Die
großen Ereignisse, wie gehen sie vor sich? Unerwartet und schlagartig.
Sind sie aber eingetreten, stellen wir jedesmal fest, daß wir nicht überrascht
sind. In uns schlummert ein ahnendes Wissen kommender Dinge, das nur
übertönt wird durch Verstand, Willen, Wunschdenken, Angst, tägliches
Getriebe und Arbeit. Sobald wird uns all dessen bis auf unser innerstes
Gefühl entledigt haben, wird uns schlagartig klar: Ich hab's ja gewuß.
Nicht umsonst laufen heute so viele von uns herum mit einem "Ich hab's
ja geahnt, ich hab's ja gesagt". Ich glaube ihnen. Alle haben wir es
geahnt. Und hätten wir auf unsere Stimme gehört, wenn wir allein zu
Hause saßen oder matt in der Dämmerung erwachten, und hätten wir unsere
Gefühle in Worte zu kleiden vermocht - Gefühle sind echter als die oft
verzerrten bewußten Überlegungen -, dann hätten wir sagen können: wir
sehen es kommen. Doch in der Logik der Dinge liegt gleichzeitig ihre
Unlogik. Auf irgendein einschneidendes Ereignis wartet jeder im Leben:
Glück, Not, Krankheit, Hunger, Tod. Wenn es aber eintritt, erkennt er
es nicht. Das einzige, was er weiß, ist, daß es sich seiner ganz
bemächtigt, ohne ihm Zeit oder sonst eine Möglichkeit zum Handeln zu
lassen.
Als am Dienstagmorgen um vier Uhr das Telefon läutete,
Freunde und Bekannte anriefen und der tschechische Rundfunk anfing zu
senden, sah die Stadt unter unseren Fenstern so aus wie in jeder
anderen Nacht. Die Lichter zeigten dasselbe Muster, die Kreuzungen
bildeten dasselbe Kreuz. Nur, daß schon ab drei Uhr nach und nach die
Lichter angingen: bei de Nachbarn, gegenüber, unten, oben, schließlich
die ganze Straße entlang. Wir standen am Fenster und sagten uns: auch
sie wissen es schon. Wir weckten andere durchs Telefon: wißt ihr schon?
Ja, sie wußten. Fahle Dämmerung über den Dächern, hinter den Wolken ein
blasser Mond, unausgeschlafene Gesichter, eine Tasse heißen Kaffees und
reglmäßige Meldungen übers Radio. So kommen die großen Ereignisse zu
uns: sacht und unerwartet.
Die
deutschen Zeitungen brachten eine Reportage über die Soldaten auf dem
Weg nach Prag: Still liegt die Stadt in der vorfrühlingshaften
Dämmerung, den Männern in der Wagenkolonne klopft das Herz: wie wird es
drinnen sein? Wie werden sich die Menschen in diesen fremden Straßen
verhalten? In der Vorstadt halten sie den erstbesten Fußgänger an. Es
ist ein Arbeiter, der zur Arbeit geht. Sie erkennen auf den ersten
Blick, daß er alles weiß. Er bleibt ganz ruhig und zeigt ihnen still
und gelassen den Weg.
Wie immer, wenn sich Großes begibt,
verhalten sich die Tschechen beispielhaft. Dem tschechischen Rundfunk
sei Dank für die knappe Sachlichkeit, mit der ausdauernd und geduldig
alle fünf Minuten gemeldet wurde: Das deutsche Heer rückt von der
Grenze nach Prag vor. Verhaltet euch ruhig. Geht zur Arbeit. Schickt
eure Kinder zur Schule.
Ganz wie sonst, traten Schwärme von
Kindern um halb acht den Schulweg an. Wie sonst fuhren Arbeiter und
Angestellte zur Arbeit, und wie sonst waren die Straßenbahnen
überfüllt. Nur die Menschen waren anders. Sie standen da und schwiegen.
Noch nie habe ich so viele Menschen schweigen gehört. Auf den Straßen
gab es keine Ansammlungen. Es wurde nicht diskutiert. In den Büros hob
keiner auch nur den Kopf vom Schreibtisch. Ich weiß nicht, worin dieses
einheitliche Verhalten von Tausenden wurzelt und woher mit einem Mal
der übereinstimmende Rhythmus so vieler Menschen entspringt, die sich
nicht kennen: am 15. März 1939, um fünf nach halb neun, rückte das Heer
des Deutschen Reiches auf der Narodní ein. Auf dem Bürgersteigen
strömten die Menschen wie gewohnt. Niemand sah hin, niemand drehte sich
um. Die deutsche Bevölkerung aber hieß das deutsche Heer willkommen.
Auch
die deutschen Soldaten verhielten sich uns gegenüber anständig.
Überhaupt ist es sonderbar, wie anders die Sache gleich aussieht, wenn
sich eine Formation in Einzelpersonen auflöst: dann steht ein Mensch
dem anderen gegenüber. Auf dem Wenzelsplatz traf ein tschechisches
Mädchen eine Gruppe deutscher Soldaten. Es war bereits der zweite Tag
des Einmarsches, unser aller Nerven waren angegriffen. Und weil der
Mensch erst am zweiten Tag das Geschehene so richtig ermessen und
begreifen kann, schossen ihm die Tränen in die Augen. Da geschah etwas
Merkwürdiges: einer der Soldaten - ein ganz einfacher, gewöhnlicher -
trat auf es zu und sagte: "Aber Fräulein, wir können doch nichts dafür
...!" Es klang, als wolle er ein kleines Kind beschwichtigen. Er hatte
ein deutsches Gesicht mit ein paar Sommersprossen, leicht rötliche
Haare und steckte in der deutschen Uniform. Ansonsten unterschied er
sich durch nichts von unseren Soldaten - auch er ein einfacher Mann,
seiner Heimat ergeben. Und so standen sich die beiden gegenüber "und
konnten nichts dafür ...". In diesem einfachen, schrecklich banalen
Satz liegt der Schlüssel zu allem.
In
einem Wagen der Straßenbahn spielte sich folgendes ab: Ein junger
Tscheche mit einem Streifen am Ärmel führte das große Wort: war wir
jetzt unternehmen und wem wir's jetzt zeigen würden, daß jetzt endlich
aufgeräumt und kurzer Prozeß gemacht würde. Außer dem Streifen trug er
ein Hakenkreuz am Revers seines Mantels. Durch seine Sprüche verstummen
schließlich die anderen Gespräche, bis im ganzen Wagen tiefes Schweigen
herrschte. Da erhob sich mit einem Mal ein deutscher Offizier in der
Ecke, trat auf den Grünschnabel zu und fragte auf tschechisch:
"Sind Sie Tscheche?" Aufbrausend und ungeheuer selbstbewußt kam die
Antwort: "Ja, ich bin Tscheche." Darauf nahm ihm der Offizier das
Abzeichen mit dem Hakenkreuz ab und sagte ganz ruhig und bestimmt:
"Dann haben Sie kein Recht, so etwas zu tragen."
Sehen Sie, es gibt Augenblick, da möchte man zu einem deutschen Offizier hingehen und sagen: Ich danke Ihnen.
Vor
ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit einem Deutschen, einem
Nationalsozialisten, versteht sich. Er verbreitete sich ausführlich und
mit Bedacht über die Situation der Tschechen sowie übr die Vor- und
Nachteile, die uns seiner Ansicht nach daraus entspringen. Da heute
noch alles im Fluß ist, und selbst gut informierte Leute nicht mehr als
bloße Meinungen zu diesem Thema äußern können, sind diese Ausführungen
hier nicht von Interesse. Interessant ist aber, was er über die
Tschechen dachte. Geradezu verlegen fragte er mich: Wie erklären Sie
mir, daß eine derart große Zahl Tschechen zu uns kommt und mit Heil
Hitler grüßt?
Tschechen? Das muß ein Irrtum sein.
Es ist
keiner. Sie kommen zu uns auf die Ämter, heben den rechten Arm und
sagen Heil Hitler. Warum? Ich könnte Ihnen von einem Schriftsteller
erzählen, der sich eifrig darum bemüht - schon jetzt zwar sehr
pressiert - daß seine Dramen in Berlin aufgeführt werden. Ich könnte
Ihnen von vielen erzählen, die uns im Übereifer mehr entgegenkommen,
als sie müssen, ja sich geradezu abstrampeln. Wissen Sie, jeder
Deutsche hat Verständnis für Nationalstolz und nationales Rückgrat.
Unterwürfiges Verhalten ruft bei einem Deutschen von heute nur ein
mitleidiges Lächeln hervor, glauben Sie mir.
In nur zwei
Tagen hat sich das Stadtbild bis zur Unkenntlichkeit verändert. In den
Kneipen sitzen Männer in Uniformen, die wir nicht einmal von Bildern
her kennen. Durch die Straßen fahren Wagen, die wir nie zuvor gesehen
haben. Sie fahren hierhin und dorthin, wissen immer, was sie zu tun
haben - kurz - sie verhalten sich entschieden und zielbewußt. In den
Buchhandlungen gehen vor allem Prager Stadtpläne und französische und
englische Bücher. Soldaten sind in Gruppen unterwegs, bleiben vor den
Schaufenstern stehen, betrachten sie und unterhalten sich. Bei alledem
ist nicht ein Rädchen, eine Feder oder eine Maschine stehengeblieben.
Am
Altstädter Ring liegt das Grab des Unbekannten Soldaten. Heute ist
nichts von ihm zu sehen, nur ein riesiger Berg Schneeglöckchen. Eine
seltsame Kraft, der insgeheim die Schritte der Menschen lenkt, führt
Scharen von Pragern hierher; jeder legt einen Strauß Schneeglöckchen an
diesem kleinen Grab großer Erinnerungen nieder. Den Umstehenden rinnen
die Tränen über die Wangen. Nicht nur Frauen und Kindern: auch Männern,
die Tränen nicht gewohnt sind. Auch das ist wieder ausgesprochen tschechisch:
man hört kein Wehklagen, spürt weder Furcht noch Verzweiflung oder
sonst einen Ausbruch heftiger Gefühle. Da ist nur Trauer. Irgendwie muß
sie sich äußern, ein paar hundert Augen gehen von ihr über. So
entstehen wohl nationale Gebräuche, so mögen die Grundsteine zu
langjährigen Traditionen gelegt werden. Jeden 15. März werden
tschechische Mütter mit ihren Kindern hingehen und am Grab des
Unbekannten Soldaten einen Strauß Schneeglöckchen niederlegen. Das
gräbt sich ins Bewußtsein der Menschen ein als großer Opfergang.
Im
Rücken der trauernden Menge sah ich einen deutschen Soldaten
vorbeigehen, der stehenblieb und salutierte. Er blickte in die vom
Weinen geröteten Augen, auf die Tränen und auf den zugeschneiten Berg
Schneeglöckchen. Er sah: das Volk weinte, weil er da war. Und
salutierte. Er verstand offenbar, warum wir trauerten. Ich blickte ihm
nach und dachte an die "Große Illusion": werden wir wirklich
nebeneinander leben - Deutsche, Tschechen, Franzosen, Russen, Engländer
- ohne uns gegenseitig Leid anzutun, eines Tages die Staaten so zu
verstehen, wie wir als einzelne uns verstehen können? Werden je die
Grenzen zwischen den Ländern fallen, so wie zwischen uns, wenn wir uns
näherkommen? Wie schön wäre es, das zu erleben!
Milena Jesenská
(* 10. August 1896 in Prag; † 17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück) war eine
Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin und gehörte zu den
engen Freunden von Franz Kafka.