Die glühenden Liebesbriefe Franz Kafkas an die tschechische Journalistin Milena Jesenská beschäftigen seit langem Literaturwissenschaftler und Psychologen. In ihnen offenbart der große Schriftsteller seine seelischen Konflikte und Gefühle im Umgang mit Frauen: bald hofft er hingebungsvoll und beglückt auf eine erfüllte Liebesbeziehung, auf die Erlösung von der Einsamkeit, bald zweifelt er, von Selbstvorwürfen gepeinigt, an seiner Liebesfähigkeit, bis er sich resigniert und voller Schuldgefühle damit abfindet, daß seine Sehnsucht wohl für immer ungestillt bleiben wird.
Als die 24jährige Milena im Jahr 1920 den 13 Jahre älteren Kafka kennenlernt, lebt die geborene Pragerin in Wien in unglücklicher Ehe mit dem Literaturkenner und Frauenliebhaber Ernst Pollak. Sie fühlt sich in der fremden Stadt verlassen und sehnt sich nach dem Leben n Prag, wo die extravagante, exzentrische Tschechin in den Literaturcafés alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte.
Als Absolventin des berühmten Minerva-Gymnasiums, das Ende des 19. Jahrhunderts als erstes humanistisches Mädchengymnasium Mitteleuropas gegründet wurde, gehört sie zu einer nach Emanzipation strebenden Frauengeneration. Ihre Eskapaden sind in Prag stadtbekannt: als junges Mädchen schwimmt sie bekleidet durch die Moldau, um rechtzeitig zu einem Rendezvous zu kommen. Sie wird im Prager Stadtpark verhaftet, als sie für ihren Freund dessen Lieblingsblumen Magnolien pflückt. Die impulsive, warmherzige und großzügige Frau ist in ihrer Heimatstadt begehrter Mittelpunkt der Intellektuellenzirkel.
Vater ließ sie wegen ihrer ersten Liebe in Nervenklinik einsperren
In Wien leidet sie unter der ständigen Untreue ihres leidenschaftlich geliebten Mannes. Das Zerwürfnis mit ihrem Vater, einem vermögenden Prager Kieferchirurgen, der an der Karls-Universität lehrt, bedrückt sie so sehr, daß sie im Kokain Trost sucht und in höchster Verzweiflung einen Selbstmordversuch begeht.
Eine schmerzliche Haßliebe verbindet sie mit dem cholerischen, egoistischen Vater, der viele Liebschaften hat und ihr als Kind die Pflege der todkranken Mutter überläßt. Mit Milenas erster Liebe, dem deutschen Juden Pollak, kann sich der konservative tschechische Nationalist nicht abfinden. Er läßt seine Tochter in eine Nervenheilanstalt einsperren, um sie von Pollak zu trennen. Als Milena gegen den Willen ihres Vaters heiratet, ist der Bruch perfekt.
In ihrer finanziellen und psychischen Not kämpft Milena für Unabhängigkeit und Anerkennung. Die Tochter des angesehenen Prager Bürgers, die wie so viele Frauen keinen Beruf erlernt hat, schleppt auf Wiener Bahnhöfen Koffer, gibt Tschechische-Unterricht und versucht sich schließlich als Journalistin.
In der kleinen liberalen tschechischen Zeitung "Tribuna" erscheint im Dezember 1919 ihre erste Wien-Reportage, aus einer Stadt am Rande des Abgrunds, wo Überfluß und bittere Armut dicht nebeneinander bestehen, wo die Massen das Elend, das "anderswo Demonstrationen, Geschrei, Proteste und vielleicht sogar eine Revolutionär ausüben würde " ... "in völliger Ruhe, mit halb stumpfer, halb humorvoller Resignation" ertragen, wo sich viele am blühenden Schleichhandel bereichern, wo "in den Lokalen und Spielbanken Hunderttausende verdient werden" und "15 Theater trotz enormer Preise täglich ausverkauft sind".
Bald wird Milena ständige Wien-Korrespondentin der "Tribuna", die auch auch Jaroslav Hasek und Egon Erwin Kisch zu ihren Feuilleton-Schreibern zählt. Die junge Journalistin entdeckt damals den deutschsprachigen Prager Schriftsteller Franz Kafka, der bis dahin den tschechischen Lesern kein Begriff ist. Die erste Übersetzung eines seiner Werke stammt aus ihrer Feder: "Der Heizer" erscheint im April 1920 in einer tschechischen Literaturzeitschrift.
Kafka vergleicht ihre Artikel mit Fontanes Reiseberichten
In den folgenden Jahren veröffentlicht Milena in der "Tribuna" Beiträge über das Leben in Wien, gesellschaftliche Plaudereien, Artikel über die Tagesereignisse, über Bücher, über Damenmode und ironische Betrachtungen über die Schwächen ihrer Zeitgenossen, die ihren Witz und ihre scharfe Beobachtungsgabe zeigen.
Kafka ist von ihren Feuilletons und Reportagen beeindruckt und kann ihre lebendige Sprache nicht genug loben. Er vergleicht ihre Artikel mit den Briefen und Reiseberichten Fontanes, der zu seinen Lieblingsschriftstellern gehört. Kafkas Freund, der Schriftsteller und Literaturkritiker Max Brod, erinnert sich, wie Kafka zum Zeitungsstand läuft, weil er es schon nicht mehr erwarten kann, in der neuesten Nummer der "Tribuna" einen Beitrag von Milena zu lesen.
In einem Brief an Max Brod läßt Kafka seiner Bewunderung und seinen Ängsten freien Lauf: "Milena ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe, ein Feuer übrigens, das trotz allem nur für ihn brennt (Kafka meint damit Milenas Mann Ernst Pollak). Dabei ist sie äußerst zart, mutig, klug und alles wirft sie in das Opfer hinein oder hat es, wenn man will, durch das Opfer erworben. Was für ein Mann allerdings auch er, der das erregen konnte."
Die Liebesbeziehung, die lange nur in dem Austausch von Briefen besteht, scheitert an der Angst Kafkas vor der sinnlichen und tatkräftigen Milena, an der Angst vor der Konkurrenz mit dem übermächtig scheinenden Pollak. Er traut sich nicht zu, die energische, selbständige Frau ganz für sich zu gewinnen. Was er an ihr liebt, wird ihm zur Bedrohung und zum Verhängnis.
Milena kann sich nicht für Kafka entscheiden, weil sie von ihrem Mann nicht loskommt und sich dem Leben in strenger Askese, das sie an der Seite Kafkas erwartet, nicht unterwerfen will. In einem Brief vertraut sie sich Max Brod an: "In mir ... ist eine unbezwingbare, ja rasende Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben, als ich es führe und als ich es je führen werde, nach einem Leben mit einem Kinde, nach einem Leben, das der Erde sehr nahe wäre. Und das wohl in mir über alles gesiegt, über die Liebe, über die Liebe zum Flug, über die Bewunderung und nochmals die Liebe."
Tiefes Verständnis sprechen noch 1924, lange Zeit nach der Trennung, aus Milenas Nachruf auf Kafka. Sie bezeichnet den großen Schriftsteller als einen Menschen von "wunderbarer Zartheit und erschreckender kompromißloser geistiger Subtilität ... Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, schrieb aber grausame und schmerzhafte Bücher. Die Welt sah er voller unsichtbarer Dämonen, die den ungeschützten Menschen vernichten und zerreißen ... Alle seine Bücher schildern das Grauen heimlicher Mißverständnisse und unverschuldeter Schuld zwischen den Menschen. Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andre, die nicht so empfindlich waren, ungefährdet fühlten."
Während ihres siebenjährigen Wien-Aufenthalts macht sich Milena als Journalistin einen Namen und kehrt nach Prag zurück, nachdem sie sich endlich von ihrem Mann getrennt hat. Sie schreibt weiter Feuilletons für "Tribuna" und "Narodni Listy" und übersetzt Guillaume Apollinaire, Henri Barbusse, Paul Claudel, Romain Rolland und Jules Laforgue aus dem Französischen, G.K. Chesterton, R.L. Stevenson und Jonathan Swift aus dem Russischen, Maxim Gorki aus dem Russischen und Heinrich Mann, Franz Werfel und Rosa Luxemburg aus dem Deutschen.
Mit immer mehr Morphium lindert sie ihre Schmerzen
Sie schließt sich einer Gruppe linker avantgardistischer Intellektueller, Dichter, Architekten, Maler, Filmregisseure, Musiker und Soziologen, an, die nach einer radikalen Erneuerung des geistigen Lebens streben. Endlich vom Provinzialismus der K.-u.K.-Monarchie befreit, soll sich die Tschechoslowakei der Welt öffnen und sich mit den zeitgenössischen Strömungen, vor allem aus Frankreich und der Sowjetunion, auseinandersetzen. Als Leiterin der Frauenseite von "Narodni Listy" zieht Milena gegen das Diktat der Mode und alles Überflüssige zu Felde. Die neuen Ideale sind Einfachheit und Bescheidenheit, gesunde Lebensführung, richtige Ernährung und Sport.
Ihre zweite Ehe mit dem Architekten Jaromir Krejcar scheint glücklich, bis Milena bei der so lange ersehnten Geburt ihrer Tochter schwer erkrankt. Mit immer größeren Dosis Morphium lindert sie ihre quälenden Schmerzen, so daß sie schließlich vom Rauschgift nicht mehr loskommt. Die Beziehung mit Krejcar zerbricht, "Narodni Listy" setzt sie auf die Straße und ihre Freunde wenden sich von ihr ab. In großer finanzieller Not, entwurzelt, verlassen, leidend und drogensüchtig klammert sie sich an eine neue Hoffnung: Sie wird Mitglied der Kommunistischen Partei und propagiert in der Parteipresse die Losungen der Kommunistischen Internationale.
Mit der Zeit kommt die Ernüchterung. Sie spürt, daß die dogmatische, sektiererische Partei ihre Phantasie fesselt und ihr journalistisches Interesse lähmt. Unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs und der Moskauer Schauprozesse bröckelt ihr Glaube an die Politik der Kommunisten langsam ab.
Nach dem Bruch mit der Kommunistischen Partei kann sich Milena berufich und persönlich voll entfalten. Durch einen Kraftakt befreit sie sich von ihrer Morphiumsucht und stürzt sich in neue journalistische Aufgaben. Der Chefredakteur der liberal-demokratischen Wochenzeitschrift "Pritomnost", die mit Präsident Masaryks finanzieller Hilfe gegründet wurde, erinnert sich an Milena, und mit seiner Hilfe wird sie zu einer anerkannten Kommentatorin des tschechoslowaksichen politischen Geschehens.
Als politisch engagierte Journalistin erhebt sie ihre Stimme, um in die Ereignisse einzugreifen und die Menschen aufzurütteln. "Das Tageswerk des Reporters ähnelt häufig dem einer Hyäne. Mit dem Notizbuch in der Hand zieht er umher und notiert sich menschliches Elend, um in den Zeitungen davon zu berichten. Wenn er dies ohne ein Fünkchen Hoffnung tut, daß seine gedruckten Worte helfen können, ist er nicht einmal einen Händedruck wert".
Sie recherchiert in den Flüchtingslagern über die Schicksale der deutschen Emigranten, die in immer größerer Zahl in der Tschechoslowakei stranden, mit seelischen und körperlichen Narben, die Leid und Erniedrigungen zurückgelassen haben, und ruft zur Solidarität mit allen Gegnern des Hakenkreuzes auf. Sie prangert die Zustände in der Sowjetunion an, die den verfolgten Antifaschisten das erhoffte Asyl verweigert. Sie reist wiederholt ins Sudetenland, schildert das Spitzelunwesen, die Bedrohung und Verfolgung der Demokraten und die Indoktrination der Schulkinder durch die Naziideologie. Sie deckt auch schonungslos die Fehler der Vergangenheit auf, durch die Antifaschisten entzweit wurden.
Ihre Wohnung wird der Treffpunkt politisch Verfolgter
Enttäuschung, Trauer, Verzweiflung und Zorn sprechen aus ihren Artikeln nach der Abtretung des Sudetenlandes und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag. Die Tage der freien Presse sind gezählt, und so nimmt sie Kontakt zu einer Widerstandsgruppe auf, die eine illegale Zeitung herausbringt. Ihre Wohnung wird Treffpunkt und Zuflucht politisch Verfolgter, die von dort aus über die Grenze nach Polen gebracht werden, um im Ausland den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu führen.
Viele rettet sie vor der Gefahr. Auch ihr Lebensgefährte Evzen Klinger, der als Jude besonders bedroht ist, verläßt mit ihrer Hilfe das Land. Sie selbst kann sich nicht zur Flucht entschließen, weil sie gebraucht wird und nicht in der Fremde leben will. "Milena, die immer ein blaues Kleid trug und jeden Neuankommenden mit einladender, großzügiger Geste ins Zimmer bat, beruhigte uns alle. Sie wirkte einfach dadurch, daß sie da war", schilderte ein Mitglied der Widerstandsgruppe ihre unerschütterliche Ruhe.
Nach dem Verbot der "Pritomnost" und der Verhaftung des Chefredakteurs zieht die Gestapo ihr Netz um Milena. Sie wird immer wieder verhört, dann ins Prager Gefängnis und von dort in ein Lager gebracht. Beim Prozeß in Dresden wird sie mangels an Beweisen freigesprochen. Aber die Nazi-Schergen lassen von, dieser unversöhnlichen Gegnerin nicht ab. Sie wird zur "Umerziehung" in das Frauen-KZ-Ravensbrück verschleppt. Mit einem schmerzhaften Rheumatismus kommt die unterernährte Milena in das Lager, in dem 1940 bereits 5000 Frauen hausen, von denen viele an Typhus, Scharlach, Diphtherie, Hunger und Kälte sterben. Sie beherrschte perfekt die heikle Kunst des Fragens
Milenas Lust an der journalistischen Recherche kann auch das unmenschliche Lagerleben und die Krankheit nicht ersticken. Sie interessiert sich für den Lebensweg der Häftlinge und lernt dabei die ehemalige Kommunistin Margarete Buber-Neumann kennen, die man im sowjetischen Exil verhaftet, verurteilt und später an die Gestapo ausgeliefert hat. "Schon die ersten Fragen, die sie stellte, verrieten mir etwas über ihre beruflichen Fähigkeiten", schildert Buber-Neumann. "Ich habe weder vorher oder nachher einen Journalisten getroffen, der die heikle Kunst des Befragens so vollkommen beherrscht hätte wie sie."
Die beiden Frauen schmieden Pläne: Sollten sie aus der Hölle des Lagers entkommen, werden sie ein Buch über das Leben in sowjetischen und deutschen Lagern schreiben. Das ist Milena nicht mehr vergönnt. Sie stirbt im Mai 1944 im Alter von 48 Jahren an einer eitrigen Nierenentzündung, geschwächt durch den Hunger, die Kälte und die Sehnsucht nach ihrer Tochter und ihrem Vater, mit dem sie endlich Frieden geschlossen hat. Um sie trauern unzählige Häftlinge, für die sich in der Schreibstube des Krankenvereins unerschrocken eingesetzt hat.
Bücher von und über Milena Jesenská
1977 "Milena, Kafkas Freundin" von Margarete Buber-Neumann, Albert Langen-Georg Müller Verlags Gmbh, München/Wien 1984 Milena Jesenská "Alles ist Leben", Feuilletons und Reportagen 1919 - 1939, Verlag Neue Kritik 1990 "Clarissa a jiné texty", Jana Krejcarová*, Concordia 1991 Jana Černá* "Adresát Milena Jesenská", Martin Černy 1991 Kolem Mileny Jesenské, Jarosláva Vondráčková, Nakladelství Torst 1993 Mýtus Milena, Marta Marková-Kotzková 1996 "Kurzer Bericht über drei Entscheidungen: Die Gestapo-Akte Milena Jesenská, von Marik Jirásková, Verlag Neue Kritik 1996 erscheint von Marie Jiráková "Kurzer Bericht über drei Entscheidungen - Die Gestapo-Akte Milena Jesenská" "Alle meine Artikel sind Liebesbriefe", Biographie, Alena Wagnerová, Bollmann Verlag
*Jana Krejcarová *, Jana Černá* (1928 - 1981) Tochter von Milena Jesenská