Iryna Vikyrchak  

Iryna Vikyrchak geboren am 17. Mai 1988 in Galizien. Absolventin der Fakultät für Fremdsprachen der Czernowitzer Nationalen Universität. Autorin der Poesiesammlung „Gespräch mit Engel“ (2005). Veröffentlichte ihre Gedichte in verschiedensten Almanachen, Zeitschriften. Direktorin des Internationalen poetischen Festivals „Meridian Czernowitz“. September 2011: Gedicht-Fotoband ZEITZUG, Czernowitz, Prag, Wien.


Stadt

 

Weinend fliegen die Vögel nach Süden,

weil sie nicht wissen, was sie hier sollen.

Eine auf den Schmerz erschöpfte Stadt.

Wie laut, schmutzig, eng…

 

Ein Leben wie in Zeitungsspalten:

Schwarz, weiß, grau…

Straße, Vogelknöterich, Asphalt…

Wenn es wenigstens ein bisschen Traum gäbe…

 

Schwer atmet die Stadt im Staub.

Der grauen Dächer Spitzen ragen in den Himmel.

Und herber Geruch wie auf dem Feld.

Erschöpft.

Angewidert.

Luft, bitte.

 

 

 

 

 

Vor dem Nichtschlafen,

Kommen dir blind Wünsche in Erinnerung

Küsst du fremde Wangen

Vergisst du einen Moment lang die Hast.

Du schließt die Augen, spürst die Kälte,

Legst deinen Handlungsplan für morgen zurecht.

Und statt in den Nebel zu tauchen,

legst du Zauberkarten aus.

Du zählst nicht die Schäfchen, sondern die Löcher

Nicht in der Seele, sondern in deiner Kasse.

Für die Haut eine unangenehme

Berührung von Stahl an deiner Manschette.

Du atmest nicht, eher ringst du nach Luft.

Die Nacht hat eine abgewetzte Decke

Über die Stadt gebreitet, und du bleibst da

Seit kurzem, gerade so, noch eben…

Vor Müdigkeit kannst du die Augen nicht schließen,

Sie ist es eher, die sie dir schließt.

Und du bemerkst nicht, wie im Nachtlaken

Der Winter als etwas Weißes auf deine Wimpern fällt…

 

 

 

 

Metamorphosen

 

Es gibt keine Wörter mehr – wie schade.

Als wäre Regen niedergeprasselt.

Als hätte er die Gedanken fortgespült.

Als hätte er auch mich zerstört.

Ich fließe einfach als Strom ungesagter Worte

An der Wand herab.

Man sieht dann

Kein Krümchen, keine Asche, keinen Schmerz.

Und wenn ich schließlich meine Seele ausgieße,

klaube ich Traumsplitter auf,

Zwinge dich zu bleiben,

Mit einer einzigen Wimpernberührung.

Ich repariere den alten Kandelaber

Und entzünde Kerzen auf ihm.

Ich werde Flamme – werde Hohlzahn,

Im Licht weite ich die Pupillen.

Ich werde Rauch und Sonnenlicht.

Verbrenne dich als heiße Kohle.

Verschmelze mit Himmel und Sonne und Wind…

Schlage mit den Flügeln und…

Fliege davon.

 

 

 

 

Wer braucht die Monumentalität,

Wenn es ringsum so viel Pathos gibt?

So ist nun einmal unsere Mentalität,

Die aus dem Mosaik des Chaos kommt.

Und es ist nicht meine Verantwortlichkeit,

Dass ringsum alles so schnelllebig,

Dass deiner Augen Radialität

Kratzig wie ein Wollpullover ist.

Es lohnt nicht, die Pseudorealität

Gegen gelbe Chrysanthemen zu tauschen.

Jemand hat die Genialität

Für einsame Oktobermorgen erfunden.

Der Tag hat sich in Labyrinthen verfangen.

Wir konnten die Zeit nicht anhalten.

Auf den schwarz-weißen Zeitungsdrucken

Spielen die Schatten Abendjazz.

 

 

Ich halte durch

Wie jeden Winter

Die Fäuste zusammengepresst

Die Zähne zusammengebissen

Male ich Räume auf die Beugen

Der erfrorenen Wörter

(verdammt zum Verderben)

Während

Der Schnee die Straßen verweht

Wenn die die Erde halbnackt ist

Unter die Decke kriecht

Halte ich

Durch.

 

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Claudia Dathe

Foto-Gedichtband Zeitzug - Czernowitz, Prag, Wien. in Deutsch und Ukrainisch


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