptstadt Europas”.
Groß ist die Faszination fürs stilistisch Bizarre, pittoresk Soziale und intellektuell Monströse beim zugezogenen “Berlin”-Personal. Eines Tages “nach Berlin zu gehen” ist das inländische Go west! eines jeden aufgeweckten Lieschen Müller zwischen 15 und 45 - if you can make it there, you’ll make it anywhere. Auch ich war auf dem Mainstream an die Spree gesegelt, und gelegentlich hat es mich, in den fünf Jahren, in denen ich dort wohnte, tatsächlich irritiert: wie das alles funktionieren kann. Wie man echte Paul Smith-Anzüge tragen und zu Hause auf Original-Charles-Eames-Sesseln herumloungen kann mit ein, zwei selbst verfassten Filmbesprechungen in der Zeit alle paar Wochen und vielleicht noch einer Plattenkritik in Spex alle zwei Monate - mit fünf veröffentlichten Schwarz-weiß-Modefotos alle Vierteljahr oder einem sechsminütigen Remix auf einem minisüßen Elektrolabel jedes Schaltjahr - mit einer sich hinziehenden Doktorarbeit, für die es längst kein offizielles Stipendium mehr gibt, wegen Altersüberschreitung, oder mit einem Insider-Kiosk für streng limitiertes Kleiegebäck in Sternchenform. Als “urbane Penner” hat die frühere Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazins Zitty, Mercedes Bunz, einmal diejenigen bezeichnet, die es sich - unter- oder fremdfinanziert - ihrer Meinung nach allzu kuschelig eingerichtet haben im bunten Big B.
Beunruhigend unangenehm wird die westdeutsche Mittelschichtigkeit an der Spree, wenn die Zugereisten heiß gelaufen herziehen über die “Provinz” draußen - der sie nicht nur selbst entstammen, deren Mentalität  ihnen selbstverständlich weiterhin an den Sohlen klebt und von der sie oftmals noch in der einen oder anderen Form zehren, sondern in die sie den ganzen Style letztlich auch exportieren müssen. Nur wenn auch Bielefeld und Großumstadt mal etwas im Online-Shop bestellen oder ein originelles Berlin-Souvenir mit nach Hause nehmen, lohnt sich die Design-Linie für Küchenbrettchen mit Diktatoren-Zitaten. Nur wenn auch die Leser in Tauberbischofsheim und Saarlouis zuschlagen, wird aus einem aufregenden Großstadtroman ein Bestseller. Alles Überraschende ist sehr leicht berechenbar im Anführungszeichen”Berlin”, und genau wie Köln seinen Klüngel pflegt, ist es auf seine Seilschaften angewiesen, auf die Konjunkturkurven des Who is who und Wer mit wem, auf die Stichworte aus Medien, Marketing und Kulturbetrieb und die Gästelisten-Mechanik. “Berlin” ist Deutschlands meistfotografierte, detailliertest beschriebene und bevorzugt besuchte Kirche, ein Gedenkort für die Idee vom zeitgenössischen “richtigen Leben”, die kreativste der creativ cities, der Inkubator des Gedankenkapitalismus, eine schillernde Leinwand, eine Mythen- und Traumfabrik, die ihre Funktion ganz gut erfüllt. Bezahlt wird die Religion aus dem Sauerland.

 

Zeitzug dankt der Autorin und dem Eichborn Verlag für die Abdruckgenehmigung der Seiten 86 bis 89 aus dem im Juni 2011 erschienen Buch “Echtleben”.

Katja Kullmann
kam 1970 in Hessen zur Welt und hat seitdem mehrfach den Wohnort und die Perspektive gewechselt. Sie war schon mal Bestseller-Autorin und Hartz-IV-Empfängerin. Als Journalistin, Ressortleiterin und Freelancerin, Bank-Sekretärin und Sandwich-Verkäuferin hat sie vor allem eines versucht: Haltung zu bewahren. 2002 erschien im Eichborn Verlage Generation Ally, 2003 ausgezeichnet mit dem Deutschen Bücherpreis für das beste Sachbuch.

www.katjakullmann.de
 

Echtleben, von Katja Kullmann, Eichborn Verlag, Juni 2011. Wie das Leben während der letzten zehn Jahren mit   Katja Kullmann verfahren ist, schildert ECHTLEBEN. Es werden die wirtschaftlichen und technischen Trends geschildert und wie diese allgemeine  rasante Entwicklung sich auf das persönliche Leben der Autorin ausgewirkt haben. Aufgezeichnet in einem eigenwilligen Stil und  atemberaubenden Sprachtempo, das zum Innehalten anregt.

 

  ShareThis