altJana Patsch

Journalistin, Bratislava,  Wien (u.a. 16 Jahre Verfasserin der Kolumne "Ost-Notizen, Kurier)

 

Warum die

Veteranen

Playback sangen




Einige Krücken und Stöcke wurden noch schnell hinter den Säulen versteckt. Dann nahmen die gebrechlichen Herren, die meisten einstige Frontkämpfer, vor dem Weißrussischen Bahnhof in Moskau Haltung an. Sie hatten sich in Uniform geworfen, um zum Tag des Sieges über die Nazis die Feier mitzugestalten.

Staatskarossen mit Politikern fuhren vor, die Redner huldigten den Heldentaten der Roten Armee, bis einer der Prominenten am Zipfel des Tuches zog, das an der Bahnhofsmauer hing: Ein wuchtiges Bronze-Relief kam zum Vorschein, ein Denkmal für ein Kriegslied, das fast zur Nationalhymne geworden war. Die aufgereihten Veteranen standen "Habt acht", die Orden auf der Brust und ihre Zahnkronen blitzten in der Sonne.

altSie stimmten das Lied an: "Erhebe dich, riesiges Land, erhebe dich zum vernichtenden Kampf". Zur Verstärkung der schon etwas zittrigen Stimmen wurde ein Tonband  dazugeschaltet. Die hymnische Ode geht unter die Haut und löst auch noch nach Jahrzehnten Emotionen aus.

Der musikalische Aufruf, in den "Heiligen Krieg" - so der Titel - zu ziehen, soll nur sieben Tage nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 komponiert worden sein. Dieses Lied spielten Kapellen auf dem Weißrussischen Bahnhof für die Rotarmisten zur Verabschiedung an die Front.

Mit dem Marsch auf den Lippen zogen die schlecht ausgerüsteten jungen Männer und Frauen aus der ganzen Sowjetunion in den Tod. Es gab kaum jemanden im Land, der die Melodie nicht kannte und der den Text nicht mitsingen konnte.

Die Propaganda war enorm. Der Krieg ging alle an, jene an der Front und jene in den aus dem Boden gestampften Rüstungsfabriken im Hinterland. Vor allem in Russland, der Ukraine und Weißrussland lebt heute keine Familie, die nicht betroffen ist und keine Opfer zu beklagen hätte. 27 Millionen Sowjetbürger haben im "Großen Vaterländischen Krieg" ihr Leben gelassen. Kaum ein anderes Volk ist vom Zweiten Weltkrieg so nachhaltig geprägt worden.

Die beschriebene Einweihung am Weißrussischen Bahnhof fand 2005 statt. Damals jährte sich das Jubiläum zum 60. Mal. Wie stets Anfang Mai steht Russland auch heuer im Bann der Siegesfeiern. Im ganzen Land werden Denkmäler renoviert und geschmückt. Das Fernsehen strahlt allabendlich
Kriegsfilme aus. Die Kriegsteilnehmer, wie jene, die die Leningrad-Blockade überlebten, werden mit weiteren Orden bedacht. In Kaliningrad kam es zu einer peinlichen Panne: Die Glückwunschkarten für die Veteranen trugen auf der Rückseite die Werbung eines Bestattungsunternehmers.
  

  ShareThis