Literarische Online-Sammlung
Czernowitz
Gedankengänge kreuzen sich in Czernowitz
Czernowitz: Wo sich unsere Gedanken kreuzen

2025 hat Christian Hinderer seine Aufzeichnungen für den Zeitzug zur Verfügung gestellt. 2026 ist er zum neunten Mal in Czernowitz, das war Anlass für dieses per Mail geführte Gespräch mit Milena Findeis. Gemeinsame Bekannte aus Czernowitz sind der Fotograf Maxym Kozmenko und Sergij Osatschuk.
Von 2001 bis 2026 war Christian Hinderer neunmal in Czernowitz
Der erste Kontakt erfolgte per Mail im August 2024, es ging um Czernowitz. Daraus entstand ein reger Gedankenaustausch über Mails mitunter auch Telefonate. Austausch über Autoren wie Paul Celan, Rose Ausländer, Martin Pollack und gemeinsame Bekannte wie Petro Rychlo. Persönlich sind wir einander nie begegnet.
Milena Findeis: Wenn du auf dieses Vierteljahrhundert deiner Reisen nach Czernowitz zurückblickst – angefangen bei der ersten Reise 2001 zum Rose-Ausländer-Jubiläum mit Ralph Giordano – was ist das, was dich bis heute immer wieder in die Bukowina zieht?
Christian Hinderer: Es begann mit der Dichtung, mit den Versen Rose Ausländers, einer organisierten Reise zu den Moldauklöstern im Jahr 2000 und einer ersten Fahrt nach Czernowitz 2001. Die Literatur wurde zur Brücke zu den Menschen: Die Führungen mit Maria Ivanytska, die Selma-Meerbaum-Performance 2003 in der PH Ludwigsburg mit Petro Rychlo und der Gastdozentin Oxana Matiychuk oder die Graphiken von Oleg Ljubkiwski, deren Bestand ich kurzerhand komplett erwarb. Wenn man eine Weltkriegs-Spurensuche in der Gegend zwischen Shytomir und Kyjiw, unweit des jetzt wieder von russischen Kriegsverbrechen heimgesuchten Irpin abschließt und Bücherwelten wachsen sieht, wird Czernowitz vom geografischen Punkt zu einer Heimat des Geistes.
„Du bist verantwortlich für das, was du dir vertraut gemacht hast“ – das Antoine-de-Saint-Exupéry-Zitat, das du deinen Notizen voranstellst, kann das als deine Motivation zu diesen neun Reisen innerhalb der letzten 25 Jahre nach Czernowitz gesehen werden? Du bist nicht nur in friedlichen Zeiten gereist, sondern hast die Brücken gerade in Krisenzeiten aufrechterhalten: während der Pandemie und seit dem Beginn des Krieges 2022.
Das Fundament ist das Vertrauen, das in den Begegnungen gewachsen ist. Unvergessen bleibt, wie Oxana Matiychuk im August 2021 nach Heilbronn kam, um vier Seiten Rose-Ausländer- Handschriften entgegenzunehmen, und mir tags darauf (an meinem 80. Geburtstag)in meiner Küche einen Borschtsch kochte. Als der Februar 2022 alles erschütterte, hielten wir intensiv Kontakt. Im Herbst 2022 fuhren meine Schwester Maria und ich trotz der Ungewissheit über Suceava nach Czernowitz – wir wollten die ermutigenden Signale unserer Freunde vor Ort nicht unbeantwortet lassen. In Krisenzeiten reist man nicht als Tourist, sondern als Verwandter im Geiste.
Ob mit Spenden des Literaturhauses Heilbronn für das MERIDIAN-Lyrik-Treffen 2023, den Reisen mit deiner Familie 2025 oder deinen Plänen für 2026 über Chișinău – du zeigst gelebte Solidarität.
Es ist ein bescheidener Beitrag zur Horizonterweiterung meiner Landsleute. Wenn Petro Rychlo im Czernowitzer Café „Broyt un tsu Broyt“ schmunzelnd davon erzählt, wie 2001 die mitgeführten Rednerpodeste bei den Lesungen wackelten, schließt sich der Bogen über 25 Jahre. Die Geschichte der Bukowina bleibt lebendig, solange wir die menschliche Verbindung über alle Grenzen hinweg bewahren.
»Was bleibet aber, stiften die Dichter«, Hölderlin
Einer deiner Leitsätze ist von Hölderlin »Was bleibet aber, stiften die Dichter«. Du setzt das praktisch um, indem du junge Menschen in Czernowitz unterstützt.
Christian Hinderer, Olha Kravchuk, Czernowitz 2026Ich denke da beispielsweise an Olha Kravchuk. Sie wurde als Studentin der Deutschen Schiller Gesellschaft von Petro Rychlo als Patenmitglied vorgeschlagen. Die Mitgliedsbeiträge habe ich übernommen. Olha ist jedes Mal so rührend um mich besorgt, bucht mir den Shuttle und schickt mir dann die Zugangsinformationen wie Standort und Autokennzeichen. Oft organisiert sie noch andere Begegnungen oder Ausflüge. In diesem Jahr hat sie wegen Einschulung ihres Jüngsten, Semesterbeginn und weiteren Verpflichtungen wenig Zeit. Jetzt hat mir Olha angeboten, dass zwei ihrer Germanistik-Studentinnen mit mir erneut das Olga-Kobylanska Museum besuchen, und mir die Erklärungen der Museums-Guide übersetzen.
Ein Vierteljahrhundert Czernowitz für dich, du bleibst dieses Mal bis 15. September in der Bukowina. 2010 sind mir an der Peripherie noch Pferdefuhrwerke begegnet, bei meinem letzten Besuch 2022 lernte ich via Handy in einem Restaurant die Bestellung aufzugeben. An solchen Marginalen nehme ich wahr, wie rasant sich manches entwickelt hat. Wie schaut da deine Wahrnehmung zwischen dem ersten Besuch im Jahre 2001 und dem jetzigen aus?
Nun, damals, 2001, war es eine Reise in ein mir noch unbekanntes Land, zusammen mit meiner Frau, von dem wir wussten, dass in diesem Land ihr Vater im Krieg gefallen war. Wir waren wohlversorgt innerhalb einer Reisegruppe mit vorwiegend literarisch interessierten Menschen. Ein wenig Landeskunde war damals auch dabei, z.B. mit einem Ausflug nach Chotyn, an dem wir aber nicht teilnahmen. Ein paar extra Wege durch die ehemalige k.u.k. Stadt schien uns wichtiger. Was damals auch noch möglich war: Begegnung mit Zeitzeugen, z.B. Rosa Roth-Zuckermann oder Josef Burg. Einkaufen ging noch nach dem System: Ware benennen, gebracht bekommen und dann bezahlen. Mangels Sprachkenntnis also unterblieben. Geblieben sind die Blumen – und Gemüseverkäuferinnen an den Straßen. Neu sind chic gestylte Cafés und Restaurants und dito gestylte Gäste, mehr Buchläden, Nagelstudios und Hundesalons. QR-Code-Speisekarten musste ich ebenfalls wie du 2022 lesen lernen. Und natürlich meine allmählich erworbene Fähigkeit, die kyrillischen Buchstaben lesen zu können, zumindest in deren gedruckter Form.
Und jetzt, im September 2026 das Zutrauen in mich, als Reisebegleiter einer „Ersttäterin“ die Reise in die Stadt und die Schritte in der Stadt zu erleichtern. Heute dann noch, Momente menschlicher Wärme mit einer mit ihrem Sohn aus Cherson Geflüchteten, die jetzt hier als Krankenschwester arbeitet und wo der Kontakt beim Begegnungsabend im Mai entstanden ist.
„Der Zufall ist der Regisseur des Lebens.“
Kurz nachdem ich Christians Zustimmung zur Veröffentlichung erhalten hatte, sendet er mir das Foto, es zeigt ihn mit Sergij Osatschuk, mit dem ich letztes Jahr einen Spaziergang durch Prag machte und darunter stand: »Das glaubst du nicht? Viele Grüße nach Prag, at this moment!«
Noch etwas teilen Christian und ich: einen »ukrainischen« Haarschnitt. Er lässt sich die Haare in Czernowitz schneiden, ich habe gestern, in dem Prager Stadtteil in dem ich lebe, einen neuen Friseurladen entdeckt, die Inhaberin eine Ukrainerin.
Schnappschuss mit Christians Handy, auf den Auslöser gedrückt hat Natalja, Chefin im "Broyt un tsu Broyt".
Prag, 11. September 2026, Milena Findeis
Exilliteratur - Konstantin Kaiser
Literatur im Exil und Lyrik in Kriegszeiten
Konstantin Kaiser, Foto Maxym Kozmenko
Konstantin Kaiser
Neben seiner analytischen und wissenschaftlichen Tätigkeit ist Konstantin Kaiser (* 2. Juli 1947 in Innsbruck) freier Schriftsteller und Dichter. Seine Texte sind eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit Entfremdung, Exilerfahrungen und gesellschaftlicher Macht in Krisenzeiten.
Konstantin Kaiser beim Literaturfestival Meridian Czernowitz 2026
Anlässlich seiner Teilnahme am Literaturfestival Meridian Czernowitz äußerte sich der österreichische Schriftsteller und Exilforscher Konstantin Kaiser in einem Gespräch zu den Eigenheiten der bukowinischen Literatur, der gesellschaftlichen Aufgabe der Lyrik sowie zu den historischen Prägungen Österreichs im Kontext des Ukraine-Krieges.
Verteidigung der Sprache in der Bukowina und im Exil
Kaiser betonte zunächst die Bedeutung der bukowinischen Literatur, repräsentiert durch prägende Figuren wie Rosa Ausländer, Paul Celan, aber auch weniger bekannte Autoren wie Leo Katz. Ein zentrales Charakteristikum der Czernowitzer Schriftsteller sei nicht das sprachliche Experiment gewesen, sondern vielmehr die Verteidigung ihrer einzigartigen deutschen Sprache. Die Bewahrung dieser Sprache stand im Vordergrund, ähnlich wie bei österreichischen Exilanten nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, die ihre Sprache vor äußeren Bedrohungen schützen mussten.
Kaiser wies darauf hin, dass die sprachliche Innovation oft aus der Notwendigkeit des Exils erwuchs. Rosa Ausländer, die in den USA vorübergehend auf Englisch schrieb, kehrte in den 1960er Jahren zu einem syntaktisch stark veränderten, „reinen“ Deutsch zurück. Auch Paul Celan habe diesen Weg gewählt und eine Syntax-dominierte Form der Lyrik entwickelt.
Die Verantwortung des Dichters
Einen Schwerpunkt des Gesprächs bildete die gesellschaftliche und politische Pflicht von Schreibenden. Für Kaiser besteht die Hauptaufgabe von Autorinnen und Autoren darin, aufmerksam zu beobachten und durch ihre Werke den Lesern die Augen zu öffnen. Scharf kritisierte er Schriftsteller, die „den Kopf in den Sand stecken“ und die Realität ignorieren – darunter auch österreichische Autoren, die mit linkspopulistischen Positionen (beispielsweise im Stil von Sahra Wagenknecht) sympathisieren. Wer sich der Beobachtung der Welt entziehe, verwirke seinen Status als Dichter, ein Gedanke, den er auch bei dem ukrainischen Autor Serhij Zhadan treffend formuliert sehe.
Kaiser selbst verarbeitet die geopolitische Realität, insbesondere den Krieg in der Ukraine, intensiv in seiner Lyrik.
Wer nicht Schwarz-Weiß sah
nach Kvar Aza Butscha
Irpin Isjum und Kachowka
und nicht glauben wollte an
Folterkeller in Cherson
und nicht an die Toten von Kramatorsk
sah gar nichts mehr stolperte
blind in die nächste verfügbare Falle
Konstantin Kaiser, "Ausgedehnte Gegenwart"
Sein Kriegs-Gedichtzyklus, der von Halyna Petrosaniak ins Ukrainische übersetzt wurde, zeugt von dieser Auseinandersetzung. Im Gegensatz dazu bemängelte er die Haltung vieler ins Exil gegangener russischer Dichter: Diese seien oft primär mit der eigenen inneren Emigration beschäftigt und täten sich schwer damit, sich von den imperialen Illusionen der „großen russischen Kultur“ zu lösen.
Die Schwierigkeit der Rückkehr in den Kanon
Ein weiteres Thema war die Marginalisierung von Exilautoren. Kaiser erklärte, dass es für Exilanten äußerst schwer sei, jemals wieder Teil des zentralen nationalen Kanons zu werden. Rosa Ausländer sei zeitlebens eine Außenseiterin geblieben. Auch Theodor Kramer, den Kaiser als herausragenden österreichischen Sozialdichter würdigte, sei vierzig Jahre lang fast völlig vergessen gewesen. Aus genau diesem Grund habe Kaiser das „Lexikon der österreichischen Exilliteratur“ mit über 700 Einträgen mitbegründet, um der Verdrängung dieser Vielfalt entgegenzuwirken. Dennoch ist er mit den bisherigen Ergebnissen der Aufarbeitung noch lange nicht zufrieden.
Österreichs imperiales Erbe und der Blick auf die Ukraine
Abschließend zog Kaiser eine Verbindung zwischen der historischen Identität Österreichs und dem heutigen Blick auf die Ukraine. Obwohl Österreich den russischen Angriffskrieg offiziell verurteile, fehle in der Bevölkerung oft das Verständnis für den existenziellen Kampf der Ukraine um Freiheit, Demokratie und Würde. Kaiser führte diese Ignoranz auf das imperiale Erbe der Habsburgerzeit zurück: Historisch bedingt existiere in Österreich oft eine Arroganz gegenüber den nationalen Bestrebungen kleinerer Staaten, während gleichzeitig eine unreflektierte Faszination für „große Nationen“ wie Russland fortbestehe. Diese tief verwurzelten historischen Denkmuster seien, so Kaisers Resümee, schwer zu verändern.
Dieser Artikel wurde aufgrund eines Gesprächs des ukrainischen Magazin UP vom 7.9.2026 - aus -dem Ukrainischen mit Hilfe von Google Translate übersetzt – zusammengefasst.
Konstantin Kaiser (Foto links, Joana Radzyner, Konstantin Kaiser) bin ich bei der Präsentation des Lyrikbandes »Nichts will ich dir sagen« von Tamar Radzyner im November 2017 in Wien begegnet. Prag, 9.9.2026, Milena Findeis
Artur Dron "Sprechen Sie mit ihnen"
Artur Dron
Jurij Andruchowytsch spricht mit Artur Dron über "Hemingway weiß von nichts"

Artur Dron (geboren am 31. Dezember 2000 in Woskresynzi, Oblast Iwano-Frankiwsk) ist ein ukrainischer Dichter, Journalist und Veteran des russisch-ukrainischen Krieges. Er ist eine der literarischen Stimmen der jungen ukrainischen Generation, die den Krieg aus unmittelbarer eigener Erfahrung an der Front beschreiben. Er wuchs in der westukrainischen Region Iwano-Frankiwsk auf und zog 2018 nach Lwiw (Lemberg) um Journalistik an der Nationalen Iwan-Franko-Universität zu studieren. 19-jährig veröffentlichte seinen ersten Gedichtband „Wohnheim Nr. 6“ (Гуртожиток №6). Nach seinem Bachelor-Abschluss arbeitete er unter anderem für den ukrainischen Verlag „Alter Löwe“ (Staryi Lev).
Mit dem Beginn der russischen Vollinvasion im Frühjahr 2022 unterbrach Dron sein Masterstudium und meldete sich im Alter von 21 Jahren freiwillig als Infanterist an die Front. Er diente in der 125. Territorialverteidigungsbrigade unter dem militärischen Rufnamen „David“. Seine Einsätze führten ihn in die schwer umkämpften Regionen Donezk, Charkiw und Saporischschja. Im Oktober 2024 wurde Dron an der Front schwer verwundet. Nach einer intensiven medizinischen Behandlung und Rehabilitation wurde er im Juli 2025 offiziell in die militärische Reserve versetzt.
Seine Erlebnisse hält er in literarischen Texten fest, die er oft direkt in den Schützengräben verfasste.
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„Wir waren hier“ (2023): Gedichtsammlung, die von den Erlebnissen an der Front und dem kollektiven Schmerz des Krieges erzählt. Die deutsche Übersetzung stammt von Jakob Walosczyk. Dieser während des Kampfeinsatzes geschriebene Gedichtband thematisiert Kameradschaft, Verlust und den Alltag im Krieg. Dron spendete Honorare an die Stiftung „Voices of Children“, die vom Krieg betroffene Kinder unterstützt.
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„Hemingway hat keine Ahnung“ (2025): Sein erstes Prosabuch distanziert sich bewusst von klassischen westlichen Kriegserzählungen (wie jenen von Hemingway oder Remarque). Dron argumentiert, dass der moderne Drohnen- und Artilleriekrieg in der Ukraine einer neuen Sprache bedarf. Das Werk wurde mit dem prestigeträchtigen Yurii-Shevelov-Preis ausgezeichnet.
Artur Dron reist regelmäßig im Rahmen internationaler Literaturfestivals und Vorträge durch Europa, um über die Realität des Krieges und die Rolle der Kultur in Krisenzeiten aufzuklären. Dieses Czernowitzer Gespräch handelt auch von der Sprachlosigkeit, wenn Menschen, die das Wort Krieg meiden, auf Menschen treffen, die nahe Angehörige, ihr Zuhause in diesem langen Krieg verloren haben.
Diese Sprachlosigkeit vertieft den Schmerz. Artur Dron "Reden, sprechen Sie mit ihnen!"
OT Artur Dron: "Bei einer Lesung, die wir in verschiedenen Städten veranstaltet haben, wurde ich einmal gefragt, wovor ich am meisten Angst hätte. Und es war das erste Mal, dass ich wirklich darüber nachgedacht habe. Ich sagte damals, dass meine größte Angst darin besteht, den Glauben ganz zu verlieren. Ich finde es zutiefst beängstigend, wenn man an gar nichts mehr glaubt. Und das ist nicht allein im religiösen Sinne gemeint, nicht nur im Glauben an den Gott, den man verehrt – es geht um den Glauben im Allgemeinen. Denn wenn man nichts hat, woran man glauben kann, ist das Leben zu einem großen Teil sinnlos."
Artur Dron: ‘Hemingway Knows Nothing’, A soldier and a poet on faith, hope and love in creativity and on the front line
NS: Ein Dankeschön aus Prag an Christian Hinderer, der wieder in Czernowitz weilt, er hat recherchiert: Der Simultandolmetscher des Gespräches auf YouTube ist Jurij Silwestrow aus Kyjiw, das wurde ihm von Katharina Haberkorn vor Ort mitgeteilt. Milena Findeis, 6.9.2026
Heming weiß von nichts
Kate Tsurkan
Wenn Krieg, Verlust und unvorstellbares Leid zum Alltag gehören, kann ein Buch wie ein Rettungsanker wirken – besonders das eines Autors, der eine solche Tortur selbst erlebt und versucht hat, sie zu verarbeiten.
„Hemingway weiß nichts über unseren Krieg. Punkt. Lange Zeit habe ich an das geglaubt, was Hemingway schrieb, aber ich erlebte einen völlig anderen Krieg als den, den er kannte“, schreibt Dron in seiner Essaysammlung „Hemingway weiß nichts“.
„2022 wurde mir klar, dass Ernest Hemingway mir nicht das Wichtigste über die Ereignisse in meinem Land seit 2014 sagen konnte.“
Drons ursprünglich 2025 in der Ukraine erschienenes Buch „Hemingway weiß nichts“ wurde zum Bestseller. Leser lobten es für seine Auseinandersetzung mit der Dynamik der Realität an der Front, der Frage des Glaubens in Krisenzeiten und der Frage, wie Russlands Vernichtungskrieg die Menschen zwingt, alles, was sie einst zu wissen glaubten, zu überdenken.
Es soll am 10. September 2026 in der englischen Übersetzung von Hanna Leliv bei Jantar Publishing erscheinen.
Die Stärke des Buches liegt wohl in Drons Gedanken zum Glauben. Zu den fesselndsten Passagen des Buches gehören jene, die eine Frage umkreisen, die Schriftsteller über Generationen hinweg beschäftigt hat: Wie kann man weiterhin an Gott glauben, nachdem man die Schrecken des Krieges miterlebt hat? Reicht darüber hinaus die Aussicht auf den eigenen Tod aus, um einen zuvor fehlenden Glauben an Gott zu wecken?
Wie Dron erklärt, läuft alles auf die Wahl hinaus: den größten Segen und Fluch, den Gott dem Menschen zuteil werden lässt. Wenn man mit dem Bösen in der Welt konfrontiert wird, ist es zu einfach, zu dem Schluss zu kommen, dass Gott es „zugelassen“ hat. Dron schreibt jedoch, dass Menschen Gräueltaten nicht deshalb begehen, weil sie sich von Gott abgewandt haben, sondern weil sie sich von Gott abgewandt haben.
„Es war nicht Gott, der Panzer in die nördliche Saliwka in Charkiw trieb. Es war nicht Gott, der eine Kugel in die Brust (meines Waffenbruders) schoss. Es war nicht Gott, der Hunderte von Kirchen in der Ostukraine bombardierte. Es war nicht Gott, der Bachmut und Mariupol zerstörte. Das haben Menschen getan“, schreibt Dron.
Doch inmitten des Schreckens des Krieges, wie Dron feststellt, verlässt uns Gott nicht. Die Selbstaufopferung, der Mut und die moralische Autorität der Menschen in der Ukraine – die sich entscheiden, andere zu schützen, ihnen zu helfen und für sie zu sorgen, obwohl sie sich nach der Rückkehr in ihr gewohntes Leben vor dem Krieg sehnen – sind Eigenschaften, die Gottes fortwährende Gegenwart offenbaren, trotz des Leids, das Russland ihnen zugefügt hat.
„Die Gewohnheit, die Helden als ‚andere‘ zu sehen, macht es leicht, Untätigkeit zu rechtfertigen.“
In seinem Buch untersucht Dron auch die unvermeidlichen Spaltungen in einer Gesellschaft zwischen denen, die in den Krieg zogen, und denen, die nicht kämpften. Es ist ein häufiges Thema im Krieg, dem er sich jedoch mit bemerkenswerter Offenheit nähert.
Es ist zwar wichtig, jene Verteidiger zu ehren und ihnen zu danken, die im Krieg außergewöhnlichen Mut beweisen, doch Dron warnt auch vor einer unvermeidlichen Denkfalle: Wir könnten ihren Mut als so außergewöhnlich wahrnehmen, dass gewöhnliche Menschen beginnen zu glauben, sie selbst könnten niemals zu solchen Taten fähig sein.
„Die Gewohnheit, Helden als ‚jemand anderen‘ zu sehen, macht es leicht, Untätigkeit zu rechtfertigen“, schreibt Dron. Doch „jetzt in die Armee einzutreten, ist nicht gleichzusetzen mit Heldentum. Es zeugt von Reife und dem Bewusstsein für die neue Realität. Man kann auf dem Schlachtfeld zum Helden werden. Oder auch nicht. Nicht jeder Soldat ist ein Held; das wird Ihnen jeder Soldat bestätigen.“
Die bittere Realität – die manche selbst nach über vier Jahren totalen Krieges noch immer nicht vollständig begreifen können – ist, dass Russland nicht nur sogenannte Berufssoldaten töten will, sondern jeden Mann, jede Frau und jedes Kind, das stolz die Ukraine seine Heimat nennt. Deshalb ist es die moralische Pflicht jedes Einzelnen hier, sich zu fragen, was er tun kann, um die Ukraine dem Sieg näherzubringen, argumentiert Dron.
Deshalb muss jeder, der stolz darauf ist, die Ukraine seine Heimat zu nennen, den gedanklichen Schritt vollziehen, vom Glauben an die ukrainischen Streitkräfte zur Hilfe und schließlich zum Eintritt ins Militär überzugehen.
Der Titel des Buches bezieht seine Wirkung aus der Akzeptanz dieser Realität. Hemingway war im wehrpflichtigen Alter, als die USA im April 1917 in den Ersten Weltkrieg eintraten, wurde aber aufgrund seiner Sehschwäche letztendlich vom Wehrdienst befreit. Entschlossen, nach Europa zu gelangen, fand er seinen Weg an die Front und meldete sich freiwillig als Sanitäter beim Roten Kreuz. Wie er seiner Schwester Marcelline schrieb: „Ich kann so ein Schauspiel nicht einfach zusehen, ohne mitzumachen.“
Hemingway sollte später zu einer der bedeutendsten literarischen Stimmen des 20. Jahrhunderts werden. Seine schonungslose und nüchterne Prosa prägte das Verständnis ganzer Generationen für die Realität des Krieges. Seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg war jedoch nicht durch eine existenzielle Bedrohung für sein Land motiviert. Trotz der Wehrpflicht blieb die amerikanische Gesellschaft größtenteils von der Verwüstung verschont, die Europa heimsuchte.
Dron und seine ukrainischen Landsleute hingegen kämpfen gegen die russische Aggression um das Überleben ihrer Nation – um die ukrainische Sprache, das kollektive Gedächtnis und das Recht, ihre Geschichte selbst zu gestalten. Es steht viel auf dem Spiel, und die Last teilt fast jeder Einzelne.
Dieser Unterschied schmälert weder Hemingways Leistung noch die Bedeutung seines Werkes. Vielmehr zwingt uns Drons vermeintliche „Ablehnung“ Hemingways zu verstehen, dass Literatur mehr leisten muss, als alte Denkmuster zu wiederholen. Die Schrecken des russischen Angriffs auf die Ukraine erfordern nicht nur neue Erzählungen, sondern auch die moralische Auseinandersetzung, die ihnen zugrunde liegt.
Anmerkung der Autorin:
Vielen Dank, dass Sie diesen Artikel lesen. Es gibt immer mehr Bücher über die Ukraine, Russland und den andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine für englischsprachige Leser, und ich hoffe, meine Empfehlungen sind Ihnen bei Ihrem nächsten Besuch in der Buchhandlung hilfreich. Wenn Ihnen solche Artikel gefallen, unterstützen Sie bitte The Kyiv Independent.
Wir sind Alexandriner
Wir sind Alexandriner
Eröffnungsrede zum XVII Meridian Czernowitz
Igor Pomerantsev
Czernowitz, 4. September 2026

Foto: Eröffnung mit Igor Pomerantsev, rechts, Foto Maxzym Kozmenko
Ich möchte Ihnen etwas Persönliches erzählen. In meiner Jugend war ich Optimist. Mir schien, und ich irrte mich nicht, meine Zukunft läge jenseits des Horizonts. Nach und nach veränderte sich meine Beziehung zum Horizont des Lebens, bis sie sich schließlich radikal wandelte. Doch ich habe einen Trick gefunden: Heute blicke ich nicht optimistisch in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit. Meine Vergangenheit ruht im Jenseits. Von allen Täuschungen ist die Selbsttäuschung die harmloseste.
In Beziehung zu meiner Vergangenheit sehe ich über das Jetzt hinaus.
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre, kurz vor seinem Tod, bezeichnete der polnische Dichter Zbigniew Herbert in einer Radiosendung das Czernowitz der Zwischenkriegszeit als „das letzte Alexandria Europas“. Vielleicht ist dies das größte Lob für unsere Stadt. Im 3. Jahrhundert vor Christus erlebte Alexandria seine Blütezeit und war die Hauptstadt der hellenistischen Welt. Sie war ein riesiges Handelszentrum und ein wichtiger Knotenpunkt im Mittelmeerraum, wo Segelschiffe mit tiefen Laderäumen anlegten. Sie transportieren Getreide, Amphoren mit Wein und Olivenöl, Zimt, Kardamom, Ingwer, Papyrusrollen mit philosophischen Abhandlungen, historischen Chroniken, Werke über Mathematik, Medizin und Astronomie sowie Tragödien, Komödien und Gedichten. Die Rollen wurden in die Bibliothek von Alexandria gebracht – die größte Wissenssammlung der Antike. Der berühmteste Bibliothekar der Bibliothek von Alexandria war der Dichter Kallimachos. Damals wurden in der Stadt Dutzende Sprachen gesprochen, die wichtigsten waren Altgriechisch, Ägyptisch und Hebräisch. Ich hoffe, der Vergleich des österreichischen und rumänischen Czernowitz mit dem antiken Alexandria bedarf keiner weiteren Erklärung.
Doch wir treffen uns heute in einem anderen Czernowitz und zu einer anderen Zeit – nicht in der Zwischenkriegszeit, sondern inmitten des Krieges. Dank Meridian Czernowitz' wird die Stadt in der Westukraine, nahe der Grenze zu Rumänien, wieder drei Tage lang zu Alexandria, einem Ort, an dem Menschen und Bücher leben und Gedichte auf Ukrainisch, Deutsch und Hebräisch gesungen werden – jene Sprache, die im 3. Jahrhundert vor Christus auf den Straßen und in den Synagogen Alexandrias gesprochen wurde. Drei Septembertage lang werden wir alle dank der Magie der Lyrik Alexandriner sein.
Verstehen Sie jetzt warum ich mit Optimismus zurückblicke?
Vielen Dank. Danke schön. Ευχαριστήρια. Τοδου.
Sasha Boychenko, Igor Pomerantsev, Czernowitz 2026 Foto Maxym Kozmenko
Igor Pomerantsev hat diese Rede in Russisch geschrieben (von Sasha Boychenko ins Ukrainische übersetzt) auf Ukrainisch vorgetragen. Zu einem deutschen Text zusammengefasst unter zu Hilfenahme von Google Übersetzung von Milena Findeis.
Czernowitz 2026

Das XVII Meridian Czernowitz
mit Lesungen von ukrainische Kulturschaffenden
und internationale Gästen
Während beim Meridian Czernowitz 2010 die Suche nach gemeinsamen poetischen Wurzeln im Vordergrund stand, bildet 2026 die Literatur das Fundament für politische Haltung, Zeugenschaft und das Überleben einer freien Kultur im Angesicht des Krieges.

Freitag, 4. September 2026
14:15
Offizielle Eröffnung der XVII. Internationalen Lyriklesungen Meridian Czernowitz durch Swjatoslaw Pomeranzew, Evgenia Lopata und Igor Pomerantsev
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprachen: Ukrainisch, Deutsch
15:15–16:15
Lyriklesung: Deutschland
Teilnehmerinnen: Juliane Liebert, Nea Schmidt
Moderation und Übersetzung: Petro Rychlo
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprachen: Ukrainisch, Deutsch
16:30–18:00
Vortrag von Josef Zissels: „Ein Blick in unsere Zukunft: Selbstbeschränkung und Selbstaufopferung“
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
18:15–19:15
Präsentation des neuen Lyrikbandes von Jan Huzul „Leprosorium“
Moderation: Switlana Wardewanjan
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
19:30–20:30
Feuilleton-Lesung von Oleksandr Boitschenko „Schon wieder dasselbe“
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
Samstag, 5. September 2026
12:00–13:00
Lyriklesung: Österreich und die Schweiz
Teilnehmende: Konstantin Kaiser, Maria Marggraf
Moderation und Übersetzung: Petro Rychlo
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprachen: Ukrainisch, Deutsch
14:00–15:00
Präsentation des Kurzprosabandes „Hemingway weiß nichts“ von Artur Dron
Moderation: Juri Andruchowytsch
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
15:15–16:15
Vortrag von Peter Pomerantsev: „12 Gebote im Kampf gegen Propaganda“
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
16:30–17:30
Autorenabend mit Igor Pomerantsev: „Wein: Boden, Sonne und Menschen“
Moderation: Oleksandr Boitschenko
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
17:45–18:45
„Gesungene Poesie schwieriger Zeiten in einer schwierigen Zeit“: Konzert der Band „Tschystyj Tschetwer“ (Marjan Pyrih und Jelysaweta Pyroschok)
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
19:00–20:30
Oksana Sabuschko: „30 Jahre ‚Feldstudien‘. Von den Ursprüngen zu den neuen Büchern des Großen Krieges“
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch (+ deutsche Simultanübersetzung auf unserem YouTube-Kanal)
Eine Zusammenfassung der ersten zwei Tage vom Deutschlandfunk nachzuhören in deutscher Sprache
Sonntag, 6. September 2026
12:00–13:30
Lyriklesung: Deutschland und Israel
Teilnehmende: Jana Buch, Mati Shemoelof
Moderation und Übersetzung: Petro Rychlo
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum (Kobyljanska-Str. 51)
Veranstaltungssprachen: Ukrainisch, Deutsch, Hebräisch
14:30–15:30
Präsentation des Lyrikdebüts „Krapka.Nemo“ von Yevhenii Volodchenko (Zheka Kurgan) mit dem Autor und der Illustratorin Dina Chmuzh
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
15:45–16:45
Präsentation des Romans „Wir haben dich nicht erwartet“ von Artem Tschech
Moderation: Oleksandr Boitschenko
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
17:00–18:00
Präsentation des Debütbandes mit Theaterstücken „Worum geht es in diesem Stück?“ von Natalka Woroschbyt
Moderation: Serhij Zhadan
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
18:15–19:15
Juri Andruchowytsch. Ausgewähltes aus dem Roman: Vor-Vor-Vor-Präsentation
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Veranstaltungssprache: Ukrainisch
19:30–20:30
Präsentation des neuen Lyrikbandes von Serhij Zhadan „Hymnen der barocken Kriege“
Moderation: Oleksandr Boitschenko
Ort: RK „Bartka“, 2. Stock (Holowna-Str. 124)
Eintritt zu allen Veranstaltungen frei !
*Betreffend Live-Übertragungen über You Tube: Die Ukraine ist 1 Stunde voraus im Vergleich zu Tschechien, Deutschland und Österreich.
Förderungspartner: Robert Bosch Stiftung, Ukrainisches Buchinstitut, Deutsche Botschaft in der Ukraine, Kärntner Landesregierung und Georg-Drozdowski-Gesellschaft (Österreich), Schweizerische Botschaft in der Ukraine, Literaturhaus Stuttgart, Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf.
Organisationspartner: RK „Bartka“, Verlag 21, Hotel „Bukowyna“, Paul-Celan-Literaturzentrum
Reisesplitter - Czernowitz 2025
Reisesplitter Czernowitz
Christian Hinderer

2026 »Was bleibet aber, stiften die Dichter«, Hölderlin
Reisesplitter 1: 2. bis 3. September 2025
Ich beginne mit einem Zitat aus dem Roman von Iris Wolff »Lichtungen« (Klett-Cotta 2024):
Auf Seite 88 schreibt sie über die Romanfigur Imre : »Er war in Czernowitz geboren worden, in dem Jahr, als die Lenin-Statue vor dem Deutschen Theater geköpft wurde. Er sagte, er stamme aus einem Ort, den es nur noch in der Literatur gibt.« Einige Zeilen weiter, gewissermaßen als Beleg, ein Teilzitat aus Rose Ausländers »noch bist du da«. (Mein Explemplar signiert: Marbach, 8.2.2024!)
Aus der Ferne grüße ich Iris Wolff mit einem Wortspiel: Aber jetzt gibt es »Czernowitz nicht nur noch in der Literatur, sondern es gibt Literatur in Czernowitz«, - das heute je nach Transliteration als Tscherniwzi oder Chernivci oder auch Chernivtsi in den Nachrichten erscheint – nämlich als XVI. internationales Lyriktreffen MERIDIAN CZERNOWITZ vom 5. - 7. September 2025.
Die Anreise nach Czernowitz kenne ich mittlerweile in verschiedenen Versionen: mal mit dem Auto in die Südbukowina und Abholung durch Oxana M. u.Taras, Abholung durch Taras alleine, mit dem Flieger von Memmingen nach Suceava und Transfer mit einem von Olha K. gebuchten Shuttle, einem Sprinter mit 20 Plätzen. So auch dieses Mal wieder, jedoch mit elend langem Prozedere am Grenzposten der Rumänen bei Siret. Zwei Stunden stehen wir mit dem Sprinter in der Hitze, bis es endlich zum ukrainischen Posten weitergeht: wohltuende Leere und die Möglichkeit zum Toilettengang. Da heißt es sich sputen, denn die gestempelten Pässe bekommen wir nach 15 Minuten zurück. Das übliche: die Pässe werden im Stapel hereingereicht und der Stapel wird dann von Passagier zu Passagier weitergegeben, bis sich jeder den (hoffentlich) eigenen daraus entnommen hat. Datenschutz auf ukrainisch, rumänisch allerdings identisch.
Jetzt wird Gas gegeben. Nach einer Dreiviertelstunde passieren wir die Stadtgrenze und sind an der Tankstelle, wo unser Shuttle seine Basis zu haben scheint.
Mir ist vom Fahrer schon ein Taxi bestellt, das mich dann zur bereits bekannten Ecke bringt, wo von der Shevchenkostraße aus die Fußgängerzone Olga-Kobylyanska-Straße beginnt. Der Shuttlefahrer entlohnt den Taxifahrer aus eigenem Budget. Beobachtet habe ich: 180 Griwna bekam der Taxifahrer. Heutiger offizieller Kurs: 100 Griwna sind 2,08 €, also etwa 1 zu 50 für die Kopfrechnung.
Die Tür am Paul-Celan-Literaturzentrum steht offen, drinnen sitzt Sviatoslav Pomerantsev. Er meint, vom 5. bis 7. werde hier Literatur geboten – weiß ich doch!
A
Hotel-Check-In und Ausruhen
Es ist buntes Leben in der Fußgängerzone. Das Café neben dem Wiener Café heißt jetzt »Crevette«, mit dem entsprechenden Symbol an der Hauswand. Probiere ich vielleicht morgen. Jetzt erst mal durch den Torbogen hinüber zum Café »Terrasse« bei den Tennisplätzen. Keine Helme auf den Tischen, obwohl die Kastanien schon reif sind und einige mit Gepolter auf den Holzboden knallen, während ich den ersten Borschtsch genieße.

»….wie schön, dass Menschen noch ins Restaurant gehen« schrieb Oxana M. einmal in der SÜDDEUTSCHEN. Das war im ersten Jahr des Angriffskriegs auf die gesamte Ukraine.
Der Vormittag beginnt damit, dass ich die Hotelrezeption bitte, mir einen Tisch und einen Stuhl ins Zimmer zu stellen, denn im Bett oder auf dem Sofa lässt sich mit dem Laptop schlecht schreiben. Fast hätte ich Arbeiten geschrieben, aber meine Arbeitszeit habe ich längst hinter mir gelassen. Tisch und Stuhl kommen prompt.
Im Durchgang des Polnischen Hauses, der Musikschule, hängen ganz viele Zettel mit Namen, Zeiten und Instrumenten – und ein Plakat über ein Orgelkonzert im Orgelsaal am 6. Sept. Auf dem Plakat sieht man, wo der Orgelsaal ist: Es ist dies die ehemalige Armenische Kirche!
Gegen Mittag treffe ich mich mit Olha K., erst zu einem Imbiss und dann zu einer Fahrt mit Taras H. nach Bila Krynyzja, einem Dorf der Altgläubigen, nur wenige hundert Meter nördlich der ukrainisch rumänischen Grenze. Auf dem Weg sind zwei Check-Points zu passieren.
Bila Krynyzja ein Dorf mit noch etwa 100 Einwohnern und einer großen Kirche, die von 1901 bis 1908 von einem Ehepaar erbaut wurde, dessen einziger Sohn gestorben war. Betreut und gepflegt wird diese Kirche – soweit sich die marode Bausubstanz noch pflegen lässt – von der betagten Nonne Taisija. Sie erzählt ausführlich die Geschichte der Altgläubigen – der „Lipowaner“. Bei den »Lipowanern« sind viel mehr ur-ukrainische Elemente und Worte enthalten als in der ukrainisch-orthodoxen Kirche. Als sie erwähnte, dass sie auch Französisch kann, stellten wir einander auf Französisch vor: »Je m'appelle....«, aus alten Hirnwindungen hervorgekramt.

Ebenfalls hervorgekramt, nein, mit Stolz herbeigebracht, zeigt sie uns ein Liederbuch mit einer ganz eigenen Notenschrift. Die Vierung der Kirche ist eingerüstet. Die Ikonostaswand glänzt in alter Pracht.
Auch davon erzählt die Nonne Taisija: In der Sowjetzeit haben die Bewohner die einzelnen Ikonen nach Hause genommen und aufbewahrt. Nach der wiederin-Betriebnahme als Gotteshaus, das lange als Lager genutzt wurde, kehrten die Ikonen in die Kirche zurück.
Beim Abschied macht Schwester Taisija ein Erinnerungsfoto von uns – vor der von ihr betreuten Kirche in Bila Krynyzja.

Weiter geht es zum Dorfmuseum von Staryj Wobtschyne. In diesem Dorf hat ein Lehrer während seines 50-jährigen Lehrerdaseins bis zum Lebensende Gegenstände und Erinnerungsstücke gesammelt, auch die Geschichte von vielen Deportierten im Russenjahr 1940 und ab 1944.

Die Augen gingen mir über: ein Raum mit vielen, vielen Ostereiern. An der Wand die Melkmaschine; und auf einem Podest der Dorftraktor. Berührend die vielen dokumentierten Deportations-Schicksale, nach Kasachstan und nach Sibirien. Manches Überleben gelang wegen der gewebten Teppiche mit wunderschönen Mustern, oft auch bessarabischen Ursprungs. Fünf davon, als Bestechung, retteten einmal sogar ein Kind!
Beide Reiseziele wurden von Oxanas Studenten, die aus der Gegend stammen, vorgeschlagen. Danke, liebe Oxana, für die Idee. Danke, liebe Olha für die Begleitung und fürs Dolmetschen. Olha sagt, ich sei heute ihr Sparringspartner gewesen, weil sie morgen für offiziellen Besuch aus Deutschland dolmetschen müsse. Danke, lieber Taras, fürs Fahren auf Asphalt genauso wie auf den Schotterstraßen mit viel Staub und Schlagloch-Umkurvungs-Technik.
Czernowitz, Mittwoch, 3.9.2025
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 2: 4. bis 7. September 2025
Donnerstag, 4. September
Mein Tag beginnt mit dem Gang zum Zentralplatz zur täglichen Gedenkminute um 9 Uhr. Der Verkehr wird angehalten, Autoinsassen steigen aus und verharren andächtig bei geöffneter Autotür. Rings um den Zentralplatz stehen die Menschen so, wie sie gerade aus ihren Geschäften und Büros gekommen sind, und bilden in diesen Minuten eine geschlossene Gemeinschaft mit allen Menschen in der Ukraine. Manche wischen verstohlen eine Träne ab.
Respekt und Takt versagen mir den Griff nach der Kamera.
Musik – Ansage - 21 Glockenschläge – dann: Slawa Ukraine

Dieses Mal liegt mein Hotelzimmer auf der Ostseite, mit Blick auf einen sehr verschachtelten Hinterhof des Polnischen Hauses – erbaut wie fast alle Nationalhäuser in der Zeit der Besinnung auf die eigene Nation bzw. Volksgruppe um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – mit dem Ergebnis, dass mir der Ausblick auf die Heilig-Geist-Kathedrale fehlt, ebenso deren Glockentöne – der Hof der Czernowitzer Militärverwaltung unter dem Fenster muss eben in Kauf genommen werden.
Hoffentlich wird er nicht mal zum Raketenziel. Denn dann wäre egal, nach welcher Seite mein Zimmer liegt.

Vor der Abreise nahm ich mal wieder ein schmales Bändchen mit Czernowitz-Bezug in die Hand: Oskar Laske (1874 Czernowitz - 1951 Wien).
Wikipedia sagt, es gäbe ein von ihm 1902 gestaltetes Kriegerdenkmal in Plan an der Kreuzung Holovna Str. und Heroiw Majdanu. Kommt auch auf die To-do-Liste
Ein heißer Tag, auf der Suche nach Schatten
Wo? Am besten im »Volksgarten«, dem heutigen Shevchenko-Park.
Buntes Leben. Mütter mit Kindern. Wo ist der Vater? Bei der Arbeit – oder an der Front!
Gegenüber einem der Parkeingänge der schön gestaltete Platz mit dem Paul-Celan-Denkmal.
.
An der Hausmauer dahinter ein Paul Celan Gedicht ins Ukrainische übersetzt von Prof. Petro Rychlo – er hat Celans Gesamtwerk (zehn Bände) des aus Czernowitz stammenden Dichters ins Ukrainische übersetzt.
Freitag, 5. September
Heute habe ich den Frühstücksort getauscht: jenen mit dem Charme eines Bahnhofwartesaals im Hotel, mit dem Wiener Café gleich gegenüber, an der Sch
attenseite der Olga-Kobylyansa-Strasse. Das Brot sieht aus wie »Arme Ritter« und schmeckt so ähnlich. Dazu Spiegeleier und Wiener Würstel.
Da muss man die Musik mögen, die aus den Lautsprechern des Wiener Cafés tönt. Nächstes Mal nehme ich den Platz ganz am Rand, da sitzt eine Mutter mit schlafendem Baby – vielleicht ist es dort etwas leiser
Beim Paul-Celan-Literaturzentrum, wird eifrig aufgebaut – viele Bücherkartons herbeigetragen …


Die schön umrahmte Jahreszahl über der Eingangstür zeugt von der emsigen Bautätigkeit jener Jahre.

Die ersten Dichter, die beim Meridian Czernowitz auftreten sind Mikael Vogel aus Bad Säckingen und Vera Vorneweg aus Düsseldorf.
»Deutsche Dichtung« ist eines der Bücher von Karl-Emil Franzos, in dem der in Czernowitz zur Schule gegangene im vorvorigen Jahrhundert eine Anthologie zusammengetragen hat. Kommt mir unwillkürlich in den Sinn, wenn hier DEUTSCHE DICHTUNG vorgetragen wird, sogar als Auftakt.
Prof. Rychlo kann beim Stichwort Düsseldorf sofort anknüpfen an die Czernowitzer, die in Düsseldorf ihren Lebensabend verbrachten, allen voran Rose Ausländer, Alfred Kittner und Edith Silbermann.
In diesen Tagen wird in Düsseldorf das Schauspiel »Blinde Kuh mit dem Tod« aufgeführt, in dem auch die Geschichte des Czernowitz geborenen, Holocaust-Überlebenden Herbert Rubinstein dargestellt wird. So schließt sich der Kreis.
Getreu dem selbst gewählten Motto »Reisesplitter und Gedanken« werde ich keine Dichterlesungen kommentieren, dafür gibt es Berufene, die das gelernt haben.
Gedanken »Splitter«
Meer-Gedicht – Mutter Gedicht – Charly Parker – Rocky Mountains – Rom, Hannibal, Elefanten –
Wenn ich mal sterben sollte, entgegen meiner Absicht -
Der Übersetzer ins Ukrainische, Prof. Rychlo philosophiert mit dem Dichter – Über-Setzen = mit der Fähre!
Paul Celan spricht vom »Fergendienst«.
Und dann, zu erwarten: Lyrik in Zeiten des Krieges! Wie geht das? Die Dichterin Halyna Kruk aus Lviv hat es in Tübingen einmal so formuliert: Mit Gedichten kommt man schnell auf das Wesentliche. Bei Prosa überlegt man manchmal so lang, dass das Unmittelbare dadurch verloren geht.
Zweifellos war der Höhepunkt der Auftritt und die Lesung von Julia Paiewska (Taira). Wird simultan übersetzt und aufs Smartphone gestreamt.
Ihre »Vita« hole ich mir aus der Internetseite des MERIDIAN:

Zeichnen und Gedichte haben sie während der
Gefangenschaft am Leben erhalten
„Julija Paiewska (Taira) – Soldatin, Paramedizinerin, Freiwillige und Aktivistin; Kommandantin der Einheit „Engel von Taira“ sowie der Evakuierungsabteilung des 61. mobilen Militärhospitals (2018–2020); Designerin, Präsidentin der Aikidō-Föderation „Mutokukai-Ukraine“.
Seit 2014 nahm sie als Paramedizinerin an der Revolution der Würde und am Krieg im Osten der Ukraine teil. Am 16. März 2022 geriet sie während der Belagerung von Mariupol in russische Gefangenschaft und wurde nach drei Monaten – am 17. Juni 2022 – freigelassen.
Sie wurde mit der Auszeichnung des Präsidenten der Ukraine „Für humanitäre Teilnahme an der Antiterror-Operation“, dem Orden „Volksheld der Ukraine“, den Medaillen „Für die Unterstützung der Streitkräfte der Ukraine“ und „Dem Verteidiger des Vaterlandes“ sowie den Ehrenzeichen „Zeichen der Achtung“ und „Für Verdienste um die Streitkräfte der Ukraine“ geehrt.“
Standing Ovations beim Hereinkommen und am Schluss.
Am Samstag bin ich mit Olha K. verabredet, vor dem Café »Schokolade aus Lviv«. Sie will nachher noch wenigstens eine der Veranstaltungen besuchen. Für mehr reichte ihr Stundenplan an der Uni nicht. Sie bat eine gerade vorübergehende Frau, von uns beiden mit meinem Handy ein Erinnerungsfoto zu machen. Gut gelungen, finde ich.
Zwei Straßenfotografen von einem Jux-Stand gegenüber hatten dies bemerkt und kamen mit ihrem eigenen Schnappschuss-Produkt an unseren Tisch. Geld wollten sie keines dafür. Olha hat ihnen unsere nicht verzehrten Pralinen aus Lviv-Schokolade / Lemberger Schokolade an ihren Stand gebracht. Wurde dankbar angenommen. Die Art Gazette kenne ich von 2023, wo ich ebenfalls abgelichtet und ausgedruckt worden bin. Olha trifft am Paul-Celan-Zentrum mehrere von ihren Studenten, die hier Dienst tun.
Das Publikum, gestern und heute bunt gemischt, ausgewogen nach Alter und Geschlecht.
Dr. Schodnitzky hat sich über das Wiedersehen gefreut und sich sofort an meinen Botendienst erinnert: Im April gab er mir eine Ausgabe des »Bukowiner Journal« mit einem Aufsatz von ihm über den Schweizer Schriftsteller Erwin Messmer, mit dem Auftrag, die Ausgabe in dessen Hände gelangen zu lassen. Auftrag ausgeführt. Erwin hat den Text sogar ins Deutsche übersetzen lassen.
Die Sandsäcke vor den Kellerfenstern sind eingefallen – kriegsmüde eben

Sonntag, 6. September
Heute Nacht: Luftalarm, den sogar ich gehört habe, durchs geschlossene Fenster. Einer um halb drei, der andere um kurz vor sechs. Da bin ich dann eben eine Weile an dem Laptop gesessen und habe an diesem Text gefeilt, bei geöffnetem Fenster. Olha sagt, sobald Raketen oder Drohnen fliegen, wird landesweit Alarm ausgelöst.
Ich hatte auch einen »Altert-Text« auf meinem Handy, allgemein gehalten.
Eher so: komm mir ja nicht hinterher, wenn ............
Problem: heute Morgen, schon so gegen sieben, wieder lauter Dauerton, aber – anders.
Des Rätsels Lösung folgte beim Gang zum Frühstück: Es müssen sehr viele Gäste heute früh abgereist sein, sodass die Putzfrauen – für jeden Stock eine – sehr früh den Staubsauger in Aktion setzten. Einer davon war so laut, dass ich glaubte, es seien zusätzlich noch Handwerker mit Bohrmaschinen im Haus.
Am Nachmittag im Bartka, bei der Lesung von Tanja Maljartschuk, hauptsächlich wegen deren Gespräch mit dem Thema: »Von oben nach unten sprechen: 20 Jahre danach.« Wieder in Simultan-Übersetzung über YouTube aufs Smartphone gestreamt.
Über Essen und Trinken brauche ich mich nicht weiter auszulassen. Hier in meiner unmittelbaren Nachbarschaft sechs Restaurants, in denen es sooo leckere Sachen gibt.
Im Wiener Café * Im Crevette * Im Café Terrasse * Im Georgischen Restaurant * Im Schwarzmeer-Restaurant: Alle mit QR-Code an den Tischen, mit aufrufbaren Speisekarten und Übersetzungsfunktion ins Englische.
Heute Abend, im Café Terrasse, ist partout immer jene Menü-Karte aufgegangen vom vorherigen Besuch im Café »Broyt un tsu Broyt«. Da brachte mir der Kellner eine gedruckte, bebilderte Karte, und eine hilfsbereite Ukrainerin vom Nachbartisch hat mit brillantem Englisch geholfen, meine Wünsche zu erkunden. Der Kellner weiß schon, dass als Getränk immer alkoholfreies Bier dazukommt. Die Marke ist auch immer noch die gleiche wie vor zwei, vor drei und vor sieben Jahren. Kommt aus Dänemark und fängt mit »C« an.
Czernowitz, Sonntag, 7. September 2025
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 3: 8. - 10. September 2025
Montag, 8. September
»Two eggs, no sausage, no bacon?», dies war die eher konstatierende als fragende Ansage der Dame aus der Frühstücksküche im Hotel. Hat doch auch seine Vorteile, wenn man länger bleibt. So weiß die Küche mittlerweile auch, was der Mensch aus 304 mag und was nicht.
Eben erreicht mich die Nachricht oder eher Frage, wie ich geschlafen habe. Verwunderte Gegenfrage. Antwort: Na, es war doch zweimal Luftalarm. »Da muss ich wohl sehr tief geschlafen habe, überhaupt nichts gehört». Gut, es sind Schallschutzfenster eingebaut, obwohl die hier in der Fußgängerzone Olga-Kobylyanska-Straße nicht unbedingt erforderlich wären. Aber das war ja vielleicht nicht immer so. Ein Hinweis – von Oleksandra Bienert aus Berlin, die hier auch zum Publikum der Literaturtage gehört hatte – zum Museum für die Schriftstellerin Olga Kobylyanska kam mit einem Link zum Museum und nach Öffnen des Übersetzers stand dann da die Vergangenheit neben der schrecklichen Gegenwart:

Am Dienstag stand auch der mittlerweile schon traditionelle Friseurtermin bei Olha Sapa an. Damit alle auf dem gleichen Informationsstand sind, hier in Stichworten die Geschichte dazu: Ich war und bin Leser der Kolumne von Oxana Matiychuk in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG »Ukrainisches Tagebuch«. Darin schrieb sie einmal, dass sie regelmäßig von ihren Auslandsbesuchen aus dem Duty-Free-Shop der Flughafenterminals Männerparfüms guter Marken mitbringe, für Olha Sapa. Olha ist eine Geflüchtete aus der Oblast Saporishja, Sozialpädagogin und hat hier, der Not gehorchend, noch eine Friseur-Ausbildung gemacht. Sie frisiert hauptsächlich »unsere Jungs« in den Militärkrankenhäusern und freut sich, wenn sie nach Ende der Behandlung noch einen guten Duft aus der Sprühflasche auf die frisch Frisierten abgeben kann – und über das Echo: was für ein paradiesischer Duft.
Seit ich davon weiß, bringe ich bei jedem Besuch Männerparfüms mit und bitte um einen »Friseurtermin«. Den ersten vermittelte Oxana im Sept. 2023, aus praktischen Gründen im Büro des DAAD in der Uni, damit sie dolmetschen kann. Damals ist deshalb der Begriff »Akademischer Friseurtermin« entstanden, den wir spaßeshalber auch jetzt noch verwenden.
Mit Roman, Olha Sapa und Kolja, vor dem Haarschnitt
So auch heute. Olha und Kolja holen mich mit dem Auto am Zentralplatz ab. Wir treffen punktgenau und zeitgleich am vereinbarten Zustieg ein. Früher hatten sie eine Wohnung bekommen, nicht weit von der Uni. Das war vor dem Krieg die Wohnung der Leiterin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes hier. Residentin musste auf Befehl aus Deutschland mit Kriegsbeginn zurück nach Deutschland. Die verwaiste Wohnung war dann gut für die geflüchtete Familie Sapa. Jetzt hat der Eigentümer gekündigt, mit der üblichen »Eigenbedarf«-Begründung2. Diese Lumperei also auch hier. Nun fahren wir also weit aus dem Zentrum der Stadt hinaus. Kolja sagt, jetzt wohnen wir ganz in der Nähe vom Flughafen, was derzeit keinen Lärmstress ausmacht. Es fliegt ja nix1, außer Drohnen aus dem Osten oder ein Hubschrauber der Feuerwehr. Drei verschiedene Männerparfüms sind es dieses Mal, in Heilbronn bei Sonderangebotstagen im Parfümladen AKZENTE erstanden. Die Verkäuferin ist mittlerweile auch in diese Geschichte eingeweiht. Heute erzählte Olha3 nun, sie fahre nächste Woche mit anderen nach Süden (an die Front) und bringe meine Sachen mit. Ein Soldat habe ihr beim letzten Mal gesagt: Was sind das für Menschen, einfache Leute aus Deutschland, die hierherkommen und solche tollen Sachen mitbringen, ein Duft aus einer anderen Welt. Und die Sachen landen nicht, wie sonst meist üblich, beim Kommandeur oder einem anderen Offizier, sondern wirklich bei uns Frontsoldaten. (Den Begriff »Schütze Arsch im letzten Glied« gibt es hier vielleicht auch, nur weiß ich die Entsprechung nicht).

Aus dem Kreis der Hörer an den Lyrik-Tagen erreichte mich noch eine SMS, ob wir nochmal zusammensitzen, vielleicht im »Broyt untsu Broyt«. Möglicherweise komme auch Dr. Schodnitzky dazu. Weil ich die beiden nicht um ihr Einverständnis gefragt habe, sind es also hier in diesem Text Frau Dr. K. K. und Herr C. L. aus Esslingen. Zunächst war es unter uns dreien ein Gespräch nach Woher und Warum, auch da schon ein Schicksalskosmos enthalten.
Ab da, wo Dr. Schodnitzky hinzu kam, konnten wir nur noch zuhören. Zuerst fragte er, wem von uns der Mercedes 600 da unten vor der Tür gehöre. Er kam geradewegs aus der Kirche. Aus welcher? aus der griechischkatholischen – sie sei das Bindeglied zwischen der Orthodoxie und dem Katholizismus. Die Erklärung überlasse ich Wikepedia
Was Dr. Schodnitzky ausführte, war eigenes Erleben und eigene Anschauung. Eine Kirche, die die Sowjetzeit im Untergrund überlebt hat, deren Priester in Sibiren umgekommen sind und deren Besitz enteignet wurde. Und dann: und da sollen wir glauben, dass mit Russland es schon irgendwie auch gehen werde, wie viele Russlandversteher in Österreich und in Deutschland meinen. Alles Leute, die das System nicht erlitten haben. Er selbst ist in Pension, die Höhe seiner Rente nannte er mir auf dem Weg zum Hotel. Und erklärte mir, warum er mir im April das Heft für Erwin Messmer in der Schweiz zur Beförderung anvertraut hat. Das Porto von hier hätte ungefähr ein Drittel seiner Monatsrente ausgemacht. Über seine Tätigkeit als Ruheständler als Kinderarzt für die geflüchteten Kinder. Er geht nach Sadagora, wo viele untergebracht sind und unterstützt die Leitungen dort, wenn sie einen medizinischen Rat benötigen für eines der Kinder. Empfiehlt dann den bestmöglichen Behandlungsort usw. Die Zeit bis 22 Uhr verging wie im Flug. Seine Familiengeschichte brachte ich hervor mit meiner Frage nach seinem guten Deutsch. Aber da ich kein Notizbuch dabeihatte und den Fluss auch nicht stören wollte, möchte ich hier nichts Falsches bringen. Das sagte er mir schon 2023, als er sich vorstellte: Das »-ski« habe ich von meinen polnischen Ahnen – aus der Zeit, als das Großreich Polen-Litauen auch die Herrschaft über diese Gegend hatte. »Ich bin aber ein echter Czernowitzer, hier geboren«
Dienstag, 9. September
Heute bin ich mit Dr. Oxana Matiychuk verabredet. Sie hat sich die Zeit aus den Rippen geschnitten. Vielen Dank dafür, liebe Oxana. Wo: diesmal im »Nonna Macarona«, darin ist alles auf Italienisch gemacht. Karte sehr Pasta-lastig, aber hochflexibel in der Bestell-Annahme. Bei Spaghetti mit Meeresfrüchten sind mir immer die Tintenfischteile unangenehm. »Klar, sie können sie auch nur mit Shrimps haben«, sagt der Kellner, laut. Namensschild Sommelier »Mario«. Oxana fragt, ob das sein richtiger Name sei. Er heiße in Wirklichkeit anders, dies sei sein »Hausname« hier. Welch eine Verbiegung!
Ein Stück Heimweg gehen wir gemeinsam, bis Oxana zu ihrer Bushaltestelle gelangt. Der Weg führt vorbei an einem besonderen Denkmal, dort wo die Holowna-Straße und die Straße Heroic Maidan sich kreuzen. Das Denkmal wurde von Oskar Laske, 1902, für die gefallenen Soldaten von Erzherzog Eugen Infanterieregiment Czernowitz gestaltet. Es steht nur noch der Sockel, der obere Teil, von den Sowjets zerstört. DIE DANKBARE BUKOWINA in drei Sprachen: Deutsch, Rumänisch, Ukrainisch ist hier der Dank des Vaterlands eingemeißelt. Die dritte ergab leider wegen des Sonnenstands kein Foto. Da tauchen dann Erinnerungen wieder auf an ein Buchgeschenk von Oleg Ljubkiwskyj, dem Maler, Grafiker und Fotografen. 2004 – über 20 Jahre sind vergangen – und immer noch Thema
Czernowitz, 10. September 2025

Ergänzungen und Berichtigungen, gemailt am 13.9.2025 von Czernowitz nach Prag von Christian Hinderer
Hinweis von Oxana:
1 »Am Flughafen fliegt schon einiges! Wir kennen den Flughafendirektor, er holt bei uns regelmäßig Hilfsgüter und fährt zu seinen »Jungs«, meistens in die Region Sumy. Es handelt sich freilich nicht um den Zivilverkehr
Und Trainingsflugzeuge fliegen ebenfalls«
Eine Berichtigung von Olha Sapa und von Oxana unmittelbar übersetzt:
2 Die Eigenbedarf-Kündigung ist nicht vorgeschoben. Der Eigentümer hat sich ganz herzlich, auch mit Geschenken, von Olha's Familie verabschiedet. Es täte ihm sehr leid, aber er brauche die Wohnung jetzt selber.
3 Sie bringe die Männerparfüms nicht selber in den Süden, sondern die seien gestern schon mit NowaPoschta verschickt worden und werden wohl morgen schon in den Händen der richtigen Empfänger sein. Da hat die Übersetzermaschine das eingegebene »schicken« einfach mit »bringen« übersetzt.
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.
Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 4: 11. September 2025

Donnerstag, 11. September
Der Herbst kündigt sich an. Fast ein Caspar-David-Friedrich-Morgen über den Dächern von Czernowitz.
Oxana hat mir angeboten, mitzukommen, wenn von der Johanniter Mission Siret wieder Hilfsgüter in ihrem Lagerraum, in der Nähe des Flughafens, angeliefert werden. Wir verabredeten uns so, dass, wenn das Signal von den Johannitern über erfolgreich beendetes Grenzprozedere eintrifft, soll ich vom Hotel losmarschieren bis zum Zustiegspunkt, wo sie mit Kollegen mich aufnehmen. Es hat punktgenau geklappt. Als wir in den Hof der Lagerräume rein hoppelten, bogen unmittelbar hinter uns 3 Sprinter »Johanniter Mission Siret " ebenfalls ein. Einer davon fuhr an die Rampe und Oxana mit anderen Helfern und sieben Johanniter leerten den Sprinter.

Solch ein Sprinter fasst etwa 1 - 1,5 Tonnen. Stromaggregate, Reis, Teigwaren, Zwieback, Hygieneartikel usw. Mehrere Paletten rollten in den Lagerraum.
Die Johanniter Mission Siret wurde im März 2022 gegründet, also fast unmittelbar nach Beginn des Angriffs Russlands auf die gesamte Ukraine. Sie beliefern in der Region Czernowitz insgesamt fast 30 Einrichtungen. Zum GEDANKENDACH kommen sie alle 3–4 Wochen, meistens mit zwei Bussen, manchmal auch mit drei. Heute wird hier nur einer der dreien entladen, die anderen sind für weitere Einrichtungen in der Umgebung vorgesehen.
Die Abgabe an die Bedürftigen findet immer samstags statt. Geplant, vorbereitet und durchgeführt von Oxana und einer Schar Freiwilliger, was sie ja hier, neben ihrer Lehrtätigkeit an der Uni ja auch ist. Im Lagerraum steht während der Abgabe ein großer Behälter, wo die Empfänger(innen) jenes aus den vorgepackten Standard-Beuteln sofort wieder ablegen, was ihren derzeitigen Bedarf entweder übersteigt oder überhaupt nicht gebraucht wird.
Halb entladen, ertönte um halb elf am Vormittag der Luftalarm. Oxana begleitete uns alle zum Schutzraum, einige Schritte in einem Wohnblock ganz unten drin. Mehrere Räume, blitzblank, mit Stühlen und Bänken entlang der Wände.
Nach etwa einer halben Stunde kam der Sirenenton »Entwarnung« und alle strömten nach draußen. Oxana und ihre Helfer, die nicht mit in den Schutzraum gekommen waren, hatten mittlerweile den Sprinter fast vollständig geleert.

Punkt halb zwölf setzte sich der Konvoi wieder in Bewegung. Sie fahren noch zwei Verteil Stationen in der Umgebung an und dann geht es leer wieder zurück nach Siret in Rumänien.
Im Gespräch war natürlich die erste Frage nach dem Woher? Meine war schnell geklärt, die Johanniter ihrerseits gaben mir Erdkunde-Unterricht: Koblenz, Westerwald, Witten, München – und : »ich bin in Öhringen in die Schule gegangen.«
Die Johanniter erklärten, Luftalarm am Tage sei auch ihnen neu, jetzt hätten sie also auch dieses erlebt – und überlebt! noch ein freundliches Lächeln..... Informationen über die Johanniter aus Siret.
Czernowitz, 13. September 2025
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.
Aus Czernowitz
von Christian Hinderer
Reisesplitter 5: 12. September 2025

Freitag wartet das nächste Highlight auf mich. Für Olga Kobylanska, der Bukowiner Dichterin, nach der die Straße benannt ist, in der mein Hotel liegt, gibt es ein eigenes Museum, nämlich ihr ehemaliges Wohnhaus. Etwas versteckt, nicht weit vom Hotel. Oxana hat mir angeboten, wenn ich möchte, könne sie eine ihrer Studentinnen fragen, ob sie mir Guide dorthin und dort drin sein möchte. Ich würde dadurch meinen persönlichen Bekanntenkreis um eine Czernowitzerin erweitern, noch dazu aus einer der jungen Generation.
15:00 Uhr, Iryna Penteliuk, im Foyer meines Hotels. Das Guide-Honorar inklusive Essenseinladung wurde als nicht nötig bezeichnet, auch nicht rundweg abgelehnt.
Kurz vor der vereinbarten Uhrzeit erscheint Iryna (sie studiert ukrainische Literatur und Literaturgeschichte) im Torbogen vom Polnischen Haus. Der Weg zum Museum führt etwas »uneben« durch die Shevchenko-Straße, Tobilevychai-Str. zur Sofie-Okunevskoi-Str. 5. Die genaue Angabe, falls jemand Lust bekommt, beim nächsten Besuch eine Führung dort zu genießen. Das Wort genießen wörtlich genommen werden, wann kommt man in den Genuss einer Privatführung in einem Museum? Es handelt sich um das letzte Wohnhaus der Dichterin Olga Kobylanska, geboren 27. November 1863 in Gura Humora, im heutigen Rumänien, gestorben 21. März 1942 in Czernowitz. Damals im Vielvölkerstaat des Habsburger Reichs zum Kronland Bukowina gehörend, nach dem Ersten Weltkrieg gehörten sowohl Geburtsort als auch Sterbeort zu Großrumänien. Das »Russenjahr« Sommer 1940 bis Sommer 1941 hat sie in Czernowitz erlebt.
Olga Kobylanska Museumsführung mit Iryna Penteliuk und Polina Ivanova
Das Buchgeschenk von Prof. Rychlo im Sommer 2018 »Valse Mélancolique« war Anlass, mehr über die Dichterin wissen zu wollen, die mir hier buchstäblich auf »Schritt und Tritt« beim Gang durch die ehemalige "Herrengasse"begegnet. Wir treffen die Museumsführerin Polina Ivanova, die gerade eine andere Besucherin durch die Räume begleitet. Wir werden begrüßt. Polina erzählt, Iryna übersetzt ins Englische. Ich bin froh, dass ich durch verschiedene Englisch-Stunden in der Heilbronner Diakonie mein Englisch nicht habe einrosten lassen.
Es gibt eine informative Webseite, die mir Oleksandra Bienert, eine der Hörerinnen beim diesjährigen MERIDIAN per WhatsApp sandte. Danke, liebe Oleksandra Bienert. Nach dem Aufruf der Seite einfach den Übersetzer einschalten und schon taucht die Welt der Dichterin auf.
Wir tauchen ein in die Welt eines Schriftstellerinnen-Lebens in der Zeit der Habsburger und Großrumäniens nach dem Ersten Weltkrieg. Familienbilder, Gemälde des Bruders und Freundschaftsbeziehungen. Die Uhr, mit dem angehaltenen Uhrzeiger zur Sterbestunde, 21. März 1942 einer Tradition folgend. In einer Vitrine verschiedene persönliche Gegenstände, z. B. ein Tintenfass, ein Löscher (wer kennt so was noch?) und, besonders kurios, eine Flasche mit Wasser aus dem Schwarzen Meer, abgefüllt bei Constanza und hermetisch verschlossen. Nun, nach über hundert Jahren, ist trotzdem etwas verdunstet. Aber am Boden immer noch der Meersand und ein paar Muscheln. Olga sei nie am Meer gewesen, deshalb der mitgebrachte Gruß.
Mit Iryna nach der Führung im Garten von Olga Kobylanska
Die Führung dauert normal etwa eine Stunde. Durch Irynas Dolmetscherdienste etwa fast verdoppelt. Zweimal bekomme ich einen Stuhl angeboten, weil es an meine Kondition geht. Danach treten wir hinaus in den Hof und Polina bietet an, auch noch den Garten zu besuchen. Durch einen Mauerdurchgang geht es eine Steintreppe hoch in den Garten. Da liegen Ziegelsteine als Wegpflasterung mit dem Firmenemblem PATRIA. Zwei prächtige Walnussbäume, gepflanzt beim Einzug, geben immer noch Früchte und Polina bietet mir an, welche davon mit nach Hause zu nehmen. Walnüsse aus dem Garten von Olga Kobylanska, ich denke sofort an Menschen in und um Heilbronn, die ebenfalls Wurzeln in der Ukraine haben und vielleicht daran Freude haben könnten.
Meine Dinner-Einladung konnte Iryna leider nicht annehmen. Auf sie wartet ihre Mutter und die Vorbereitungen für den nächsten Test an der Universität. Liebe Iryna, ich wünsche Ihnen weiterhin gutes Gelingen beim Studium.
Czernowitz, 13. September 2025
Christian Hinderer: Jahrgang 1941, im Schwabenland geboren und aufgewachsen. Beruflich bis zur Rente im Bankfach tätig, speziell im Auslands- und Wertpapiergeschäft. Seine große Affinität zur Literatur und zur Bukowina führte ihn 2001 zum ersten Mal nach Czernowitz.
Oxana Matiychuk, Tscherniwzi 2022: Auf der Suche nach dem Band Gesammelte Gedichte von Rose Ausländer gelangte Christian Hinderer 2019 an einen Privatverkäufer, der zu dem Buch noch fünf Seiten Handschriftliches von der Autorin anbot. Bei einer persönlichen Begegnung 2021 entschloss er sich, dieses Fundstück mir zu schenken.
Czernowitz, 2020 eine Celan-Stadtführung mit Petro Rychlo. In Christian Hinderers Reisesplitter 2 ist die Celan Skulptur zu sehen, dahinter neu ein Celan Gedicht ins Ukrainische übersetzt von Petro Rychlo. Rychlo hat das Gesamtwerk von Paul Celan ins Ukrainische übersetzt, die Die Verlorene Harfe, Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik verfasst und gemeinsam mit Helga von Loewenich den Band Bukwonisch-Galizische Literaturstraße. Milena Findeis
XVI Internationales Lyriktreffen Meridian Czernowitz 2025
ХVI Meridian Czernowitz
Programm
5. bis 7. September 2025
Nach fünfzehn Jahren ist Igor Pomerantsev, einer der geistigen Väter des Festivals, das 2010 aus der Taufe gehoben wurde, erstmals nicht in Czernowitz.
Freitag, 5. September
13:30 – 14:00
Offizielle Eröffnung des Festivals
Sviatoslav Pomeranzew, Evgenia Lopata
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Sprache: UA / DE
14:15 – 15:30
Lyrik-Lesung: Deutschland
Vera Vorneweg, Mikael Vogel
Moderation und Übersetzung: Petro Rychlo
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Sprache: UA / DE
16:00 – 17:00
Buchpräsentation: Gedichtband von Julia Pajewska (Taira) „Live“
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Sprache: UA
Julia Pajewska, Der Gedichtband LIVE, eine Ermutigung
17:30 – 19:00
Vortrag von Josef Zissels: „Wie können wir das Format des Krieges ändern?“
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Sprache: UA
Buchpräsentation: Luba Kopot „Verschüttet“
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Fr 05.09.2025 | 17:40 Natascha Freundel berichtet live aus aus Czernowitz, rbb radio 3
Samstag, 6. September
11:30 – 13:00
Lyrik-Lesung: Deutschland und Schweiz
Uwe Kolbe, Vera Schindler-Wunderlich
Moderation und Übersetzung: Petro Rychlo
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Ukrainisch/Deutsch
14:00 – 15:00
Buchpräsentation: „Niemandes Safran“ von Jaryna Tschornohuz
Moderation: Oleksandr Bojtschenko
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
15:30 – 17:00
Lyriklesungen „Ein Spiel mit Gedichten zu vier Händen“
Jewhenij Wolodtschenko (Kurgan), Dina Tschmuzh
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
17:30 – 18:30
Buchpräsentation: „Die Listen“ von Myroslaw Lajuk
Moderation: Evgenia Lopata
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
19:00 – 20:00
Buchpräsentation: „Ein Abend in Istanbul“ von Andrij Ljubka
Moderation: Oleksandr Bojtschenko
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
Sonntag, 7. September
12:00 – 13:30
Vortrag von Petro Rychlo: „Die Suche nach der national-kulturellen Identität im Werk von Paul Celan“
Ort: Paul-Celan-Literaturzentrum
Ukrainisch

Von Petro Rychlo fand ich keine Online Übertragung, dieser Screenshot zeigt ihn als Zuhörer in der Veranstaltung »Das Verkleidungsspiel« von Artem Tschech
14:30 – 15:30
Buchpräsentation: „Das Verkleidungsspiel“ von Artem Tschech
Moderation: Oleksandr Bojtschenko
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
16:00 – 17:00
Gespräch mit Tanja Maljartschuk: „Von oben nach unten sprechen: 20 Jahre danach“
Moderation: Oleksandr Bojtschenko
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
17:30 – 18:30
Buchpräsentation: „Der Blick der Medusa. Ein kleines Buch der Dunkelheit“ von Ljubko Deresch
Moderation: Andrij Ljubka
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
19:00 – 20:00
Feuilleton-Lesungen von Oleksandr Bojtschenko
Moderation: Andrij Ljubka
Ort: Restaurant Bartka
Ukrainisch
Eintritt zu allen Veranstaltungen frei !
Partner: Robert-Bosch-Stiftung, Ukrainisches Buchinstitut, Botschaft der Bundesrepublik Deutschlands Kyjiw, Amt der Kärntner Landesregierung und Georg Drozdowski Gesellschaft Klagenfurt/Kärnten, Schweizerische Botschaft in der Ukraine, Literaturhaus Stuttgart, Landeshauptstadt Düsseldorf Kulturamt.
„Goyra Group“, Restaurant Bartka, Verlag Bücher 21, Meridian Czernowitz Verlag, Bukowyna Hotel, Paul-Celan-Literaturzentrum.
Do 11.09.2025 | 19:00 | Der Zweite Gedanke
Der Zweite Gedanke – OstWunder Widerstand: Militärische Lage und Menschenrechte in der Ukraine
Die Debatte mit Olivia Kortas, Evgenia Lopata und Reinhard Wolski
Am Mikrofon: Natascha Freundel
In welcher militärischen Lage befindet sich die Ukraine, im vierten Kriegssommer seit dem umfassenden Angriff Russlands auf die Ukraine? Im Februar 2022 glaubte kaum jemand, dass sich die Ukraine dem russischen Krieg langfristig widersetzen könnte. Die Ukraine widersteht – mit schweren Verletzungen. Mit anhaltendem Bombenterror, unzähligen Toten, verschleppten Kindern, zerstörten Städten und Landschaften. Wie gelingt es den Menschen in dieser Situation, Menschlichkeit, Solidarität, Kreativität zu bewahren? Welche Rolle spielt Kultur, besonders Literatur in dieser Zeit?
Zu diesen Fragen haben wir am 11. September 2025 drei ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Bühne des Deutschen Theaters Berlin gebracht: Kulturmanagerin Evgenia Lopata erzählt von Literaturfestivals in ukrainischen Frontstädten. Ukraine-Reporterin Olivia Kortas klärt über die Situation in den von Russland besetzten Gebieten auf. Generalmajor a.D. Reinhard Wolski benennt Fehler und Lücken in der militärischen Unterstützung der Ukraine.
Eine Veranstaltung von DT Kontext und radio3
Aufzeichnung vom 11.9.2025, Deutsches Theater Berlin
Hierorts. Bleiben

Hierorts. Bleiben
Waltraud Mittich
Das ist mir ein böhmisches Dorf.
Redensart - Seine Greifbarkeit und Unbegreiflichkeit
Seite 5

Prefazio, Seite 5
Eine Dorf-Erzählung befasst sich mit dem Dorf als Ort mit bäuerlicher Lebensweise, als ländlichem Wohnort. Dies galt und gilt.
Die Erzählerin der vorliegenden Geschichten hat DAS DORF SCHON seit ihrer Kindheit als böhmisches Dorf ausgelegt. Auch das im Folgenden Erzählte ist, möglicherweise auch wegen seines slawischen Einschlags, ein böhmisches.
Der Brand Europas im Jahr 1618 – der 30-Jährige Krieg – bricht sich nach dem Prager Fenstersturz in den böhmischen Dörfern seine Bahn. Dörfer sind meist weg von den großen Zentren, aber oft waren sie Brennpunkte, sie sind es noch immer.
Das Dorf Tobla als böhmisches ist in den folgenden Geschichten konkreter Wohnsitz der beschriebenen Familie. Sie ist eine Konstante des Dorfes. Ihre Aufgabe ist es, dies zu sein.
Im Verständnis der Erzählerin sind alle Dörfer böhmische Dörfer, von Fremden zwar nicht besitz- aber besetzbar.

Aus dem Roman Hierorts. Bleiben - Waltraud Mittich
Seite 69 - 75: CZERNOWITZ
Davon, was geschah im darauf folgenden Jahr, im Jahr 1860, ist nicht viel bekannt. Dass er reiste, der Schneiderhuter, ist überliefert in den Familienchroniken. Dass er ein ganzes Jahr wegblieb, auch. Wo genau er sich aufhielt, darüber herrscht Unsicherheit. Überliefert ist, dass das Huterei-Geschäft in den Außenbezirken der Monarchie viel Geld brachte, neue Parzellen konnten später erworben werden.
Dass er weit herum kam in der Monarchie, belegt ein Brief aus Czernowitz. Die Stadt in der Bukowina wurde im Jahr 1774 von österreichischen Truppen besetzt, bis dahin bestand sie nur aus 200 armseligen Holzhütten, sie hatte die Funktion einer Maut- und Raststation. Die Habsburger betrieben eifrig Einwanderungspolitik, um das weite Land für die Monarchie verfügbar zu machen, auch nach Czernowitz kamen viele Deutsche, Armenier und Ungarn ebenfalls, vor allem aber siedelten sich Juden an. Schon im 18. Jahrhundert gab es in Czernowitz Gaststätten, Hotels, Geschäfte und die ersten Schulen. Im Jahr 1860, als der Schneiderhuter die Stadt aufsuchte, zählte sie bereits 22.000 Einwohner.

Aus einem Brief, der zum Teil brüchig, also unleserlich ist – im Folgenden handelt es sich um eine Rekonstruktion des Geschriebenen.
„Liebe Frau, liebe Kinder, liebe alle in Tobla!
„... ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich hier in Czernowitz sehe, höre, esse. ... Wahrsager in Begleitung von Zwergen und kleinen Affen spazieren durch die Stadt, Astrologen, das sind Sterndeuter, wollen dir deine Zukunft voraussagen, an jeder Ecke sitzen Briefschreiber, die ihre Dienste anbieten, denn die meisten hier können weder lesen noch schreiben, sogenannte Doktoren bieten in den Hintergassen ihre Dienste an, Alchimisten preisen sich an, das sind solche, die versprechen, dass sie z.B. Eisen zu Gold machen können und den Menschen so das Geld aus den Taschen ziehen, es gibt sehr viele Bettler, auch Lumpen und Gauner, die es auf deine Geldtasche abgesehen haben, ich habe mein Geld in die Socke eingenäht. Hier ist es Frühling, bei euch auch in Tobla? ... manchmal habe ich große Lust auf Knödel ... Apfelbäume blühen ... sie haben anscheinend gutes Klima für Obst hier, ich esse oft Kompott, damit ich gesund bleibe, ja, oft habe ich Durchfall, es ist das Wasser, glaube ich, es ist nicht so sauber wie in Tobla ... sie tanzen ausgelassen hier und feiern gern, ja liebe Anna, die Frauen hier sind ganz anders, nicht wie du mager, viele sind dick, ich weiß gar nicht, ob mir das gefällt ... es gibt Buchenwälder und es wachsen Melonen ... ich fühle mich fremd hier und unfrei, weil ich nichts kenne, nichts weiß von ihnen ...

Auf welchen Wegen er gereist ist, der Schneiderhuter, ist nicht bekannt. Dass sie gefährlich waren, wissen die Historiker. Haben geforscht zum Geleitwesen, die Reisenden und ihre Gefährte mussten geschützt werden während ihrer Fahrten. Es gab gesetzliche Bestimmungen, wieviel jeder Reisende zu bezahlen hatte an den Beschützer, der seine Sicherheit gewährleistete. Auch die Kaufleute mussten zahlen für ihre und die Sicherheit ihrer Waren. Auf den Straßen trieb sich viel Gesindel herum, die Straße war der Lebensraum von Menschen, Männern, Frauen und Kindern ohne festen Wohnsitz, Vaganten eben, die oft auch notgedrungen Deliquenten waren. Die Wandernden setzten sich zusammen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, Soldaten, die ihren Brotberuf nicht ausüben konnten, weil kein Krieg stattfand, Hausierer, die in ihren Kraxen Waren trugen, um sie zu verkaufen, reisende Musiker, Theatergruppen, Pilger, wandernde Gesellen, Scherenschleifer, Kesselflicker, ein buntes Volk, welches das Gewerbe des Überlebens lernte und ausübte, auch die Kinder, die geboren wurden, erlernten schnell diese Ökonomie des Überlebens auf der Straße. Vielleicht waren die Vagierer die ersten Arbeitsmigranten, die sich unterwegs verdingten bei Bauern, in Klöstern, als ungelernte Handwerker, für den Winter einen Platz suchend, Schlafplatz, Essplatz, menschliche Wärme, Spaß sogar und Liebe. Viel gab es zu sehen für den Michael Mittich aus Tobla, der bisher sicher und gesichert gelebt hat auf seinem Hof mit seiner Familie, geachtet und geliebt vielleicht, der aber neugierig war auf andere Leben, diese Mittichsche Gier hat ihn auf die Straßen des Reiches hinausgetrieben, in Nachtquartiere, die weder sauber noch sicher waren, Schauermärchen wird man ihm erzählt haben von abgelegenen Mörderwirtshäusern, gegruselt wird er sich haben, dreimal geschluckt wegen der Atemnot, die ihn überfiel, wenn er Angst hatte, aber weiter hat sie ihn getrieben, die Neugier, eigentlich, das glaubt die im Jetzt Schreibende, wollte er nie wieder zurück ins hausgemachte Nest. Und den Geleitschutz bräuchte es immer noch auf vielen Straßen der Welt, die Straße als Überlebensraum, noch immer könnte sich der Schneiderhuter verwundert die Augen reiben über den Lebenskampf, wie er es sicher getan hat beim Anblick von Armut, Not und Dreck und Tod auf den Straßen des Reiches und es sicher täte, die Straßen sehend unseres Planeten in ihrem Jetztzustand. Der Zurückgekommene wird den kühlen Wind auf seinen Feldern umarmt haben, im jetzigen, neuen Wissen, dass die Ähren überall hoch stehen, wenn das Wetter mitspielt, die Anna mit schmalen Augen und Lippen anschauend wie eine Fremde.

An Anna denke ich nicht gerne, weil das Leidtun eine umstrittene moralische Haltung ist, sie war ihm ergeben, dem feschen und gescheiten Mann, seinen Antrieb verstand sie nicht, da die Gier nach Neuem und das Suchen ihr wohl nicht eingeschrieben waren. Möglicherweise ist es gerade in diesem Zusammenhang notwendig, diese Neugier zu dekonstruieren, sie nicht als Wissensdurst oder Flucht aus der Enge zu denken, sondern als das Warten überhaupt, als Zustand des Seins. Und deshalb fällt mir das Fresko ein, das einen Pilger zeigt, auch ein Vagant, auch ein Ehemann, vielleicht heißt er Alexius, der weiß genau beim Abschied, dass er nicht wiederkommen wird und will; betreten aber nicht schuldbewusst sein Gesichtsausdruck, in einer beinah lauernden Wartehaltung. Lauernd warten darauf, was ansteht. Und wenn diese Antriebskräfte nicht übereinstimmen bei zwei Menschen, wird die lang andauernde Nähe zur Qual.

Die im Jetzt Schreibende aber ist diesem Ur-Ur-Ur-Ur-Großvater nah, durch den Übergangsort wandernd, die spätere Conca, schlendernd, im August beim Stelldichein sieht sie den Mann deutlicher. Ein Mittich, ja, groß, schlank und kantig, breitspurig dastehend, weit ausholend beim Gehen, ein Mittich mit leichten, hellblauen Silberblick, der Verlegenheit nicht nur vortäuscht, die breiten Schultern in Loden gepackt, es scheint, als friere er, immer wieder laut Luft holend als der Asthmatiker, der er war, die Ähren streichelnd im Vorübergehen. Mit seinen Augen sprach er zu ihr. Augenzwinkernd. Er sagte: der Himmel ist heute kostbar. Sie war unbescheiden genug, um doch augenzwinkernd zu fragen: Weil ich bei dir bin, der Himmel ist hier wie ein Spiegel, sagte er. Auf dich habe ich gewartet. Du spiegelst mich. Das verstand sie, dass auch über ihm das Himmelsgewölbe eingestürzt war, – in Czernowitz in dem einzigen Frühling. Zurück gekommen war er wohl nach Tobla, mit im Gepäck das Wissen, dass das Wichtige und Schöne, das wunderbar Aufregende in seinem Leben – in der Bukowina war das Himmelsgewölbe eingestürzt über ihm im weiten Land. Verursacht nicht durch die Frau, die unter ihm lag, es war das Land, das sich ihm zeigte, er, verwundert über so viel Farbigkeit begriff, wie eng es sich lebte in Tobla und dass er seiner Gier nach Neuem, seiner Lust auf einen unerwarteten Wind zu spät nachgegeben hatte, es traf ihn wie ein Schlaf, er verstand, nie würde er sich sein bisheriges Leben verzeihen, nicht der Anna, nicht dem Dorf, das Einzige, das weiterhin zählen würde, wären die zu kaufenden Parzellen und das, was er leisten könnte, um das Dorf weiter zu bringen und seine Menschen, das Andere, den Rest, würde er bloß ertragen, mehr nicht.

Sie sah in lange an, forschend, er ließ es sich gefallen, auch du, fragte sie ihn mit den Augen, das falsche Leben im richtigen, galt auch für dich nur das eine Losungswort? Ja, sagte er mit den Augen. Weiter bauen. Frei sein für sich selbst hat keine Bedeutung. Dann gingen sie auseinander wie Komplizen, die Geheimnisse teilen und schweigen.
Ziegelauer ist er in Czernowitz nicht begegnet. Einmal noch hat er ihn gesehen, in Stögen, da war der schon ein berühmter Professor, der Schneiderhuter verschwieg, dass er, Zieglauer, sein Leben umgekrempelt hat. Der Professor hat es wohl verstanden, weil er gedaucht ging, der Mittich, er war erst 60.

Die Passagen stammen aus dem 2025 im Laurin Verlag erschienenen Roman von Waltraud Mittich »Hierorts. Bleiben« Czernowitz ist für mich das verbindende Element. Ich war 2010, 2011, 2013 und 2022 in Czernowitz. Die zwischen der Erzählung gezeigten Fotos stammen aus dieser Zeit.
Igor Pomerantsev hat seine Jugend in der Bukowina verbracht und seine Lyrik und Prosatexte erzählen davon. Waltraud Mittich hat nach der Vatersuche, »Ein Russe aus Kiew«, weiter in der Familiengeschichte geforscht. Gemeinsam mit Waltraud und Igor wurde "1000" verfasst.
Waltrauds Sprachduktus folgend zog es mich 1991 in die »böhmischen Dörfern«, hinein in die slawischen Sprachen, die mir zur dritten Haut wurden. Waltraud schreibt in italienischer und deutscher Sprache. Igor in russischer und ukrainischer Sprache. Gesprochen, gefärbt vom Dialekt klingt es anders als geschrieben. Sich die Offenheit für den inwendigen Kern bewahren: das Gefühlte, es wird vom Körper anders verwertet als vom Verstand.
Prag, 22. Juli 2025, Milena Findeis
Hierorts. Bleiben. Der Historiker und Autor Martin Haidinger im Gespräch mit Waltraud Mittich über den Roman, der sich mit Prägungen durch Herkunft, Zeitströmen auseinandersetzt. Buch Wien, 16. November 2025.
Kunstalbum Czernowitz
Kunstalbum Czernowitz
Der 362 Seiten umfassende Bildband wurde von Sergij Osatschuk und Tetyana Dugaeva, unterstützt von der Österreichischen Nationalbibliothek und dem Land Kärnten, 2017 in ukrainischer und deutscher Sprache herausgegeben. ISBN 978-617-614-185-3. Nachfolgend aus diesem Buch das Vorwort von Raimund Lang und die Einführung von Tetyana Dugaeva, Kunstwissenschaftlerin, Mitglied des Nationalen Malerverbandes der Ukraine ins Deutsche übersetzt von Vitali Bodnar.
Das Gemälde ist nichts als eine Brücke, welche den Geist des Malers mit dem des Betrachters verbindet.
Eugen Delacroix (1798–1863)
Kunst ist immer subjektiv. Sie geschieht, wie uns die Theoretiker lehren, im Kopf. Das Produkt des Künstlers, üblicherweise „Kunstwerk“ genannt, ist also nur ein Medium zwischen Schöpfer und Betrachter und „Kunstbetrachtung“ folglich die persönliche Auseinandersetzung mit einer fremden Sichtweise. Die Frage der künstlerischen Qualität muß deshalb zwangsläufig zu oft ganz gegensätzlichen Antworten führen, je nachdem welches Maß an Zustimmung, Betroffenheit, Ratlosigkeit oder Ablehnung das Artefakt auszulösen vermag. Das gilt zwar für alle Künste, doch für die optische Wahrnehmung ganz besonders, da sie uns viel unmittelbarer und konkreter begegnet als die akustische, die Musik. Die kunstphilosophische Behauptung von der Kunstgenese im Kopf bedarf somit der Ergänzung, daß sie auch vom Gefühl bestimmt wird, also im Herzen entsteht. Dem obigen Zitat des französischen Spätromantikers Eugen Delacroix von der geistigen Brückenfunktion des Bildes sei deshalb ein Diktum seines älteren Landsmannes, des Literaten Denis Diderot (1713–1784), beigefügt, der die Malerei zu einer Kunst erklärte, welche die Seele durch Vermittlung der Augen zu bewegen vermag.
Czernowitz, die „vielzüngige“ (J. V. v. Scheffel) Perle am Pruth, wird nicht ohne Grund als hochrangige sprachliche Produktionsstätte gerühmt. Aber der idiomatisch begrenzten Ausdrucksform der Sprache steht auch hier die universelle des Bildes gegenüber, der Kunst des Wortes die Suggestion des Blicks. Erstaunlicherweise liegt dieser Blick bislang im Schatten. Denn während der Czernowitzer Literatur ganze Konvolute von Anthologien und Interpretationen gewidmet sind, ist eine umfassende Darstellung der regionalen Malerei und Graphik bislang unterblieben. Somit betritt dieses Buch Neuland auf dem alten Boden – auch wenn dieses Bild vordergründig paradox klingen mag. Es widmet sich dem Vertrauten, indem es Blicke sammelt, die in solcher Vielfalt noch nie auf so kleinem Raum gebündelt waren. Zwar liegt über Czernowitz ein hervorragender Fotoband aus dem Jahre 2007 vor, doch ist dieser eine Sammlung zufälliger und kalkulierter mechanischer Momentaufnahmen. Das vorliegende Buch aber ist eine Summe Epochen überspannender Sinneseindrücke, allesamt entstanden aus der empfindenden und erwägenden Seele eines Künstlers und durch seine gestaltende Hand.

Vorwort Helmut Lang
Czernowitz genießt den Ruf der Besonderheit. Und es ist viel geschrieben worden, um deren Wesen auf die Spur zu kommen. Es ist keine Weltstadt, weder Bühne der Schönen noch Treffpunkt der Mächtigen. Seit sie sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts vom Lehmhüttendorf zur Landeshauptstadt emporgeschwungen hat, blieb ihre Pracht maßvoll, ihre Bedeutung provinziell. Was Czernowitz auszeichnet, ist seine unaufdringliche, schlichte, an manchen Stellen geradezu zweckmäßige Schönheit. Das Bild der Stadt überzeugt mehr durch seine Geschlossenheit als durch punktuelle Brillanz. Sogar das nach Anlage und Wirkung herausragende Bauwerk, die zum Weltkulturerbe erklärte Residenz, fügt sich eher zurückhaltend in das Gesamtbild ein, rundet es ab, ohne es zu beherrschen. Um das Besondere dieser Stadt zu begreifen, muß man um ihre Genese wissen. An einer europäischen Schnittstelle gelegen, wurde sie durch die Jahrhunderte zu einem ein Ort der Völkerbegegnung. Es ist wohl mehr ein gnädiger Zufall der Geschichte, als das Ergebnis planvoller Siedlungspolitik, daß hier langfristig nicht Völkerstreit dominierte, sondern Vielfalt auf engem Raum entstand, die zur Einheit wurde. Von dem runden Dutzend der hier zusammenlebenden Nationen war keine groß und stark genug, um sich über andere zu erheben. Die pragmatische Konsequenz daraus war das friedliche Nebeneinander, das vielfach auch ein Miteinander war und eine Atmosphäre entstehen ließ, die gleichermaßen duldsam wie fruchtbar war.
Deshalb werde ich nicht müde werden zu betonen, daß Czernowitz eben keine deutsche Stadt war, auch keine jüdische und keine rumänische, weder ruthenische noch polnische. Sie hatte von allem, und das machte sie besonders. Historisch wäre am ehesten der Sammelbegriff „österreichisch“ anzuwenden, denn er subsumiert diese Vielfalt. Czernowitz, das war das vorübergehend erfolgreiche Praktikum einer letztlich gescheiterten Idee, nämlich jener vom völkerreichen Donaustaat. Und sie war als binneneuropäische Konzeption wesentlich weiter gediehen, als die fragilen Konstrukte unserer europapolitischen Gegenwart.
Derlei Gedanken dürfen uns beschäftigen, wenn wir mit wachem Auge durch Czernowitz promenieren, durch die Menge der Tafeln und Denkmäler aus verschiedenen Perioden und zwischen den oft unkommentierten Jahreszahlen, die Anstoß für Assoziationen geben. Bei alledem ist aber entscheidend, diese Stadt als etwas organisch Gewachsenes zu verstehen und nicht allein als Relikt überwundener Herrschaftsstrukturen. Eines fügte sich zum anderen und gehört folglich dazu, ob Bild oder Text, ob Zweck oder Schmuck. Die Stadt ist vornehmlich ein Ort zum Leben und dient erst in zweiter Linie der Repräsentation. Und wie die Menschen, die sie durch all die Zeitläufe haben wachsen lassen, trägt sie Schrammen und Schminke, zeigt sie sich strahlend und düster, vereint sie Noblesse und Tristesse. Denn der Puls der Stadt schlägt nicht nur auf dem Ringplatz und in der Herrengasse, sondern ebenso in den Gemüsegärten und Kastanienalleen, zwischen Marktbuden und Balkonen, in den beschatteten Parks und den verrotteten Hinterhöfen.
Es ist das Charisma des Künstlers, all das spürbar werden oder zumindest ahnen zu lassen. Sein Blick geht über das Erkennbare hinaus, er berichtet von Erlebtem und Erfühltem, die dem Sichtbaren eine ganz persönliche Gestalt verleihen. Wenn zwei dasselbe Objekt betrachten, so können zwei gänzlich unterschiedliche Bilder entstehen – das ist der Reiz der Kunst, und das ist auch ihr Geheimnis.
Vielgestaltig wie die Stadt ist folglich auch dieses Buch. Es ist stadtgeschichtlich genauso interessant wie stilgeschichtlich, ist kalligraphisch wie topographisch und biographisch. Ich habe unter all den Bildern meine Favoriten gefunden, aber auch manche, die mich eher verstören. Das bedarf keiner näheren Darlegung, denn jeder wird als Betrachter des Betrachteten eigene Empfindungen hervorbringen und damit neuerlich zum produktiven Interpreten.
Mehr als hundert Maler und Zeichner haben zu dieser grandiosen Sammlung beigetragen. Es ist unmöglich, sie alle zu nennen und zu werten – man muß ganz einfach nur schauen und schauen ... Wer Czernowitz kennt und liebt (und das liegt meist nahe beieinander), wird von dieser überraschenden Fülle gefesselt sein. Noch nie hat man diese Stadt so intensiv, weil so „vieläugig“ betrachten können. Das Blättern durch diese Seiten ist wie ein Spaziergang durch ein Wunderland, das auf denselben Wegen immer wieder neue Blicke auftut. Reale Existenz und persönliche Anschauung sind zwei gegenüberliegende Ufer, und dieses Buch ist ein Brückenkopf zwischen Gestalt und Wahrnehmung.
Helmut Lang
Einführung Tetyana Dugaeva

In dem Band „Czernowitz“ wird die Ikonografie der Stadtlandschaft von Czernowitz vom 19. bis zum 21. Jahrhundert vorgestellt. Darin wird die Entwicklung der urbanen Landschaft von den malerischen Architektur-Reisen von Topografen der längst vergangenen Zeit bis zu den lyrischen Betrachtungen und konzeptuellen Deutungen des Stadtlebens durch zeitgenössische Künstler nachgezeichnet.
Das Buch enthält Werke von mehr als 120 Künstlern aus Czernowitz und anderen Orten der Ukraine sowie aus einigen anderen Ländern. Die Werke unterscheiden sich in Bezug auf die Zeit ihrer Entstehung und auf die Form der Realisierung. Eine Reihe von Stadtportraits stellt auf einprägsame Art und Weise die einzigartige Architektur der alten Stadt vor. Gleichzeitig machen diese Abbildungen möglich, die ganz spezielle Stimmung von Czernowitz wahrzunehmen, die von den Künstlern wiedergegeben und gleichzeitig geschaffen wird. Die Publikation richtet sich an heutige und künftige Leser.
Die ersten Stadtlandschaften von Czernowitz entstanden aus der Hand von reisenden Meistern Anfang des 19. Jahrhunderts. Ein Panoramabild der Gegend am Pruth schuf der bekannte Kartograf aus dem deutschen Würzburg Eduard Greipel. Er ist Autor des Aquarellbildes „Czernowitz. Ansicht von Norden“ (um 1823). Dieses Bild gibt nicht nur realitätsnahe Umrisse der Stadtbauten wieder, sondern verzaubert auch durch die morgengrüne Stimmung der Komposition aus Hügeln und Flusswindungen, die vom gemächlichen Stadtpanorama überragt wird. Der Autor zeigt seine Begeisterung über die lokalen Einwohner und fügt Genreszenen in das Bild ein: Menschen am Floß mit Fässern, ein Fischer am Flussufer oder ein Wagen mit einem Gehilfen auf der altertümlichen Schwimmbrücke.
Im Anschluss an seine Reise brachte der Maler aus Lemberg und Absolvent der Wiener Akademie der Bildenden Künste Antoni Lange das Landschaftsbild „Ansicht von Czernowitz mit der Schiffsbrücke über den Pruth“ (um 1810, Lithografie, getont nach 1823) hervor. Diese Arbeit ist voller Lyrik, Durchsichtigkeit und Zartheit und gibt ein für ihn sehr typisches Beispiel der Idealisierung von Natur, starrer Darstellung von Menschengestalten und seinem Streben, topografische Besonderheiten wiederzugeben. Eine hochqualitative Lithografie dieser wahrscheinlich ältesten Darstellung der Stadt wurde 1823 in der Werkstatt von Piotr Piller in Lemberg hergestellt.
Das Buch von Theophil Bendella „Die Bukowina im Königreiche Galizien“ mit Bildern von J. Schubirß bildet eine wertvolle Quelle für das Studium der frühen Ikonografie von Czernowitzer Stadtlandschaften. Diese Rarität von 1845 ermöglicht tiefe Einsichten in die zentralen architektonisch-künstlerischen Merkmale der Stadtlandschaften des damaligen Czernowitz. J. Schubirß hinterließ eine Reihe von Arbeiten, die das Stadtbild dokumentieren: von der Landschaft mit der alten Jochbrücke über die „Ansicht von Czernowitz von Norden“ bis zu den einzelnen Gebäuden. Ein Beispiel ist die Abbildung der einem Wohnhaus ähnelnden landesfürstlichen Kirche Maria Himmelfahrt (um 1840, Lithographie), die am Hügel neben dem Türkischen Brunnen und später neben dem Kursalon im 1830 angelegten Volksgarten stand.
Zur selben Periode gehört auch das idyllisch anmutende Pastoralpanorama von A. Malchus. Durch die Abbildungen von nicht mehr existierenden Bauten und früheren Landschaften werden diese Werke zu bedeutenden künstlerischen und historischen 16 Dokumenten. Die Betrachtung dieser Bilder wird zum emotionalen Erlebnis der Bewunderung, zum Beispiel einer alten Pfahlbrücke oder eines längst verschwundenen Parkbades mit Säulen, das einst einen Czernowitzer Park zierte.
Spannende Beispiele der sukzessiven Entwicklung der Stadtlandschaft zu einer selbstständigen Kunstgattung liefern Werke einiger Czernowitzer Maler, wie zum Beispiel des Kartografen Anton Ritter von Borkowski, des Gymnasium-Lehrers Franz Emery oder von Johann Riebauer, der als Lehrer an einer Gewerbeschule tätig war. Ihre Werke aus den 1830er bis 1870er Jahren verkörpern die Intention, das architektonische Antlitz von Czernowitz rund um das Zentrum des urbanen Lebens am Ringplatz nachzuzeichnen, wo bereits damals das Rathaus das neue Gesicht der Stadt prägte. Damals standen auf diesem zentralen Platz weder der elegante Turm des historischen Gebäudes „Drei Kronen“ noch das architektonische Juwel des 20. Jahrhunderts, die Bukowinaer Sparkasse (heute Kunstmuseum).
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Landschaften mit Menschengestalten, die in Gespräche vertieft unaufdringlich in Szene gesetzt werden. Sie repräsentieren Stadtcharaktere mit ihren Interessen, Konflikten und ihrer Heiterkeit. Bei der genauen Betrachtung der dargestellten Menschen kann man in Anton Borkowskis Bild auch sein Selbstporträt beim Malen entdecken („Czernowitz. Ringplatz“, um 1854). Borkowskis Studien der Alltagsszenen mit Musikern oder Schauspielern stellen eine lebendige Quelle für die Erforschung des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens sowie der Kulturlandschaft dar. In diesen Jahren wird der Rahmen der Czernowitzer Urbanistik durch die Landschaftsmalerei erweitert.

So wird bei Franz Xaver Knapp, dem keine protokollartige Festhaltung der städtischen Umwelt nachgesagt werden kann, die Architektur in ihrer Verbundenheit mit Natur und Genreszenen präsentiert. In diesem Zusammenhang ist eine seiner Landschaften, „Ansicht von Czernowitz“ (um 1860), zu sehen, in der die Stimmung einer Czernowitzer Gesellschaft bei einem Ausflug in die Natur sinnenfreudig wiedergegeben wird. Die Vitalität des Bildes wird durch das statische Panorama im Hintergrund und die Dynamik im Vordergrund kontrastiert. Zu den prägnantesten Arbeiten von Knapp gehört eine Reihe seiner weiträumigen Sujets mit figurenreichen Darstellungen von Ringplatz, Straßen und Tempeln. Ein Beispiel dafür ist die poetische Abbildung des vom Schnee bedeckten Czernowitz („Wasserweihe am Jordansfeste beim Türkenbrunnen“, um 1860). Knapps Werke zeichnen auf einmalige Art und Weise die Ereignisse nach, die Czernowitz damals bewegten und deren Zeuge er war (z. B. „Der Brand von Czernowitz am 21. August 1859“, „Der Abend des 20. Juni in Czernowitz“). Einige urbane Motive der Landschaften dieses Künstlers stellen Gärten und Parks der Stadt dar.
Die 1867 in einem Bildband veröffentlichten Aquarellbilder des Volksgartens bereichern unsere Vorstellungen über die Architektur von Czernowitz und werden zum wertvollen Dokument mit Informationen über einige bereits verschwundene Bauten und Parkalleen. In der Geschichte der urbanen Landschaftsmalerei von Czernowitz wird das Jahr 1867 durch das Entstehen eines neuen architektonischen Motives gekennzeichnet, das mehrere Generationen von Künstlern beeinflusste. Es geht um die künftige erzbischöfliche Residenz und zahlreiche Aquarelle des tschechischen Architekten Josef Hlavka, der als Autor dieses – später zu einem Wahrzeichen der Stadt avancierten – Gebäudekomplexes bekannt geworden ist. Dazu gehören vor allem seltene Darstellungen wie das „Seminargebäude mit der Seminarkirche der drei Theologen“, „Der Synodensaal“ und „Die St.Johannes-Kapelle und das Klostergebäude“. Die Aquarelle von Josef Hlavka werden durch die schlanke Präzision und Feinheit, durch die Ganzheitlichkeit der Farbgebung und die Dokumentalität geprägt. Der Autor gibt nicht nur das äußere Bild einzelner Bauten auf makellose Weise wieder, sondern bildet in beindruckender Manier den historisch einzigartigen Charakter einzelner Bauten der Residenz ab, welche die unnachahmliche Besonderheit der Bukowiner Hauptstadt unterstreichen. Auffallend ist die wundervolle Energie dieser Werke, die das Gefühl von Unendlichkeit und Tiefe hervorruft. Diese Aquarellbilder wurden auch von Zeitgenossen hoch geschätzt. So hielt beispielsweise der Architekt Hans Auer ein Werk von Josef Hlavka, das auf der Wiener Weltausstellung 1873 präsentiert wurde, für eine technisch hervorragende Skizze des Interieurs der Czernowitzer Residenz.
Unschätzbar sind auch die Darstellungen der Innenräume der Residenz, die durch den Brand 1944 teilweise zerstört wurden. Vor allem geht es hier um das äußerst seltene Bild „Die St.Johannes-Kapelle“ des bekannten Malers Carl Jobst, der in den 1860er Jahren vor allem Sakralräume bildlich gestaltete. Dank ihm haben wir die Möglichkeit, die Innenausstattung der auf tragische Weise verloren 17 gegangenen Hauskapelle der Erzbischöfe kennenzulernen. Beeindruckend sind auch spätere grafische Kompositionen von Karl Siegl, in denen der Autor mit außerordentlicher Virtuosität die Größe des Synodalsaals und der Seminarkirche wiedergab. Die erzbischöfliche Residenz der Metropoliten der Bukowina, die wahrscheinlich erstmals von Josef Hlavka abgebildet wurde, zieht Maler mehrerer Generationen an, da ihr Motiv zum fixen Bestandteil der Czernowitzer Landschaftsmalerei geworden ist.
Zwischen der zweiten Hälfte des 19. und den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind wunderbare Einzelbilder und Illustrationen dieses architektonischen Ensembles entstanden. Dazu zählt Grafik von Johann Kirchner, Augusta Kochanowska, Rudolf Bernt, Julius Helzel, Eugen Maximowicz, Riccardo Righetti und Leon Kopelman. Die vertrauten Umrisse der Residenz finden sich auch auf den damals verbreiteten Panoramabildern von Czernowitz. Die in diesem Band abgebildeten architektonischen Landschaften von Franz Xaver Knapp, Ladislaus Żurkowski und Riccardo Righetti machen es möglich, eine Art Chronik der Stadtentwicklung nachzuzeichnen. Die protokollarische Realitätsnähe verleiht diesen Bildern nicht nur den Dokumentationscharakter, sondern stellt oftmals eine bewegte Geschichte dar.
Die zweiteilige Komposition „Die neue Universitätsstadt Czernowitz in der Bukowina“ ist ein mit Begeisterung erfülltes Beispiel dafür. Diese Gravur wurde gemeinsam mit dem Czernowitzer Fotografen Anton Kluczenko geschaffen. Lyrisch und märchenhaft mutet die üppige schneeweiße Landschaft des winterlichen Czernowitz von Johann Kirchner an („Czernowitz“ – eine Illustration im Reiseführer von A. Heksch, W. Kowszewicz, herausgegeben 1882 in Wien). Eine bedeutende Rolle in der Entwicklung der Czernowitzer Landschaftsmalerei und des Stadtpanoramas spielen unter anderem die Veröffentlichungen zur Geschichte der Bukowina und ihrer Hauptstadt.
An der Entstehung solcher Werke wie „Die österreichischungarische Monarchie in Wort und Bild“ sowie einiger namhafter Arbeiten von Raimund Friedrich Kaindl, Тheophill Bendella, Аnton Nussbaum, James Baker etc. waren mehrere Illustratoren beteiligt, darunter die Czernowitzer Maler Franz Emery, Аnton Borkowski, Аugusta Kochanowska, Eugen Maximowicz, der Architekt Karl Adolf Romstorfer sowie Künstler wie Donald Maxwell, А. Kail, Rudolf Bernt, Julius Zuber, Theodor Ehrmanns, Аnton Kaindl, Hugo Charlemont und andere.
Wenden wir uns wieder den Bildern von Czernowitzer Plätzen, Märkten, Straßen und einzelnen Gebäuden zu, so stellen wir fest, dass neben den oben bereits erwähnten Künstlern auch andere diese Motive nutzten: Karol Mlodnicki, Erich Grüner, Riccardo Righetti und später Otto von der Wehl und Moritz Krynits. Als unvergessliche architektonische Werke bleiben Czernowitzern auch Kirchen Darstellungen von Josef Hlavka, Stanislaw Kobielski (Bisanz) (Armenische Kirche), Hugo von Rezori und Karl Adolf Romstorfer (Kirche in Horecza), Franz Emery, Rudolf Bernt, Franz Xaver Knapp (St. Paraskieva-Kirche, griechisch-orientalische Kathedrale), Jacob Eisenscher (Alte Synagoge) in Erinnerung.
Beliebt sind auch Motive der Czernowitzer Plätze, die in ihrer Rolle als Mitte des Stadtlebens während diverser Feierlichkeiten dargestellt werden. So auch in der informativen vielfigurigen Komposition des österreichischen Meisters der historischen Malerei Vinzenz Katzler „Die Festlichkeiten in Czernowitz“ (anlässlich der Eröffnung des Austria-Denkmals auf dem Austria Platz, heute Soborna Platz) und in der Arbeit von Johann Riebauer „Der Festzug zur Doppelfeier am 4. Oktober 1875“ (Festivitäten auf dem heutigen Zentralplatz aus dem Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Eingliederung der Bukowina zu Österreich und der Gründung der Universität). Die fröhlich-romantische Stadtlandschaft von Tadeusz Popiel stellt das abendliche Czernowitz im Licht des Feuerwerkes dar. Das Bild dieses Meisters aus Lemberg „Empfang des Kronprinzen Rudolf bei der Ehrenpforte in Czernowitz“ (1877) ist dem im Titel genannten Ereignis gewidmet.
Die zentralen Plätze von Czernowitz waren auch die Orte, die Menschen während historischer Ereignisse des Ersten Weltkrieges anzogen. Diesem Thema sind mehrere Bilder gewidmet. Der Militärmaler F. Höllerer wurde durch seine Serie von Postkarten für das österreichische Rote Kreuz bekannt. Zu den zahlreichen Kampfszenen mit den Siegesdarstellungen des österreichischen Heeres gehört auch eine Komposition mit der Unterschrift des Künstlers (“FH”), die den Einmarsch der österreichischen Kavallerie auf dem Zentralplatz thematisiert („Einzug unserer Truppen in Czernowitz“, Postkarte von 1915). An diese Zeit erinnert auch eine rare Lithografie mit der Signatur des Autors, die die zerstörte Eisenbahnbrücke über Pruth in Czernowitz zeigt. Es stellte sich heraus, dass der ungarische Maler 18 und Autor gleichartige Darstellungen von 18 weiteren zerstörten Brücken von Béla Kron zeichnete. Das Bild sehen wir auf einer Postkarte von 1914, einer der vielen patriotischen Postkarten, für die Bilder von Frontmalern verwendet wurden.
In Friedenszeiten war der Zentralplatz ein beliebter Ort für Spaziergänge und Geschäftstreffen. Nach den Arbeiten vom Ende des 19. Jahrhunderts zeigten auch spätere Landschaften von Czernowitz Elemente der Stadtkultur. Das Äußere von Stadtbewohnern, ihre Unterhaltungen, Gestik und Umgangsformen hielten markante Kriterien ihrer Lebensgeschichten fest und wurden von Künstlern gerne und genau wiedergegeben. Eine solche Ausführung bietet der Czernowitzer Berthold Klinghofer in seiner Arbeit „Czernowitz. Ringplatz“ (1911). Dieses Werk mit der Signatur des Autors wurde in einer Kopie von Viktor Volkov 2005 wiederholt, wobei der Vordergrund verändert und einige neuen Figuren, z.B. eine Frau mit Kind, hinzugefügt wurden. In den 1920er und 1930er Jahren verstärkte sich das Interesse an urbanen Motiven mit den Bewohnern von Czernowitz.
So bekommen wir beispielsweise in den Werken von Isiu Schärf, Jacob Eisenscher, Riccardo Righetti oder Karl Ewald Olszewski die einmalige Atmosphäre zu spüren, in der verschiedenen Bevölkerungsschichten damals lebten. Eines der Lieblingsthemen waren Märkte. In diesen Kompositionen wurden Szenen nachgezeichnet, welche die für Czernowitz charakteristische ethnische Vielfalt erkennbar machen. Verliebt in das lebhafte Treiben der Menschenmenge erzählt Oskar Laske in seiner Serie von Stadtporträts über die Bewohner von Czernowitz. Besonders deutlich sind sein Können und seine Beobachtungsgabe in den Aquarellen mit malerischen Darstellungen von belebten Marktplätzen zu spüren, denen der Künstler mit dem ihm eigenen Humor auf expressive Weise einen witzigen und manchmal satirischen Charakter verleiht („Czernowitz. Unirea-Platz mit Rathaus“, „Jüdischer Tempel in Czernowitz“, „Rathausplatz von Czernowitz“).
Dieses Thema finden wir in Werken von Julius Zuber, Karol Mlodnicki, Ladislaus Żurkowski und Eugen Maximowicz. Georg Löwendal setzte es in seiner Serie von Genrebildern mit den Skizzen der Stadtmärkte samt einprägsamen Porträts der Bewohner der Stadt und ihrer Umgebung fort. Mit den meisterhaften kubistischen Kompositionen der grotesk anmutenden Wandmalerei im Kaffeehaus „Astoria“ bringt Georg Löwendal neue Facetten in die Darstellung der Eigentümlichkeit der Stadt und der Freizeit ihrer Bewohner ein.
In der modernen Kunst des beginnenden 20. Jahrhunderts sticht das Thema der Architektur auch in der Grafik von Leon Kopelman „Eislaufplatz in Czernowitz“ sowie in der stilistisch raffinierten Arbeit von Artur Kolnik „Czernowitz. Stadtmotiv“ (um 1922) heraus, deren urbane Landschaften eine so verblüffende wie wertvolle Seite ihrer Malerei darstellen.

Einen traurigen Widerhall in der Czernowitzer Stadtlandschaft fand der Zweite Weltkrieg, dessen Beginn im Bild des Zeitzeugen dieser Ereignisse Arno Ed „Tempel in Brand“ festgehalten wird. Kurz darauf wurde der Maler mit seiner ganzen Familie im Ghetto eingesperrt und später in einem Konzentrationslager Transnistriens gequält. Eines der ergreifenden Werke zu diesem Thema stellt die Komposition von Arnold Daghani dar, die vor der Deportation seiner Familie in das Lager Michajlovka 1942 entstand. Bemerkenswert ist die bildliche Interpretation der Ereignisse in der Stadt durch ihre Einbettung in einen Innenraum: Der Künstler stellt seine Frau in einer Wohnung dar, wo sie angespannt aus dem Fenster schaut. Die intensive Ausdruckskraft der Frauengestalt betont wirkungsvoll ihre Besorgnis und ihr akutes Gefühl der drohenden Gefahr auf den Straßen von Czernowitz. Durch einen solchen Bildaufbau mit dem Innenraum gelingt es dem Künstler, den Vordergrund zu veranschaulichen, vor dem die tragischen Ereignisse in der Stadt stattfanden. Dieses nur scheinbar einen Innenraum darstellende Bild kennzeichnet nicht nur Veränderungen im Privatleben seines Autors, sondern auch grundlegende Brüche im Leben der Stadt und ihrer Bewohner. Dramatische historische Wendungen trugen zu weiteren Veränderungen des Stadtbildes bei.
Zwei Jahre später entstand das Bild „Einmarsch der Roten Armee in Czernowitz“ des Czernowitzer Malers Kornelij Dzerzhyk. Diese Stadtlandschaft war eines der ersten Werke historisch-militärischer Ausrichtung der damaligen Zeit, überladen mit dem sowjetischen Pathos. Gleichzeitig setzte Leon Kopelman in den 1940er Jahren die urbane Thematik kontinuierlich fort. Zu bemerken ist, dass es einige von ihm dargestellte Bauten aus der Vorkriegszeit nicht mehr gibt, zum Beispiel die Evangelische Kirche. In den zahlreichen Darstellungen schenkte der Künstler seine Aufmerksamkeit nicht nur den alten Baudenkmälern, sondern auch den morschen Bauernhäusern und Bruchbauten am Stadtrand 19 (Aquarell und Öl). Seine Malweise änderte sich: Expressive Form und Stilisierung wurden von der realistischen, durch bedächtige Lässigkeit gekennzeichneten Wiedergabe der städtischen Umgebung abgelöst. Landschaften dieser Art und spätere Hinwendung des Malers zu den mit dem Stadtbild abgestimmten Interieurs trugen die Zeichen der Zeit in sich und boten Zuflucht von der Arbeit an thematischen Bildern.
Die Kunst allgemein war damals immer stärker ideologisch beeinflusst. Die Epoche des ‚sozialistischen Realismus‘ brach an, auch im Bereich der Architekturlandschaft. Bezeichnend für diese Periode ist das in charakteristischen, pathetisch-munteren Tönen gehaltene Panorama von Czernowitz aus dem Jahr 1951 („Nach dem Regen“). Dieses Bild von Mykola Sowjetow wurde zu einer der ersten uns bekannten Ansichten vom Czernowitz der Nachkriegszeit, die die Tradition des 19. Jahrhunderts fortsetzten. Die urbanistische Malerei des ‚sozialistischen Realismus‘ wurde verstärkt durch die politische Realität jener Zeit geprägt. Auf diese Weise wurde das Interesse an Themen wie Industrielandschaften, Neubauten und Erholung der Werktätigen erklärt. Diese Themen finden sich insbesondere in den Werken von Sergij Chochalev, Leon Kopelman, Mychajlo Vilkov, Mykola Bondarenko und später von Valerij Kozlov und anderen Künstlern, die im System des sogenannten Bilderfonds tätig waren, von wo sie Aufträge bekamen.
Klarerweise konnte die Landschaftsmalerei nicht mit solchen patriotischen gesellschaftlichen Themen wie Lenin oder Revolutionsgeschichte konkurrieren. In den ersten Nachkriegsjahren war das Ansehen der Urbanisten unter den Malern nicht besonders hoch und ihre Arbeit stieß auf kein Wohlwollen. Gleichzeitig waren Gebirgslandschaften der Bukowina in den Werken von Moritz Krynits, Beklemischew, Elaida Neuman und Odarka Kyselytsja, Tschudinov, Volodymyr Sanzharov, Mischyn, und Mykola Bondarenko in Landesausstellungen immer präsent. Aber auch diese ideologisch neutralen Arbeiten wurden besonders in den 1950er bis 1980er Jahren mit wirtschaftlichen oder militärischen Themen pathetisch überladen.
Mit der Zeit änderte sich auch das architektonische Antlitz von Czernowitz, das durch die veränderte Lebensweise seiner Bewohner neue Züge erhielt. Das betrifft vor allem die Neubauten außerhalb der Stadtmitte. Die historische Altstadt blieb jedoch bei den Künstlern der Sowjetzeit ein beliebtes Motiv. Es eröffnete nicht nur die Möglichkeit, emotionale Empfindungen der Stadt darzustellen (Grigorij Vasiagin, Rudolf Lekalov, Volodymyr Symaschkewytsch, später Ivan Klets), sondern bot auch Gelegenheit zur künstlerischen Auseinandersetzung mit der Form. Äußerst klarer Stil, durch dynamische einzelne Pinselstriche entstehende Oberflächenstruktur, offene farbliche Lösung und Zierlichkeit kennzeichnen Stadtbilder solcher Künstler wie Elaida Neuman (Reihe „Meine Stadt“) und Moritz Krynits („Türkenbrücke“, „Gasse“).
In den 1960er und 1970er Jahren arbeitete in Czernowitz der Maler Jewgen Udin. Seine Arbeiten im Bereich der Landschaftsmalerei gewinnen immer mehr an Bedeutung als historische Dokumente. Die zahlreichen Zeichnungen neuer Stadtbezirke und Straßenszenen werden durch große Liebe zum Detail charakterisiert. Seine gefühlvollen Stadtpanoramen und architektonischen Kompositionen mit Darstellungen traditioneller historischer Bauten von Czernowitz stellen wertvolle künstlerische Beiträge dar. In seinen Erinnerungen beschreibt der Künstler ein Detail, dass für die Zeit des autoritären Regimes typisch war: Künstler, die auf den Straßen der Stadt nach der Natur malten, fielen auf und mussten Fragen der Polizei beantworten. Nach einigen solchen Befragungen war Jewgen Udin gezwungen, sich einen offiziellen Ausweis eines freischaffenden Mitarbeiters der Zeitung „Radjanska Bukowyna“ („Sowjetische Bukowina“) zu besorgen. In dieser Zeitung wurden oft zeitgenössische Bilder von Czernowitz seines Bruders Jurij Udin sowie eines anderen Künstlers, Mychajlo Moldovan, veröffentlicht. Diese Bilder stellen eine wichtige Quelle für das Studium der damaligen Landschaftsmalerei der Stadt dar.
Darüber hinaus entstand eine Reihe interessanter Arbeiten in den Werkstätten von jungen Künstlern: Volodymyr Symaschkewytsch, Oleksandr Litvinov, Josef Minskyj und andere. Für ihre Landschaften waren vereinfachte Stilformen und klare Verzierungen charakteristisch.

Bronislav Tutelman (geb. 1950), Czernowitz Weisse Landschaft (Aus dem Zyklus “Nicht kommunikationsfreudige Städte”) 1984, Leinwand
Die innovativen Werke von Shimon Okschtejn, Bronislav Tutelman, Petro Hrytsyk hielten keinen Einzug in die Ausstellungen, da ihr weltanschauliches Konzept nicht in den allgemeinen Rahmen der offiziellen Kunst des damaligen brutalen Zwangssystems hineinpasste. Die Stadtansichten bekamen in ihren Werken einen besonderen Touch. Bei Okschtejn bildet Czernowitz einen außergewöhnlichen urbanen Raum mit unnachahmlichem Inneren und eigenem Geist. Der in der Stadt fest verwurzelte Maler Bronislav Tutelman präsentiert 20 seine künstlerische Identität mit Erinnerungsmetaphern und Abbildungen von Motiven, die im Verschwinden begriffenen sind. Mit der Zeit veränderte sich Tutelmans künstlerische Ausdrucksweise von malerisch-expressiven Darstellungen seiner Lieblingsmotive mit den Straßenbahnen von Czernowitz bis zu assoziativen Linienkompositionen mit überkreuzten Pfeilern, Drähten, Pflastern und Röhren etc.
Verblüffend ehrlich ist in seinem Schaffen Oleksandr Weißmann, dessen urbaner Malerei epischer Charakter und starke Beobachtungsgabe eigen sind. Einige seiner Bilderreihen sind von nostalgischen Tönen und Gefühlen der Wärme zu seinem Czernowitz erfüllt. Petro Hrytsyk vermittelt seine Beziehung zur Stadt und somit zum damals vorherrschenden ideologischen Diktat durch Auseinandersetzung mit den Interieurs geschlossener Räume, wo der Bezug zu Ort und Zeit verloren geht. Ein Beispiel dafür ist das im dichten Grün gehaltene Bild im Bild „In der Malerwerkstatt“ (1974). Das Fenster stellt hier eine Grenze zwischen seiner persönlichen Welt und Czernowitz mit seiner ihm gegenüber feindlich eingestellten Gegenwelt der Ablehnung und Verständnislosigkeit dar. Die Aussicht hinter der Fensterscheibe ist kaum wahrnehmbar. Diese Komposition mit der Horizontlinie wird auf der gerahmten Leinwand wiederholt, die daneben am Boden liegt. Somit erhält die auf diese Weise markierte imaginäre Landschaft hinter dem Fenster im Zusammenhang mit der gleichen Darstellung auf der Leinwand eine symbolisch-konzeptuelle Bedeutung.
In den 1970er Jahren entstanden erste Werke des zeitgenössischen Künstlers Orest Kryworutschko, der im Laufe der letzten Jahrzehnte mehrere interessante Arbeiten im Bereich der urbanen Landschaftsmalerei schuf. Filigrane Kompositionen und Bilder einzelner Baudenkmäler helfen, seine Sicht der Stadt besser zu verstehen. Grafik und urbane Malerei dieses Ausnahmetalentes stellen eine unvergleichliche Chronik des architektonischen Antlitzes von Czernowitz und seiner besonderen Ausstrahlung dar, wozu der Maler selbst einiges beigetragen hat. Das Oeuvre von Orest Kryworutschko, sein sensibler Umgang mit den Bauwerken und mit dem kulturellen Erbe der Stadt bereichert im besonderen Masse das Genre der Stadtlandschaften durch die künstlerische Auseinandersetzung mit der Blütezeit und mit der Gegenwart von Czernowitz.
Das einzigartige Klima der Czernowitzer Architektur zieht nicht nur die Stadtbewohner, sondern auch Künstler aus anderen Städten und Ländern in seinen Bann. Im Laufe der Geschichte entwickelte sich eine lange und feste Tradition, die Stadt am Pruth zu besuchen, um sich beim Spazieren Inspiration für die eigene Arbeit zu holen. Besonders gerne besuchen Maler Czernowitz anlässlich traditioneller Kunsttreffen.
In den 2010er Jahren nahmen an solchen Treffen Maler aus mehr als zwölf Städten der Ukraine teil. In Erinnerung bleiben Werke von Bohdan Makarenko, Valerij Kozub, Wira Warwjanska, Andrij Koptschak, Natalia Lissova, Kateryna Rudakova, Anna Suscharnyk, die einen wichtigen Beitrag zur Czernowitzer Urbanistik leisten.
Mit Nostalgie denken an die Stadt Künstler zurück, die derzeit woanders leben, wie z.B. Marysja Rudska aus Kyiv oder Anna Rosenblat und Merle Kastner aus Kanada. Gleichzeitig werden Stimmen von digitalen Künstlern immer lauter, die zeitgenössische Kunstformen entwickeln. Czernowitzer Landschaften von Midori Harada aus Japan und Valentyn Bukovynets aus Russland strahlen lebhaftes Interesse und Begeisterung für die Stadt aus.

Die Darstellung von Czernowitz ist auch eines der wichtigen Themen von Oleg Lubkiwskij. In seiner aktuellen Bilderreihe bringt der Autor seine Sorge um die Veränderungen in der ehemaligen Hauptstadt der Bukowina zum Ausdruck, die dazu führen können, dass die Stadt zu einer provinziellen Ruine wird. Der Stadtgeist in den Werken von Lubkiwskij wird durch die hyperrealistischen Detaildarstellungen von durch Zeit und Menschen entstellten Verzierungen, verzerrten österreichischen Haustoren, Zäunen und Keramikfliesen reflektiert. Der Künstler verschärft den Blick auf die Problematik durch eine gehörige Portion an Ironie, mit der Widersprüche zwischen dem heutigen Zustand der Bauten und ihrem ursprünglichen Aussehen betont werden. Die Visualisierung dieser Widersprüche scheint für den Künstler ein Mittel zu sein, um sowohl seiner Besorgtheit um das Erscheinungsbild der Stadt Ausdruck zu verleihen, als auch die Marginalisierung des Stadtraumes zu überwinden.
Czernowitzer Urbanisten von heute haben ein eigenes Kunstverständnis. Sergij Kolisnyk pflegt auf interessante Art und Weise den Stadtmythos. Seine Temperabilder mit verhaltener Farbenpalette präsentieren ungewöhnliche Facetten von Czernowitz. Konzentriert, fokussiert auf das Wesentlichste, zeigt der Künstler die verborgene stille Stadt in ihrer manchmal mystischen Distanziertheit. In einigen zeitgenössischen Darstellungen der Lieblingsplätze und -straßen von Künstlern mit Wohnhäusern und Sakralbauten werden ihre 21 lyrischen Gefühle zum Ausdruck gebracht. So wird das Gelände der Universität und ihrer Bauten bei Anatolij Lymar als ein Ort dargestellt, wo Czernowitzer Kinder rodeln und der für das ganze Leben als ein Platz wunderbarer Kindheitserinnerungen im Gedächtnis bleibt.
In der poetischen Interpretation von Ivan Balan erscheinen die das Stadtbild beherrschenden Bauten als eine gerade weiße Säule an der Kapelle des Hl. Johannes („Herbstelegie“). Ihor Jurjev schafft klare architektonische Bilder auf expressive und temperamentvolle Weise, die für sein künstlerisches Schaffen typisch ist. Weiche Umrisse des Theaters für Musik und Drama stehen im Kontrast zur Größe der Kathedrale des Heiligen Geistes, deren massive Details mit plastischen Spachtelstrichen geformt sind.
Dank ihrer Vorstellungskraft schaffen Gennadij Horbatyj, Olexandr Harmider, Ludmyla Bohdan und Olena Mychajlenko spannende Stadtbilder mit urbanen Strukturen von unbegreiflicher Lebensenergie. Das symbolische Gesamtbild von Czernowitz bekommt spannende Facetten in den Werken von Orest Kryworutschko (Skizze zur Wandmalerei „Stadt“), Valerij Ionizoj (Platte „Czernowitz“), Sergij Majdukov („Czernowitz. Die beste ukrainische Stadt 2008“) und Alexander von Reden (Grafikreihe Baudenkmäler).
Ende des 20. bis Anfang des 21. Jahrhunderts wenden sich Czernowitzer Künstler ganz in alter Tradition dem Stimmungsbild der Stadt mit verschiedenen Straßenszenen, Gruppen von Stadtbewohnern, Verkehrsmitteln, Stillleben-Elementen, Porträts, Interieurs und Landschaften hin. Parks bilden aufregende ästhetische Elemente des Stadtbildes und schaffen emotionalen Ausgleich durch die Darstellung der Natur. Dieses Thema kommt in den Werken verschiedener Epochen vor: von Franz Xaver Knapp und Antoni Stefanowicz im 19. Jahrhundert bis Grigorij Vasiagin („Allee“), Valerij Hnatjuk („Czernowitz. Die Olga-Kobylianska-Strasse“) und Volodymyr Krasnov („Hlavka-Denkmal im Park der Universität von Czernowitz“) in den 2000er Jahren. In einem Werk von Jakiv Hnizdovskij wird die Stadt als ein Raum des menschlichen Daseins präsentiert, in den eine Menschenseele geraten ist, deren trauriges Aussehen auf die innere Welt dieses Menschen hinweist („Porträt eines Unbekannten“, 2003).
Straßenkreuzungen sind belebt bei Anatolij Lymar und märchenhaft bei Oleksandr Harmider. Czernowitzer Innenhöfe und Dächer von Volodymyr Sanzharov, Ivan Klets, Orest Kryworutschko, Borys Schebrjakov, Maryna Rybatschuk, Ihor Chilko, Oleksandr Litvinov, Natalija Jarmoltschuk, Oleksij Karlow und Olga Karlowa, Valerij Kozub und Bohdan Makarenko sowie Fenster- und Balkonausblicke von Amir Chalikov sind von Kindheit an vertraut und strahlen häusliche Wärme aus.

Auch heute bleibt das Stadtpanorama ein beliebtes Motiv, das die künstlerische Fantasie schon seit über 200 Jahren anregt. Darin äußert sich eine breite Gefühlspalette der Bewunderung und des Stolzes auf die Heimatstadt. Diese Kompositionen stellen unvergleichbar tiefe Sinnbilder dar, die bei vielen zeitgenössischen Künstlern der Stadt in ihrer Einmaligkeit zu beobachten sind, z.B. bei Orest Kryworutschko, Ivan Balan, Ihor Chilko, Olexandr Harmider, sowie Gennadij Horbatyj (derzeit in Deutschland tätig), Konstantin Flondor (Rumänien) und Bohdan Makarenko (Kyiv).
Für Kenner des Stadtpanoramas wird die Landschaft von David Margulis aus Israel zu einer interessanten Erfahrung. Seine Komposition besteht aus historisch getreuen Darstellungen einiger verschwundener Bauten zusammen mit der Gesamtansicht der Stadt aus der Luft („Czernowitz 1911. Ansicht von der Postgasse“). Dieses Werk mit auffallender Klarheit wurde 2013 von Viktor Volkov aus dem russischen Magnitohorsk (lebt heute in Israel) geschaffen.
„Meine Stadt“ von Artem Prysiazhnjuk – eine malerische Landschaft mit charakteristischen Umrissen – ist ein weiterer Edelstein in der Schatztruhe der Czernowitzer Urbanistik. Wie aus einem Guss ragen Baudenkmäler in der dekorativen Komposition des Künstlers im zarten Licht des lasursilbernen Sonnenaufganges empor. Das Leben der Menschen ist von der majestätischen Stadt namens Czernowitz zärtlich umhüllt. Dieses Bild markiert gemeinsam mit den anderen zeitgenössischen Werken einen würdigen Übergang in das nächste Jahrhundert der Landschaftsmalerei von Czernowitz. Wir hoffen, dass dieser Band mit seinen malerischen Darstellungen der ewigen Augenblicke von Czernowitz einen Beitrag für die weitere Entwicklung der Stadtmalerei leisten und zahlreiche Künstler und Kunstkenner inspirieren wird.
Tetyana Dugaeva
Kunstwissenschaftlerin Mitglied des Nationalen Malerverbandes der Ukraine
Übersetzung aus dem Ukrainischen von Vitali Bodnar
Das Kunstalbum Czernowitz wurde von Sergij Osatschuk am 19. November 2018 Musil im Literaturmuseum Klagenfurt vorgestellt. Zuvor sprach ich mit Igor Pomerantsev über seine Erinnerungen aus der Czernowitzer Jugendzeit und las aus seinem Essay-Band "Erinnerungen eines Ertrunkenen".
Sergij Osatschuk, Herausgeber des Czernowitz Kunstalbums: »Anstelle der üblichen Behauptungen mancher russischsprachiger Mitbürger, erst sie hätten die »Kultura« gebracht, kam Anfang der 90er Jahre die Erkenntnis, dass sie damals, 1940, die Kultur weggenommen haben. Infolge solcher Wandlungen der Perspektiven begann in den Köpfen engagierter Heimatforscher das Interesse für diese verschüttete Kulturepoche zu wachsen, in der Czernowitz noch ein Bestandteil des versunkenen k.u.k. Atlantis war.« Osatschuk spricht ausgezeichnet Deutsch. Er war u. a. österreichischer Honorarkonsul in Czernowitz, seit 2022 ist er Offizier der ukrainischen Armee. Ihm begegnete ich in Czernowitz, Klagenfurt – dort stellte er im November 2018 das Kunstalbum Czernowitz vor. 2025 ein Wiedersehen in
Dankeschön an Sergij Osatschuk* für den PDF Link zum Kunstalbum Czernowitz im März 2025 - in Prag steht ein signierter Buchband im Czernowitz Regal.

Der 1950 in Czernowitz geborene Künstler Oleg Lubkiwskij ist mit vier Aqarellen im Kunstalbum abgebildet. Im Oktober 2013 hatte ich im Rahmen der Bruno Schulz Tage eine Ausstellung von Oleg Lubkiwskij in Czernowitz besucht. Im Mai 2023 hatte er im KunstRaumRhein in Dornach über Vermittlung von Judith Schifferle die Ausstellung SPIEGELUNGEN - KONZEPTUELLE UTOPIEN mit 27 Werken.
Anfang Juni 2023 erhielt ich den Ausstellungskatalog vom Künstler direkt aus Czernowitz – mit Widmung – nach Prag gesandt. Oleg Liubkiwsky ist in seiner ukrainischischen Heimat ein mehrfach ausgezeichneter Künstler, gestaltet Fresken und Denkmäler. Für das Buch In-Ex-Terieur Czernowitz hat er den Umschlag gestaltet. Sein Schaffen beschreibt er als "künstlerische Widerspiegelungen einer Wirklichkeit, wie sie in meiner Vorstellung, meinen Ideen, meiner sinnlichen Erfahrungswelt und der Fantasie lebt".
Der 1950 in Czernowitz geborene Künstler Bronislav Tutelman ist mit sieben Bildern in dem Kunstalbum vertreten.
Ich traf
Bronislav Tutelman im November 2013: Er sprach Jiddisch mit ukrainischem Einschlag, ich ein Gemisch aus Österreich-Tschechisch. "Meine Religion ist die Kunst", erzählte er mir. Er hat mich in seine Wohnung eingeladen, wo u. a. das Foto links entstand.
Prag, September 2025, Milena Findeis
Czernowitz, Stadt der Zeitenwenden
Czernowitz, Stadt der Zeitenwenden
Mitten im Ukrainekrieg: Ein Lyrikfestival: Das gute Leben nicht vergessen
6. September 2022

Diskutierten beim "Meridian"-Dichtertreffen in Czernowitz im September 2022: "FRAGILE: Ein Briefwechsel zwischen Jurko Prochasko und Helmut Böttiger, Übersetzung – Juri Silwestrow.
Ein Herantasten, ein Austausch die Begegnungen in Tscherniwzi im Rahmen von Meridian Czernowitz XIII
Foto: von links nach rechts Juri Silwestrow, Jurko Prochasko, Helmut Böttiger
»Pomeranzews Kleinbus kann acht Personen aufnehmen und reicht gerade für uns aus, als Gäste seines Festivals. Er hat uns am Flughafen im rumänischen Iași abgeholt. Das liegt immerhin zweihundert Kilometer von Czernowitz entfernt, aber die Flugverbindungen nach Iași sind vom Westen aus am günstigsten. Wir kommen schon gegen 14 Uhr in Iași an. Dennoch sind die Organisatoren wegen der Zeit ein wenig nervös: Ab 22 Uhr gilt in Czernowitz absolutes Ausgeh- und Fahrverbot. Wir müssen spätestens dann im Hotel sein – das ist eine der Begleiterscheinungen des Krieges.
Dass das Meridian-Treffen in diesem Jahr überhaupt stattfindet, ist schon an sich eine Nachricht. Seit der sowjetischen Invasion am 24. Februar hat sich in der Ukraine alles verändert. Unter diesen Umständen, das seit 2010 bestehende Lyriktreffen fortzusetzen, geschieht aus Trotz, aus Stolz, aus Selbstbehauptungswillen. Gerade in dieser äußerst bedrohlichen Situation will man auch an ein kulturelles Selbstverständnis erinnern.«
Wie kann man im Krieg über Gedichte reden? Das Festival "Meridian" in Czernowitz zeigt eine Ukraine, die sich ihrer mehrsprachigen Identität versichert.
Von Helmut Böttiger
Dass das »Meridian«-Lyrikfestival in Czernowitz in diesem Jahr stattfand, ist schon selbst eine Nachricht. »Für die ukrainischen Streitkräfte« stand groß auf dem Programmplakat. Alles stand im Zeichen des Krieges. Jurko Prochasko, der bekannte Lemberger Intellektuelle, der an die galizische Tradition der Multikulturalität anknüpft, sagte: »Keinen Augenblick lang verlässt mich das Bewusstsein dieses Krieges und seiner erbarmungslosen Wirklichkeit«, und so war es bei allen Beteiligten. Alle Gedanken und Gefühle werden vom Krieg aufgesogen und durchdrungen, man kann sich als ukrainischer Schriftsteller auf nichts anderes mehr konzentrieren, die üblichen Arbeiten – literarische Essays, Übersetzungen, Gedichte – bleiben liegen.«
Die meisten haben in der ersten Zeit nach der russischen Invasion nichts mehr geschrieben. Langsam aber wurden die neuen Erfahrungen zum Thema, und das war bei diesem Treffen deutlich zu spüren. Es beginnt etwas kategorial Neues: Irena Karpa sprach von ihrer »Lähmung« und der Erkenntnis, sich jetzt auf den Krieg »einlassen« zu müssen, Kateryna Kalytko nahm die militärische Bedrohung direkt in ihre Metaphern auf, in denen die Panzerketten das Körpergefühl förmlich zu durchdringen scheinen. Dabei war es sehr berührend, dass Iryna Tsilyk bei alldem davon sprach, gerade jetzt die Sehnsucht nach einem »guten Leben« nicht zu vergessen. Ihr Mann Artem Tschech ist im Krieg und hatte gerade zwei Tage Fronturlaub. Als Jurko Prochasko sagte: »Er hat sehr traurige Augen« war das einer der Momente, die man so schnell nicht mehr vergisst.
Auf der dreitägigen Veranstaltung drängten sich die Programmpunkte, und es fiel auf, wie jung das Publikum war. Czernowitz ist eine Universitätsstadt, die alte habsburgische Grenzregion ist bisher vom Krieg verschont geblieben, aber die Literatur sieht sich hineingezogen in die barbarische Aktualität. Sviatoslav Pomeranzew, der Gründer des Festivals, sprach über den militärischen Begriff des »Hinterlands« als einer menschlichen und wirtschaftlichen Ressource für die Armee. Die Poesie aber sei ebenfalls »eine Ressource der Standhaftigkeit, der Lebensfreude und der Hoffnung.«
»Mit welchen Katastrophen setzen sich Ihre Helden auseinander?«
Man konnte das in Czernowitz auf vielfältige und zunächst auch irritierende Weise erleben. Der aus den Befreiungsbewegungen stammende Ausruf »Slawa Ukrajini« am Ende der offiziellen Reden (»Ruhm der Ukraine«) und die Antwort aus dem Publikum »Slawa Herojam" (»Ruhm den Helden«) gehörten dazu, und so militärisch befremdend sich das für westliche Zugereiste ausnehmen mag: Das ist mittlerweile ein Akt der Selbstverständigung, die Versicherung einer neuen ukrainischen Identität. Und diese versteht sich vor allem als ein Gegenentwurf zum russischen Imperialismus. Der »ukrainische Nationalismus«, das lernte man hier, ist ein Begriff, der vordergründig von der russischen Propaganda lanciert wird und den man äußerst differenziert betrachten sollte.
Es gibt in der Ukraine zwar eindeutig nationalistische Strömungen, aber vorherrschend ist gerade im Kulturbereich etwas Anderes: eine Rückbesinnung auf die Tradition der Mehrsprachigkeit und des Zusammenlebens verschiedener Sprachgemeinschaften in demselben Raum. So wurden zu »Meridian« in den vergangenen Jahren immer auch bewusst Autoren aus Israel eingeladen, als Anknüpfung an die jüdische Geschichte von Czernowitz, so auch in diesem Jahr. Und es ist, angesichts der antisemitischen Haltungen in der ukrainischen Vergangenheit, nicht zu unterschätzen, wie Czernowitz sich in offiziellen Broschüren selbst darstellt: als eine Stadt, die »immer tolerant und offenherzig zu allen Nationen und Konfessionen« sein wollte. Man sollte das Bestreben der Ukraine, dem russischen Imperialismus inhaltlich etwas entgegenzusetzen, ernst nehmen. Wenn der deutsche Literaturhistoriker von einer Journalistin aus Kiew gefragt wird: »Mit welchen Katastrophen setzen sich Ihre Helden auseinander?« Dann ist das, trotz aller Verwirrung, vor allem als ein Versuch der Annäherung zu begreifen, eines gegenseitigen Verständnisses. Aber natürlich merkt man an solchen Formulierungen auch, welche Hürden dabei zu überwinden sind.
Der Krieg hat etwas ausgelöst, das Putins Intentionen gänzlich widerspricht
Die ukrainische Literatur sieht sich der Anforderung ausgesetzt, sich aus dem Schatten der russischen Sprache und Kultur zu befreien. Diese über Jahrhunderte aufgebauten Strukturen aufzubrechen, das ist das seit dem russischen Überfall alles beherrschende Thema, und jedes Gespräch in Czernowitz berührte zwangsläufig diesen Punkt. Das Ukrainische als Sprache der »Tölpel« und »Bauern«, die Ukrainer als »Kleinrussen« – auch bei den großen russischen Schriftstellern wie Tolstoi und Puschkin wird dieser imperialistische Anspruch Russlands ganz selbstverständlich mit transportiert. Die Auseinandersetzung mit der russischen Kultur zu vermitteln, ist für die Ukrainer momentan im Gespräch mit westlichen Autoren das sensibelste Thema: Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Ukraine politisch und kulturell nicht als eine Art russischer Filiale wahrgenommen werden darf. Die ukrainische Sprache hat beispielsweise mehr Berührungspunkte mit dem Slowakischen und Polnischen als mit dem Russischen.
Elke Erb
Ver-ERB-t

ELKE ERB
1938 - 2024
MERIDIAN CZERNOWITZ 2010
verERBte Erinnerung
Treffpunkt Lemberg, Flughafen.
Es regnet, wir kommen aus verschiedenen Richtungen.
Ein Bus mit Aufschrift “MERIDIAN CZERNOWITZ” wartet.
Wir steigen ein, rattern Richtung Tscherniwzi. Werden durch- und wachgerüttelt.
Abends am Stadtrand in Holzhäuser geschlüpft.
Nächtens ein Stromausfall.
Morgens, an Ziegen und Wiesen vorbei, stadtwärts zur Universität.
Das erste Festival “MERIDIAN CZERNOWITZ” beginnt.
Milena Findeis

ZUGFENSTER, NACHTS
In einem kleinen Ort
drei Christbäume auf der Straße:
am Anfang, in der Mitte, am Ende.
Der menschliche Geist
der Behörde
im Gespräch
mit sich selbst.
1.1.95
S. 60, Elke Erb, Sonanz, 5-Minuten Notate, Engelers Backlist
2019

ZUGFAHRT
Hinter oben spitzgesägten Latten
auf gemähter Wiese helle Leiber, Schweine
nach dem Zuschnitt (Umrisse) von Schweinen.
Sehrest. Wie Gewinn.
3.11.03
S.84, Elke Erb - Das ist hier der Fall
Suhrkamp Verlag 2020

Mark Belorusez aus Kyjiw

übersetzt seit mehr als 30 Jahren deutschsprachige und ukrainische AutorINNen. Mit seinem zusammen mit Tanja Baskakowa veröffentlichten Band Paul Celan: Gedichte. Prosa. Briefe. Gedichte Deutsch und Russisch (Moskau: Ad marginem, 2008) hat er eine poetische Sprache für Celan im Russischen geschaffen.
Als Mitbegründer des Literaturfestivals Meridian Czernowitz hat er dazu beigetragen, das literarische Erbe der einst multiethnischen Stadt Czernowitz im 21. Jahrhundert neu zu beleben und die europäischen Lyrik - wieder - in die Bukowina zurückzubringen.
*Mark Belorusez hat am 31.1.2024 folgenden Beitrag in russischer Sprache geschrieben.
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Эльке Эрб (Elke Erb, 1938 - 2024)– немецкая поэтесса, эссеистка, переводчица. Жила и работала в Берлине, до объединения Германии - в гедеэровском Берлине. Первый сборник стихов и прозы вышел в 1975 г. С тех пор опубликовано около трех десятков книг, не считая переводов. Эльке Эрб переводила с французского, английского, греческого, но больше всего с русского, в том числе: пушкинский «Борис Годунов», гоголевская «Женитьба», есенинские «Пугачев» и «Анна Снегина», стихотворения и проза Цветаевой, «Реквием» Ахматовой, произведения современных поэтов Елены Шварц, Ольги Мартыновой, Олега Юрьева и др. Литературный труд Эльке Эрб отмечен десятком литературных премий и наград, в 2020 году она получила премию им. Георга Бюхнера, присуждаемую Дармштадтской академией языка и поэзии, - это самая значительная литературная премия в Германии. Она была замечательным человеком, добрым и отзывчивым. Не стоит забывать, что Эльке Эрб была первым немецким поэтом, ставшим участником первого украинского международного поэтического фестиваля Meridian Czernowitz. Эльке Эрб ушла 22 января этого года. Ниже несколько моих переводов её стихов. ЭЛЬКЕ ЭРБ УПРАЖНЕНИЕ Ветрено. Как принялась я из нечто (некой «данности», как всё еще говорят) делать слова. Ветрено. И свежо. Ветер разве тренирует деревья? Да нет, они без ветра готовы вполне. И для людей зачастую тренировки немыслимы, они cчитают, и в чем-то правы, что подготовлены. Где ты витаешь? Перенеслась: от себя в Сан-Франциско. Так вот оно сталось. Стал Сан-Франциско. Солоно. Тягостно. Железом окованные колеса фургонов. Скрипя от края к краю, с east'а на west. По причинам, что просто или непросто увидеть, я представляю, как занимали тот край европейские переселенцы. Словно под бровями у меня заволокло. 27.8.03 ЭТА ОСОБА, ПОХОЖЕ, она настроена отрешиться. Ну да, загруженное прежде ведь нужно однажды сгрузить. Понятно, раз была нагружена. Даёт о себе знать, что пора заканчивать, разделаться с тем, что было сделано. Время куда-нибудь отcтупить, тихо убраться. Прямую тянет теперь на сгиб, согнутое притягивает. Ее правды больше недостаточно. Недостаточна она. И точка. Камень или пыль. Кожа на лице уставшая, хоть дверь открыта на балкон. И без десяти двенадцать. Между лопаток кроткая, но ощутимая боль – ого, как сверкнуло! – там в хребте. 24.10.04 КАК МНЕ ПРИЙТИ ОТ ЭТОГО К ТОМУ? Мне не прийти от этого к тому, приду не я, а нечто третье, что третье, их связующее, нужно мне вызнать, выстеречь и выдумать, что в сердце Одного касается Другого кожи, что с плеч одних скользит в другое сердце, в Другого попадая жизнь, и как меж двух - Безместное и Общее – назвать, мне нужно вызнать, выстеречь и выдумать – как иначе? Тот хворост, что над ямою подламывается. Упасть – подняться снова. Да тут и тени нет сарказма. 16.1.05 КАСАТЕЛЬНО LADIES Пока я здесь (в каминной, наверху) на желтом руне половиц лежу, читая, как юный Ван Дейк писал Апостолов, возле меня в ожидании стоит пустота, и вспоминает о схожей с ней, тогда, в Эденкобене, возле меня, или потом в Фельдафинге, или в других местах; они, пустоты, вакуумы эти - ladies, неколебимые стоят бессмертны, кивком друг дружке отдавая честь; а та парит от каждой к каждой гармонично над временами, где их нет. 28.7.06 Переводы были опубликованы в киевском альманахе "Соты". |
Elke Erb (1938 – 2024) – deutsche Dichterin, Essayistin, Übersetzerin. Sie lebte und arbeitete vor der Vereinigung Deutschlands in Berlin – in der Rheinsberger Straße im Bezirk Mitte dicht an der Grenze zum Prenzlauer Berg. Die erste Gedicht- und Prosasammlung erschien 1975. Seitdem sind rund drei Dutzend Bücher erschienen, Übersetzungen nicht mitgerechnet. Elke Erb übersetzte aus dem Französischen, Englischen, Griechischen, vor allem aber aus dem Russischen, darunter: Puschkins „Boris Godunow“, Gogols „Hochzeit“, Jesenins „Pugatschow“ und „Anna Snegina“, Gedichte und Prosa von Zwetajewa, „Requiem“ von Achmatowa, Werke der zeitgenössischen Dichter Elena Schwartz, Olga Martynova, Oleg Yuryev und anderen. Elke Erbs literarisches Werk wurde mit einem Dutzend Literaturpreisen und Auszeichnungen gewürdigt; 2020 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis der Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt. Er ist der bedeutendste Literaturpreis in Deutschland. Sie war ein wundervoller Mensch, freundlich und empathisch. Elke Erb gehörte zu jenen deutschen Dichterinnen, die am ersten Internationalen Literaturfestival Meridian Czernowitz (September 2010) teilgenommen hat. Elke Erb ist am 22. Januar 2024 verstorben.
ELKE ERB ÜBUNG Windig. Wie komme ich dazu, aus etwas (etwas “Gegebenem”, wie man sagt, immer noch) Windig. Und kühl. Ob der Wind die Träume trainiert? Wo denkst du hin. Von dir nach San Francisco? vom Ostrand zum Westrand. 27.8.03 DIE PERSON, ES KÖNNTE SEIN sie zielt auf Auflösung. Freilich, die geladene Last Ihre Wahrheit ist nicht mehr genug. Stein oder Staub. Die Haut ist müde im Gesicht 24.10.04
WIE KOMME ICH VON DIESEM ZU JENEM? Ich komme nicht von diesem zu jenem, ich habe ein Drittes, sie Verbindendes, ein aus dem Herzen des einen die Haut des anderen Anrührendes, ein von der Schulter eines einen in das Herz eines anderen Rutschendes, in die Leben eines anderen Geratendes, ein Irgendetwas, Ortloses, Gemeinsames, zwischen beiden Ernanntes zu erfinden, erlauern, entdecken, wie sonst? Sturz & immer obenauf. Und es ist eben dies kein Sarkasmus. 16.1.05 LADIES BETREFFEND Während ich hier (Landkemenate) steht die Leere neben mir harrend oder dann auch in Feldafing und beliebig; sie sind, diese Leeren, die Vakuen, Ladies: standhaft unsterblich und grüßen sich mit Ehrerbietung; die gleitet harmonisch von der einen zur andern hin über die Zeiten, 28.7.06 Die Übersetzungen wurden im Kiewer Almanach „Honeycombs“ veröffentlicht. |
MERIDIAN CZERNOWITZ 3. bis 5. September 2010 mit ELKE ERB
Olga Kobylanska
Olga Kobylanska
Petro Rychlo

Die folgenden Seiten sind dem Buch Valse Mélancolique entnommen:
















Meridian Czernowitz 2022
Meridian Czernowitz XIII - 2022
Vom 2. bis 4. September 2022 fanden im Rahmen der internationalen Literaturveranstaltung Meridian Czernowitz XIII Aufführungen, Lesungen und Gespräche betreffend »Dialoge über den Krieg« statt.

An den Veranstaltungen dieses Sonderprogramms nahmen u.a. Andriy Lyubka, Iryna Tsilyk, Josef Zissels, Igor Pomerantsev, Andriy Bondar und Kateryna Kalitko teil. Sie sprachen über den Krieg, dessen kulturellen Frontverlauf und kreative Antworten in Kriegszeiten.
Claus Löser trug im Frühjahr dieses Jahres, kurz nach Ausbruch des Krieges gegen die Ukraine, die Idee an mich heran, sollte das Festival stattfinden – gemeinsam auf eigene Faust nach Tscherniwzi zu fahren.
Die Hinreise mit dem PKW über Tschechien, Slowakei, Ungarn und Rumänien dauerte drei Tage – genauso lange wie Meridian Czernowitz XIII. Als Evgenia Lopata von Meridian Czernowitz erfuhr, dass ich auf eigene Kosten nach Tscherniwzi kommen werde, wurde ich kurzfristig um einen aktuellen Text gebeten. Ich übermittelte den weiter unten angeführten Text, der von Petro Rychlo ins Ukrainische übersetzt wurde. Die Lesung, moderiert und übersetzt von Petro Rychlo fand am 3.9. im Paul Celan Zentrum statt.
Ich war überrascht, wie viele junge Besucherinnen aufmerksam zuhörten. Inmitten des Lesens, traf mich der eine oder andere Blick so fragend, dass mir während des Lesens die Augen tränten. Sie, die Zuhörenden aus der Ukraine werden bleiben, die eine oder ein anderer in den Krieg ziehen. Ich hingegen werde wieder zurück in Prag, den Sohn wiedersehen, der wie gewohnt einen Zug lenken wird, sein altes Haus weiter renovieren wird. So anders die Zukunftsaussichten für die Menschen, die für die Freiheit ihres Landes kämpfen. Am Ende der Lesung bedankte sich eine der Zuhörerinnen mit den Worten »Danke für ihre Tränen«.*
Es war 2022 eine ganz andere Stimmung als bei dem ersten Festival im Jahre 2010. Sviatoslav Pomerantsev, den ich seit 2008 als »Slava« kenne umarmt mich mit den Worten »you are my hero«. Er arbeitete seit 2008 unterstützt von seinem Onkel Igor Pomerantsev und Iryna Vikyrchak an der Idee, die internationale Literatur zurück nach Czernowitz zu bringen – das wurde durch die Gründung von MERIDIAN CZERNOWITZ in die Tat umgesetzt. Die einstige Aufbruchsstimmung war durch den Krieg seit 2014 aufgesogen worden. Zu spüren war aufbegehrender Widerstand, der Mut und der Wille – weiterzumachen. Die herzhafte Leichtigkeit von einst ward zwölf Jahre später durch Professionalität ersetzt worden: Eine aus Kyiv angereiste Modefotografin fotografierte die TeilnehmerINNen - in einem Studio, ich entziehe mich dem, offiziell war das Wort »Festival« gestrichen worden und die Direktorin Evgenia Lopata durch ihre Aktivitäten allerorts präsent.
Was sich nicht geändert hat: an den Straßenrändern wird noch immer frisches Obst, eingelegtes Gemüse, Marmeladen von RetnerINNEn angeboten. Ich kaufte Äpfel und Blumen ein. Vor der Ausgangssperre um 23 Uhr hörte ich den Straßenmusikanten zu. Neu hingegen die kilometerlangen Schlangen von LKWs, deren Fahrer bis zu 14 Tage auf die Ein- bzw. Ausreise an der rumänisch-ukrainischen Grenze warten. Die Wand hinter dem Denkmal von Taras Schewtschenko ist von einer ukrainischen Fahne bedeckt, davor eine Fotogalerie mit den seit 2013 auf dem Maidan während des Krieges gefallenen Soldaten aus Tscherniwzi. Dort werden Tag für Tag frische Blumen niedergelegt, Kerzen angezündet. Aus den Kirchen waren die Chöre, die Fürbitten zu hören. Anstelle der Menschen, die Hochzeiten entlang der Olha Kobylanska Straße – der einstigen Herrengasse während der K&K Monarchie – feierten, waren Soldaten in Uniform zu sehen.
Das mir angebotene Honorar bat ich, als Spende zu verwenden. Vor der Anreise war Udo Puschnig vom Amt der Kärntner Landesregierung mit der Bitte an mich herangetreten, den Sponsorbeitrag der Georg Drozdowski Gesellschaft in bar an die Veranstalter des Meridian Czernowitz zu übergeben. Dieser Bitte kam ich nach.


Lesungen in deutscher Sprache, die ins Ukrainische übersetzt, waren Gedichte von Andrea Schwarz und Jan Snela, ein Briefwechsel von Jurko Prochasko mit Helmut Böttiger, Gedichte von Nora Gomringer und Judith Schifferle, die an der Volkshochschule Beider Basel einen Kurs »Der ukrainische Sonderfall: Lyrik aus dem Krieg« anbietet. Ich besuchte beinahe alle Gespräche der ukrainischen TeilnehmerINNen – da ich dank meiner Tschechisch Kenntnisse gesprochenes Ukrainisch verstehe. Der aus Israel angereiste Eran Tzelgov mailte mir nach den LesungenTexte, einige davon hat er auf Hebräisch gelesen, die ins Ukrainische übersetzt wurden.
Während des Vortrags von Josef Zissels, einen der Teilnehmer die ich vom ersten Meridian Czernowitz 2010 kenne, über Identität, einem Geflecht von Sprache, Raum, Abstammung, Gewohnheit, Bräuchen beobachtete ich den aus Tscherniwizi stammenden Fotojournalisten Maxym Kozmenko, der über das Geschehen aus der Ukraine berichtet.
Wie mir Petro Rychlo und Christian Weise erzählen, gibt es nach wie vor reguläre Busverbindungen in die Ukraine. Juri Andruchowytsch hat eine solche Reise vor zwanzig Jahren in dem Essay »Germaschka« beschrieben. So eine Reise anzutreten, das nehme ich mir vor.
Prag, 10. September 2022, Milena Findeis
Zum Auftakt der Lesungen, Gespräche
Svyatoslav Pomerantsev, 2.9.2022
Ich möchte hier einige Worte über das Hinterland sagen, da wir uns infolge geographischer Lage im Rücken eines Landes befinden, das einen Krieg zu führen gezwungen ist. Kriegstheoretiker betrachten das Hinterland vor allem als eine menschliche und wirtschaftliche Armeeressource. Dichter, die zu uns während des Kriegs gekommen sind, um ihre Gedichte hier vorzutragen, und Poesiefreunde, die bereit sind, während des Krieges den Gedichten zuzuhören, – das ist ebenfalls eine Ressource, obschon von einer anderen Art. Das ist eine Ressource der Lebensstandhaftigkeit, der Lebensfreude und der Hoffnung. Natürlich ist es eine sehr bescheidene Ressource, doch ohne sie wäre es viel schwieriger zu leben. Im Gedicht von Rose Ausländer „Hoffnung“ finden sich solche Zeilen:
Wer könnte atmen
ohne Hoffnung
dass auch in Zukunft
Rosen sich öffnen
Atmen bedeutet Hoffnung zu haben. Wir leben in einem Land, in dem unser Feind Tausende von Häusern zusammen mit ihren Einwohnern vollkommen ausgelöscht hat. Anstelle der Häuser sind nur Löcher und Lücken geblieben. Poesie kann nicht die Ermordeten auferstehen lassen. Aber solange Gedichte erklingen, wird die Hoffnungsressource nicht versiegen.
Igor Pomerantsev, 2.9.2022:
Der Krieg gibt den halb vergessenen Wörtern, deren Stelle nur in den militärischen Wörterbüchern und alten Gedichten aufscheinen, einen neuen Sinn. Eines dieser Wörter heißt „Frontgebiet“. So nennt man ein Territorium nahe der Front. Aber es gibt auch eine andere Definition dieses Wortes. Alle Menschen, von Charkiw bis New York, die einschlafend an die Ukraine denken und aufwachen, um den neuen Tag mit dem Lesen der Kriegsnachrichten zu beginnen, sind Frontgebietsmenschen.
Gedichte, die hier vortragen werden, klingen wie Texte aus dem Frontgebiet – ob wir es wollen oder nicht. Die ganze klassische Poesie, sogar solche lyrischen Zeilen wie Taras Schewtschenkos „Ein Kirschengarten vor dem Haus“ oder „grenzenlose Felder / Und den Dnipr und seine Schnellen“ sind heute Frontgebietspoesie.
Wieso? Weil die Poesie dem Tode gegenübersteht, und der Krieg bedeutet Tod. Ich glaube an den Sieg der Poesie. Sicher, sie besitzt keine Haubitzen, keine geflügelte und flügellose Raketen, keine Bomben, aber sie besitzt hochpräzise Wörter, gegen die sogar die Kanonen machtlos sind.
Wir leben heute in solchen Zeiten – in den Zeiten der Frontgebietsgedichte, der Frontgebietsdichter, der Frontgebietsleser und -zuhörer.
Lesung Milena Findeis: Zersetzendes Jahrtausend
Moderiert und ins Ukrainische übersetzt von Prof. Petro Rychlo, Перекладач Петро Рихло: «У найжорстокіші часи з’являється найніжніша лірична поезія»
Im September 2025 wurden von Kate Tsurkan die Gedichte »Ein aus der Sprache gefallenes Wort«, »Zersetzendes Jahrtausend«, »Wort-Arbeit«, »Zersplittert« und »Mückenklang« für Apofenie aus dem Ukrainischen ins Englische übersetzt.

Ein aus der Sprache gefallenes Wortsich ausbreitetend wie ein Lauffeuer Kämpfend hallt es wider Diesen Feind definieren Dem inneren Kriegsvirus nachspüren Wo bin ich Opfer? *** ZERsetzendes JAHRtausendMit von Verbrechen Diktatoren oftmals im Duett *** Wort-ARBEITIm Mund das Wort Es summt in den Ohren Mit Hashtags verbreitet ***
ZersplittertInmitten all der Scherben Der Druck von Dort das Eis Eruption Ersteres ausgesprochen *** MückenKlangEingefangen von Dicht am Wasser Auf warmen Kieseln Aus dick verwobenem Über der abgeschürften Haut *** SchwesternDen Balken aus den Augen lösen Vorwürfe in den brennenden Scheiterhaufen versenken Erinnerungen ausatmen: lang und tief Von *** SeelensZug Zug für Zug *** |
Слово що випало з мовищо шириться мовби пожежа у лісі
Знову відчути внутрішній вірус війни Де я жертва? *** ДЕструктивне ТисячоЛІТТЯ
Диктатори часто виступають в дуеті ***
Словесна РОБОТАСмакувати Воно бринить у вухах Поширене у гаштеґах ***
Розбита на скалкипоміж усіх цих уламків Натиск Там – крига *** Комашиний співВ обіймах У воді Із густо тканої ***
СестриВийняти скалку з ока Докори вкинути у палаючу ватру Видихати спогади: довго й глибоко Звільнитися ***
Душевні крокиКрок за кроком *** |
Foto von der Prager Buchmesse 2022 vor dem Stand der Ukraine
GeborgenheitMitten im Gewühl der Prager Buchmesse Bücher, Autorinnen, Menschen, Kinder Es wird gelesen, gespielt, gesungen, gekocht Das sind die stillen Momente, die dem Herz Der “Wiederaufbau des Menschlichen” immer wieder zurückkehren *** |
Захищеність
яка несе картонну коробку книжок *** |
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Im Frühjahr 2022 der mit Claus Lösergesponne Plan, nach Tscherniwzi zu fahren Ich zitiere aus seinem Gedicht “Nicht einfach” Nein einfach ist es nicht
Jede Kunst überdeckt Narben Ich hänge an der Lebendigkeit Milena Findeis, Ins Ukrainische übersetzt von Petro Rychlo |
Навесні 2022 року в нас із Клаусом Льозером Я цитую з його вірша: «Непросто» Мілена Фіндайз, З німецької переклав Петро Рихло
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Claus Löser, Berliner Zeitung, Wochenendausgabe 17., 18. September 2022, Berichte über das Festival 2015, 2020
Helmut Böttiger,Deutschlandfunk Literaturfestival unter besonderen Bedingungen, Czernowitz, 6.9.2022
Jan Snela, Rose der Hoffnung in der Ukraine: Jan Snela über das Lyriktreffen in Czernowitz, SWR 2.9.2022
BILDERBOGEN MERIDIAN CZERNOWITZ 2022
Deutschjüdische Lyrik aus der Bukowina
Deutschjüdische Lyrik aus der Bukowina
Lyrikhandlung am Hölderlinturm
©Lyrikbrief Ulrike Geist, Februar 2022
Czernowitz, die Hauptstadt des österreichischen Kronlandes Bukowina, war vor dem ersten Weltkrieg ein osteuropäisches, jüdisches literarisches Paradies. Durch seine Mehrsprachigkeit und in der Kreuzung verschiedener Kulturtraditionen war das dortige Kulturleben ohnegleichen. Czernowitz war ein Sammelbecken multikultureller deutschsprachiger Literatur und die heimliche Hauptstadt deutschsprachiger Lyrik.
Mit Auflösung der österreichischen Monarchie fiel die östlichste Provinz, das Buchenland Bukowina an das königliche Rumänien. Da die meisten jüdischen Intellektuellen deutschassimiliert waren, bildete sich hier unter dem Mentor Alfred Margul Sperber eine Gruppe deutschjüdischer Literaten, zu der Alfred Kittner, Moses Rosenkranz, Rose Ausländer und auch die nächste Dichtergeneration mit Immanuel Weissglas, Alfred Gong, Paul Celan und Selma-Meerbaum-Eisinger, Ilana Shmueli gehörten.
Zugleich waren die Bukowina und Czernowitz jahrhundertelang Spielball der deutschen Geschichte. 1940 überfielen die Sowjets das Gebiet und deportierten nicht nur Juden, sondern auch nichtjüdische Intellektuelle nach Sibirien. Mit Beginn des 2. Weltkriegs verbündete sich Rumänien mit Hitlerdeutschland, die Bukowina wurde von der Wehrmacht besetzt, 1944 von der Sowjetunion befreit; der nördliche Teil der Bukowina fiel an die Sowjets und gehört seit 1991 zur Ukraine; der südliche Teil blieb den Rumänen. Was mit der Macht totalitärer Regime und dem Beginn des 2. Weltkrieges über die Dichter dieses Landstrichs hereinbrach lässt sich kaum beschreiben, der Exodus des Überlebenden war unvermeidlich.
Paul Celan, der dem Abtransport nach Transnistrien entgangen und in ein Arbeitslager geschickt worden war, hat es sich bis ans Ende seines Lebens nicht verziehen, dass er in der Nacht der Aushebungen nicht bei seinen Eltern geblieben war; die Mutter wurde ermordet, der Vater starb im Lager an Typhus.
Oder Moses Rosenkranz, der während der antisemitischen Verfolgungen durch Verstecke und Arbeitslager überlebt hatte, floh aus der nun zur Sowjetunion gehörenden Nordbukowina nach Bukarest, fiel dort aber der sich neu etablierenden Diktatur zum Opfer: er verbrachte 10 Jahre in den sowjetischen Gulags, erst 1961 konnte er in den Westen entkommen.
Selma Meerbaum-Eisinger
Tragik
Das ist das Schwerste: sich verschenken
Und wissen, dass man überflüssig ist,
sich ganz zu geben und zu denken,
dass man wie Rauch ins Nichts verfliesst.
23. Dezember 1941 (Aus: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt…)
Paul Celan
Es fällt nun, Mutter, Schnee in der Ukraine:des Heiland Kranz aus tausend Körnchen Kummer.Von meinen Tränen hier erreicht dich keine
Von frühern Winken nur ein stolzer stummer…
Wir sterben schon: was schläfst du nicht, Baracke?Auch dieser Wind geht um wie ein Verscheuchter…Sind sie es denn, die frieren in der Schlacke –die Herzen Fahnen und die Arme Leuchter?
Ich blieb derselbe in den Finsternissen:
erlöst das Linde und entblösst das Scharfe?Von meinen Sternen nur wehn noch zerrissendie Saiten einer überlauten Harfe…
Dran hängt zuweilen eine Rosenstunde.Verlöschen. Eine. Immer eine…Was wär es, Mutter: Wachstum oder Wundeversänk auch ich im Schneewehn der Ukraine?
Aus: Blaueule Leid, Bukowina 1940-1944
Rimbaud-Verlag, (nur in der Lyrikhandlung)
Literatur und Lyrik aus dieser Zeit finden Sie bei mir in vielfältiger Form. Einige Bücher möchte ich hier besonders erwähnen, aber am besten kommen Sie selbst in die Buchhandlung, denn alle Titel des Rimbaud Verlages sind nicht über den Online-Shop, sondern nur in der Lyrikhandlung direkt zu erwerben.
Elisabeth Axmann
Fünf Dichter aus der Bukowina
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung)
Paul Celan
Mohn und Gedächtnis
DVA
Paul Celan
Werke
Suhrkamp, Bd 14
historische kritische Ausgabe(nur in der Lyrikhandlung)
Paul Celan
Gedichte
Suhrkamp
Klaus Reichert
Paul Celan
Erinnerungen und Briefe
Suhrkamp
Helmut Böttiger
Celans Zerrissenheit
Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist
Galiani
Rose Ausländer
Und nenne Dich Glück
Gedichte
Fischer
Rose Ausländer
Liebesgedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Rose Ausländer
Der Regenbogen
Gedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Rose Ausländer
Grüne Mutter Bukowina
Gedichte und Prosa
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Selma Meerbaum-Eisinger
Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Selma Meerbaum-Eisinger
ich bin in Sehnsucht eingehüllt
Gedichte
Hoffmann und Campe
Marion Tauschwitz
Selma Meerbaum-Eisinger
Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben
Biografie und Gedichte
zuKlampen
Immanuel Weißglas
Der Nobiskrug
Gedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Dusza Czara-Rosenkranz
Gedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
David Goldfeld
Der Brunnen
Gedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Klara Blum
Liebesgedichte
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Illana Shmueli
Leben im Entwurf
Gedichte aus dem Nachlaß
Rimbaud (nur in der Lyrikhandlung erhältlich)
Und wenn Ihnen mein Lyrikbrief gefällt, dann leiten Sie ihn doch weiter an Freunde, Bekannte und Kollegen…Danke dafür!
…et n’oubliez pas de revenir!
Auf ein baldiges Wiedersehen, Ihre Ulrike Geist
Meridian Czernowitz 2021

Vom 3. bis zum 5. September 2021 veranstaltete das Paul Celan Literaturzentrum in Czernowitz die zwölfte Ausgabe des Internationalen Lyrikfestivals MERIDIAN CZERNOWITZ. Neben Lesungen, Performances und Filmvorführungen standen Diskussions-Veranstaltungen, die sich mit der Ukraine beschäftigen, im Mittelpunkt. Nachstehend sind jene Veranstaltungen angeführt, die in deutscher Sprache stattfanden bzw. übersetzt wurden.
3.9. 12:00-13:00 (OESZ) Lyrik-Lesung: Deutschland
Mitwirkende: Farhad Showghi, Christian Lehnert; Moderation und Übersetzung – Petro Rychlo, Mark Belorusez
3.9. 15:00-16:15 (OESZ): Diskussion: »Die Ukraine in den Augen der Welt. Im Fokus - Literatur«
Claudia Dathe (Deutschland-Online), Serhij Zhadan (Ukraine); Moderation – Igor Pomerantsev
4.9. 12:30-13:30 (OESZ) Lyrik-Lesung: Österreich
Veranstaltungsort: Österreich Bibliothek
Maja Haderlap, Antonio Fian; Moderation und Übersetzung – Petro Rychlo, Mark Belorusets
4.9. 20:15-21:30 (OESZ): Diskussion: »Die Ukraine in den Augen der Welt. Im Fokus – Kunst und Journalismus«
Peter Zalmajew, Kate Tsurkan, Claus Löser; Moderation – Evgenia Lopata
Tino Schlench: "Ich warte lange im Regen vor dem Haupteingang, bevor mich eine Mitarbeiterin des Paul Celan Literaturzentrums abholt. In den nächsten vier Wochen werde ich das Internationale Lyrikfestival Meridian Czernowitz unterstützen." Notizen aus der Ukraine – Aug/Sep 2021
Heimkehr nach Tschernopol

Heimkehr nach Tschernopol
Gregor von Rezorri
Der Beitrag erschien im Diners Club Magazin, Heft 6, Dezember 1990. Mit diesem Heft wurde die Zusammenarbeit von Diners Club Austria mit dem Verlag Orac, Herbert Völker beendet. Text: Gregor von Rezzori (* 13. Mai 1914 in Czernowitz; † 23. April 1998 in Donnini) Fotos Manfred Klimek. Seit 1991 gehört die Stadt Tscherniwzi wieder zur Ukraine.
Ich wurde geboren zu Czernowitz, der ehemaligen Hauptstadt des ehemaligen, zum cisleithanischen Teil der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie gehörigen Herzogtums der Bukowina, ein östlicher Landstrich längs der aus der Tatra auslaufenden Waldkarpaten, der 1775 als Entgelt für die Vermittlung im russisch-türkischen Krieg vom ehemaligen Reich der Ottomanen ans ehemalig kaiserlich-königliche Österreich-Ungarn abgetreten und zunächst dem ehemaligen Königreich Galizien zugeordnet gewesen, nach 1848 jedoch eines der selbständigen ehemaligen Kronländer des Hauses Habsburg geworden war. Bis auf die Stadt, deren Name im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung einige Veränderung erfahren hat – von Cernowitz über Cernăuți zum heutigen Czernowce – ist alles ehemalig, das heißt: nicht gegenwärtig, nicht eigentlich vorhanden, was meinem Geburtsort die Aura des Sagenhaften, also des Irrealen verleiht. Es erweist sich als müßig, dieses mythenhafte Zwielicht historisch aufzuhellen. Daß die ehemalige k. u. k. Monarchie seit 1918 nicht mehr besteht, dürfte sich herumgesprochen haben; gleichwohl tat man im ehemaligen Czernowitz, nun Cernăuți, als glaubte man nicht recht daran. Deutsch war immer noch die allgemeine Umgangssprache, Wien, die nächstliegende Metropole, der man den Rang der Hauptstadt nicht absprechen wollte. Zwar war die Realität so “shakespearescher” Königreiche wie Galizien und Lodomerien fragwürdig geworden; trotzdem sprach man davon, als gäbe es sie immer noch, obwohl sie seit 1940 nicht mehr besteht. Vom Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie bis damals hatte sie dem ehemaligen Königreich Rumänien zugehört, eine Zeitspanne, in welche mein Heranwachsen vom Kind zum Adoleszenten fiel. Das Heranreifen zum Mann vollzog sich anderswo.
Damals von 1919 bis 1940, herrschten die Rumänen mit einer Selbstgewißheit, die sich auf die Behauptung stützte, die Bukowina sei seit den Daciern rumänisches Urland, was angezweifelt werden kann. In Czernowitz, nunmehr auf rumänisch Cernăuți, nahm man sich nicht die Mühe, es in Frage zu stellen. Man sah im rumänischen Zwischenspiel kaum mehr als eine Umkostümierung der ohnehin operettenhaften Staffage. Die Uniformen österreichischer Ulanen waren von denen rumänischer Rosiori abgelöst, bei Infanteristen schaute man sowieso nicht genauer hin, der Unterschied war nicht gewichtiger als im Stadttheater der Szenenwechsel von der “Gräfin Mariza” zum “Zigeunerbaron” und schließlich zum “Bettelstudenten”. Es dauerte kaum mehr als zwei Jahrzehnte, bis der ehemalige schwarzgelbe Anstrich an Mautbalken und Türflügeln von Tabaktrafiken blau-gelb-rot überpinselt und der Doppeladler auf den Giebeln öffentlicher Gebäude durch das Staatswappen des Königreichs Rumänien ersetzt war; dann schon 1940, gilbte dort der Sowjetstern, Cernăuți wurde zu Czernowece, und die Bukowina war ehemalig geworden, es gab sie nominell nicht mehr. Durch einen Staatsvertrag zwischen dem ehemaligen Dritten Reich und Rußland, der sich souverän über die Legende vom rumänischen Dacierland hinwegsetzte, war sie zweigeteilt worden. Das Gebiet südlich des Sereth wurde mit der Moldau der heutigen rumänischen Volksrepublik vereint, der nördliche Teil mit Czernowitz der Sowjetrepublik Ukraine zugesprochen. Damit war das nunmehrige Czernowce auch keine Hauptstadt mehr, denn die Hauptstadt der Ukraine ist Kiew.
Immerhin steht fest, daß ich in Czernowitz, wenn auch im vor-rumänischen, im ehemaligen österreichischen, geboren bin, und auch das dürfte sich herumgesprochen haben. Es steht zu lesen in Kurzbiographien auf den Waschzetteln verschiedener Bücher aus meiner Feder und sogar – wenngleich nicht unbedingt löblich – in einigen Literaturgeschichten der Nachkriegszeit, sowie in Nachschlagewerken, welche die Aufnahme in die Namensliste prominenter Zeitgenossen nicht gerade abhängig machen vom Bezug mehrerer kostspieliger Exemplare, aber den Ankauf so dringlich nahelegen, daß man vermuten muß, sie werde bei Weigerung nicht erfolgen. Vor dieser Bekanntgabe meiner Herkunft, die ich nun leider nicht verleugnen kann, pflegte ich, wenn ich danach gefragt wurde, mit der Antwort zu zögern. Die Gründe dafür waren zweierlei: Erstens, weil die Angabe, aus Czernowitz zu stammen, ein kaum jemals unterdrücktes “Aha!” zur Folge hat. Das beschränkt sich nicht auf den Großraum der ehemaligen k. u. k. Monarchie, in dem der Name Czernowitz einen festen Begriff darstellt: auch in weniger epochenverschleppenden Regionen scheint man Czernowitz zu kennen, als den Schauplatz der meisten galizanischen Judenwitze und die Brutstätte eines Menschenschlags von unverwechselbarer Prägung. Meine Heimatstadt hat Weltruhm erworben als Schmelztiegel eines guten Dutzends von ethnischen Gruppen, Sprachen, Glaubensbekenntnissen, Temperamenten und Lebensgewohnheiten, wo sie zum Amalgam eines quintessentiellen Schlawinertums ausgebrodelt und sublimiert wurden. Wieweit die Zugehörigkeit als Vorzug aufgefaßt werden kann, steht dahin. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, das Bestmögliche daraus zu machen. Dem Lyriker Celan, der gesagt hat, es sein ein Ort gewesen, an dem Menschen und Bücher lebten, ist Besseres gelungen.
Der zweite Grund für ein gewisses Zögern, wenn ich zugeben soll, daß ich ein Czernowitzer bin, ist wieder zweifach. Von den siebeneinhalb Jahrzehnten meines Erdendaseins war ich knapp das erste dort. Nach meinem neunten Lebensjahr bin ich nur noch sporadisch hingekommen – ich will gleich sagen: Leider, denn es gab viel zu lernen in Czernowitz. Das letztemal war ich dort mit zweiundzwanzig, 1936, also vor vierundfünfzig Jahren. In einer solchen Zeitspanne verwischt sich die ursprüngliche Prägung. Entscheidend aber hat zur Entfremdung das zunehmend Ehemalige und Irreale meiner Herkunft beigetragen. Es klingt, als hätte ich Czernowitz erfunden – und damit mich selbst.
Nun verhält es sich tatsächlich so, daß ich mein Czernowitz erfunden habe. Sieht man ab von den “Maghrebinischen Geschichten”, die ich nicht hätte schreiben können, wäre ich nicht dort geboren und – wenn auch nur zeitstreckenweise – dort aufgewachsen, so spielt die Stadt eine schicksalhafte Rolle in drei anderen meiner Bücher “Ein Hermelin in Tschernopol”, nebensächlich in den “Denkwürdigkeiten eines Antisemiten” und wieder schicksalsträchtig in einer weitgehend autobiographischen Darstellung der Protagonisten meiner Kindheit mit dem Titel “Blumen im Schnee”. Mit alledem habe natürlich nicht Reiseführer durchs konkrete Czernowitz-Cernăuți-Czernowce schreiben sollen, sondern Schilderungen eines mythenhaften Topos. Besonders im Roman, in dessen Titel ja der Name Tschernopol darauf hinweist, daß es sich um eine literarische Überhöhung handelt, diente mir die Erinnerung an die Stadt meiner Kindheit sozusagen als Knochengerüst für die Modellierung des mythischen Schauplatzes einer mythenhaften Handlung. Denn es ist der Roman einer Kindheit, und in der Kindheit ist alles mythenhaft. Das gilt auch für die Schilderung der Stadt in “Blumen im Schnee”, obwohl der deklariert autobiographische Charakter dieses Buches mich verpflichtet hat, das Tatsächliche – oder jedenfalls das Effektive – so wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie ich es in Erinnerung hatte.
Bekanntlich aber ist die Erinnerung nicht unbedingt zuverlässig. Sie wählt willkürlich aus, was sie behalten will, schiebt weg, was ihr nicht behagt, rückt das Emotionelle in den Vordergrund, verklärt und verzerrt. Absichtlich sowohl wie unabsichtlich habe ich so zur Entwirklichung meines Herkunftsorts beigetragen und damit seiner – und wiederum damit meiner – ohnehin legendären Windigkeit auch noch den Nimbus des Unglaubwürdigen verliehen.
Das ficht mich wenig an, soweit es um die ethische Frage der Wahrheitstreue geht. Ich bin ein Schriftsteller und habe als solcher nicht nur das Recht, sondern geradezu die Verpflichtung, die Wirklichkeit bis hart ans Unglaubwürdige zu überhöhen. Wer aber wie ich, um das zu erreichen, beständig das Autobiographische heranholt, es paraphrasiert und variiert, fiktiv und hypothetisch einsetzt, der läuft Gefahr, sich selber auf den Leim zu gehen – das heißt: bald selbst nicht mehr zu wissen, was real und was irreal ist. Das geht übers Moralische hinaus. Es nähert sich bedenklich der Schizophrenie.
Weil ich ein gewissenhafter Mensch bin, habe ich mich auf das Abenteuer eingelassen, mein erfundenes Tschernopol mit dem in Czernowce tatsächlich weiterexistendieren Czernowitz zu konfrontieren. Ein um so kühneres Unternehmen, als ich ja nicht nur mir selbst, sondern auch meiner mythischen Heimatstadt mehr als ein halbes Jahrhundert Zeit gelassen hatte, sich ins Unvorhergesehene zu entwickeln. Natürlich mußte ich voraussetzen, daß das ukrainische Czernowce, vom Mischmasch aus Volksdeutschen, Rumänen, Polen, Russen, Juden, Ungarn, Slowaken und Armeniern reingefegt, nicht mehr das Czernowitz beziehungsweise Cernăuți sein konnte, das ich 1936 zum letztenmal betreten hatte. Desgleichen, daß das hybride Wachstum, das alle Siedlungen in aller Welt zum Auswuchern gebracht hatte, nicht auch Czernowce befallen haben sollte – dieses Chamäleon unter den Städten, das der Heimatdichter Karl Emil Franzos um 1890 als ein “Huzulendorf mit pseudo-byzantinischen, pseudo-gotischen und pseudo-maurischen Bauten”, wenig später als eine “Schwarzwald-Idylle” und schließlich als “Klein-Wien” beschrieben hatte: daß also mancherlei, was ich in Erinnerung behalten hatte, im Trend des pseudo-amerikanischen und pseudo-russischen Zukunftsgestaltungswillens niedergerissen, von Baggern ausgehoben und unter Tonnen von Eisenbeton verschwunden sein mochte. Solcherlei Entwicklung lief nicht dagegen, daß die Hauptstadt der nicht mehr existierenden ehemaligen Bukowina ein Provinznest der Sowjet-Union geworden war, in dem mir vermutlich an allen Winkeln die Verwahrlosung entgegentreten würde. Nichts von alledem war – zunächst – der Fall.
Ich fand mich vor in meinem Czernowitz, dem rumänischen Cernăuți zwischen zwei mörderischen Kriegen, als wäre ich nie weggewesen, ein Rip van Winkle, der sich den Schlaf aus den Augen reibt, ohne – zunächst! – wahrzunehmen daß es ein Schlaf von einem (für mich allerdings nur halben) Jahrhundert gewesen war. Um mich her stand alles an seinem Platz, genau so, wie ich es vor vierundfünfzig Jahren verlassen hatte. Nichts fehlte – auf den ersten Blick. Nur der zweite offenbarte winzige Veränderungen. Anders war, zum Beispiel, daß überall an beiden Straßenseiten Bäume gepflanzt waren. Sie prangten in jungem Grün, und das rückte die Stadt zusammen, machte die Straßen, Gassen und Gäßchen enger, gleichzeitig freundlicher, gewissermaßen kurorthaft. Es war ein Czernowitz, dem ich Abbitte tun mußte für meine skeptische Erwartung. Nichts war schmierig oder lotterig. Die Häuser waren frisch gestrichen, in einem kaiserlich-österreichischen Dottergelb, das abwechselte mit einem kaiserlich-russischen Erbsengrün. Das Pflaster war reingegefegt – dasselbe von Gummireifen der Fiaker blankpolierten Kopfsteinpflaster und dieselben Steinplatten der Gehsteige, über die meine Kinderschuhe hingetrippelt und die glatten Sohlen meiner ersten Tango-Versuche den Schönen auf dem Corso der Herrengasse nachgeglitten waren; und wohltätigerweise waren die Straßen auch heute noch frei von den blechernen Metastasen geparkter Autos. Der spärliche Verkehr rieselte ohne Stau und Stand und Getöse, beinah geräuschlos ab. So fehlten denn auch einige von damals her vertraute Geräusche. Es fehlte das rüde “Hoop!”, mit dem die jüdischen Fiakerkutscher achtlose Passanten vor ihren Gäulen weggescheucht, und es fehlte das schwirrende Gschilpe der Spatzenschwärme, die überall auf die reichlich niederfallenden, feucht dampfenden Roßäpfel gelauert hatten. Die Fiaker waren verschwunden, und es fehlte auch die elektrische Straßenbahn, deren eigenwillig funktionierende Bremsen der Anlaß zu mancher heillosen Verwirrung im Straßenverkehr gewesen waren. Wendige Trolleybusse schlängelten sich entlang der eingeebneten Schienen, in denen dereinst die vergilbt rot-weiß-roten, schmalfenstrigen, wie große Spielzeugschachteln auf den kleinen Eisenrädern schwankenden Wagen nach tapferer Überwindung des Steilhangs zum Pruth-Tal vor dem Rathaus auf dem Ringplatz aufgetaucht waren und starrsinnig bimmelnd und in den Biegungen kreischend die Stadt bis über den Volksgarten hinaus durchquert hatten. Es fehlte das Gezänk der Dohlen in den Akazien vor der Landesregierung und um die Zwiebeltürme der Metropoliten-Kathedrale und das Rattern der Leiterwagen, auf denen die Bauern aus den umliegenden Dörfern zum Markt gekommen waren, ihr Schnapsgeruch und das klirrende Trappeln ihrer schlecht beschlagenen ruppigen Panjepferdchen. Die Akazien waren auf italienische Weise gestutzt, und die Bauernkarren von den Lastkraftwagen der Kolchosen ersetzt, das machte das Stadtbild adretter und gleich auch ein wenig steril.
Ich kam nicht aus dem Staunen. Das war ganz unbzweifelbar, greifbar konkret und wirklich das Cernăuți meiner Kindheit – und war doch wieder nicht das Czernowitz, das ich ein halbes Jahrhundert visionär in mir getragen hatte: die Steppenstadt Tschernopol, der mythische Schauplatz mythenhafter Geschehnisse. Es war das Inbild einer provinziell behäbigen, hellen, sauber gehaltenen und immer noch unverleugbar kakanischen Provinzmetropole, phänotypisch eine ehemalige Landeshauptstadt aus dem östlichsten Bereich der ehemaligen Doppelmonarchie, umflort noch von einem Schimmer deren dereinstiger Glorie. Vernünftig angelegte Straßenzüge präsentierten baukünstlerisch wohlgemeinte, aber anspruchslose Fassaden von Bürgerhäusern aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und dessen Wende ins zwanzigste, und auch stilistische Extravaganzen hielten sich in der Mittelmäßigkeit der Epoche. Die neo-gotischen Türme der katholischen, die pseudo-byzantinischen Kuppeln der orthodoxen, die pseudo-maurischen Zinnen der armenischen Gotteshäuser (einzig der prunkvoll neo-assyrische Tempel der Juden war, wie ich hören sollte, seit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg zerstört) überragten urban die gleichmäßig hohen Dächer, und gleicherweise gemessen überbot die Neo-Renaissance von staatlichen Verwaltungsgebäuden und die Pseudo-Klassizistik der Garnisonskasernen die Übergänge der Gründerzeit-Architektur zum gezähmten Jugendstil. Alles das war eingebettet ins frische Grün der neubepflanzten Alleebäume.
Das war für mich ein Sturz ins Irreale. Ich durfte meinen Sinnen nicht mehr vertrauen. Die Stadt vor meinen Augen war Stein für Stein dem legendären Czernowitz nachgebaut, so wie ich es in meinem Tschernopol beschrieben hatte. Aber ihr überwältigendes Jetzt-und-Hier war seelenlos. Sie war gewissermaßen aus ihrer Weltzeit herausgenommen. Nicht in der Entwicklung stehen geblieben, sondern sozusagen darüber hinaus zurückdatiert. Dieses gegenwärtige Czernowce war eine Verleugnung des Cernăuți zwischen den beiden Weltkriegen und sogar des altösterreichischen Czernowitz vor dem Ersten. In seinem äußerlich unveränderten Bestand hattes es sich in eine provinziell idylles Belle-Epoque zurückversetzt, ein Gründerzeit-Traum von sich selbst, nur freilich ohne den Geist und das Leben der Epoche. Es war die Theaterdekoration für ein Schauspiel, das nie aufgeführt worden war, ein Widerspruch in sich: ein reingefegtes, gelecktes und gelacktes, keimfreies Tschernopol. Nichts war zu spüren von dessen Dämonie. Unerfindlich, was dem niedlichen Provinzhauptstadt-Modell, als das Czernowce im Jahre 1989 sich darstellte, die Wachheit, die helle Intelligenz, die scharfäugige Beobachtung, die Spottlust, den beißenden Witz von – ja, eben von Czernowitz gegeben haben sollte. Nichts war hier wahrzunehmen von dem quirlig lebendigen, zynisch unverfrorenen und melancholisch skeptischen Geist, der die Kinder dieser Stadt unverwechselbar als Czernowitzer kenntlich und weltweit berühmt gemacht hatte. Und dennoch war’s eine Realität, die ich nicht wegleugnen konnte, und sie war überzeugender als der Mythos, den ich behauptete.
Man hat den Geist von Czernowitz dem nirgendwo anderswo ähnlich anzutreffenden Neben- und Miteinander der Völkerschaften in der Bukowina und dessen gärender Komprimierung in deren Hauptstadt zugeschrieben, der gegenseitigen Befruchtung und Abschleifung, der beständigen Herausforderung dort, der Notwendigkeit, sich anzupassen, rasch aufzufassen, richtig zu reagieren, die vor allem für die Juden eine Lebensbedingung gewesen war. Alles das schien im Jetzt-und-Hier des gegenwärtigen Czernowce hinfällig geworden zu sein. Die ethnische Buntscheckigkeit von ehemals hatte einem durchwegs homogenen Menschenschlag Platz gemacht. Vom unseligen Wechselbalg völkischer Gesinnung, dem fatalen Nationalismus, der doch auch hier, von außen her geschürt, walpurgisnächtliche Urständ gefeiert hatte, waren kaum noch die allegorischen Spuren zu sehen. Verblaßt unter den Wettereinflüssen eines kontrastreichen Klimas, versinnbildlichten an den Fronten des ehemaligen “Deutschen Hauses”, des “Dom Polski” und des ukrainischen “Narodny Dim” die Fresken hehrer Frauengestalten mit entblößten Brüsten und allerlei symbolischen Zubehör wie Schwert, Buch, Leier, Weizengarben, Adlern und erdrosselten Schlangen jugendstilistisch den Geist der jeweiligen Nationalität – jeweils nur eines der Ingredienzien, aus denen der Czernowitz spiritus loci die Grundstimmung einer zynischen Unbekümmertheit um hohe Gesinnungen jeglicher Art zusammengebraut hatte. Ein echter Czernowitzer schaute auch dem Spektakel überschäumender Nationalgefühle mit nicht mehr persönlicher Anteilnahme zu als zu Purim der Maskerade von Gassenbuben.
Aber es war nicht dieser achselzuckende Gleichmut, der zugelassen hatte, daß die Hochburgen chauvinistisch abgebeizter Kleineleutedünkelei so stehen geblieben waren wie man sie vor einem vollen Jahrhundert, in der Blütezeit des völkischen Romantizismus, erbaut und sinnbildträchtig hergerichtet hatte. Neben allen andern, ebenfalls gespensterhaft seelenlos erhaltenen Zeugnissen einer historisch lebhaft bewegten Vergangenheit wirkten sie als einzige vernachlässigt. Ich hatte den Eindruck, sie stünden leer, hinter ihren verschäbigten Fassaden, wie Häuser nach einem rücksichtslos gelöschten Brand, bei dem die Feuerwehr mehr Schaden angerichtet hat als die Flammen. Die Agression, die sie beherbergt hatten, war igendwann einmal zu heftig aufgelodert, und wer sie ausgerottet hatte, war so rigoros verfahren, daß damit auch alle fruchtbare Gegensätzlichkeit, alle Farbigkeit und Spannung des Neben- und Miteinanders von einem Dutzend Nationalitäten vernichtet war.
Ich versuchte, mir eine Szene aus meinem legendären Tschernopol zu rekonstruieren: Aus der “Casa Poporului” tritt ein Jüngling der rumänischen “Junimea” im ärmellosen, bunt bestickten Schafsfelljäckchen, das grobleinene Hemd über den leinenen Hosenröhren straff blau-gelb-rot gegürtet,den Fichtennadelduft der Waldkarpaten in den Locken und im Blick den Stolz des Daciers, den die Kohorten Trajans zwar zu besiegen, nicht aber zu bezwingen vermocht hatten. Zufällig kommt ein farbentragender Bursch der volksdeutschen “Arminia” vorbei, mit steifem Kragen und flotten Stürmer, das Band quer über der Teutonenbrust. Beim Anblick des Rumänen schnaubt er verächtlich durchs Pflaster über seinem frischen Schmiß – womit unmißverständlich bekundet ist, daß er in dem Rumänen einen “prosten Bauern” und potentiellen Widersacher sieht, obwohl sie beide auf der Universität im selben Hörsaal sitzen. Damit ist der Anlaß zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gegeben. Aber sie werden voneinander abgelenkt durch den Anblick eines chassidischen Rabbiners in schwarzem Kaftan, bleicher Gelehrtenhaut und langen korkzieherhaft geringelten Schläfenlocken unter der Fuchspelzkappe; und unverzüglich sind sie sich einig, daß ihre Angriffslust in ihm ihr eigentliches Ziel gefunden hat. Vorderhand freilich begnügen sie sich mit Spötteleien, obszönen Gesten und nachgerufenen Schmähworten. Vorderhand –: Wir schreiben erst 1930. Das große Signal ist noch nicht gegeben.Es soll bald erfolgen und seine Folgen zeitigen. Heute, im Czernowce von 1990, ist eine Szene jener Art nicht vorstellbar. Sie spukt nur noch in meinem Hirn, nicht mehr in diesen ordentlich gehaltenen Gassen.
Was sich darin vor meinen verwirrt-verwunderten Blicken bewegte, war so durchgehend einheitlich von einem und demselben Schlag, daß gänzlich offensichtlich nichts vorhanden war, was das völkische Eigenwertgefühl hätte provozieren können. Es wanderte zu jeder Tageszeit dahin wie Arbeitervolk, das nach dem Ende der Werkstunden aus Fabriken strömt. Selbst bei gelegentlicher farbiger Ausstaffierung wirkte die Konfektionskleidung im Grundton grau. Auch die Physiognomien waren, wie man so sagt, aus einem Guß: slawisch breitkantig, mit derber Haut und hellem Haar. Es waren Ukrainer – früher nannten wir sie Ruthenen, eine der vielen Minderheiten, wo es gar keine Majorität gab. Im ganzen Bereich der ehemaligen Bukowina hatten sie wenig mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht, in der Stadt Czernowitz zu altösterreichischer Zeit einen viel geringeren Anteil, noch weniger im rumänischen Cernăuți. Jetzt gab es nur noch sie, die Genossen Volksgenossen der Sowjetrepublik Ukraine, die als das ehemalige Klein-Rußland, vermehrt um das ehemalige Galizien und die nördliche Bukowina, mehr als die Hälfte der europäischen Sowjetunion einnimmt.
Sie unterscheiden sich auch nicht von anderen Russen. Die Frauen waren fast ausnahmslos plump, die Männer untersetzt und schwammig. Ein Volk der Kohlesser, nicht darbend, nicht unzufrieden, zur Gottergebenheit veranlagt, ernst und sittsam. Sehr sittsam, offenbar. Weiblichkeit drückte sich ostentativ in kleinbürgerlicher Mütterlichkeit aus, allerdings auch in einer fatalen Vorliebe für feuerrot gefärbtes Haar. Nur sehr junge Mädchen gingen in Hosen, Halbwüchsige zeigten in der Haartracht Ansätze zur Elvis-Presley-Imitation. Aber das war eher modisch als weltanschaulich. Alles in allem war das keine Wohlstandswelt, es hatte nichts vom Wahnsinn der Verschwendung und Vergeudung unserer spätabendländischen Konsumparadiese. Nichts wurde einem hier aufgeschwätzt; nichts ärgerte durch seinen schundigen Überfluß. Diese Bescheidung wirkte wohltätig, gleichviel, ob sie unfreiwillig war. Ich fühlte mich verschont von Kaufzwang und Verbrauchsnötigung, und vielleicht bewirkte das den trügerischen Eindruck, die Menschen dieser Welt bewegten sich mit der Würde von absichtlich Verzichtenden. Ich mußte unwillkürlich denken, Adolf Hitler hätte Wohlgefallen an ihnen gefunden.
Es war auch nicht, wie’s auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte, eine Welt gänzlich ohne Farben. Vom ehemaligen Austriaplatz kam Militärmusik. Das war dereinst der große Marktplatz der Innenstadt gewesen, dorthin waren die ratternden Bauernkarren montags zum Wochenmarkt gestrebt, wo unter einer Wolke vom Knoblauch, frischgegerbtem Schafsfell, scharfem Käse, Machorka-Tabakrauch und Fusel, Bratöl und Kuhfladendunst Handel mit allem Erdenklichen getrieben wurde, von Ochsenhäuten über Kattunkopftücher zu rostigen Vorhängeschlössern, Fuhrmannspeitschen, gestickten Leinenhemden, Mundharmonikas, bündelweise an den Füßen zusammengebundenen Hühnern, Butter auf Huflattichblättern, Eiern in Körben, aus Autoreifen zusammengeschnittenen Opanken, Taschenmessern, Lammfellmützen und unaufzählbar ähnlich vielfältigem Zeug. Unter dem Blau des freien Himmels hatte das die Buntheit eines Tropfbilds von Pollok gehabt, das Durcheinanderschwärmen eines Ameisenhaufens. Dort hatten Juden um abgetragene Kleidungsstücke geschachert, Armenier Leinenballen, Wollestränge und Wagenladungen Kukuruz aufgekauft, Lipowaner ihr schönes Obst angeboten, Flickschuster ihre Dienste an Ort und Stelle. Huzulenweiber war mit Roscher Schwäbinnen in Streit geraten, Betrunkene in Prügeleien, Blinde, Lahme, Aussätzige hatten gebettelt, Zigeuner gefiedelt, die Kümmelblättchenspieler mit verwirrend geschwind hin und her geworfenen zwei schwarzen und einem roten As den stumpfsinnig gaffenden Hinterweltlern die sauer ergatterten Groschen so gründlich abgeknöpft wie die überall emsig arbeitenden Taschendiebe, immer wieder ängstlich nach den Polizisten ausschielend, die sie verhaften oder zu horrendem Bakschisch erpressen konnten. Es war ein Platz des Lebens gewesen, wimmelnd und gärend, Nabel der Kosmopolis, die Czernowitz in wörtlicherem Sinn gewesen war als manche Weltstadt.
Jetzt war der Platz eine auszementierte Aufmarschfläche, weit, leer, peinlich reingefegt. Aber doch nicht gänzlich steingrau. Eine der Schmalseiten, dort, wo der Hang zur Vorstadt Klokuczka abfällt, war von einer riesigen, knallroten Plakatwand eingenommen. Sattes Goldgelb schnitt daraus in streng stilisierter Schablone das Bildnis Lenins und ließ die vier- und fünfstöckigen Häuser an den Längsseiten des Platzes zwergenhaft erscheinen. Einige Dutzend Marschschritte davor saß jetzt an einem langen Tisch eine Handvoll Honoratioren, die Hälfte davon in Uniform. Achselstücke glitzerten reichbestirnt; weibliches Blondhaar wallte filmreif dauergewellt. Wiederum zwei Dutzend Marschschritte davor waren in drei Gruppen Militärkapellen aufmarschiert, jede kommandiert von einem knollenförmigen Major. Jeweils eine nach der anderen produzierte sich in flotten Märschen, heiteren sowohl wie getragenen Musikstücken.
Es handelte sich, wie man mir sagte, um einen Wettbewerb der Garnisonskapellen. Der Regimenter waren viele, sämtliche Waffengattungen waren in Paradeuniform vertreten, auch das gab ein buntes Bild, und jede einzelne der Kapellen tat sich nach der Pflichtübung, die mit der Staatshymne der Sowjetunion endete, mit der Kür einer Sondernummer hervor, vom Radetzkymarsch über das Andreas-Hofer-Lied bis zur Ouvertüre des “Freischütz” – russische Volksmusik mit einem Wort. Das dauerte nun schon den ganzen Vormittag, und weil es dazu noch ein Sonntagsvormittag war, hätte ich meinen sollen, daß das Spektakel eine schaulustige Menge anziehen müßte. Aber nur eine spärliche Anzahl von Vorübergehenden ergötzte sich kurz verweilend daran, selbst als am Ende Bataillone in historischem Kostüm auftraten, Soldaten des kaiserlichen Heeres, das über Napoleon gesiegt hatte, und weniger farbig, dafür unheimlicher in erdferkelhaften Tarnanzügen – die Überwinder der Armeen Hitlers. Beschlossen wurde die Vorführung von tanzenden Trachtengruppen. Aber deren folkloristischer Aufputz kam so offensichtlich aus dem Theaterfundus, daß sie hier, wo noch vor wenigen Jahrzehnten Volkstrachten zum alltäglichen Anblick gehört hatten, niemandem ein sonderliches Interesse abzulocken vermochten.
Auch ich, der Fremde, deutlich als ein solcher an Anzug und Gehabe zu erkennen, erweckte keins. Kein neugieriger Blick streifte mich, kein Zeichen gab mir zu verstehen, daß ich auffällig sein konnte. Es war, als wäre ich durchsichtig oder nicht vorhanden, und das Gefühl, hier zwar zu Hause, aber doch ein halbes Jahrhundert und eine ganze Welt fern zu sein, verstärkte sich zur irrealen Wirklichkeitsdichte des Traumzustands. Ich war da und doch nicht da. Ich träumte bei voller Wachheit – nicht allein diese handgreiflich reale Stadt, sondern mich selbst in ihr. Derart meinem Stand in Raum und Zeit enthoben, machte ich mich auf zum Haus meiner Kindheit. Um es vorwegzunehmen: Von allen Häusern dieser Stadt, an denen kein Stein verrückt zu sein schien, war es als das einzige nicht mehr da.
Das Haus einer Kindheit, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist ohnehin ein luftiges Gebäudes. Es besteht aus Ein- und Ausblicken mehr als aus festen Wänden; aus Teilansichten, Winkeln, Ecken, einzelnen Möbelstücken, Vorder- und Hintergründen – kurz: aus Fragmentarischem, wie im Filmatelier die zusammengestückten Kulissen, für einen Film, der aus der Sicht eines Dreikäsehochs aufgenommen wird. Immerhin wußte – und weiß – ich, daß es ein Stück weit außerhalb des damaligen äußersten Randgebiets der Stadt in einem großen Garten gelegen war, an drei Seiten noch offen zum freien Land. Ich wußte – und weiß – , daß es wie ungezählte neoklassizistische Villen seiner Art eine säulengetragene Vorderfront mit einer schmalen Terrasse und einen tympanonartigen Giebel darüber hatte und an der Rückseite zur Gartentiefe eine glasverkleidete Veranda. Es war zu erreichen gewesen durch eine lange, gartenreiche Straße des Villenviertels, die Gartengasse. Ich fand sie ohne Schwierigkeit. Auch sie war gänzlich – oder jedenfalls zum größten Teil – unverändert. Traumwirklich so, wie ich sie vor vierundfünfzig Jahren verlassen hatte, lief sie durch dieselben zwei Zeilen gutbürgerlicher Einfamilienhäuser, die Karl Emil Franzos zum Vergleich mit Schwarzwaldhäuschen verführt hatten. Einzelne davon grüßten mich vertraut. Andere wieder, an der Straßenseite, die zu meiner Zeit noch halbwegs unbebaut gewesen war, verstörten mich: Ich wußte, daß sie nicht dagewesen waren, konnte es ihnen aber nicht absprechen. Sie wiesen keinerlei stilistisches Merkmal, keinerlei Neuigkeit, geringere Abgewohntheit auf, die sie hätten von ihren Nachbarn unterscheiden können. Nicht historisch Kennzeichnendes war ihnen abzulesen, weder die auch architektonisch nationalbewußte Rumänenherrschaft noch beinah fünfzig Jahre kommunistischer Wohnungsbau-Ideen. Hinter den Fliederbüschen und Königskerzen ihrer Vorgärten und efeuüberklettert bis an die Giebel, Erker, Türmchen ihrer von Franzos besungenen Idyllik sprachen sie der Behauptung hohn, daß sie nicht aus derselben irrealen Weltzeit stammten wie das übrige Czernowce. Ich verlor die Sicherheit, mit der ich meinem Ziel zugestrebt war. Diese Gartengasse war um beinah ein Drittel ihrer dereinstigen Länge länger geworden, eben wie in Träumen ein vertrauter Weg sich endlos hinzieht: und als ich schließlich doch ihr Ende erreichte, stiegen vor mir eng hintereinandergestaffelte Reihen von zehn-, zwölf-, vierzehn- und sechszehnstöckigen Hochhäusern auf und verstellten den Blick, wo er einstmals weit ins freie Land hinausgegangen war.
Ich hätte es erwarten müssen. Es war logisch und konsequent: Mit dem steil abfallenden Hang zum Pruth-Tal, das die Stadt umarmte, war diese die natürliche, die einzige Richtung, in die sie sich hatte entwickeln können – und daß sie sich in vierundfünfzig Jahren entwickelt haben würde, hatte ich ja im voraus angenommen. Sie hatte es ohnehin unter erstaunlicher Schonung des Vorhandenen getan – so konservatorisch, daß es mich in ein Niemandsland der Zeit und einen Zustand zwischen Traum und grellstem Wachsein versetzt hatte. Nicht nur war alles aus meiner Zeit unangetastet geblieben, es war auch noch Vergangenheitsträchtigeres dazugekommen. Daß einzig das Haus meiner Kindheit aussgenommen sein sollte von dieser denkmalschützerischen Pietät, wollte mir nicht einleuchten. In meiner Erinnerung stand fest, daß wir aus den Fenstern de Südostseite die Pappelreihen einer der großen Ausfallstraßen ins Land hinaus, der Siebenbürgenstraße, sehen konnten, weiterhin bis zum luftblauen Horizont: ein Sehnsuchtsweg meiner kindlichen Phantasie. In der Tat, auch jene Straße existierte noch; nur war sie nicht mehr einzusehen. Sie war nicht mehr flankiert von Pappeln, in deren Laub die Vögel ein und ausgeflogen waren, sondern von Wohnblocks und Kaufhäusern, in denen es nur sehr Dürftiges zu kaufen gab. Zwischen ihnen und dem Hochhausgeschwader lag unordentliches, teils unbebautes, teils auf Geratewohl bebautes Gelände, eine Studentensiedlung, ein nun doch rumänisch anmutendes Waisenhaus, eine Blindenanstalt in den Resten ehemaliger Baumbestände, eingestreut darein laubenkoloniale Einfamilienhäuschen. Dort dazwischen, daneben oder dahinter mußte das Haus gelegen sein. Aber es war nicht mehr dort. Es war spurlos verschwunden. Es half nichts, danach zu fragen. So entgegenkommend jedermann auch war, niemand wußte etwas davon, war entweder zu jung, zu spät hierhergesiedelt oder konnte sich nicht so weit zurückentsinnen. Je intensiver ich suchte, um so hoffnungsloser verlor ich mich im Unbekannten. Nach zwei Tagen ergebnisloser Suche war das Haus meiner Kindheit ein Gespenst, das allein in meinem Schädel spukte.
Um zu überprüfen, ob ich nicht das Opfer schizophrener Einbildungen sei, setzte ich noch einmal mit der Suche – nun nach mir selber – an, diesmal im Stadtkern. Meine Mutter hatte dort, nach der Trennung von meinem Vater, durch zwei Jahrzehnte ein Haus bewohnt, das gleichfalls in einem großen Garten gelegen war, einzig in seiner Art als Überbleibsel der kleinstädtischen, noch recht ländlichen Vergangenheit von Czernowitz. Es war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erbaut worden und verschont geblieben von der stürmischen Entwicklung der Stadt in den Gründerjahren. Dieses Haus war noch vorhanden. Es stand immer noch in seiner Lücke zwischen links und rechts und gegenüber liegenden respektablen Mietshäusern, und leider lag, was dereinst Garten gewesen war, unter einer Decke von Zement. Überdies schien mir das Haus unglaubwürdig gegen die Straße gerückt zu sein. Anstelle seines Schindeldachs war’s mit rostigem Blech bedeckt, und seine ehemals von Jasmin umwachsenen Wände waren nackt und kaffeebraun gestrichen. Auch fehlte die Veranda, die ich freundlich in Erinnerung behalten hatte. Aber das allein war’s nicht, was mich verstörte. Auch hier war einiges darum her gewachsen, was meinerzeit nicht dagewesen war, allerlei kleinstädtische und augenfällig von kleinen Leuten gemütlich bewohnte Häuschen, auch eine inzwischen verfallene Fabrikhalle in gelbem Klinkerziegel und eine Flucht von Wohnhöhlen bis in den tiefsten Hintergrund des ehemaligen Gartens. Und nichts, aber auch gar nichts wies darauf hin, daß das alles nicht schon immer darum her gestanden war. Es war von gleicher Bauart, schien aus derselben kleinstädtischen Vorzeit der Stadt zu stammen, war gleicherweise schäbig abgewohnt.
Ich glaubte, mein letztes Restchen Verstand zu verlieren. Wenn schon seit meiner Zeit hier etwas gebaut worden war, dann doch nicht diese Periökensiedlung. Schon in der Zwanzigerjahren war das Grundstück, wenige hundert Schritte vom Ringplatz gelegen, ein schieres Lustobjekt für Bauvorhaben gewesen, denen meine Mutter heroisch widerstanden hatte.
Seit der Aussiedlung meiner Mutter, 1940, war es herrenlos. Hier hätte ein imposanter Wohnblock hingestellt werden können. Was hatte das verhindert? Doch nicht denkmalschützerische Pietät für diese Krattlerhütten hier, die das Stadtbild verschandelten. Ich konnte schwöre, daß sie 1936 noch nicht dagestanden waren. Aber allen Augenschein sprach gegen meinen Eid. Auch hier vermochte ich nichts anderen, als etwas Unglaubwürdiges zu behaupten.
Zu meiner Rettung kam ein Engel in Gestalt einer der Bewohnerinnen. Nein, nein, sie waren tatsächlich nicht dagewesen, diese Nebenhäuser, nur das ganz alte in der Mitte stammte von früher, alles andere darum her war in den Fünfzigern dazugekommen, eine ärmliche Zeit, in der man nicht an große Bauten denken konnte. Nein, auch die abscheuliche Fabrikanlage war erst damals Hals über Kopf errichtet worden, und ja, gewiß war einmal auch eine Veranda am Haus gewesen, und dort, wo jetzt die Reihenwohnungen lagen, waren die ehemaligen Stallungen gelegen, die Böden ware dort immer noch feucht. Jawohl, da drüben waren große Kirschbäume gestanden – und ob ich nichts ins Haus kommen wollte, um zu sehen, daß die Räumlichkeiten die gleichen geblieben waren, es wohnten jetzt allerdings drei Familien darin.
Stein, der mir vom Herzen fiel, sank schwer in mein Gemüt. Es war also doch nicht alles schiere Phantasmagorie, die pure Einbildung, was ich von meiner Frühzeit in Erinnerung behalten hatte – das zu wissen tat wohl. Allerdings zahlte ich meinen Preis dafür. Niemals wieder würde ich ans Haus meiner Mutter denken können, ohne daß sich nicht darüber die häßliche Realität seines gegenwärtigen Zustands schob. Das eigentliche Haus meiner Kindheit war davon verschont geblieben, dafür aber nun gänzlich irreal geworden, umwittert von einer Sagenhaftigkeit, die mich fürchten ließ, ich selbst könnte niemals mehr recht an seine Wirklichkeit glauben. Wohlan! Im Bereich der Unglaubwürdigen, im Fabelreich phantastischer Einbilderungen war mein Tschernopol gelegen, das irreale Bild der Realität von Czernowitz. Die Realität, die ich in Czernowcze angetroffen hatte, drohte mir auch die zu zerstören. Ich mußte sie schleunigst wieder verlassen. Man soll die Suche nach der verlorenen Zeit nicht im Geist des nostalgischen Tourismus unternehmen.
Anfang Oktober 2025 sendet mir Christian Marti-Menzel aus Barcelona seinen Essay »Über die Kriegsjahre«. Rezzori wird als letzter österreichisch-ungarischer Schlafwandler zitiert.
Grüße aus der Bukowina - Erinnerungen an eine Welt von Gestern
ZDF Dokumentation, 1995, Videoabschnitt: ab 7,22 ein Interview mit Gregor von Rezorri
» Der deutsch-jüdische Topos von „Bukowina/Czernowitz“ umfasst neben dem Naturreichtum einen markanten urbanen Aspekt, die Stadt wird dabei als zivilisatorisches Modell, als »gesegneter Bereich des deutschen Geistes" begrüßt. Demgegenüber tut sich die Topographie der analysierten Autobiographie weniger in ihrer urbanen Ausprägung auf, vielmehr durch den Prisma des Kindes im Profil einer erinnerungshaft verschleierten, grandiosen Provinz, als eine verklärte Naturlandschaft, als Heimatsort mit mythischen Kenndaten.« Brigitta Finta: Mitteleuropäische erinnerte, erzählte und imaginäre Topographien. Geschichts- und Identitätskonstruktionen des Grenzgängers Gregor von Rezzori, November 2012

Neues und Altes über und von Gregor von Rezzori findet sich im »Schreibheft« 105, September 2025
Zoom auf den Epochenverschlepper von Lothar Struck, Glanz und Elend, Literatur und Kritik
Buchhandlung Singer, Wien
DOROTHY SINGER

Jahrelang begannen meine Wien Besuche in der Bräunergasse mit einem Besuch in der Buchhandlung des Jüdischen Museums bei Dorothy Singer in der Dorotheergasse, danach Einkehr im Bräunerhof. 2017 wurde der Vertrag mit Frau Singer nicht verlängert, sie musste sich eine neue Bleibe für ihre Buchhandlung suchen und fand diese am Rabensteig 3, Wien erster Bezirk – Innenstadt. Im Mai 2019 trete ich ein, Frau Singer ist anwesend, telefoniert. Sie erzählt von der Gewerbeordnung der Stadt Wien, den Schließungszeiten, die für einen Kaffeehausbetrieb anders sind als jene für eine Buchhandlung und wieder anders für eine Galerie oder einem Servicebetrieb für den Tourismus.
Drei Bilder von Eva Beresin ziehen mich in den Bann. Alle drei Bilder eine Reminiszenz an Stefan Zweig, wobei mich das links abgelichtete Bild auf andere Gedankenwege brachte und auch bei anderen Besucherinnen und Besucher irrten die Gedanken in eine andere Richtung, wie Frau Singer bestätigt.
Telefonisch eine Anfrage, ob die Räumlichkeiten zu mieten sind. Ja die Räumlichkeiten können für Lesungen, Konzerte gebucht werden. Es gibt Informationsmaterial über das Jüdische Wien, geführte Touren, Veranstaltungen. Frau Singer hofft, dass die neue Adresse den Interessenten so geläufig wird wie die ehemalige. In mir haftet schon inwendig die »am Rabensteig«, auch deshalb weil ich Raben mag und ich lieber im Gegenwärtigen verweile als im Vergangenen.
Ich schaue mich bei den Büchern um, wende mich dem letzten Buch zu, das in deutscher Sprache von Aharon Appelfeld erschienen ist »Meine Eltern« — mit Appelfeld und Czernowitz fühle ich mich verbunden. In Czernowi
tz findet im September 2019 zum zehnten Mal das Lyrikfestifal Meridian Czernowitz statt.
In Frau Singers Buchhandlung, Café, Galerie entfaltet sich der Blick nach vorne. Der integrierte »Info Point Jewish Vienna« bietet Informationen über das jüdische Wien und aktuelle Veranstaltungen. Die Balance zwischen gestern und morgen schafft das Gegenwärtige, darin verweile ich vertieft in einem Buch bei einer Schale Kaffee und das laute touristisch-geschäftige Wien-Getriebe bleibt draußen.
10. Mai 2019, Milena Findeis
Laut einer Information im Dezember 2025 ist das Geschäft Am Rabensteig, dauerhaft geschlossen. Es scheint im Internet wieder ein Hinweis zum Jüdischen Museum auf.
Aus dem Jüdischen Museum Wien musste Dorothy Singer ausziehen. Am Rabensteig (Ecke Seitenstettengasse) im ersten Wiener Bezirk hat die Buchhändlerin jetzt den Book Shop Singer (inklusive Café) eröffnet. Bis 1938 gab es hier bereits eine jüdische Buchhandlung. Video: Christa Zöchling, Philip Dulle - profil 21.12.2018

PS: Der Grund warum ich »Singer« mit Czernowitz verortne?
... das Café Singer in der Herrengasse.
Milena Findeis
Entwurzeltes Wort
Peter Rychlo
Entwurzeltes Wort
Mnemosyne Heft 19 (September 1995), CZERNOWITZ, Gesellschaft für Erinnerung, Klagenfurt herausgegeben von Armin A. Wallas, Andrea M. Lauritsch
Versunkene Dichtung der Bukwina. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik. Herausgegeben von AMY COLIN und ALFRED KITTNER. München: Wilhelm Fink Verlag 1994, 422 Seiten.
Bereits der Titel dieses von der amerikanischen Germanistin Amy Colin und dem verstorbenen Bukowiner Dichter Alfred Kittner herausgebrachten umfangreichen Bandes weist auf zwei grundlegende Umstände hin, die dieses einzigartige historische und literarische Phänomen charakterisieren: erstens, dass diese lyrische Produktion deutschsprachig war, und zweitens, dass sie seit einer gewissen Zeit als versunken gilt. Beide Determinanten haben letzten Endes einen gemeinsamen Nenner und hängen damit zusammen, dass die Bukowina von 1774 bis 1918 zur Donaumonarchie gehörte, und ihre Literatur als Bestandteil des österreichischen Literaturprozesses betrachtet werden kann. Mit dem Ende des Kaiserreiches - unter dem Doppeladler - sollte aber auch das Bukowiner deutschsprachige Schrifttum versiegen. Das letztere widerstrebt der genauen geschichtlichen Datierung, da die Blüte der deutschsprachigen Dichtung der Bukowina paradoxerweise in die Jahre nach 1918 fällt, als sie schon unter rumänischer Verwaltung stand. Seit 1945 war dieses Land "der Geschichtslosigkeit anheimgefallen" (Paul Celan), da es im "realen Sozialismus" — egal ob sowjetischer oder rumänischer Prägung — als vernachlässigtes Grenzgebiet jahrzehntelang eine elende Existenz fristen musste. Auch heute bleibt es gespalten: der Norden der Bukowina ist ukrainisch, der Süden rumänisch.
Vor diesem Hintergrund ist die Bukowina — wie sie sich in den Nachkriegsjahren im westlichen Bewusstsein etablierte — kaum ein geographischer, eher schon ein politisch-historischer (als "retrospektives Modell des Vielvölkerlandes mit friedlicher Koexistenz", als "Chiffre für ein vereintes Europa"), religiöser (Czernowitz als "Hochburg des Chassidismus", als "Vatikan des Ostens", als "Jerusalem am Pruth"), vor allem aber ein literarischer Begriff, gekennzeichnet durch Namen wie Karl Emil Franzos, Rose Ausländer, Paul Celan, Gregor von Rezzori und vieler anderer im binnendeutschen Raum wenig bekannter Autoren. Bernd Kolf hat in seinem Essay in Akzente (1982) eine treffende Formel für das Charakteristikum dieses Landstriches gefunden: "Bukowina als geistige Lebensform" (S.337). Das bezog sich insbesondere auf Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina. Wie sich diese "Lebensform" in Wirklichkeit realisierte, erfährt man aus Rose Ausländers Erinnerungen an eine Stadt: "Man las viel, nicht nur Zeitungen, Zeitschriften, Sekundärliteratur und Unterhaltungslektüre, sondern gute, beste Literatur. Man diskutierte mit Feuereifer, musizierte und sang. Das Stadttheater war immer gut besucht, bei Gastspielen ausverkauft. Ein beträchtlicher Teil der Jugend, geistig aufgeschlossen, war von unersättlicher Wissbegier. Das zentrale Interesse vieler Intellektuellen galt nicht dem ehrgeizigen Planen einer einträglichen Karriere, nicht einem technisch höheren Lebensstand, es ging ihnen vielmehr um erkenntnisreiche Einsichten, sei es auf Wegen der Wissenschaft, Philosophie, Politik oder durch das Erlebnis von Mystik, Kunst, Dichtung und Musik [...]. Czernowitz war eine Stadt von Schwärmern und Anhängern. Es ging ihnen, mit Schopenhauers Worten, 'um das Interesse des Denkens, nicht um das Denken des Interesses' [...]. Hier gab es: Schopenhauerianer, Nietzscheanbeter, Spinozisten, Kantianer, Marxisten, Freudianer. Man schwärmte für Hölderlin, Rilke, Stefan George, Trakl, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Hesse, Gottfried Benn, Bertolt Brecht [...]. In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu >gezwungen<, sich mit philosophischen, politischen, literarischen und Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen". (ROSE AUSLÄNDER: Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. von H. Braun. Frankfurt am Main 1991, S. 8-10)
Mißt man also die erschienene Anthologie an solch einem Maßstab, so erwartete man von ihr eine geistige Raffinesse und einen ästhetischen Genuß von höchster künstlerischer Prägnanz. Befriedigt sie nun diese Erwartungen? Die Idee einer beliebigen Anthologie besteht darin, charakterische Beispiele einer literarischen Entwicklungsperiode oder einer bestimmten geographischen Region, typische Exempel von nationalen oder sprachlichen Eigenschaften, Formen, poetischen Gattungen usw. zu sammeln, was auch der Etymologie dieser griechischen Bezeichnung entspricht (Anthologie: Blumen-, Blütenlese). Wenn aber in den meisten Fällen eine Anthologie vorwiegend die Schnittfunktion erfüllt, d.h. eine Vorstellung von den Meisterleistungen auf einem bestimmten Gebiet der literarischen Szene wiedergibt, so bekommt eine Anthologie der relativ leicht übersehbaren Dichtung der Bukowina noch eine zusätzliche Funktion, die hier beinahe die wichtigste ist: sie soll diese Lyrik für die Nachkommenden aufbewahren, sie dem Vergessen entreißen. Angesichts des Zustandes, dass diese Dichtung für ihre Entfaltung nur über wenige Möglichkeiten verfügte, da sie weder ein entwickeltes Verlagswesen noch eine breitere Leserschaft hatte, bleibt das anthologische Prinzip beinahe >ontologisch< — als einzige Chance, dass die in Manuskripten oder in verschiedenen Tageszeitungen verstreuten Gedichte ihre Schöpfungszeit überleben. Das erklärt auch den ständigen Hang der Bukowiner Dichtung zur Anthologisierung, und so ist auch die vorliegende Sammlung bei weitem nicht der einzige Versuch solcher Art.
>Habent sua fata libelli< — pflegten die alten Römer zu sagen, und das trifft auf das rezensierte Buch ganz und gar zu. Schon 1864 erschien in Czernowitz die erste Kostprobe deutscher Lyrik unter dem Titel Buchenblätter: Dichtungen aus der Bukowina, herausgegeben von Wilhelm Capilleri, einem Schauspieler und Dichter aus Salzburg, der einige Jahre in der Bukowina wirkte. Sie enthielt 118 Gedichte von 15 Dichtern. Ihr schlossen sich dann weitere Folgen von Buchenblättern an, gedacht als Jahrbücher für deutsche Literaturbestrebungen in der Bukowina (1870, 1871, 1932), deren Inspiratoren Karl Emil Franzos, Johann Georg Obrist, Alfred Klug und Franz Lang waren. Zwar trugen diese Ausgaben den Stempel eines unüberbrückbaren Provinzialismus und konnten nur mit einem lokalen Erfolg rechnen. Der binnendeutsche Leser konnte von dieser Landschaft erst nach dem Erscheinen des von Erich Singer im Leipziger Xenien Verlag herausgebrachten schmalen Bändchens Bukowiner Musenalmanach (1913) ein wenig Notiz nehmen, obwohl seine Bedeutung als Anthologie ziemlich gering war, da es nur fünf Autoren enthielt.
Profundere anthologische Projekte entstanden erst in der Zwischenkriegszeit seit der Mitte der dreißiger Jahre und können als Vorstufen zu dem vorliegenden Band betrachtet werden. Gemeint sind die Bemühungen des unermüdlichen geistigen Anregers und Förderers des Bukowiner Schrifttums Alfred Margul-Sperber und seines Freundes Alfred Kittner. Ihnen ist die Idee einer großangelegten Anthologie deutschsprachiger jüdischer Dichtung aus der Bukowina zu verdanken, die den Titel Die Buche tragen sollte. Der Versuch, solch eine Anthologie 1937/38 im Schocken Verlag Berlin herauszugeben, scheiterte, da in Deutschland die Nationalsozialisten an der Macht waren. Die Herausgeber versuchten es weiter, es entstanden noch zwei weitere Fassungen der Buche-Gedichtsammlung, die letzte offensichtlich bereits in Bukarest nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Buch erblickte aber nicht das Licht der Welt, trotz der beispiellosen Beharrlichkeit beider Enthusiasten. — Hingegen erschien 1939 im Stuttgarter Eugen Wahl Verlag das von Alfred Klug herausgegebene >völkische< Bukowiner Deutsche Dichterbuch, in dem bereits kein jüdischer Autor vertreten war, obwohl der Band etwa 300 Seiten zählte.
Alfred Margul-Sperber war es nicht mehr beschieden, seine Idee auszuführen. Alfred Kittner, der nach dem Tode Sperbers die wichtigste Integrationsfigur der Bukowiner Dichtung blieb, veröffentlichte 1971 in der deutschsprachigen Bukarester Zeitschrift Neue Literatur (Nr. 11/12) eine größere Auswahl der Bukowiner Lyrik unter dem Titel Verhallter Stimmen Chor. Gedichte aus der Bukowina, worin er 37 Dichter aufnahm (die meisten sind nur mit einem oder zwei Gedichten vertreten). Mit dem großen Anthologieprojekt musste er auf günstigere Zeiten warten. Inzwischen erschien 1991 in der Reihe "Insel-Bücherei" ein schön ausgestatteter Band mit dem Titel Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina, herausgegeben vom Leipziger Germanisten Klaus Werner (siehe dazu: Mnemosyne, 1992, H. 12, S. 47-49). Der Herausgeber stellt 22 Dichter aus der Blütezeit der Bukowiner Lyrik vor, die zumindest einen veröffentlichten Gedichtband (in vielen Fällen doch aber mehrere) nachweisen konnten. Dieses Kriterium ist zwar nicht einwandfrei, weil nicht unbedingt die Publikation der Gedichte ihren künstlerischen Wert bestimmt. Zum erstenmal aber seit 1939 hat man hier die deutschsprachige Lyrik der Bukowina im gesamtdeutschen Raum zugänglich gemacht. Man kann vermuten, dass das Erscheinen dieses Buches dem Dichter Alfred Kittner wiederum Zuversicht und neue Impulse gab, um sein lang ausgetragenes Anthologieprojekt schließlich zu verwirklichen. Leider konnte er sich desselben nicht mehr erfreuen: der Anthologieband erschien posthum und wurde von Amy Colin redigiert, eingeleitet und mit einem aufschlussreichen Apparat versehen.
Die Versunkene Dichtung der Bukowina. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik ist in vieler Hinsicht eine besondere Leistung. Sie ist die umfangreichste Auswahl deutscher Dichtung des Buchenlandes von ihrer Entstehungszeit bis 1990. Der Band umfasst über 400 Gedichte von 78 Autoren. Das Werk war nicht die Sache einiger Monate oder Jahre — mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte diese zeitraubende, Anstrengung und Geduld fordernde Anhäufungs- und Sortierungsarbeit, die Alfred Kittner als Andenken an Margul-Sperber und als seine eigene Pflicht verstand. Tausende von Gedichten wurden im Laufe dieser Zeit durchsiebt, in aller Welt verstreute Texte sorgsam gesammelt und klassifiziert. Nicht nur Dichter vom Format eines Isaac Schreyer, Heinrich Schaffer, Viktor Wittner, Alfred Margul-Sperber, Georg Drozdowski, Rose Ausländer Alfred Kittner, Alfred Gong, Immanuel Weißglas oder Paul Celan, deren Gedichte weit bekannt sind, kommen in diesem Buch zu Wort, sondern viele Dichternamen, die kaum je ins Blickfeld der Bukowina-Forschung gelangten, wie z.B. Verse von Moritz Paschkis, Eleazar Ladier, Adalbert Paul, Josefine Kanel, Gerty Rath, Louis Hafner u.a.
Noch breitere quantitative Horizonte legt der von Amy Colin zusammengestellte biographisch-bibliographische Teil dieser Gedichtsammlung, in dem über 100 Lebensläufe der Bukowiner Dichtung samt ausführlichen Werkbibliographien, Sekundärliteratur und Gedichtnachweisen enthalten sind. Eigentlich kann dieser Teil als kleines Dichterlexikon der Bukowiner Literatur für alle Interessierte dienen. Solch ausführliche Quellenangaben sind sonst nirgends mehr zu finden, abgesehen von den bibliographischen Arbeiten Erich Becks (Bibliographie zur Landeskunde der Bukowina. München 1966, und Bibliographie zur Kultur und Landeskunde der Bukowina. Dortmund 1985). Auch der chronologische Bogen dieser Anthologie ist weit gespannt. Das Buch wird von dem ersten in der Bukowina auf Deutsch geschriebenen Dichterzeugnis, einem Kirchenlied des pfälzischen Pfarrers Stefan Daniel Wilhelm Hubel eröffnet, der 1791 vor den Kriegswirren in den deutschen Landen in die Bukowina flüchtete. Das Kirchenlied ist mit Im kriegerischen Klageton betitelt und wurde am 11. Oktober 1792 bei der Einweihung der neugebauten evangelischen Kirche gesungen. Für die deutschsprachige Literatur der Bukowina ist es der Anfang aller Anfänge, so ungefähr wie die Meresburger Zaubersprüche oder das Wessobrunner Gebet für die gesamtdeutsche Literatur. Einer der letzten Texte der Anthologie, das Gedicht des in Jerusalem lebenden Manfred Winkler Mitten im hymnisch-roten Gebet stammt aus dem Jahre 1990. Also rund zwei Jahrhunderte Bukowiner deutschsprachige Dichtung umfasst die vorliegende Anthologie, und man verfolgt auch in der historisch aufgebauten Architektonik des Bandes die wichtigsten geschichtlichen Tendenzen der Zeit: von den romantischen Landschafts-, Liebes- und Heimwehgedichten in klassischer Strophenform zu den modernistischen Gefügen in freien Rhythmen mit den elliptischen, suggestiven Bildstrukturen. Für ein winziges Land, in dem mehrere nationale literarische Bewegungen und Strömungen zuhause waren, und in dem auch Deutsch nicht immer die dominierende Stellung einnahm, war diese Ununterbrochenheit der Entwicklung nicht leicht zu erreichen. Beim Aussieben der Texte scheinen die Herausgeber den Brief von Rose Ausländer an Alfred Margul-Sperber aus dem Jahre 1932 vor ihren Augen gehabt zu haben, in dem die damals noch junge Dichterin, auf eines der früheren Anthologieprojekte eingehend, schrieb: "Aber mit dieser Anthologie wird mehr geplant, sie soll eine ganz andere literarische Physiognomie haben - alles Durchschnittliche und Kitschige soll möglichst ausgeschaltet werden, nur Sachen von echtem dichterischen Wert sollen Eingang finden." (zit. nach In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina. Ausstellungsbuch. Hrsg. von Ernest Wichner und Herbert Wiesner, Berlin 1993, S. 186).
Dass die >Physiognomie< der vorliegenden Ausgabe unverwechselbar ist, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass hier zum erstenmal die ganze multinationale Bukowina zu Worte kommt — nicht nur Deutsche und deutschsprachige Juden, sondern auch der Ukrainer Jurij Osyp Fedkowicz, die Rumänen Janko und Theodor Lupul oder Ionel Kalinczuk. Eben darin zeigt sich der echte Geist der Bukowina, und in diesem Sinne sprach im Bukowiner Landtag der erste Rektor der Czernowitzer Universität, Dr. Constantin Tomasczuk, als er betonte: >Wehe der Nation, die sich fürchten musste vor dem Einfluss fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen<. Diese Worte könnten als Wappenschild über der kulturellen Bühne der Bukowina von jeher hängen. Darum nimmt es uns nicht wunder, wenn wir im brilliant geschriebenen Nachwort Alfred Kittners lesen, dass in dem Elternhause eines seiner Jugendfreunde vier Gipsköpfe der Nationaldichter der vier wichtigsten die Bukowina bewohnenden Volksgruppen >thronten<: des Deutschen Friedrich Schiller, des Ukrainers Taras Schewtschenko, des Polen Adam Mickiewicz und des Rumänen Mihai Eminescu.
Natürlich stößt man auch in der vorliegenden Anthologie auf stärkere und schwächere Texte — in einer Sammlung von solch einem Umfang ist dies fast unvermeidlich — keiner davon steht aber unter dem Niveau der ästhetischen Kritik, obwohl sehr viele Gedichte auf Manuskripten und Typoskripten fußen und Erstdrucke sind. Manchen Leser wird es wundern, dass einer der 'bodenständigsten' Vertreter dieser Dichtung, der letzte seiner Generation, Moses Rosenkranz, merkwürdigerweise 'herausgefallen' ist. Dass es nicht die Schuld der Herausgeber ist, zeigt das "Verzeichnis der Dichter und Gedichte" (S. 32), woraus ersichtlich ist, dass Rosenkranz mit 21 Gedichten vertreten sein sollte, aus irgendeinem Grund wurden aber diese Gedichte in die Anthologie nicht aufgenommen, wahrscheinlich entzog der Dichter im letzten Moment seine Autorenrechte. Zweifelsohne ist das ein spürbarer Nachteil der Anthologie. Anstatt der Gedichte von Moses Rosenkranz finden wir Verse von Norbert Feuerstein, Jakob Schulsinger und Erwin Chargaff, die die Qualität dieser Sammlung nicht verringern.
Die Auswahl der Gedichte, die hauptsächlich von Alfred Kittner getroffen wurde, ging nicht nur von der Bedeutung der Dichter im Bukowiner literarischen Prozess aus, sondern auch davon, ich welchem Maße dieser oder jener Lyriker mit seinem Werk schon vorher dem Lesepublikum vorgestellt wurde. Daher sind manche Dichter, die bereits in früheren Anthologien figurierten, weniger berücksichtigt als jene, deren Gedichte erst in dieser Ausgabe repräsentiert sind. Das bezieht sich z.B. auf Silvius Hermann, Lotte Jaslowitz, Johann Kaufmann, Alfred Klug, Josef Kunz, Tina Marbach, Gustav Adolf Nadler, Johann Georg Obrist, Friedrich Sauerquell u.a., über die wir zwar bio-bibliographische Angaben finden, aber keine Gedichte von ihnen lesen können. Einerseits scheint solch ein Verfahren berechtigt zu sein, andererseits aber bleibt ein recht großer Teil der in der Bukowina entstandenen Dichtung außerhalb der Anthologie.
Leider ist auch der wissenschaftliche Apparat, insbesondere in seinem bio-bibliographischen Teil, trotz aller Bemühungen Amy Colins, sich nur auf >mehrfach überprüfte Informationen< zu stützen, nicht einwandfrei. Da sind manche Fehler faktischer Art sowie Verballhornungen einzelner Namen und Begriffe unterlaufen. So irrt sich z.B. die Verfasserin, wenn sie im Zusammenhang mit Klara Blum Lion Feuchtwanger und Brecht als Herausgeber der in Moskau erschienenen antifaschistischen Zeitschrift Internationale Literatur nennt, da diese Zeitschrift unter der Leitung von Johannes R. Becher stand. Was die Zeitschrift Das Wort betrifft, so müsste hier zu den beiden vorhin genannten noch der Name Willi Bredels hinzugefügt werden. Es gibt noch immer keinen Gedichtband von Klara Blum in russischer Übersetzung, die Rede kann hier nur von einzelnen Gedichten aus dem in Moskau 1955 in russischer Sprache herausgebrachten Buch Deutsche demokratische Dichtung 1914-1954 sein (S.352). Der Band von Johanna Brucker ... schaut dir ein Geheimnis Gottes entgegen ist keine Prosa, sondern Lyrik (S. 353) und Georg Drozdowskis Buch Odyssee XXX. Gesang dagegen keine Lyrik, sondern ein Hörspiel (S. 359). Der deutsche Maler und Schriftsteller, ein Freund des jungen Jurij Osyp Fedkowicz, hieß nicht Rotkegel, sondern Rudolf Rotkähl (S. 361). Fedkowicz selbst war nie Leiter des ukrainischen Theaters in Lemberg, als Schulinspektor gab er keine Grammatik der ukrainischen Sprache, sondern eine Fibel und ein Lesebuch für ukrainische Kinder heraus. Sein Theaterstück ist nicht Jurko Dowbusch, sondern Dowbusch, oder Donneraxt und Kurpfuscherkreuz betitelt (gemeint ist der berühmte huzulische Räuberhauptmann des 18. Jahrhunderts Olexa Dowbusch). Die Versdichtung Alexander Dobosch von Ludwig Adolf Simigionwicz-Staufe, die dieselbe historische Persönlichkeit aufgreift, verarbeitet nicht Motive aus rumänischen, sondern aus ruthenischen (ukrainischen) Volkssagen (S. 399). Seine erste Gedichtsammlung war Die Hymnen (1850) und nicht Heimatgrüße aus Niederösterreich (1856), wie es auf S. 399 behauptet wird, und in der Tradition der 'Neuen Sachlichkeit' steht neben Erich Kästner natürlich nicht Franz, sondern Walter Mehring (S. 400). Große Verwirrung herrscht manchmal auch in der Datierung der Entstehungs- und Erscheinungsjahre vieler Werke, wobei es kein einheitliches System gibt. Auch auch einfache Druckfehler entstellen zuweilen den Sinn bis zur Unkenntlichkeit, was zu logischen Verdrehungen führen kann (z.B. beim Titel des Gedichtbandes von Ernst Rudolf Neubauer — Schiff und Weide anstatt Schilf und Weide, S. 391).
Auf keinen Fall verfolgen diese kritischen Bemerkungen den Zweck, den Wert dieser langerwarteten Ausgabe zu verringern, da es jedem, der ein wenig Einblick in die Geschichte der Bukowiner Literatur gewinnen konnte, klar ist, welch enorme und fachkundige Arbeit der Herausgeber dahintersteckt, so dass jeder echte Literaturfreund für diese beispiellose Sammlung zutiefst dankbar sein soll. Die oben angeführten Einwände, die sich nicht auf das allgemeine Konzept des Buches, sondern auf einzelne Versehen beziehen, mögen bei einer zweiten Auflage des Bandes berücksichtigt werden.
Vom heutigen Standpunkt aus ist die deutschsprachige Literatur der Bukowina historisch ein völlig abgeschlossenes Kapitel, wie z.B. die Literatur des alten Griechenlands oder Roms. Man dichtet jetzt in Czernowitz auf ukrainisch, auf russisch, auf rumänisch, sogar Jiddisch hat in der Gestalt seines letzten Statthalters, Josef Burg, ein Stück geistigen Bodens untern den Füßen behalten. Deutsch wird in der Bukowina, abgesehen von ein paar alten Czernowitzern, nicht mehr gesprochen, geschweige denn geschrieben, weil fast alle Bukowiner Deutschen noch 1940 nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt >heim ins Reich< zwangsweise übersiedelt, und die deutschsprachigen Juden, auf deren intellektuelles Potential sich diese Literatur hauptsächlich stütze, im Holocaust vernichtet worden waren. Die Überlebenden wanderten dann nach 1945 aus, so dass ihre Wohnsitze von Bukarest bis New York und von Düsseldorf bis nach Jerusalem reichen, aber auch die meisten von ihnen sind nicht mehr am Leben. Wir, die wir heute dieses merkwürdige Buch zur Hand nehmen und >verhallter Stimmen Chor< wieder lauschen, müssen diese traurige Tatsache stets im Auge behalten, denn erst im Bewusstsein des unvergänglichen Verlustes kann man diese von ständiger Bedrohung überschattete, vom dunklen, wehmütigen, östlich gefärbten Tonfall durchdrungene Lyrik lesen, deren Dichter von sich mit den Versen Rose Ausländers sagen könnten:
Das Erbe
Wo in der österreichlosen Zeit
wächst mein Wort
in die Wurzeln
Ans Buchenland
denk ich
entwurzeltes Wort
verschollene Vögel
"Verschollene Vögel" kehren noch manchmal zu ihren alten Nestern zurück. Ein entwurzeltes Wort wird nie mehr Keime schlagen.
Czernowitz Buch
Czernowitz Buch
Erinnerungen eines Ertrunkenen
Igor Pomerantsev
Auf der Buch Wien wurde am 11. November 2017 von Meridian Czernowitz das Buch »Erinnerungen eines Ertrunkenen« vom Autor Igor Pomerantsev vorgestellt. »In meiner Schulzeit beneidete ich die Schulkinder aus Schule 23, weil sie vom Dach ihrer Schule aus, einen örtlichen Gefängnishof sehen konnten. Der italienische Kriminologe und Arzt Cesare Lombroso prägte den Begriff »Gefängnispalimpsest«: Gefangene kritzeln Schwüre, Bitten, letzte Wünsche auf die Wände der Zellen. Im Gefängnis von Czernowitz wurden diese auf Deutsch, Rumänisch, Jiddisch, Ukrainisch und Russisch an die Wände gekritzelt. Dieses Palimpsest spiegelt das Muster der Toleranz in Czernowitz.«
Das Buch ist eine Sammlung von Erzählungen und Essays, die direkt und indirekt mit Pomerantsevs Jugendjahren (1953 bis 1971) in Czernowitz verbunden sind. In lyrisch dichten Assoziationen wird das Leben eines Heranwachsenden im geschichtsträchtigen Czernowitz geschildert.
Es legt dem Außenstehenden, speziell aus dem deutschsprachigen Raum, Zeugnis davon ab, dass trotz Holocaust und dem totalitären Kommunismus der Sowjetunion die Tradition einer intensiven literarischen und intellektuellen Auseinandersetzung auch nach 1945, nun vorwiegend in russischer und ukrainischer und teils rumänischer Sprache, fortgesetzt wurde - somit für den Rest der Welt im Verborgenen. Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte damals ebenso in der einstigen habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie die poetische Ikonen der heutigen Ukraine Olga Kobylanska und Dmytro Zahul, der in Stalins Gulag umkam.
Mit den Worten des Autors Pomerantsev “Zuerst lebte ich in dieser Stadt – danach wechselten wir die Seiten: jetzt lebt sie um so vieles länger in mir als ich in ihr. Von Zeit zu Zeit heftet sie sich an meinem Atem fest. Um nicht an ihr zu ersticken muss ich über sie schreiben. Wörter sind das einzige mir zur Verfügung stehende Arbeitsmaterial - gibt es etwas, das der Dauer näher kommt als Wörter?”
Die Stadt in der Bukowina, heute zur Ukraine gehörend, hat dem russischen Dichter mit britischem Pass ihren Stempel aufgeprägt. “Nicht nur Menschen werden zu Dissidenten, auch Städte können solche sein. Die Czernowitzer Architektur war im sowjetischen Imperium dissidentisch. Wer an diesen Häusern vorbeiging oder in ihnen lebte, der wurde zwangsläufig von ihrem Geist angesteckt. Die Stadt Czernowitz selbst war Dissident, und sie gab uns, ihren Bewohnern, Unterricht in Fragen der Schönheit, Freiheit und Pflicht.”
Dirk Schümer, Welt-Korrespondent: “Für diesen Dichter aus der Ukraine, der in London und Prag lebt, gehören auch Wein und Gespräche, Essen und Poesie, Träume und Geschichten zu dem, was seit der Antike unter einer erfüllten Existenz verstanden wird. Bereits Wörter sind für Pomerantsev Erscheinungsformen des Begehrens, die ihre eigene Schönheit und ihre wilde Geschichte haben. Für jemanden, der in Czernowitz aufgewachsen ist, wirkt diese polymorphe Sprachverliebtheit fast schon selbstverständlich, denn in dieser verwunschenen, geschundenen Stadt atmete (und atmet) man die Luft von Paul Celan, Rose Ausländer, Erwin Chargaff. Ihre geschriebene Zärtlichkeit lebt weiter im Werk von Igor Pomerantsev.”
Milena Findeis, Prag 14.11.2017
Links:
*** Jugendträume 1975/76 ein lyrisches Stück Prosa im Czernowitz Buch
Igor Pomerantsev »Erinnerungen eines Ertrunkenen"- Essay aus dem Erzählband in deutscher Sprache
Verlag Der Konterfei, Robert Jelinek, Wien, Oktober 2017. Das Foto der Titelseite wurde aufgenommen im russischen Teil des Wolschaner Friedhofs in Prag im April 2017. DER KONTERFEI 036 / Paperback / Deutsch / 90 Seiten / ISBN 978-3-903043-25-1 /
Rezension von Simone Brunner in der Wiener Zeitung »Die Stadt der Worte«, 6.11.2017
Meridian Czernowitz 2017
VIII. Internationales Lyrikfestival
MERIDIAN CZERNOWITZ 2017
7. bis 10. September 2017
Vom 7. bis zum 10. September öffnet das achte internationale Lyrikfestival Meridian Czernowitz seine Bühnen für siebzig Autoren und Autorinnen, Künstler und Künstlerinnen, Übersetzer und Übersetzerinnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Israel, Liechtenstein, Rumänien, Moldawien, Polen und der Ukraine. Unter den TeilnehmerInnen: aus Deutschland - Nancy Hünger, Andreas Altmann, Elke Schmitter, Österreich: Sonia Harter, Hans Eichhorn, Max Pravin, der Schweiz: Eugen Gomringer, Levin Westermann, Israel: Abi Mishol und Yonatan Kunda, Polen: Krzysztof Czyzewski, der Ukraine: Serhiy Zhadan, Igor Pomerantsev, Juri Izdryk, Dmytro Pawlytschko, Iwan Malkowytsch, Andrij Ljubka.
Internationale Lyriklesungen, Vorträge u.a. jener des Gründers der konkreten Poesie, Eugen Gomringen über dieses Lyrikgenre und des polnischen Autors Krzysztof Czyzewski zum zeitgenössischen Meridian der Stadt Czernowitz, Musikkonzerte - deutschsprachige und ukrainische Elektro-Pop Poesie, eine Aufführung jüdischer Musik am zentralen Theaterplatz unter freiem Himmel -, Lyriklesung in der renovierten Synagoge Sadgora und Diskussionen zum Thema “Gedächtnis und Konflikt”, Präsentationen der neu erschienenen ukrainischen Bücher (u.a. des neuen Romans von Serhiy Zhadan „Internat“), Filmdokumentation von Igor Pomerantsev und Lidia Starodubtseva „Amputation“, einem Dokumentarfilm zum Thema Krieg und Dichtung in der Ukraine.
Das internationale Projekt BABELSPRECH ist ein Teil des umfangreichen Meridian Czernowitz Festivalprogramms - um neue Kohorte deutschsprachiger Dichter und Dichterinnen international zu vernetzen. Im Rahmen dieses Projekts treffen Autoren aus Deutschland (Ronya Orthmann, Alke Stachler), Österreich (Marco Dinic, Franziska Füchsl), der Schweiz (Alessandro, Sascha Garzetti), Liechtenstein (Manuel Beck), Rumänien (Dosa Andrei, Claudiu Komartin) und Moldawien (Paula Erizanu) ihre ukrainischen Kollegen Andrij Ljubka, Iryna Tsilyk u.a. Kuratiert wird BABELSPRECH von Max Czollek (Deutschland), Robert Prosser (Österreich) und Michelle Steinbeck (Schweiz). Die Ergebnisse der Zusammenarbeit werden dem Festivalpublikum präsentiert.
Zum ersten Mal präsentiert das Festival Meridian Czernowitz die regionale ukrainische junge Lyrikbühne – DichterInnen aus den verschiedenen Städten der Ukraine – neue Stimmen der zeitgenössischer ukrainischen Lyrik (Kurator – Serhiy Zhadan).
Alle Veranstaltungen werden ins Deutsche und Ukrainische übersetzt bei freiem Eintritt.
Milena Findeis
Stand 15/06/2017
Kontakt:
Lilia Schutjak, Pressesprecherin
Poesie- und Lyrikfestival: Meridian Czernowitz
von Ann-Marie Struck
Geschichte und Bedeutung für die Stadt
Die multiethnische Stadt Czernowitz ist die heimliche vergessene literarische Hauptstadt Europas, denn in ihr lebten beispielsweise Größen, wie Olha Kobylanska, Josef Burg, Gregor von Rezzori und Mihai Eminescu. Auf ebendiesem kulturellen Erbe baut das 2010 gegründete Poesie- und Lyrikfestival „Meridian Czernowitz“ auf. Der Name des Festivals spielt auf Celans Metapher „Meridian“ an, mit welcher der aus Czernowitz stammende Literat seine bekannte Georg- Büchner-Preis-Rede 1960 betitelte. Das Motiv des Meridians, eine gedachte, die Erde von Pol zu Pol umspannende Linie, steht für die Verbindung, die durch Poesie entsteht. Der Meridian soll zur Begegnung führen, die Celan, wie er sagt, „[…] mit unruhigen Fingern nach dem Ort seiner eigenen Herkunft suchend auf einer Kinder-Landkarte findet.“ Die Verbindung, ein Zeichen für die Begegnung, die im Fokus von Celans poetologischem Manifest steht, wird im Gedicht hergestellt. Auf der Suche nach einem Gegenüber findet Celan in der Poesie etwas „[…] wie die Sprache – Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heiterer weise – sogar die Tropen Durchkreuzendes – ich finde…einen Meridian.“
Celans Poetologie der Individuation des Künstlers, als auch des Lesers durch das Sprechen in der Poesie, steht in Verbindung mit dem Konzept des Festivals, welches versucht, die zeitgenössische, ukrainische Literaturszene ins rechte Licht zu rücken und sich wieder innerhalb der europäischen Literaturszene zu etablieren. Ziel von „Meridian Czernowitz“ ist der Dialog zwischen ukrainischen und internationalen Künstlern und die Etablierung Czernowitz’ in der Kulturlandschaft Europas. Dabei greift das Festival auf das vielfältige kulturelle Erbe der Stadt und das historische Gedächtnis seiner Einwohner zurück. In Anlehnung an den geographischen Terminus kann „Meridian Czernowitz“ als Metapher sowohl für Celans Poetologie als auch Czernowitz selbst gelesen werden. Die von Celan erwähnten Tropen symbolisieren die Mehrsprachigkeit der Bukowina vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Jiddische, das Deutsche, das Rumänische und das Russische gesprochen wurden. Die daraus resultierende außergewöhnliche, vielsprachige Literaturtradition spiegelt sich in der Veranstaltung „Czernowitz Meridian“ wieder, wobei dabei der Fokus auf die Rückkehr zur Amtssprache Ukrainisch in die Sprache der Poesie liegt. Demzufolge ist es eine ukrainische Veranstaltung mit überwiegend ukrainischen Autoren, Lyrikern, Übersetzern, Essayisten und Künstlern, die versuchen, trotz der Problematik der Sprachbarriere, international wahrgenommen zu werden.
Konzept
Das Ziel des Festivals ist neben der literarischen Renaissance in Czernowitz eine Neuintegration der ukrainischen Literatur in die Kulturlandschaft Europas. Im Fokus steht der Dialog zwischen den internationalen Dichtern der Gegenwart. Das Konzept der Begegnung überschneidet sich mit der Arbeit des 2014 im Zuge des Lyrikfestivals eröffneten Paul-Celan-Literaturzentrums. Beide Institutionen widmen sich der Popularisierung der multinationalen und vielsprachigen Literatur der Bukowina, wobei das Celan Zentrum vor allem vergessene rumänische, polnische oder jüdische (überwiegend jiddischsprachige) Autoren der Bukowina untersucht. Die im Westen bereits geschätzten Literaten, wie Karl Emil Franzos, Alexander Morgenbesser, Alfred Margul-Sperber, Georg Drozdowski, Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, Paul Celan, Gregor von Rezzori, Selma Meerbaum-Eisinger, Manfred Winkler, Ilana Shmueli, Itzig Manger, Moshe Altmann, Josef Burg, Aharon Appelfeld und andere, sind in ihrer Heimat weiterhin unbekannt, da sie aus ideologischen Gründen oftmals nicht publiziert wurden. Ziel ist es, diese historische Ungerechtigkeit auszugleichen, weshalb das Celan Zentrum als Sammel- und Forschungsstelle agiert. Zudem organisiert das Zentrum das Festival mit und seine Räumlichkeiten dienen ebenso als Hauptbühne.
Die Dichterlesungen, Vorlesungen, Diskussionen und Buchpräsentationen finden aber ebenfalls in der Nationalen Jurii-Fedkowytsch Universität Czernowitz und dem Kulturpalast statt. Doch auch die Stadt selbst wird zum Hauptakteur des Festivals, indem literarische Spaziergänge, Musik-Poesie-Abende, Wein-Zigarren-Abende, Theatervorstellung, Konzerte und Buchvorstellungen überall in der Stadt verteilt stattfinden.
Meridian Czernowitz ist durch den für bestimmte Projekte des Festivals extra gegründeten Verlag mehr als nur ein Poesiefest. Dieser publiziert im Laufe eines Jahres fünf bis sieben Bücher von teilnehmenden Autoren in allen Sprachen.
Von Czernowitz nach Tscherniwzi und zurück
MERIDIAN CZERNOWITZ

Claus Löser hatte als Journalist die Festivals im Jahre 2015 und 2020 besucht.
Im Frühjahr 2022 erhielt ich von ihm ein Mail, mit dem Vorschlag, Ende August 2022 - per PKW - gemeinsam nach Tscherniwzi - zum Meridian Czernowitz XIII - zu fahren. Diesen Vorschlag nahm ich gerne an, da mich Tscherniwzi nach den Besuchen in den Jahren 2010, 2011 und 2013 nicht mehr losgelassen hatte. Am 1.9. kamen wir nach dreitägiger Anreise über Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien - zu dritt - in der Universitätsstadt an. Am Abend vom 2. September kam es zu einem persönlichen Treffen zwischen Claus Löser, Jakobine Motz mit Igor Pomerantsev, der gemeinsam mit seinem Neffen Svyatoslav Pomerantsev und Iryna Vikyrchak den Grundstein für Meridian Czernowitz legten.
Milena Findeis, September 2022
Gedichte von Claus Löser
Krieg und Poesie: Von der Reise zum Lyrikfestival „Meridian“ in der Ukraine
Ist es voyeuristisch, in den Krieg zu reisen? Zwischen Militärpatrouillen und Sandsäcken treffen sich in Czernowitz Dichter aus aller Welt.
Claus Löser 16.09.2022
Raben fliegen uns voraus. Sie stoßen vom grau verschlossenen Himmel hinab, um sich in Gruppen auf den Dächern der Grenzabfertigung niederzulassen. Sie scheinen dort auf uns zu warten, ihr struppiges Gefieder aufgebläht. Die Kolonne aus Blech und Menschen ruckelt weiter, Meter für Meter, vor und hinter uns PKWs und Kleinbusse mit rumänischen und ukrainischen Kennzeichen. Fußgänger schlängeln sich mit ihren Rollkoffern und Rucksäcken zwischen den Fahrzeugen hindurch, vor allem Frauen, manche mit Kindern im Arm. LKWs werden gesondert abgefertigt, mehrere hundert Meter stauen sie sich ins rumänische Hinterland.
Als wir nach zwei Stunden an der Demarkationslinie ankommen, werden unsere Pässe eingesammelt, zwei aus Deutschland, einer aus Österreich. Wir sind hier die Exoten. Wer bereist freiwillig ein Land im Kriegszustand? „Kuda? Potschemu?“ fragt der grimmige Mann hinter dem Schalter. „Kulturnaja konferenzja“, antworte ich. Meine DDR-Schulvokabeln sind eingerostet. Und ich weiß, dass hier Russisch nicht mehr benutzt wird, mehr noch: gar nicht mehr gehört werden will. Wortlos gibt der Grenzsoldat die drei Pässe an seine Kollegin vom Zoll weiter. Mit einem halben Dutzend weiterer Fahrzeuglenker stehe ich am Kontrollpunkt herum, die Raben über uns.
Das System ist etwas undurchsichtig, die Stimmung gereizt. Auf dem Asphalt tummeln sich mehrere Hunde, die zwischen den Beinen der Wartenden herumwuseln. Herrenlose Tiere, wie überall in Rumänien und der Ukraine. Sie akzeptieren keine EU-Außengrenzen. Als einer der nervösen Kläffer ungehindert auf die andere Seite wechselt und sich dort gemütlich niederlässt, weicht die Anspannung. Alles lacht. Kurz darauf werden die Pässe abgestempelt, die Reise geht weiter. Nehmen auch die Raben wieder ihren Flug auf? Egal, wir haben es fast geschafft, neue Eindrücke prasseln nieder. Hinter uns liegen fünf Länder und knapp 1700 Kilometer, vor uns nur noch rund 40 Minuten. Dann werden wir unser Ziel, die Großstadt Tscherniwzi im Südwesten der Ukraine, erreicht haben.
Es gibt (noch) keinen Grund zum Feiern
Wir fahren auf löchriger Piste, gegenüber zur Linken steht LKW an LKW, es nimmt kein Ende. Der Stau in Fahrtrichtung Rumänien reicht bis zur Stadtgrenze, etwa 30 Kilometer lang. Später erfahren wir, dass die Fahrer zwischen zehn und vierzehn Tagen warten müssen, um in die EU zu gelangen. Wie hält man das aus? Wir begreifen, dass wir Luxusreisende sind. Auch beim Einzug in die komfortable Ferienwohnung mitten im Zentrum begleitet uns noch ein leicht ungutes Gefühl. Mit welchem Recht fahren wir hierher, mitten im Krieg? Grenzt das nicht an Voyeurismus?
Wenig später, auf der Universitetska Vuliza, spricht uns ein älterer Herr an, auf Deutsch. „Guten Tag, liebe Freunde!“, sagt er, mit strahlendem Lächeln, und deutet eine Umarmung an. Plötzlich fühlen wir uns willkommen. Noch mehrfach werden sich solche Gesten wiederholen. Im Supermarkt hebt sich die Kassiererin von ihrem Sitz, macht einen Knicks, haucht „Dyakuyu“. Im Eckladen will man uns das Mineralwasser schenken. Im Café werden wir euphorisch mit Händen und Füßen nach Berlin befragt. Es fühlt sich gut an, hier zu sein, gerade jetzt.
Der Grund der Reise ist die Poesie. Bereits zum 13. Mal findet in der legendären „Stadt der Dichter“ (Edith Silbermann) ein Lyrikfestival statt. Zwei Mal war ich aus gleichem Anlass schon hier. Diesmal fällt aus aktuellem Anlass der Begriff „Festival“ weg, zurückhaltend wird von einem „Lyriktreffen“ gesprochen. Denn es gibt (noch) keinen Grund zum Feiern. Der Name des Treffens „Meridian“ und geht auf Paul Celan zurück, den berühmtesten Sohn der Stadt. Er wurde hier am 23. November 1920 als Paul Antschel geboren. Damals gehörte die einstige Metropole des K.-u.-K.-Kronlandes Bukowina zu Rumänien und hieß Cernăuți. Wir befinden uns in einer Stadt mit vielen Namen, in der Jahrhunderte lang kulturelle und sprachliche Impulse zusammen flossen: ukrainische, jüdische, deutsche, polnische, rumänische, armenische, ungarische, türkische und russische.
Halten wir uns an die alte österreichisch-ungarische Namensvariante, an Czernowitz also. Ihre Zeit zwischen 1774 und 1918 schuf in besonderem Maße Verknüpfungen, flocht Netze, zog pulsierende Verbindungslinien, von denen bis heute Signale der interkulturellen Verständigung ausgehen. Celan erdachte als Entsprechung für die vertikal verbindende Energie von Geographie und Dichtung die Metapher eines Meridians. „Ich finde etwas Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes... ich finde... einen Meridian.“, äußerte er in seiner Rede zur Verleihung des Büchner-Preises im Oktober 1960, für ihn ungewohnt optimistisch.
Die Stadt der Genies
Es ist noch immer keine Selbstverständlichkeit, als Deutscher in Czernowitz willkommen zu sein. Die deutschsprachige, jüdische Kultur wurde von Deutschen ausgelöscht, ihre Träger von Deutschen ermordet. Neben Celan hinterließen hier zahllose weitere Sprachschöpfer ihre Spuren, nicht nur jüdische. Ob der rumänische Nationaldichter Mihai Eminescu (1850–1889) oder die ukrainische Nationaldichterin Olha Kobyljanska (1863–1942), der aristokratische Erotomane Leopold von Sacher-Masoch (1836–1895), der Romancier und Reiseschriftsteller Karl Emil Franzos (1848–1904), der Unterhaltungsautor Gregor von Rezzori (1914–1998), der Lyriker und Prosaist Alfred Kittner (1906–1991) oder weitere jüdische Autorinnen und Autoren wie Selma Meerbaum-Eisinger (1924–1942), Alfred Margul-Sperber (1898–1967), Rose Ausländer (1901–1988), Immanuel Weissglas (1920–1979), Edith Silbermann (1921–2008), Josef Burg (1912–2009) und Aharon Appelfeld (1932–2018).
All sie und weitaus mehr, weniger prominente, lebten und wirkten in dieser Stadt – ein kulturhistorisches Phänomen ersten Ranges. Es muss hier ganz spezielle Schwingungen geben, eine Art Poesie-Virus vielleicht, der in den Gassen und Parks schwebt, sich verbreitet von Generation zu Generation. Und dies trotz brutalster Eingriffe von außen in Form von Krieg, politischer Verfolgung und Völkermord.
Dass an die poetische Tradition nicht nur erinnert, sondern auch aktiv angeknüpft wird, ist wesentlich ein Verdienst des Meridian-Festivals. Autor Igor Pomeranzew, prominentester Dissident aus sowjetischen Zeiten mit Czernowitzer Wurzeln, meinte einmal ironisch, er habe fliehen müssen, weil es hier einfach zu viele Genies gegeben hat. Sobald dies nach dem Ende der UdSSR möglich war, kehrte er jedoch umgehend aus seinem bundesdeutschen Exil in die nunmehr unabhängige Ukraine zurück, zumindest besuchsweise. Maßgeblich ihm ist es zu danken, dass hier seit 2010 alljährlich das Poesiefestival ausgerichtet wird.
Die Idee dazu wurde erstmals Ende 2008 in seiner Küche diskutiert, Beratung gewährte die „Zeitzug“-Erfinderin Milena Findeis und die Prager Buchmesse „Writers’ Festival“. Zur kurz danach gegründeten Initiativgruppe gehörten neben Igor Pomeranzew auch sein Neffe Sviatoslav, der Celan-Übersetzer und Literaturwissenschaftler Petro Rychlo sowie unter anderen die Dichter Serhij Zhadan und Jurij Andruchowytsch. Erste Direktorin war Iryna Vikyrchak, seit 2013 fungiert Evgenia Lopata als Meridian-Leiterin. Mit internationaler Unterstützung, nicht zuletzt auch aus Deutschland, konnte auf der einstigen Herrengasse (jetzt: Olha-Kobyljanska-Boulevard) das Paul-Celan-Literaturzentrum eingerichtet werden, das heute als Basis und Hauptschauplatz der Veranstaltungen dient.
So trafen sich hier also auch in diesem Jahr, mitten im Krieg, Dichterinnen und Dichter aus der Ukraine, Israel, Österreich, Deutschland und der Schweiz, um ihre zerbrechlichen Worte der gegenwärtigen Totalität von Gewalt entgegenzuhalten. Die Lesungen wurden von Gesprächen, Buchpräsentationen und einer Ausstellung gerahmt. Durch die zentrale Lage des Paul-Celan-Zentrums ist das Festival bestens in das urbane Treiben eingebettet. Viele Neugierige blieben stehen, nahmen Anteil. „Meridian“ ist ganz offensichtlich im kulturellen Alltag der Stadt zu Hause.
Der Krieg ist auch ohne Bomben allgegenwärtig
Czernowitz bleibt zwar bislang die einzige Großstadt des von Russland überfallenen Landes, in dem noch keine Bomben oder Raketen niedergegangen sind. Keine der Lesungen musste wegen Luftalarms in einen der dafür vorbereiteten, innerstädtischen Schutzbunker verlegt werden. Dennoch sind die aktuelle Aggression durch Russland und das Aufbäumen des sehr viel kleineren Landes allgegenwärtig. Zu den zirka 160.000 Einwohnern sind rund 100.000 Binnenflüchtlinge gekommen. Das öffentliche Leben verläuft gebremst. Militär patrouilliert, Sandsäcke schützen Türen und Fenster. Große Kinos haben den Betrieb eingestellt, die Theater und Konzerthäuser bieten nur ernste Kost. Restaurants schließen um 22 Uhr, eine Stunde später tritt die Ausgangssperre in Kraft.
Neben diesen fast unwesentlichen Einschränkungen gibt es auch schwerer wiegende Folgen. Eine mentale Radikalisierung ist unübersehbar, wie sollte es in Kriegszeiten auch anders sein. Derzeit gilt: „Der Tod ist ein Meister aus Russland“, wie es Pomeranzew, Celan persiflierend, zuspitzt. Es wird Jahre dauern, bis all der von Moskau ausgeschüttete Hass, Zynismus und Tod sich wieder aus dem Straßenbild und vor allem aus den Herzen verlieren werden. Poesie kann dabei helfen, wenn auch nur sehr bedingt. Ihre Kraft basiert in der Stille. So spielte die Zerbrechlichkeit der Sprache, ihre Fragilität und auch Flüchtigkeit in vielen Lesebeiträgen eine zentrale Rolle.
Die Lyrikerinnen Nora Gomringer und Judith Schifferle mit dem Übersetzer Petro Rychlo. Foto: Jakobine Motz
Extrem hilfreich in diesem Zusammenhang war, dass mehrere deutschsprachige Gäste bereits Erfahrungen mit der Ukraine mitbrachten, das Land in der Vergangenheit mehrfach bereist hatten und ihre Eindrücke in aktuelle Texte einfließen lassen konnten. Nora Gomringer ging in „Kosmos Lemberg“ den Spuren der eigenen Familie während des Zweiten Weltkriegs nach. Helmut Böttiger, der sich bereits 1993 in Czernowitz auf die Suche nach Celans Spuren begeben hatte, trat mit dem Lemberger Autor und Psychoanalytiker Jurko Prochasko in einen dynamischen Erinnerungs- und Gegenwartsdialog. Judith Schifferle, als Lyrikerin und Vermittlerin immer wieder unterwegs in der Ukraine, nahm den Krieg zum Anlass für unsentimentale Selbstbefragungen: „Ich habe gelernt, dass übers grüne Land ein roter Faden / in die Erzählung führt, zu den Toten in die Furchen des tiefschwarzen Ackerlands. (…) Ich habe gelernt, dass Schreiben antritt gegen Trauer ohne Trost / und dass Wahrheit erst in Trauer reift.“ Nach vier Tagen passieren wir wieder die Grenze Richtung EU, am Kontrollpunkt von den Raben erwartet. Mit uns fahren Trauer und Glück. Wir werden wiederkommen.
Meridian-Lyrikfestival: Czernowitz ist die Metropole der Poesie
Claus Löser, Berliner Zeitung, 12.9.2020
Im Jahr des 100. Geburtstages von Paul Celan fand in dessen Geburtsstadt das elfte Meridian-Lyrikfestival unter Ausnahmebedingungen statt.
„Meridian“ ist weit mehr als ein Celan-Festival. Seinen Initiatoren geht es um die lebendige Erinnerung an einen ganzen Kulturraum, der einst zu den wesentlichen Impulsgebern europäischen Denkens gehört hat. Bis 1940 bildete Czernowitz einen einzigartigen kulturellen Schmelztiegel aus ukrainischen, deutschen, rumänischen und nicht zuletzt jüdischen Einflüssen. Neben Paul Celan wurden hier auch u. a. Rose Ausländer, Gregor von Rezzori, Itzik Manger und Aharon Appelfeld geboren. Karl Emil Franzos, Josef Burg, Leopold von Sacher-Masoch und Hermann Bahr verbrachten hier ebenso wesentliche Jahre ihres Lebens wie der rumänische Nationalpoet Mihai Eminescu (1850–1889) oder die heute als Begründerin der modernen ukrainischen Dichtung gefeierte Olha Kobyljanska (1863–1942). Es ist merkwürdig – aber hier, in dieser durch historische Glücksfälle architektonisch fast vollständig erhaltenen, habsburgisch geprägten Provinzmetropole, gibt es ganz offenbar ein magisches Moment, das über Jahrzehnte hinweg zu einer „poetischen Kontinuität“ geführt hat. Gleichzeitig findet die aktuelle literarische Szene ein Podium. Um dies nachzuvollziehen, muss man sich vor Ort begeben. Und genau das ist weit leichter gesagt als getan; erst recht in Zeiten von Covid-19.
Die Pandemie hat in Czernowitz neue Rahmen gesetzt
Auf der heute nach Olha Kobyljanska benannten einstigen Herrengasse drehen allabendlich Hunderte von Menschen ihre Runden. Der überall in Südosteuropa praktizierte „Korso“ flutet hier vom Ringplatz vor dem Rathaus mit dem noch unter Kaiser Franz Joseph verlegten Kopfsteinpflaster bis zu einer Straße mit dem früher so schönen Namen „Neue-Welt-Gasse“ (jetzt, nüchtern: Shevchenka) und dann wieder zurück. Hochzeiten werden gefeiert, Straßenmusiker spielen auf, Luftballons steigen in die Höhe. Das geht so stundenlang, immer im Kreis, mehrheitlich maskenlos. Der Weg führt dabei auch am Paul-Celan-Center vorbei, dem Hauptveranstaltungsort des Meridian-Festivals. Doch hat die Pandemie auch hier, wie überall sonst in der gegenwärtigen Welt, neue Rahmen gesetzt. Sämtliche angekündigten Autoren aus Israel, Rumänien und dem deutschsprachigen Sprachraum haben abgesagt. Nur ein einzelner Journalist aus Berlin ist angereist. Alle Veranstaltungen finden in hybrider Form als Online-Stream statt. Das bringt durchaus Vorteile mit sich: So stehen die Lesungen und Diskussionen auf der Facebook-Seite des Festivals allen Interessenten zur Verfügung, und das auch in deutscher Fassung! Es zeigt sich in der modifizierten Form umso deutlicher, dass die gegenwärtige ukrainische Literatur von ungeheurer Vitalität ist.
Neben den beiden unermüdlichen Poeten Juri Andruchowytsch (Jahrgang 1960) und Serhij Zhadan (Jahrgang 1974) – die in ihrer Heimat wie Popstars gefeiert werden – gibt es inzwischen scharenweise junge und selbstbewusste Schriftsteller, die sprachlich und inhaltlich nach ganz eigenen Wegen suchen. „Meridian“ öffnete sich inzwischen zur Prosa. Höhepunkt war hier die Premiere des 600-Seiten-Opus „Amadoka“ von Sofia Andruchowytsch, in dem sich die Abgründe von mehr als drei Jahrhunderten ukrainischer und damit europäischer Historie zu einem ebenso dichten wie fatalen Kaleidoskop verweben.
Der Dichter der „Todesfuge“, Paul Celan
Überhaupt fällt das kritische Geschichtsbewusstsein der meisten Veröffentlichungen auf. Fragt man nach den aktuellen Ereignissen im Osten der eigenen Heimat oder im nördlich benachbarten Belarus, so werden die Minen ernst. Seit mehr als fünf Jahren befindet sich das Land in einem partiellen und unerklärten Krieg mit dem übermächtig-imperialen Russland. Rezepte, wie mit diesem Krieg und der eigenen Identität umzugehen sei, gibt es keine, Widersprüche umso mehr. Eine Gymnasiastin etwa fand es mir gegenüber völlig in Ordnung, dass im gegenwärtigen ukrainischen Lehrplan außer Puschkin kein einziger russischer Dichter mehr vorkommt: weder Tolstoi noch Dostojewski, von Majakowski ganz zu schweigen. Freiheit sei zwar ein wichtiges Gut, aber zu viel Freiheit schade der Demokratie, hört man. Die „normalen Leute“ bräuchten eine Orientierung, sonst fänden sie sich in der modernen Welt nicht mehr zurecht.
In Bezug auf die eskalierende Gewalt in Minsk und anderen Orten von Belarus fallen Empathie und Solidarität leidenschaftlich aus. Den Belarussen gegenüber fühlt man sich als große Schwesternnation, die den Prozess der Emanzipation von Moskau bereits vollzogen und den Weg zur Demokratisierung eingeschlagen hat. Auf die Frage, was denn konkret als Hilfestellung geleistet werden kann, verweist die junge Journalistin Olena aus Kiew auf eine ganze Palette an Möglichkeiten. Aufklärung über die Propagandamaschinerie Moskaus zum Beispiel, aber auch durch Online-Geldsammlungen, mit denen die extrem unter Druck stehenden unabhängigen Medien in Belarus unterstützt werden können.
Auf die Situation passt überraschenderweise das Ende eines Liebesgedichts von Paul Celan: Das Gedicht trägt den Titel „Corona“.
„Es ist Zeit, dass man weiß!
Es ist Zeit, dass der Stein zu blühen sich bequemt,
dass der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, dass es Zeit wird.“
Das Lyrikfestival „Meridian“ fand vom 4. bis 6. September 2020 in Czernowitz, Südwestukraine statt. Sämtliche Veranstaltungen sind mit deutschen Übersetzungen unter www.facebook.com/meridiancz/ abrufbar. Siehe auch: www.meridiancz.com/de
Von Czernowitz nach Tscherniwzi und zurück
Das Festival “Meridian Czernowitz” erinnert an die Literaturlandschaft in der Hauptstadt der Bukowina, die heute zur Ukraine gehört
Von Claus Löser
Feuilleton Berliner Zeitung, 17. September 2015
Noch schnell drei Widmungen in die entgegengestreckten Gedichtbände, noch zwei Selfies von Fans mit dem Dichter, bevor Jurij Andruchowytsch das Podium unter Beifall erklimmt, um dort seine Texte vorzutragen. Er ist der unbestrittene Star des Lyrikfestivals “Meridian Czernowitz” und jeden Tag irgendwo präsent. Auch Iryna Tsilyk und Serhij Zhadan sowie weitere, weniger bekannte Schriftsteller der Ukraine wurden im zentralen Kulturhaus und anderen Veranstaltungsorten von ihren Landsleuten teilweise wie Popstars gefeiert.
Diese Euphorie für Gedichte und ihre Urheber ist beneidenswert, weil hierzulande völlig unvorstellbar. Sie zeigt auch, dass das Konzept des bereits zum sechsten Mal stattfindenden Unterfangens aufgeht. "Meridian Czernowitz" hat es sich zur Aufgabe gemacht, Czernowitz zurück auf die kulturelle Landkarte Europas zu bringen. Hier lebten und wirkten einst Karl Emil Franzos, Mihai Eminescu, Leopold von Sacher-Masoch, Itzik Manger, Gregor von Rezzori, Georg Drozdowski, Aharon Appelfeld, Alfred Margul-Sperber oder Rose Ausländer.
Hier wurde im November 1920 Paul Antschel geboren. Er stieg später als Paul Celan zu einem der prägnantesten Schöpfer deutschsprachiger Lyrik auf. Er ist der Schutzheilige der literarischen Renaissance in seiner Geburtsstadt.
Es gibt in der westukrainischen Provinzhauptstadt heute wieder eine literarische Szene, mit der an die sich zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und 1940 entfaltenden Blütezeit angeknüpft wird. Es gibt diese Szene zumindest vier Tage lang im Jahr - wenn zahlreiche Poeten aus der Ukraine sowie aus Österreich, Rumänien, Deutschland und der Schweiz vor dem größtenteils ebenfalls von nah und fern angereisten Publikum ihre Texte vortragen.
Die mythenumrankte Stadt allerdings, zu der auch jenseits des Festivals viele Bildungsreisende, Literaturliebhaber und Familienforscher pilgern, um hier für ein paar Tage zu bleiben, gibt es nicht mehr. Der letzte große Krieg hat äußerlich in der Bukowina-Metropole kaum Verheerungen hinterlassen. Die meisten Häuser stehen noch. Sie bilden die pittoreske Kulisse einer ambivalenten Erinnerungskultur. An manchen Häusern prangen Plaketten mit Hinweisen, welche prominenten Menschen dort einst gelebt haben.
Doch die genealogische Spur ist abgerissen. Mit Beginn der 1940er-Jahre hat es in Czernowitz einen fast vollständigen Austausch der Bevölkerung gegeben. Heute heißt die Stadt Tscherniwzi und wird mehrheitlich von Ukrainern bewohnt - welche 1940 rund 20 Prozent der Einwohnerzahl stellten. Der Rest setzte sich damals aus Rumänen, Polen, Roma und Deutschen zusammen. Und Juden - Czernowitz war eine jüdisch geprägte Stadt, in der die deutsche Sprache dominierte. Dieses Kapitel ist kulturgeschichtlich immens nachhaltig, aber als gelebte Gegenwart irreversibel zu Ende. Die Gründe sind bekannt.
Während des Festivals schlugen viele Veranstaltungen eine Brücke zur Geschichte und thematisierten ihre Präsenz im Jetzt.
So ging es im Panel “Das österreichische Gestern und das ukrainische Heute” um die einstige bukowinische Kulturvielfalt und um die Frage, ob davon heute noch etwas nachwirkt. Die Journalistin und Schriftstellerin Tanja Maljartschuk warnte von einer Idealisierung der K.-und-K.-Ära. Es würden damit doch die immanent-chauvinistischen Strömungen der Habsburger Zeit ausgeblendet. Der österreichische Dichter Peter Waterhouse, der sich auch in seinen eigenen lyrischen Texten (wie Celan, über den er promovierte) mit den Schwellen von Vergessen und Erinnern beschäftigt, verwies in der Diskussion auf aktuelle Grenzen zwischen Manifestierung und Auflösung.
Die “Todesfuge” auf Hebräisch
Sprachlich grenzüberschreitend waren sämtliche Lesungen, da meist billingual auf Ukrainisch und Deutsch. Der israelische Lyriker Jonatan Berg erweiterte diesen Sprachraum auf eine neue Dimension. Vor Beginn seiner Lesung rezitierte er die “Todesfuge” auf Hebräisch. Er brachte damit Celans berühmtestes Gedicht - in der Übertragung von Shimon Sandbank - zurück an den Geburtsort des Dichters.
Einen weiteren, besonders eindrucksvollen Begriff des “Übersetzers” von einem textlichen Ufer zum anderen vermittelte die Präsentation von Paul Celans Buch “Die Niemandsrose” (1963) in ukrainischer Übersetzung. Petro Rychlo, der seit 2013 das Paul Celan Literaturzentrum Czernowitz leitet, las gemeinsam mit seinem Kollegen Mark Belorusets Auszüge wechselnd auf Deutsch, Russisch und Ukrainisch.
Petro Rychlo, dem auch die lesenswerte Anthologie “Europa erlesen - Czernowitz” (Wieser Verlag) zu verdanken ist, bildet gemeinsam mit Belorusets und dem heute in Prag lebenden Igor Pomeranzew das intellektuelle Herz des “Meridian-Czernowitz”-Festivals. Neben diesem Trio verblasste auch manch anderes zur Dekoration.
Keine Dekoration ist die Allgegenwart der patriotisch-militärisch aufgeheizten Atmosphäre jenseits des Festivals; schließlich bewegt sich die Ukraine derzeit auf einer ungewissen Schwelle zwischen Krieg und Frieden. Da gibt es kaum einen Gartenzaun oder Laternenpfahl, der nicht mit dem blau-gelben Nationalfahnen drapiert wäre. Auf den Plakatwänden prangen Kämpfer in Uniformen. Monitore im Hotel oder in öffentlichen Gebäuden werde mit Aufnahmen von Tumulten oder Kriegshandlungen bespielt. Kadetten sammeln im Nachtzug für die “Helden des Vaterlands.”
Unter die sonst äußerst adrett gekleideten Flaneure, die sich zum abendlichen Korso auf der früheren Herrengasse versammeln mischen sich zahlreiche Männer in Camouflage. Nicht zufällig deklamiert Lyrik-Star Zhadan ins Mikrofon: “Töte mich Bruder, ich bin wie du!”
©Claus Löser, geb. 1962 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz). Studium an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, Dr. phil. Seit 1990 Programmgestalter für das »BrotfabrikKino« in Berlin, freier Filmkritiker, zahlreiche Ausstellungen und Publikationen
Das fliegende Auge: Fünf Filme für Paul Celan
Es gibt eine Reihe sehenswerter Filme, die sich dem Leben und Werk des Dichters Paul Celans widmen. Notizen zu einer nicht stattfindenden Retrospektive. Claus Löser
Having being remembered
Having being remembered
Igor Pomerantsev
Translated by Frank Williams

It could be that the key to the riddle of Russian history is to be found in the pluperfect. In the fact Russian doesn't have one. In Latin the pluperfect is used for the past beyond the past. It is formed by using an auxiliary verb. Plug in a little verbal gadget, and you're off, back into the past, disappearing into the pre-past. English, German, French still tinker away with these whatnots. Russian had them at one stage, but they've been worn away to almost nothing. In old books you occasionally find now-redundant colloquialisms such as „he was having been accustomed“. These days grammar has to be supplemented by phrases like: „I remember how it used to be that...“ or „Back in the olden days...“. This grammatical inadequacy or, if you prefer, grammatical romanticism costs users of the language dear. Their history cannot become history; like one of those pesky pages in a new book that when you open it sticks to the next one; desperate to stay in the present. Russian history has no grammatical bridle to restrain it. But you do encounter the pluperfect in ordinary Russian life. The emigration is a classic example. The mature prose of the two Ivans, Bunin and Shmelyov, with their charming recollections of their roots, was written as though in the pluperfect. The allure of their prose is in this 'as though', in the grammatically not fully spoken. But these writers pass not just lameness off, but stammering, lisping, too, as perfection.

In front of the Russian Embassy in Prague
Or another example of the pluperfect from life. It is with a sweet late-Roman jadedness that I can recall my own imperial childhood, when Empire was written with a capital letter. My home town had four names at once; the Austro-Hungarian Czernowitz, the Romanian Cernauţzi, Ukrainian Chernivtsi, the pre-war Russian Chernovitsy. As soon as you walked out onto the street the sounds of a number of languages and dialects wafted past, with Yiddish, Hutsul and Polish added to the list above. This is what culture is, it seems: to live on an air current of several tongues. But all that is to be said about culture already has been, but about the history of grammar.... I remember, once upon a time... long ago... neon Ukrainian hieroglyphics МЕБЛИ hung over a furniture store, no, not over the store, but over what the locals called a склеп (sklep), which to my tender Russian ear signified a burial vault. And there was the having been visiting Chief Ideologist Suslov with an award – the Order of Lenin – for the people of Chernovtsy. And on Soviet Square he repeatedly abused the delicate ears of the locals by placing the stress on the penultimate syllable – Chernovtsy. And nobody had been brave enough to corrrect him. And then there was the being remembered schoolboy delight in the elevated expressiveness of two lines of Little Russian verse
As having fallen down from the horse
there below on the white snow...
And Latin at the University, Mme. Zinoviya, recollected now, and her unyielding Pluperfect, armour-plated like a legionary.
Translator's note:
Ivan Bunin (1870-1955) and Ivan Shmelyov (1873-1950) were two of the most prominent representatives of the Russian post-revolutionary literary emigration. Bunin was the first Russian writer to win the Nobel Prize for Literature, much to the chagrin of the Soviet authorities.
Little Russia was the usual, if somewhat condescending, term for the Ukrainian territories that formed part of Imperial Russia.
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