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Vilém Flusser


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Vilém Flusser
* 12. Mai 1920 in Prag; † 27. November 1991. Kommunikations- und Medienphilosoph. Mittelpunkt seiner Welt-, Menschen-, und Gesellschaftssicht war die Kommunikation. "Für eine Philosophie der Fotografie": Die Analyse der Fotografie in ihren ästhetischen, wissenschaftlichen und politischen Aspekten dient als Schlüssel zur Untersuchung der gegenwärtigen Kulturkrise und der sich in ihr herauskristallisierenden neuen Daseins- und Gesellschaftsform. Der Umbruch von der Text- in die Bildkultur - von der Linearität der Geschichte in die Zweidimensionalität der Magie - und der Umbruch von der industriellen Gesellschaft - von der Arbeit zum Spiel - geht Hand in Hand. Diese Mutation lässt sich an der Fotografie in besonderer Klarheit beobachten.


Begriffslexikon

Entnommen dem Buch "Für eine Philosophie der Fotografie" IBN 3-923283-19-9, 1983, Ausgabe 1991

Apparat: ein das Denken simulierendes Spielzeug
Arbeit: die Tätigkeit, welche Gegenstände herstellt und informiert
Automat: ein Apparat, der einem sich zufällig abspielenden Programm gehorchen muß
Bedeutung
: das Ziel der Zeichen
Begriff: ein konstitutives Element eines Textes
Bild: eine bedeutende Fläche, auf der sich die Bildelemente magisch zueinander verhalten
Code: ein regelmäßig geordnetes Zeichensystem
Entropie
: die Tendenz zu immer wahrscheinlicheren Zuständen
Entziffern: die Bedeutung eines Symbols
Fotograf: ein Mensch, der sich bemüht, die im Porgramm des Fotoapparats nicht vorgesehenen Informationen ins Bild zu setzen
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Fotografie: ein von Apparaten erzeugtes und distribuiertes, flugblattartiges Bild
Funktionär: ein mit Apparaten spielender und in Funktion der Apparate handelnder Mensch
Gedächtnis: Informationsspeicher
Gegenstand: ein uns entgegenstehendes Ding
Geschichte: das linear fortschreitende Übersetzen von Vorstellungen in Begriffe
Herstellen: das Herübertragen eines Dings aus der Natur in die Kultur
Idolatrie: die Unfähigkeit, aus den Bildelementen Vorstellungen herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Bildelemente zu lesen; daher: Bilderanbetung
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Imagination: die spezifische Fähigkeit, Bilder herzustellen und zu entziffern
Industriegesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen an Maschinen arbeitet
Informatiion: eine unwahrscheinliche Kombination von Elementen
Informieren: 1. unwahrscheinliche Kombinationen von Elementen erzeugen; 2. sie in Gegenstände drücken
Konzeptualisation: die spezifische Fähigkeit, Texte zu erzeugen und sie zu entziffern
Kulturgegenstand: ein informierter Gegenstand
Magie: die der ewigen Wiederkehr des Gleichen entsprechende Daseinsform
Maschine: ein Werkzeug, das ein Körperorgan auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien simuliert
Nachgeschichte: die Rückübersetzung von Begriffen in Vorstellungen
Nachindustrielle Gesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen im tertiären Sektor beschäftigt ist
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Primärer und sekundärer Sektor: die Tätigkeitsbereiche, in denen Gegenstände hergestellt und informiert werden
Programm: ein Kombinationsspiel mit klaren und distinkten Elementen
Redundanz: Wiederholung von Informationen, daher: Wahrscheinliches
Ritus: das der magischen Daseinsform entsprechendes Verhalten
Sachverhalt: eine Szene, in welcher die Verhältnisse zwischen den Sachen und nicht die Sachen selbst bedeutungsvoll sind
Spiel: eine Tätigkeit, die Selbszweck ist
Spielzeug: ein dem Spiel dienender Gegenstand
Symbol: ein bewußt oder unbewußt vereinbartes Zeichen
Symptom: ein von seiner Bedeutung verursachtes Zeichen
Technisches Bild: ein von Apparaten erzeugtes Bild
Teritärer Sektor: der Tätigkeitsbereich, in dem Informationen erzeugt werden
Text: Reihen von Schriftzeichen
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Textolatrie: die Unfähigkeit, aus den Schriftzeichen eines Texts Begriffe herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Schriftzeichen zu lesen, daher: Textanbetung
Übersetzen: von einem Code in einen anderen hinüberwechseln, daher: von einem Universum in ein anderes springen
Universum: 1. die Gesamtheit der Kombination eines Codes; 2. die Gesamtheit der Bedeutungen eines Codes
Vorstellung: eine konstruktive Element eines Bildes
Werkzeug: eine der Arbeit dienende Simulation eines Körperorgans
Wertvoll: etwas, das so ist, wie es sein soll
Wirklichkeit: wogegen wir auf unserem Weg zum Tod stoßen, daher: woran wir interessiert sind
Zeichen: ein Phänomen, das ein anderes bedeutet
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Der Fotoapparat

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Grob gesprochen, lassen sich zwei Arten von Kulturgegenständen unterscheiden. Die einen sind gut, um verbraucht zu werden (Konsumgüter) die anderen sind gut zum Herstellen von Konsumgütern (Werkzeuge). Beiden ist gemeinsam, daß sie "gut" sind: Sie sind "wertvoll", sind so, wie sie sein sollen, das heißt, sie wurden absichtlich hergestellt. Dies ist der Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften: Die Kulturwissenschaften suchen die sich hinter den Dingen verbergenden Absichten. Sie fragen nicht nur nach dem Warum, sondern auch nach dem Wozu, und entsprechend suchen sie auch hinter dem Fotoapparat eine Absicht. Nach diesem Kriterium beurteilt, ist der Fotoapparat ein Werkzeug, dessen Absicht es ist, Fotografien herzustellen. Aber sobald man Apparate als Werkzeuge definiert, entstehen Zweifel. Ist denn eine Fotografie ein Konsumgut wie ein Schuh oder Apfel? Und daher der  Fotoapparat ein Werkzeug wie Nadel oder Schere?
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