Oleg Kozarev 

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 Übersetzt von Claudia Dathe

 

Poet, Schriftsteller  Wurde am 22. August 1981 in Charkiw geboren. Laureat der Literaturpreise „Smoloskip“ („Fakel“), „Molode vino“ („Junger Wein“) und des Valerjan–Podmogilnyj–Preises. Im Jahre 2007 war er Stipendiat des Programms „Homines Urbani“ (Kraków).  Autor von 3 Poesiebücher: „Korotke i dowge“ („Kurzes und Langes“) (Kyiw, „Smoloskip“, 2003), und „Zilodobowo“ („Tag und Nacht“) (zusammen mit Gorobtschuk und Korobtschuk – Kyiw; Fakt, 2007), „Mein erstes Messer“ („Fakt“, 2009).
 

 

 Der Schauder sitzt im Sessel gegenüber

Jede Uhr zeigt das ihre.
Der Großvater betrachtet drei Schlüssel.
Die Metallspirale pulsiert rot.
Es ist still und niemand da. Nur der Kälteschauder 
sitzt im Sessel gegenüber.
Schauder der ältere Bruder.
Hell und still.
Mit ihm kann man sich unterhalten und sogar streiten.
Der Großvater schlägt einen unbekannten Rhythmus.
Es zeigt jede Uhr das ihre.
An der fernen Asphaltstraße
hat der Fahrer seinen zur Hälfte geleerten Kaffee abgestellt.
Regen tropft hinein und verdünnt ihn.
Und er kann jederzeit umkippen.

 

 

Morgendliches Rasieren und Frisieren

An den zwei Fenstern der alten Wohnung

Mit ihren rundlichen Zügen

Sitzen Großmutter und Großvater

Schauen auf die kleinen Spiegel und die große Straße,

Sie singen ein Lied, immer dasselbe,

Obgleich das Glas den Ton schluckt,

In der Hoffnung auf Ostern

Hat sich in den Bäumen vorm Haus

Ein grünes Wölkchen verfangen,

Und vom Spionagesatelliten aus sieht man, wie

Die Stadt

Zu einem köstlichen krummen graugrünen Osterei wird,

Und in den warmen Hügeln

Sind glitzernde

Kandisfrüchte versteckt.

 

 

 

Von deinen Sandalen

Schon

Februar

Plus drei

Minus drei

Mir erzählst

Du als Kind hättest du geglaubt Gott wohne im Dorf

Und ich sehe

Es ist schon Februar

Und an deinem Fuß

Sitzt noch immer

Die Bräunungsspur

Von deinen Sandalen.



Das Band läuft weiter

Wie die Flüsse der Tage dahinfließen –

Überall fragt man mich nach

Meinem!

Meinem!

Namen!

Ich kaufe mir Internet

Oder Fahrscheine in die Freiheit:

Wie ist Ihr Name?

Kozarew? In Ordnung!

Und der Vorname, der Vorname!

In der Personalabteilung meines Saftladens

Gibt es für mich schon eine ganze Mappe

Sanitärtechnik-

Farben.

Die Daten sammeln sich an, Tan-

Ten rennen mit Papieren

Zu Bahnhöfen, Banken,

Bildungs-

Ein-

Richt-

Ung-

En,

Wohin? Wo wollt ihr hin, meine sieben dunkelbraunen Buchstaben?

Es ist gar nicht entsetzlich, sogar noch witzig,

Seit ich weiß,

Dass meine Unterschrift eine Sprungfeder ist,

Ein durchsichtiges Fräulein aus Metall,

Mit dem fremde Mechanismen gespannt werden,

Die jemand verteilt hat auf dem Weg

Und darum herum

Um mich herum.

Die Federn warten, wollen entspannt zu werden

Die Mechanismen warten

Nur ich warte nicht,

Bin sogar etwas in Eile

Mit einem Geschenkpäckchen.

Und der Typ in der Metro, ein Saxophonist,

Spielt sein Stück

Zur Musik vom Band

Will endlich aufhören, sich ausruhen,

Aber das geht nicht,

Denn das Band läuft weiter

Das Band ist endlos

Das Band lässt sich nicht einfach anhalten.

 

 

 

Was ist das Glück und wer ist die Arbeit

jeder

sagt jeden Tag

999

Mal das Wort „Glück“

was also ist Glück?

und, wenn’s schon darum geht,

wer ist die Arbeit?

Arbeit, das ist also wenn

ein Ingenieur nüchtern aus der Fabrik heim kommt,

sich aufs grüne Sofa setzt,

seine Domra rausholt –

so ein Saiten-

instrument,

schwarze Sonne mit langem Hals –

und ein paar adaptierte

Beethoven-Stücke spielt,

und Glück, das ist

wenn

dieser Ingenieur

nachts

aufsteht, sieht,

wie das Mondlicht durchs Fenster

im dunklen Zimmer

das Cover der alten Platte

mit dem Porträt von Albano und Romina Power hervorhebt:

Albano lächelt verschmitzt, und Romina

hält ein Hütchen,

und der Ingenieur schwingt sich ans Fenster

und sieht, dass der ferne Wald

ein abgerissener dürrer Hund ist,

der den Mond anjault,

da wird dem Ingenieur wohl,

als hätte er zwei Wochen Urlaub im Ferienheim verbracht,

als hätte er

während der Nachtwache

mit einer nie verlöschenden Kerze

am Kirchenfenster gearbeitet –

bis die Glocken erwacht

und zur Arbeit

erschienen sind.

 

 

 

Moskowskij Prospekt

Tausende Spuren im Schnee

Recken und tummeln sich:

Tausende Spuren im Schnee

Fühlen sich da behaglich

Wie Menschen

morgens und abends in ihrem Liebesspiel.

 

Milliarden Schneeflocken im alten Hof

Tanzen und tollen,

Im schmalen Durchgang zur Straße

Haben sie mir gesagt,

Sie wollten in meinem Mantel wohnen.

 

In den Augen beißen die erloschenen Feuer –

Nur Flocken ringsumher!

Und keine Ungerechtigkeit!

Ich zog die Nase hoch und spuckte kräftig aus,

Ein Stück meiner Spucke

Heftete sich an eine Schneeflocke

Und flog mit ihr davon zum Durchgang hinaus,

Flog auf und davon – auf den Prospekt,

Ungeheuer lang und unheilvoll.

 

 

 

Die Feudalpartei der Ukraine

Denk an deine unbeschreibliche Kindheit,

An diese so genannten langen Winterabende:

Ein kleines Hauslicht,

Weiß der Teufel wozu eine entzündete Kerze

Und der saubere bläuliche Schein des kugeligen Schnees

Denk an den unendlichen Fluss und den Wald

Da, wo in der Ferne

Wölfe mit steinernen Löwenkindern spielten,

Und wie man in den unendlichen Morgen- und Abendstunden

In den Schnee treten

Und seine Töne hören konnte.

 

Wer hat deine Kindheit geraubt?

Und wer deine freie Zeit?

Wer hat all das geraubt?

Sie natürlich:

Die unvernünftigen Proletarier,

Die fanatischen Büroratten

Die münzäugigen Krämer

Haben Zeit, Schnee, Gedanken und Fluss zerstückelt.

 

Wenn also jemand das Banner des blauen Blutes erhebt,

Zögere nicht und schließ dich dem Kampf an!

Den Raubtieren die Peitsche!

Den Palästen offene Fenster!

Sieh es dir an:

Es brennen Flughäfen und Kinosäle

Und ein zufälliger leerer Dieselzug,

Ein guter Mensch telefoniert hastig

Der Reiterzug schießt in den Himmel,

Der Harmoniumspieler zerlegt einen japanischen Jeep,

Über dem Reiterzug neue Fahnen,

Und überall neue Fahnen, ganz viele neue Fahnen,

Rauchschwaden malen eine Batik auf den Platz,

Und der ergraute Herzog

Wählt passende Mädchen aus.

 

Und der Schnee erkennt dich,

Und setzt sich dir freudig auf die Hand

Aber du bist so kalt und erhaben

Dass er

Nicht einmal

Taut.

 

 


Zweikampf auf den horizontalen Flächen

Warmer Regen tropft auf das Mosaik,

Darin starke und entschlossene Männer mit Schwertern

reglos im Flug verharren.

Sofort sieht man, dass es dieser

Dramatische Zweikampf zwischen Freiheit und Sklaverei ist,

Den uns die Weltgeschichte lehrt,

Laufen Sie vorsichtig, treten Sie nicht auf den Helden!

Dann kommt Wasser, leicht gräulich,

Ändert die Formen, die Streifen, die Farben der Schwerter,

Die Geschichte

Hat sich geirrt,

Das Mosaik

Ist kompliziert geworden:

Sie haben eigentlich die Wahl zwischen Sklave und Trottel,

Und jedes hat natürlich seine Vorteile,

Der Trottel kann schöner lächeln

Und der Sklave ist besser angepasst

An die Marathonstrecken.

 

 

 © Oleh Kozarew/Oleg Kozarev

   

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