Czernowitz

Kunstalbum Czernowitz

Der 362 Seiten umfassende Bildband  wurde von Sergij Osatschuk und Tetyana Dugaeva, unterstützt von der Österreichischen Nationalbibliothek und dem Land Kärnten, 2017 in ukrainischer und deutscher Sprache  herausgegeben. ISBN 978-617-614-185-3. Nachfolgend aus diesem Buch das Vorwort von Raimund Lang.

Das Gemälde ist nichts als eine Brücke, welche den Geist des Malers mit dem des Betrachters verbindet. Eugen Delacroix (1798–1863)

Kunstalbum Czernowitz

Kunst ist immer subjektiv. Sie geschieht, wie uns die Theoretiker lehren, im Kopf. Das Produkt des Künstlers, üblicherweise „Kunstwerk“ genannt, ist also nur ein Medium zwischen Schöpfer und Betrachter und „Kunstbetrachtung“ folglich die persönliche Auseinandersetzung mit einer fremden Sichtweise. Die Frage der künstlerischen Qualität muß deshalb zwangsläufig zu oft ganz gegensätzlichen Antworten führen, je nachdem welches Maß an Zustimmung, Betroffenheit, Ratlosigkeit oder Ablehnung das Artefakt auszulösen vermag. Das gilt zwar für alle Künste, doch für die optische Wahrnehmung ganz besonders, da sie uns viel unmittelbarer und konkreter begegnet als die akustische, die Musik. Die kunstphilosophische Behauptung von der Kunstgenese im Kopf bedarf somit der Ergänzung, daß sie auch vom Gefühl bestimmt wird, also im Herzen entsteht. Dem obigen Zitat des französischen Spätromantikers Eugen Delacroix von der geistigen Brückenfunktion des Bildes sei deshalb ein Diktum seines älteren Landsmannes, des Literaten Denis Diderot (1713–1784), beigefügt, der die Malerei zu einer Kunst erklärte, welche die Seele durch Vermittlung der Augen zu bewegen vermag.

Czernowitz, die „vielzüngige“ (J. V. v. Scheffel) Perle am Pruth, wird nicht ohne Grund als hochrangige sprachliche Produktionsstätte gerühmt. Aber der idiomatisch begrenzten Ausdrucksform der Sprache steht auch hier die universelle des Bildes gegenüber, der Kunst des Wortes die Suggestion des Blicks. Erstaunlicherweise liegt dieser Blick bislang im Schatten. Denn während der Czernowitzer Literatur ganze Konvolute von Anthologien und Interpretationen gewidmet sind, ist eine umfassende Darstellung der regionalen Malerei und Graphik bislang unterblieben. Somit betritt dieses Buch Neuland auf dem alten Boden – auch wenn dieses Bild vordergründig pardox klingen mag. Es widmet sich dem Vertrauten, indem es Blicke sammelt, die in solcher Vielfalt noch nie auf so kleinem Raum gebündelt waren. Zwar liegt über Czernowitz ein hervorragender Fotoband aus dem Jahre 2007 vor, doch ist dieser eine Sammlung zufälliger und kalkulierter mechanischer Momentaufnahmen. Das vorliegende Buch aber ist eine Summe Epochen überspannender Sinneseindrücke, allesamt entstanden aus der empfindenden und erwägenden Seele eines Künstlers und durch seine gestaltende Hand.

Sergij Osatschuk präsentierte in Klagenfurt den Bildband

Czernowitz genießt den Ruf der Besonderheit. Und es ist viel geschrieben worden, um deren Wesen auf die Spur zu kommen. Es ist keine Weltstadt, weder Bühne der Schönen noch Treffpunkt der Mächtigen. Seit sie sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts vom Lehmhüttendorf zur Landeshauptstadt emporgeschwungen hat, blieb ihre Pracht maßvoll, ihre Bedeutung provinziell. Was Czernowitz auszeichnet, ist seine unaufdringliche, schlichte, an manchen Stellen geradezu zweckmäßige Schönheit. Das Bild der Stadt überzeugt mehr durch seine Geschlossenheit als durch punktuelle Brillanz. Sogar das nach Anlage und Wirkung herausragende Bauwerk, die zum Weltkulturerbe erklärte Residenz, fügt sich eher zurückhaltend in das Gesamtbild ein, rundet es ab, ohne es zu beherrschen. Um das Besondere dieser Stadt zu begreifen, muß man um ihre Genese wissen. An einer europäischen Schnittstelle gelegen, wurde sie durch die Jahrhunderte zu einem ein Ort der Völkerbegegnung. Es ist wohl mehr ein gnädiger Zufall der Geschichte, als das Ergebnis planvoller Siedlungspolitik, daß hier langfristig nicht Völkerstreit dominierte, sondern Vielfalt auf engem Raum entstand, die zur Einheit wurde. Von dem runden Dutzend der hier zusammenlebenden Nationen war keine groß und stark genug, um sich über andere zu erheben. Die pragmatische Konsequenz daraus war das friedliche Nebeneinander, das vielfach auch ein Miteinander war und eine Atmosphäre entstehen ließ, die gleichermaßen duldsam wie fruchtbar war.

Deshalb werde ich nicht müde werden zu betonen, daß Czernowitz eben keine deutsche Stadt war, auch keine jüdische und keine rumänische, weder ruthenische noch polnische. Sie hatte von allem, und das machte sie besonders. Historisch wäre am ehesten der Sammelbegriff „österreichisch“ anzuwenden, denn er subsumiert diese Vielfalt. Czernowitz, das war das vorübergehend erfolgreiche Praktikum einer letztlich gescheiterten Idee, nämlich jener vom völkerreichen Donaustaat. Und sie war als binneneuropäische Konzeption wesentlich weiter gediehen, als die fragilen Konstrukte unserer europapolitischen Gegenwart.

Derlei Gedanken dürfen uns beschäftigen, wenn wir mit wachem Auge durch Czernowitz promenieren, durch die Menge der Tafeln und Denkmäler aus verschiedenen Perioden und zwischen den oft unkommentierten Jahreszahlen, die Anstoß für Assoziationen geben. Bei alledem ist aber entscheidend, diese Stadt als etwas organisch Gewachsenes zu verstehen und nicht allein als Relikt überwundener Herrschaftsstrukturen. Eines fügte sich zum anderen und gehört folglich dazu, ob Bild oder Text, ob Zweck oder Schmuck. Die Stadt ist vornehmlich ein Ort zum Leben und dient erst in zweiter Linie der Repräsentation. Und wie die Menschen, die sie durch all die Zeitläufe haben wachsen lassen, trägt sie Schrammen und Schminke, zeigt sie sich strahlend und düster, vereint sie Noblesse und Tristesse. Denn der Puls der Stadt schlägt nicht nur auf dem Ringplatz und in der Herrengasse, sondern ebenso in den Gemüsegärten und Kastanienalleen, zwischen Marktbuden und Balkonen, in den beschatteten Parks und den verrotteten Hinterhöfen.

Es ist das Charisma des Künstlers, all das spürbar werden oder zumindest ahnen zu lassen. Sein Blick geht über das Erkennbare hinaus, er berichtet von Erlebtem und Erfühltem, die dem Sichtbaren eine ganz persönliche Gestalt verleihen. Wenn zwei dasselbe Objekt betrachten, so können zwei gänzlich unterschiedliche Bilder entstehen – das ist der Reiz der Kunst, und das ist auch ihr Geheimnis.

Vielgestaltig wie die Stadt ist folglich auch dieses Buch. Es ist stadtgeschichtlich genauso interessant wie stilgeschichtlich, ist kalligraphisch wie topographisch und biographisch. Ich habe unter all den Bildern meine Favoriten gefunden, aber auch manche, die mich eher verstören. Das bedarf keiner näheren Darlegung, denn jeder wird als Betrachter des Betrachteten eigene Empfindungen hervorbringen und damit neuerlich zum produktiven Interpreten.

Mehr als hundert Maler und Zeichner haben zu dieser grandiosen Sammlung beigetragen. Es ist unmöglich, sie alle zu nennen und zu werten – man muß ganz einfach nur schauen und schauen ... Wer Czernowitz kennt und liebt (und das liegt meist nahe beieinander), wird von dieser überraschenden Fülle gefesselt sein. Noch nie hat man diese Stadt so intensiv, weil so „vieläugig“ betrachten können. Das Blättern durch diese Seiten ist wie ein Spaziergang durch ein Wunderland, das auf denselben Wegen immer wieder neue Blicke auftut. Reale Existenz und persönliche Anschauung sind zwei gegenüberliegende Ufer, und dieses Buch ist ein Brückenkopf zwischen Gestalt und Wahrnehmung.

Raimund Lang

Der 1950 in Czernowitz geborene Künstler Bronislav Tutelman ist mit sieben Bildern in dem Kunstalbum vertreten. Bronislav TutelmanIch traf Bronislav TutelmanBronislav Tutelman im November 2013: Er sprach Jiddisch mit ukrainischem Einschlag, ich ein Gemisch aus Österreich-Tschechisch. "Meine Religion ist die Kunst", erzählte er mir. Das Kunstalbum wurde im November 2018 gemeinsam mit dem Essay-Band "Erinnerungen eines Ertrunkenen" von Igor Pomerantsev im Musil Literaturmuseum Klagenfurt vorgestellt.
Milena Findeis


 

Rezzori

Heimkehr nach Tschernopol

Gregor von Rezorri

 

Der Beitrag erschien im  Diners Club Magazin, Heft 6, Dezember 1990. Mit diesem Heft wurde die Zusammenarbeit von Diners Club Austria mit dem Verlag Orac, Herbert Völker beendet.  Text: Gregor  von Rezzori (* 13. Mai 1914 in Czernowitz; † 23. April 1998 in Donnini) Fotos Manfred Klimek. Seit 1991 gehört die Stadt als Tscherniwzi zur Ukraine.

 

CzernowitzIch wurde geboren zu Czernowitz, der ehemaligen Hauptstadt des ehemaligen, zum cisleithanischen Teil der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie gehörigen Herzogtums der Bukowina, ein östlicher Landstrich längs der aus der Tatra auslaufenden Waldkarpaten, der 1775 als Entgelt für die Vermittlung im russisch-türkischen Krieg vom ehemaligen Reich der Ottomanen ans ehemalig kaiserlich-königliche Österreich-Ungarn abgetreten und zunächst dem ehemaligen Königreich Galizien zugeordnet gewesen, nach 1848 jedoch eines der selbständigen ehemaligen Kronländer des Hauses Habsburg geworden war. Bis auf die Stadt, deren Name im Verlauf der geschichtlichen Entwicklung einige Veränderung erfahren hat – von Cernowitz über Cernăuți zum heutigen Czernowce – ist alles ehemalig, das heißt: nicht gegenwärtig, nicht eigentlich vorhanden, was meinem Geburtsort die Aura des Sagenhaften, also des Irrealen verleiht. Es erweist sich als müßig, dieses mythenhafte Zwielicht historisch aufzuhellen. Daß die ehemalige k. u. k. Monarchie seit 1918 nicht mehr besteht, dürfte sich herumgesprochen haben; gleichwohl tat man im ehemaligen Czernowitz, nun Cernăuți, als glaubte man nicht recht daran. Deutsch war immer noch die allgemeine Umgangssprache, Wien, die nächstliegende Metropole, der man den Rang der Hauptstadt nicht absprechen wollte. Zwar war die Realität so “shakespearescher” Königreiche wie Galizien und Lodomerien fragwürdig geworden; trotzdem sprach man davon, als gäbe es sie immer noch, obwohl sie seit 1940 nicht mehr besteht. Vom Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie bis damals hatte sie dem ehemaligen Königreich Rumänien zugehört, eine Zeitspanne, in welche mein Heranwachsen vom Kind zum Adoleszenten fiel. Das Heranreifen zum Mann vollzog sich anderswo.

 

Damals von 1919 bis 1940, herrschten die Rumänen mit einer Selbstgewißheit, die sich auf die Behauptung stützte, die Bukowina sei seit den Daciern rumänisches Urland, was angezweifelt werden kann. In Czernowitz, nunmehr auf rumänisch Cernăuți, nahm man sich nicht die Mühe, es in Frage zu stellen. Man sah im rumänischen Zwischenspiel kaum mehr als eine Umkostümierung der ohnehin operettenhaften Staffage. Die Uniformen österreichischer Ulanen waren von denen rumänischer Rosiori abgelöst, bei Infanteristen schaute man sowieso nicht genauer hin, der Unterschied war nicht gewichtiger als im Stadttheater der Szenenwechsel von der “Gräfin Mariza” zum “Zigeunerbaron” und schließlich zum “Bettelstudenten”. Es dauerte kaum mehr als zwei Jahrzehnte, bis der ehemalige schwarzgelbe Anstrich an Mautbalken und Türflügeln von Tabaktrafiken blau-gelb-rot überpinselt und der Doppeladler auf den Giebeln öffentlicher Gebäude durch das Staatswappen des Königreichs Rumänien ersetzt war; dann schon 1940, gilbte dort der Sowjetstern, Cernăuți wurde zu Czernowece, und die Bukowina war ehemalig geworden, es gab sie nominell nicht mehr. Durch einen Staatsvertrag zwischen dem ehemaligen Dritten Reich und Rußland, der sich souverän über die Legende vom rumänischen Dacierland hinwegsetzte, war sie zweigeteilt worden. Das Gebiet südlich des Sereth wurde mit der Moldau der heutigen rumänischen Volksrepublik vereint, der nördliche Teil mit Czernowitz der Sowjetrepublik Ukraine zugesprochen. Damit war das nunmehrige Czernowce auch keine Hauptstadt mehr, denn die Hauptstadt der Ukraine ist Kiew.

 

TschernopolImmerhin steht fest, daß ich in Czernowitz, wenn auch im vor-rumänischen, im ehemaligen österreichischen, geboren bin, und auch das dürfte sich herumgesprochen haben. Es steht zu lesen in Kurzbiographien auf den Waschzetteln verschiedener Bücher aus meiner Feder und sogar – wenngleich nicht unbedingt löblich – in einigen Literaturgeschichten der Nachkriegszeit, sowie in Nachschlagewerken, welche die Aufnahme in die Namensliste prominenter Zeitgenossen nicht gerade abhängig machen vom Bezug mehrerer kostspieliger Exemplare, aber den Ankauf so dringlich nahelegen, daß man vermuten muß, sie werde bei Weigerung nicht erfolgen. Vor dieser Bekanntgabe meiner Herkunft, die ich nun leider nicht verleugnen kann, pflegte ich, wenn ich danach gefragt wurde, mit der Antwort zu zögern. Die Gründe dafür waren zweierlei: Erstens, weil die Angabe, aus Czernowitz zu stammen, ein kaum jemals unterdrücktes “Aha!” zur Folge hat. Das beschränkt sich nicht auf den Großraum der ehemaligen k. u. k. Monarchie, in dem der Name Czernowitz einen festen Begriff darstellt: auch in weniger epochenverschleppenden Regionen scheint man Czernowitz zu kennen, als den Schauplatz der meisten galizanischen Judenwitze und die Brutstätte eines Menschenschlags von unverwechselbarer Prägung. Meine Heimatstadt hat Weltruhm erworben als Schmelztiegel eines guten Dutzends von ethnischen Gruppen, Sprachen, Glaubensbekenntnissen, Temperamenten und Lebensgewohnheiten, wo sie zum Amalgam eines quintessentiellen Schlawinertums ausgebrodelt und sublimiert wurden. Wieweit die Zugehörigkeit als Vorzug aufgefaßt werden kann, steht dahin. Ich habe mich mein Leben lang bemüht, das Bestmögliche daraus zu machen. Dem Lyriker Celan, der gesagt hat, es sein ein Ort gewesen, an dem Menschen und Bücher lebten, ist Besseres gelungen.

 

Der zweite Grund für ein gewisses Zögern, wenn ich zugeben soll, daß ich ein Czernowitzer bin, ist wieder zweifach. Von den siebeneinhalb Jahrzehnten meines Erdendaseins war ich knapp das erste dort. Nach meinem neunten Lebensjahr bin ich nur noch sporadisch hingekommen – ich will gleich sagen: Leider, denn es gab viel zu lernen in Czernowitz. Das letztemal war ich dort mit zweiundzwanzig, 1936, also vor vierundfünfzig Jahren. In einer solchen Zeitspanne verwischt sich die ursprüngliche Prägung. Entscheidend aber hat zur Entfremdung das zunehmend Ehemalige und Irreale meiner Herkunft beigetragen. Es klingt, als hätte ich Czernowitz erfunden – und damit mich selbst.

 

TschernopolNun verhält es sich tatsächlich so, daß ich mein Czernowitz erfunden habe. Sieht man ab von den “Maghrebinischen Geschichten”, die ich nicht hätte schreiben können, wäre ich nicht dort geboren und – wenn auch nur zeitstreckenweise – dort aufgewachsen, so spielt die Stadt eine schicksalhafte Rolle in drei anderen meiner Bücher “Ein Hermelin in Tschernopol”, nebensächlich in den “Denkwürdigkeiten eines Antisemiten” und wieder schicksalsträchtig in einer weitgehend autobiographischen Darstellung der Protagonisten meiner Kindheit mit dem Titel “Blumen im Schnee”. Mit alledem habe natürlich nicht Reiseführer durchs konkrete Czernowitz-Cernăuți-Czernowce schreiben sollen, sondern Schilderungen eines mythenhaften Topos. Besonders im Roman, in dessen Titel ja der Name Tschernopol darauf hinweist, daß es sich um eine literarische Überhöhung handelt, diente mir die Erinnerung an die Stadt meiner Kindheit sozusagen als Knochengerüst für die Modellierung des mythischen Schauplatzes einer mythenhaften Handlung. Denn es ist der Roman einer Kindheit, und in der Kindheit ist alles mythenhaft. Das gilt auch für die Schilderung der Stadt in “Blumen im Schnee”, obwohl der deklariert autobiographische Charakter dieses Buches mich verpflichtet hat, das Tatsächliche – oder jedenfalls das Effektive – so wahrheitsgetreu zu beschreiben, wie ich es in Erinnerung hatte.

 

Bekanntlich aber ist die Erinnerung nicht unbedingt zuverlässig. Sie wählt willkürlich aus, was sie behalten will, schiebt weg, was ihr nicht behagt, rückt das Emotionelle in den Vordergrund, verklärt und verzerrt. Absichtlich sowohl wie unabsichtlich habe ich so zur Entwirklichung meines Herkunftsorts beigetragen und damit seiner – und wiederum damit meiner – ohnehin legendären Windigkeit auch noch den Nimbus des Unglaubwürdigen verliehen.

 

TschernopolDas ficht mich wenig an, soweit es um die ethische Frage der Wahrheitstreue geht. Ich bin ein Schriftsteller und habe als solcher nicht nur das Recht, sondern geradezu die Verpflichtung, die Wirklichkeit bis hart ans Unglaubwürdige zu überhöhen. Wer aber wie ich, um das zu erreichen, beständig das Autobiographische heranholt, es paraphrasiert und variiert, fiktiv und hypothetisch einsetzt, der läuft Gefahr, sich selber auf den Leim zu gehen – das heißt: bald selbst nicht mehr zu wissen, was real und was irreal ist. Das geht übers Moralische hinaus. Es nähert sich bedenklich der Schizophrenie.

 

Weil ich ein gewissenhafter Mensch bin, habe ich mich auf das Abenteuer eingelassen, mein erfundenes Tschernopol mit dem in Czernowce tatsächlich weiterexistendieren Czernowitz zu konfrontieren. Ein um so kühneres Unternehmen, als ich ja nicht nur mir selbst, sondern auch meiner mythischen Heimatstadt mehr als ein halbes Jahrhundert Zeit gelassen hatte, sich ins Unvorhergesehene zu entwickeln. Natürlich mußte ich voraussetzen, daß das ukrainische Czernowce, vom Mischmasch aus Volksdeutschen, Rumänen, Polen, Russen, Juden, Ungarn, Slowaken und Armeniern reingefegt, nicht mehr das Czernowitz beziehungsweise Cernăuți sein konnte, das ich 1936 zum letztenmal betreten hatte. Desgleichen, daß das hybride Wachstum, das alle Siedlungen in aller Welt zum Auswuchern gebracht hatte, nicht auch Czernowce befallen haben sollte – dieses Chamäleon unter den Städten, das der Heimatdichter Karl Emil Franzos um 1890 als ein “Huzulendorf mit pseudo-byzantinischen, pseudo-gotischen und pseudo-maurischen Bauten”, wenig später als eine “Schwarzwald-Idylle” und schließlich als “Klein-Wien” beschrieben hatte: daß also mancherlei, was ich in Erinnerung behalten hatte, im Trend des pseudo-amerikanischen und pseudo-russischen Zukunftsgestaltungswillens niedergerissen, von Baggern ausgehoben und unter Tonnen von Eisenbeton verschwunden sein mochte. Solcherlei Entwicklung lief nicht dagegen, daß die Hauptstadt der nicht mehr existierenden ehemaligen Bukowina ein Provinznest der Sowjet-Union geworden war, in dem mir vermutlich an allen Winkeln die Verwahrlosung entgegentreten würde. Nichts von alledem war – zunächst – der Fall.

 

TschernopolIch fand mich vor in meinem Czernowitz, dem rumänischen Cernăuți zwischen zwei mörderischen Kriegen, als wäre ich nie weggewesen, ein Rip van Winkle, der sich den Schlaf aus den Augen reibt, ohne – zunächst! – wahrzunehmen daß es ein Schlaf von einem (für mich allerdings nur halben) Jahrhundert gewesen war. Um mich her stand alles an seinem Platz, genau so, wie ich es vor vierundfünfzig Jahren verlassen hatte. Nichts fehlte – auf den ersten Blick. Nur der zweite offenbarte winzige Veränderungen. Anders war, zum Beispiel, daß überall an beiden Straßenseiten Bäume gepflanzt waren. Sie prangten in jungem Grün, und das rückte die Stadt zusammen, machte die Straßen, Gassen und Gäßchen enger, gleichzeitig freundlicher, gewissermaßen kurorthaft. Es war ein Czernowitz, dem ich Abbitte tun mußte für meine skeptische Erwartung. Nichts war schmierig oder lotterig. Die Häuser waren frisch gestrichen, in einem kaiserlich-österreichischen Dottergelb, das abwechselte mit einem kaiserlich-russischen Erbsengrün. Das Pflaster war reingegefegt – dasselbe von Gummireifen der Fiaker blankpolierten Kopfsteinpflaster und dieselben Steinplatten der Gehsteige, über die meine Kinderschuhe hingetrippelt und die glatten Sohlen meiner ersten Tango-Versuche den Schönen auf dem Corso der Herrengasse nachgeglitten waren; und wohltätigerweise waren die Straßen auch heute noch frei von den blechernen Metastasen geparkter Autos. Der spärliche Verkehr rieselte ohne Stau und Stand und Getöse, beinah geräuschlos ab. So fehlten denn auch einige von damals her vertraute Geräusche. Es fehlte das rüde “Hoop!”, mit dem die jüdischen Fiakerkutscher achtlose Passanten vor ihren Gäulen weggescheucht, und es fehlte das schwirrende Gschilpe der Spatzenschwärme, die überall auf die reichlich niederfallenden, feucht dampfenden Roßäpfel gelauert hatten. Die Fiaker waren verschwunden, und es fehlte auch die elektrische Straßenbahn, deren eigenwillig funktionierende Bremsen der Anlaß zu mancher heillosen Verwirrung im Straßenverkehr gewesen waren. Wendige Trolleybusse schlängelten sich entlang der eingeebneten Schienen, in denen dereinst die vergilbt rot-weiß-roten, schmalfenstrigen, wie große Spielzeugschachteln auf den kleinen Eisenrädern schwankenden Wagen nach tapferer Überwindung des Steilhangs zum Pruth-Tal vor dem Rathaus auf dem Ringplatz aufgetaucht waren und starrsinnig bimmelnd und in den Biegungen kreischend die Stadt bis über den Volksgarten hinaus durchquert hatten. Es fehlte das Gezänk der Dohlen in den Akazien vor der Landesregierung und um die Zwiebeltürme der Metropoliten-Kathedrale und das Rattern der Leiterwagen, auf denen die Bauern aus den umliegenden Dörfern zum Markt gekommen waren, ihr Schnapsgeruch und das klirrende Trappeln ihrer schlecht beschlagenen ruppigen Panjepferdchen. Die Akazien waren auf italienische Weise gestutzt, und die Bauernkarren von den Lastkraftwagen der Kolchosen ersetzt, das machte das Stadtbild adretter und gleich auch ein wenig steril.

 

Ich kam nicht aus dem Staunen. Das war ganz unbzweifelbar, greifbar konkret und wirklich das Cernăuți meiner Kindheit – und war doch wieder nicht das Czernowitz, das ich ein halbes Jahrhundert visionär in mir getragen hatte: die Steppenstadt Tschernopol, der mythische Schauplatz mythenhafter Geschehnisse. Es war das Inbild einer provinziell behäbigen, hellen, sauber gehaltenen und immer noch unverleugbar kakanischen Provinzmetropole, phänotypisch eine ehemalige Landeshauptstadt aus dem östlichsten Bereich der ehemaligen Doppelmonarchie, umflort noch von einem Schimmer deren dereinstiger Glorie. Vernünftig angelegte Straßenzüge präsentierten baukünstlerisch wohlgemeinte, aber anspruchslose Fassaden von Bürgerhäusern aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und dessen Wende ins zwanzigste, und auch stilistische Extravaganzen hielten sich in der Mittelmäßigkeit der Epoche. Die neo-gotischen Türme der katholischen, die pseudo-byzantinischen Kuppeln der orthodoxen, die pseudo-maurischen Zinnen der armenischen Gotteshäuser (einzig der prunkvoll neo-assyrische Tempel der Juden war, wie ich hören sollte, seit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg zerstört) überragten urban die gleichmäßig hohen Dächer, und gleicherweise gemessen überbot die Neo-Renaissance von staatlichen Verwaltungsgebäuden und die Pseudo-Klassizistik der Garnisonskasernen die Übergänge der Gründerzeit-Architektur zum gezähmten Jugendstil. Alles das war eingebettet ins frische Grün der neubepflanzten Alleebäume.

 

TschernopolDas war für mich ein Sturz ins Irreale. Ich durfte meinen Sinnen nicht mehr vertrauen. Die Stadt vor meinen Augen war Stein für Stein dem legendären Czernowitz nachgebaut, so wie ich es in meinem Tschernopol beschrieben hatte. Aber ihr überwältigendes Jetzt-und-Hier war seelenlos. Sie war gewissermaßen aus ihrer Weltzeit herausgenommen. Nicht in der Entwicklung stehen geblieben, sondern sozusagen darüber hinaus zurückdatiert. Dieses gegenwärtige Czernowce war eine Verleugnung des Cernăuți zwischen den beiden Weltkriegen und sogar des altösterreichischen Czernowitz vor dem Ersten. In seinem äußerlich unveränderten Bestand hattes es sich in eine provinziell idylles Belle-Epoque zurückversetzt, ein Gründerzeit-Traum von sich selbst, nur freilich ohne den Geist und das Leben der Epoche. Es war die Theaterdekoration für ein Schauspiel, das nie aufgeführt worden war, ein Widerspruch in sich: ein reingefegtes, gelecktes und gelacktes, keimfreies Tschernopol. Nichts war zu spüren von dessen Dämonie. Unerfindlich, was dem niedlichen Provinzhauptstadt-Modell, als das Czernowce im Jahre 1989 sich darstellte, die Wachheit, die helle Intelligenz, die scharfäugige Beobachtung, die Spottlust, den beißenden Witz von – ja, eben von Czernowitz gegeben haben sollte. Nichts war  hier wahrzunehmen von dem quirlig lebendigen, zynisch unverfrorenen und melancholisch skeptischen Geist, der die Kinder dieser Stadt unverwechselbar als Czernowitzer kenntlich und weltweit berühmt gemacht hatte. Und dennoch war’s eine Realität, die ich nicht wegleugnen konnte, und sie war überzeugender als der Mythos, den ich behauptete.

 

Man hat den Geist von Czernowitz dem nirgendwo anderswo ähnlich anzutreffenden Neben- und Miteinander der Völkerschaften in der Bukowina und dessen gärender Komprimierung in deren Hauptstadt zugeschrieben, der gegenseitigen Befruchtung und Abschleifung, der beständigen Herausforderung dort, der Notwendigkeit, sich anzupassen, rasch aufzufassen, richtig zu reagieren, die vor allem für die Juden eine Lebensbedingung gewesen war. Alles das schien im Jetzt-und-Hier des gegenwärtigen Czernowce hinfällig geworden zu sein. Die ethnische Buntscheckigkeit von ehemals hatte einem durchwegs homogenen Menschenschlag Platz gemacht. Vom unseligen Wechselbalg völkischer Gesinnung, dem fatalen Nationalismus, der doch auch hier, von außen her geschürt, walpurgisnächtliche Urständ gefeiert hatte, waren kaum noch die allegorischen Spuren zu sehen. Verblaßt unter den Wettereinflüssen eines kontrastreichen Klimas, versinnbildlichten an den Fronten des ehemaligen “Deutschen Hauses”, des “Dom Polski” und des ukrainischen “Narodny Dim” die Fresken hehrer Frauengestalten mit entblößten Brüsten und allerlei symbolischen Zubehör wie Schwert, Buch, Leier, Weizengarben, Adlern und erdrosselten Schlangen jugendstilistisch den Geist der jeweiligen Nationalität – jeweils nur eines der Ingredienzien, aus denen der Czernowitz spiritus loci die Grundstimmung einer zynischen Unbekümmertheit um hohe Gesinnungen jeglicher Art zusammengebraut hatte. Ein echter Czernowitzer schaute auch dem Spektakel überschäumender Nationalgefühle mit nicht mehr persönlicher Anteilnahme zu als zu Purim der Maskerade von Gassenbuben.

Aber es war nicht dieser achselzuckende Gleichmut, der zugelassen hatte, daß die Hochburgen chauvinistisch abgebeizter Kleineleutedünkelei so stehen geblieben waren wie man sie vor einem vollen Jahrhundert, in der Blütezeit des völkischen Romantizismus, erbaut und sinnbildträchtig hergerichtet hatte. Neben allen andern, ebenfalls gespensterhaft seelenlos erhaltenen Zeugnissen einer historisch lebhaft bewegten Vergangenheit wirkten sie als einzige vernachlässigt. Ich hatte den Eindruck, sie stünden leer, hinter ihren verschäbigten Fassaden, wie Häuser nach einem rücksichtslos gelöschten Brand, bei dem die Feuerwehr mehr Schaden angerichtet hat als die Flammen. Die Agression, sie sie beherbergt hatten, war igendwann einmal zu heftig aufgelodert, und wer sie ausgerottet hatte, war so rigoros verfahren, daß damit auch alle fruchtbare Gegensätzlichkeit, alle Farbigkeit und Spannung des Neben- und Miteinanders von einem Dutzend Nationalitäten vernichtet war.

 

TschernopolIch versuchte, mir eine Szene aus meinem legendären Tschernopol zu rekonstruieren: Aus der “Casa Poporului” tritt ein Jüngling der rumänischen “Junimea” im ärmellosen, bunt bestickten Schafsfelljäckchen, das grobleinene Hemd über den leinenen Hosenröhren straff blau-gelb-rot gegürtet,den Fichtennadelduft der Waldkarpaten in den Locken und im Blick den Stolz des Daciers, den die Kohorten Trajans zwar zu besiegen, nicht aber zu bezwingen vermocht hatten. Zufällig kommt ein farbentragender Bursch der volksdeutschen “Arminia” vorbei, mit steifem Kragen und flotten Stürmer, das Band quer über der Teutonenbrust. Beim Anblick des Rumänen schnaubt er verächtlich durchs Pflaster über seinem frischen Schmiß – womit unmißverständlich bekundet ist, daß er in dem Rumänen einen “prosten Bauern” und potentiellen Widersacher sieht, obwohl sie beide auf der Universität im selben Hörsaal sitzen. Damit ist der Anlaß zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung gegeben. Aber sie werden voneinander abgelenkt durch den Anblick eines chassidischen Rabbiners in schwarzem Kaftan, bleicher Gelehrtenhaut und langen korkzieherhaft geringelten Schläfenlocken unter der Fuchspelzkappe; und unverzüglich sind sie sich einig, daß ihre Angriffslust in ihm ihr eigentliches Ziel gefunden hat. Vorderhand freilich begnügen sie sich mit Spötteleien, obszönen Gesten und nachgerufenen Schmähworten. Vorderhand –: Wir schreiben erst 1930. Das große Signal ist noch nicht gegeben.Es soll bald erfolgen und seine Folgen zeitigen. Heute, im Czernowce von 1990,ist eine Szene jener Art nicht vorstellbar. Sie spukt nur noch in meinem Hirn, nicht mehr in diesen ordentlich gehaltenen Gassen.

 

Was sich darin vor meinen verwirrt-verwunderten Blicken bewegte, war so durchgehend einheitlich von einem und demselben Schlag, daß gänzlich offensichtlich nichts vorhanden war, was das völkische Eigenwertgefühl hätte provozieren können. Es wanderte zu jeder Tageszeit dahin wie Arbeitervolk, das nach dem Ende der Werkstunden aus Fabriken strömt. Selbst bei gelegentlicher farbiger Ausstaffierung wirkte die Konfektionskleidung im Grundton grau. Auch die Physiognomien waren, wie man so sagt, aus einem Guß: slawisch breitkantig, mit derber Haut und hellem Haar. Es waren Ukrainer – früher nannten wir sie Ruthenen, eine der vielen Minderheiten, wo es gar keine Majorität gab. Im ganzen Bereich der ehemaligen Bukowina hatten sie wenig mehr als ein Drittel der Bevölkerung ausgemacht, in der Stadt Czernowitz zu altösterreichischer Zeit einen viel geringeren Anteil, noch weniger im rumänischen Cernăuți. Jetzt gab es nur noch sie, die Genossen Volksgenossen der Sowjetrepublik Ukraine, die als das ehemalige Klein-Rußland, vermehrt um das ehemalige Galizien und die nördliche Bukowina, mehr als die Hälfte der europäischen Sowjetunion einnimmt.

 

Sie unterscheiden sich auch nicht von anderen Russen. Die Frauen waren fast ausnahmslos plump, die Männer untersetzt und schwammig. Ein Volk der Kohlesser, nicht darbend, nicht unzufrieden, zur Gottergebenheit veranlagt, ernst und sittsam. Sehr sittsam, offenbar. Weiblichkeit drückte sich ostentativ in kleinbürgerlicher Mütterlichkeit aus, allerdings auch in einer fatalen Vorliebe für feuerrot gefärbtes Haar. Nur sehr junge Mädchen gingen in Hosen, Halbwüchsige zeigten in der Haartracht Ansätze zur Elvis-Presley-Imitation. Aber das war eher modisch als weltanschaulich. Alles in allem war das keine Wohlstandswelt, es hatte nichts vom Wahnsinn der Verschwendung und Vergeudung unserer spätabendländischen Konsumparadiese. Nichts wurde einem hier aufgeschwätzt; nichts ärgerte durch seinen schundigen Überfluß. Diese Bescheidung wirkte wohltätig, gleichviel, ob sie unfreiwillig war. Ich fühlte mich verschont von Kaufzwang und Verbrauchsnötigung, und vielleicht bewirkte das den trügerischen Eindruck, die Menschen dieser Welt bewegten sich mit der Würde von absichtlich Verzichtenden. Ich mußte unwillkürlich denken, Adolf Hitler hätte Wohlgefallen an ihnen gefunden.

 

Es war auch nicht, wie’s auf den ersten Blick den Anschein gehabt hatte, eine Welt gänzlich ohne Farben. Vom ehemaligen Austriaplatz kam Militärmusik. Das war dereinst der große Marktplatz der Innenstadt gewesen, dorthin waren die ratternden Bauernkarren montags zum Wochenmarkt gestrebt, wo unter einer Wolke vom Knoblauch, frischgegerbtem Schafsfell, scharfem Käse, Machorka-Tabakrauch und Fusel, Bratöl und Kuhfladendunst Handel mit allem Erdenklichen getrieben wurde, von Ochsenhäuten über Kattunkopftücher zu rostigen Vorhängeschlössern, Fuhrmannspeitschen, gestickten Leinenhemden, Mundharmonikas, bündelweise an den Füßen zusammengebundenen Hühnern, Butter auf Huflattichblättern, Eiern in Körben, aus Autoreifen zusammengeschnittenen Opanken, Taschenmessern, Lammfellmützen und unaufzählbar ähnlich vielfältigem Zeug. Unter dem Blau des freien Himmels hatte das die Buntheit eines Tropfbilds von Pollok gehabt, das Durcheinanderschwärmen eines Ameisenhaufens. Dort hatten Juden um abgetragene Kleidungsstücke geschachert, Armenier Leinenballen, Wollestränge und Wagenladungen Kukuruz aufgekauft, Lipowaner ihr schönes Obst angeboten, Flickschuster ihre Dienste an Ort und Stelle. Huzulenweiber war mit Roscher Schwäbinnen in Streit geraten, Betrunkene in Prügeleien, Blinde, Lahme, Aussätzige hatten gebettelt, Zigeuner gefiedelt, die Kümmelblättchenspieler mit verwirrend geschwind hin und her geworfenen zwei schwarzen und einem roten As den stumpfsinnig gaffenden Hinterweltlern die sauer ergatterten Groschen so gründlich abgeknöpft wie die überall emsig arbeitenden Taschendiebe, immer wieder ängstlich nach den Polizisten ausschielend, die sie verhaften oder zu horrendem Bakschisch erpressen konnten. Es war ein Platz des Lebens gewesen, wimmelnd und gärend, Nabel der Kosmopolis, die Czernowitz in wörtlicherem Sinn gewesen war als manche Weltstadt.

 

Jetzt war der Platz eine auszementierte Aufmarschfläche, weit, leer, peinlich reingefegt. Aber doch nicht gänzlich steingrau. Eine der Schmalseiten, dort, wo der Hang zur Vorstadt Klokuczka abfällt, war von einer riesigen, knallroten Plakatwand eingenommen. Sattes Goldgelb schnitt daraus in streng stilisierter Schablone das Bildnis Lenins und ließ die vier- und fünfstöckigen Häuser an den Längsseiten des Platzes zwergenhaft erscheinen. Einige Dutzend Marschschritte davor saß jetzt an einem langen Tisch eine Handvoll Honoratioren, die Hälfte davon in Uniform. Achselstücke glitzerten reichbestirnt; weibliches Blondhaar wallte filmreif dauergewellt. Wiederum zwei Dutzend Marschschritte davor waren in drei Gruppen Militärkapellen aufmarschiert, jede kommandiert von einem knollenförmigen Major. Jeweils eine nach der anderen produzierte sich in flotten Märschen, heiteren sowohl wie getragenen Musikstücken.

 

Es handelte sich, wie man mir sagte, um einen Wettbewerb der Garnisonskapellen. Der Regimenter waren viele, sämtliche Waffengattungen waren in Paradeuniform vertreten, auch das gab ein buntes Bild, und jede einzelne der Kapellen tat sich nach der Pflichtübung, die mit der Staatshymne der Sowjetunion endete, mit der Kür einer Sondernummer hervor, vom Radetzkymarsch über das Andreas-Hofer-Lied bis zur Ouvertüre des “Freischütz” – russische Volksmusik mit einem Wort. Das dauerte nun schon den ganzen Vormittag, und weil es dazu noch ein Sonntagsvormittag war, hätte ich meinen sollen, daß das Spektakel eine schaulustige Menge anziehen müßte. Aber nur eine spärliche Anzahl von Vorübergehenden ergötzte sich kurz verweilend daran, selbst als am Ende Bataillone in historischem Kostüm auftraten, Soldaten des kaiserlichen Heeres, das über Napoleon gesiegt hatte, und weniger farbig, dafür unheimlicher in erdferkelhaften Tarnanzügen – die Überwinder der Armeen Hitlers. Beschlossen wurde die Vorführung von tanzenden Trachtengruppen. Aber deren folkloristischer Aufputz kam so offensichtlich aus dem Theaterfundus, daß sie hier, wo noch vor wenigen Jahrzehnten Volkstrachten zum alltäglichen Anblick gehört hatten, niemandem ein sonderliches Interesse abzulocken vermochten.

 

TschernopolAuch ich, der Fremde, deutlich als ein solcher an Anzug und Gehabe zu erkennen, erweckte keins. Kein neugieriger Blick streifte mich, kein Zeichen gab mir zu verstehen, daß ich auffällig sein konnte. Es war, als wäre ich durchsichtig oder nicht vorhanden, und das Gefühl, hier zwar zu Hause, aber doch ein halbes Jahrhundert und eine ganze Welt fern zu sein, verstärkte sich zur irrealen Wirklichkeitsdichte des Traumzustands. Ich war da und doch nicht da. Ich träumte bei voller Wachheit – nicht allein diese handgreiflich reale Stadt, sondern mich selbst in ihr. Derart meinem Stand in Raum und Zeit enthoben, machte ich mich auf zum Haus meiner Kindheit. Um es vorwegzunehmen: Von allen Häusern dieser Stadt, an denen kein Stein verrückt zu sein schien, war es als das einzige nicht mehr da.

 

Das Haus einer Kindheit, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegt, ist ohnehin ein luftiges Gebäudes. Es besteht aus Ein- und Ausblicken mehr als aus festen Wänden; aus Teilansichten, Winkeln, Ecken, einzelnen Möbelstücken, Vorder- und Hintergründen – kurz: aus Fragmentarischem, wie im Filmatelier die zusammengestückten Kulissen, für einen Film, der aus der Sicht eines Dreikäsehochs aufgenommen wird. Immerhin wußte – und weiß – ich, daß es ein Stück weit außerhalb des damaligen äußersten Randgebiets der Stadt in einem großen Garten gelegen war, an drei Seiten noch offen zum freien Land. Ich wußte – und weiß – , daß es wie ungezählte neoklassizistische Villen seiner Art eine säulengetragene Vorderfront mit einer schmalen Terrasse und einen tympanonartigen Giebel darüber hatte und an der Rückseite zur Gartentiefe eine glasverkleidete Veranda. Es war zu erreichen gewesen durch eine lange, gartenreiche Straße des Villenviertels, die Gartengasse. Ich fand sie ohne Schwierigkeit. Auch sie war gänzlich – oder jedenfalls zum größten Teil – unverändert. Traumwirklich so, wie ich sie vor vierundfünfzig Jahren verlassen hatte, lief sie durch dieselben zwei Zeilen gutbürgerlicher Einfamilienhäuser, die Karl Emil Franzos zum Vergleich mit Schwarzwaldhäuschen verführt hatten. Einzelne davon grüßten mich vertraut. Andere wieder, an der Straßenseite, die zu meiner Zeit noch halbwegs unbebaut gewesen war, verstörten mich: Ich wußte, daß sie nicht dagewesen waren, konnte es ihnen aber nicht absprechen. Sie wiesen keinerlei stilistisches Merkmal, keinerlei Neuigkeit, geringere Abgewohntheit auf, die sie hätten von ihren Nachbarn unterscheiden können. Nicht historisch Kennzeichnendes war ihnen abzulesen, weder die auch architektonisch nationalbewußte Rumänenherrschaft noch beinah fünfzig Jahre kommunistischer Wohnungsbau-Ideen. Hinter den Fliederbüschen und Königskerzen ihrer Vorgärten und efeuüberklettert bis an die Giebel, Erker, Türmchen ihrer von Franzos besungenen Idyllik sprachen sie der Behauptung hohn, daß sie nicht aus derselben irrealen Weltzeit stammten wie das übrige Czernowce. Ich verlor die Sicherheit, mit der ich meinem Ziel zugestrebt war. Diese Gartengasse war um beinah ein Drittel ihrer dereinstigen Länge länger geworden, eben wie in Träumen ein vertrauter Weg sich endlos hinzieht: und als ich schließlich doch ihr Ende erreichte, stiegen vor mir eng hintereinandergestaffelte Reihen von zehn-, zwölf-, vierzehn- und sechszehnstöckigen Hochhäusern auf und verstellten den Blick, wo er einstmals weit ins freie Land hinausgegangen war.

 

TschernopolIch hätte es erwarten müssen. Es war logisch und konsequent: Mit dem steil abfallenden Hang zum Pruth-Tal, das die Stadt umarmte, war diese die natürliche, die einzige Richtung, in die sie sich hatte entwickeln können – und daß sie sich in vierundfünfzig Jahren entwickelt haben würde, hatte ich ja im voraus angenommen. Sie hatte es ohnehin unter erstaunlicher Schonung des Vorhandenen getan – so konservatorisch, daß es mich in ein Niemandsland der Zeit und einen Zustand zwischen Traum und grellstem Wachsein versetzt hatte. Nicht nur war alles aus meiner Zeit unangetastet geblieben, es war auch noch Vergangenheitsträchtigeres dazugekommen. Daß einzig das Haus meiner Kindheit aussgenommen sein sollte von dieser denkmalschützerischen Pietät, wollte mir nicht einleuchten. In meiner Erinnerung stand fest, daß wir aus den Fenstern de Südostseite die Pappelreihen einer der großen Ausfallstraßen ins Land hinaus, der Siebenbürgenstraße, sehen konnten, weiterhin bis zum luftblauen Horizont: ein Sehnsuchtsweg meiner kindlichen Phantasie. In der Tat, auch jene Straße existierte noch; nur war sie nicht mehr einzusehen. Sie war nicht mehr flankiert von Pappeln, in deren Laub die Vögel ein und ausgeflogen waren, sondern von Wohnblocks und Kaufhäusern, in denen es nur sehr Dürftiges zu kaufen gab. Zwischen ihnen und dem Hochhausgeschwader lag unordentliches, teils unbebautes, teils auf Geratewohl bebautes Gelände, eine Studentensiedlung, ein nun doch rumänisch anmutendes Waisenhaus, eine Blindenanstalt in den Resten ehemaliger Baumbestände, eingestreut darein laubenkoloniale Einfamilienhäuschen. Dort dazwischen, daneben oder dahinter mußte das Haus gelegen sein. Aber es war nicht mehr dort. Es war spurlos verschwunden. Es half nichts, danach zu fragen. So entgegenkommend jedermann auch war, niemand wußte etwas davon, war entweder zu jung, zu spät hierhergesiedelt oder konnte sich nicht so weit zurückentsinnen. Je intensiver ich suchte, um so hoffnungsloser verlor ich mich im Unbekannten. Nach zwei Tagen ergebnisloser Suche war das Haus meiner Kindheit ein Gespenst, das allein in meinem Schädel spukte.

 

Um zu überprüfen, ob ich nicht das Opfer schizophrener Einbildungen sei, setzte ich noch einmal mit der Suche – nun nach mir selber – an, diesmal im Stadtkern. Meine Mutter hatte dort, nach der Trennung von meinem Vater, durch zwei Jahrzehnte ein Haus bewohnt, das gleichfalls in einem großen Garten gelegen war, einzig in seiner Art als Überbleibsel der kleinstädtischen, noch recht ländlichen Vergangenheit von Czernowitz. Es war um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erbaut worden und verschont geblieben von der stürmischen Entwicklung der Stadt in den Gründerjahren. Dieses Haus war noch vorhanden. Es stand immer noch in seiner Lücke zwischen links und rechts und gegenüber liegenden respektablen Mietshäusern, und leider lag, was dereinst Garten gewesen war, unter einer Decke von Zement. Überdies schien mir das Haus unglaubwürdig gegen die Straße gerückt zu sein. Anstelle seines Schindeldachs war’s mit rostigem Blech bedeckt, und seine ehemals von Jasmin umwachsenen Wände waren nackt und kaffeebraun gestrichen. Auch fehlte die Veranda, die ich freundlich in Erinnerung behalten hatte. Aber das allein war’s nicht, was mich verstörte. Auch hier war einiges darum her gewachsen, was meinerzeit nicht dagewesen war, allerlei kleinstädtische und augenfällig von kleinen Leuten gemütlich bewohnte Häuschen, auch eine inzwischen verfallene Fabrikhalle in gelbem Klinkerziegel und eine Flucht von Wohnhöhlen bis in den tiefsten Hintergrund des ehemaligen Gartens. Und nichts, aber auch gar nichts wies darauf hin, daß das alles nicht schon immer darum her gestanden war. Es war von gleicher Bauart, schien aus derselben kleinstädtischen Vorzeit der Stadt zu stammen, war gleicherweise schäbig abgewohnt.

 

TschernopolIch glaubte, mein letztes Restchen Verstand zu verlieren. Wenn schon seit meiner Zeit hier etwas gebaut worden war, dann doch nicht diese Periökensiedlung. Schon in der Zwanzigerjahren war das Grundstück, wenige hundert Schritte vom Ringplatz gelegen, ein schieres Lustobjekt für Bauvorhaben gewesen, denen meine Mutter heroisch widerstanden hatte.

 

Seit der Aussiedlung meiner Mutter, 1940, war es herrenlos. Hier hätte ein imposanter Wohnblock hingestellt werden können. Was hatte das verhindert? Doch nicht denkmalschützerische Pietät für diese Krattlerhütten hier, die das Stadtbild verschandelten. Ich konnte schwöre, daß sie 1936 noch nicht dagestanden waren. Aber allen Augenschein sprach gegen meinen Eid. Auch hier vermochte ich nichts anderen, als etwas Unglaubwürdiges zu behaupten.

 

Zu meiner Rettung kam ein Engel in Gestalt einer der Bewohnerinnen. Nein, nein, sie waren tatsächlich nicht dagewesen, diese Nebenhäuser, nur das ganz alte in der Mitte stammte von früher, alles andere darum her war in den Fünfzigern dazugekommen, eine ärmliche Zeit, in der man nicht an große Bauten denken konnte. Nein, auch die abscheuliche Fabrikanlage war erst damals Hals über Kopf errichtet worden, und ja, gewiß war einmal auch eine Veranda am Haus gewesen, und dort, wo jetzt die Reihenwohnungen lagen, waren die ehemaligen Stallungen gelegen, die Böden ware dort immer noch feucht. Jawohl, da drüben waren große Kirschbäume gestanden – und ob ich nichts ins Haus kommen wollte, um zu sehen, daß die Räumlichkeiten die gleichen geblieben waren, es wohnten jetzt allerdings drei Familien darin.

 

Tschernopol Stein, der mir vom Herzen fiel, sank schwer in mein Gemüt. Es war also doch nicht alles schiere Phantasmagorie, die pure Einbildung, was ich von meiner Frühzeit in Erinnerung behalten hatte – das zu wissen tat wohl. Allerdings zahlte ich meinen Preis dafür. Niemals wieder würde ich ans Haus meiner Mutter denken können, ohne daß sich nicht darüber die häßliche Realität seines gegenwärtigen Zustands schob. Das eigentliche Haus meiner Kindheit war davon verschont geblieben, dafür aber nun gänzlich irreal geworden, umwittert von einer Sagenhaftigkeit, die mich fürchten ließ, ich selbst könnte niemals mehr recht an seine Wirklichkeit glauben. Wohlan! Im Bereich der Unglaubwürdigen, im Fabelreich phantastischer Einbilderungen war mein Tschernopol gelegen, das irreale Bild der Realität von Czernowitz. Die Realität,  die ich in Czernowcze angetroffen hatte, drohte mir auch die zu zerstören. Ich mußte sie schleunigst wieder verlassen. Man soll die Suche nach der verlorenen Zeit nicht im Geist des nostalgischen Tourismus unternehmen.

 

 

 





 

Grüße aus der Bukowina - Erinnerungen an eine Welt von Gestern 

ZDF Dokumentation, 1995, Videoabschnitt: ab 7,22 ein Interview mit Gregor von Rezorri

 

 

DOROTHY SINGER

Jahrelang begannen meine Wien Besuche in der Bräunergasse mit einem Besuch in der Buchhandlung des Jüdischen Museums bei Dorothy Singer in der Dorotheergasse, danach Einkehr im Bräunerhof. 2017 wurde der Vertrag mit Frau Singer nicht verlängert, sie musste sich eine neue Bleibe für ihre Buchhandlung suchen und fand diese am Rabensteig 3, Wien erster Bezirk - Innenstadt. Im Mai 2019 trete ich ein, Frau Singer ist anwesend, telefoniert. Sie erzählt von der Gewerbeordnung der Stadt Wien, den Schließungszeiten, die für einen Kaffeehausbetrieb anders sind als jene für eine Buchhandlung und wieder anders für eine Galerie oder einem Servicebetrieb für den Tourismus. 

Drei Bilder von Eva Beresin ziehen mich in den Bann.  Alle drei Bilder eine Reminiszenz an Stefan Zweig, wobei mich das links abgelichtete Bild auf andere Gedankenwege brachte und auch bei anderen Besucherinnen und Besucher irrten die Gedanken in eine andere Richtung, wie Frau Singer bestätigt.

Telefonisch eine Anfrage, ob die Räumlichkeiten zu mieten sind. Ja die Räumlichkeiten können für Lesungen, Konzerte gebucht werden. Es gibt Informationsmaterial über das Jüdische Wien, geführte Touren, Veranstaltungen. Frau Singer hofft, dass die neue Adresse den Interessenten so geläufig wird wie die ehemalige. In mir haftet schon inwendig die "am Rabensteig", auch deshalb weil ich Raben mag und ich lieber im Gegenwärtigen verweile als im Vergangenen.

Ich schaue mich bei den Büchern um, wende mich dem letzten Buch zu, das in deutscher Sprache von Aharon Appelfeld erschienen ist "Meine Eltern" — mit Appelfeld und Czernowitz fühle ich mich verbunden. In Czernowitz findet im September 2019 zum zehnten Mal das Lyrikfestifal Meridian Czernowitz statt.

In Frau Singers Buchhandlung, Café, Galerie entfaltet sich der Blick nach vorne. Der integrierte "Info Point Jewish Vienna" bietet Informationen über das jüdische Wien und aktuelle Veranstaltungen. Die Balance zwischen gestern und morgen schafft das Gegenwärtige, darin verweile ich vertieft in einem Buch bei einer Schale Kaffee und das laute touristisch-geschäftige Wien-Getriebe bleibt draußen. 

 

10. Mai 2019, Milena Findeis

 

Aktuelle Veranstaltungen werden auf Facebook Book Shop Singer gepostet

Dorothy Singer
Café Book Shop Singer e.U.
Rabensteig 3, A - 1010 Wien
Telefon: +43 1 512 45 10
office @ singer-bookshop.com


Singers Book-Shop ist zurück

Dorothy Singer hat wieder, diesmal beim Stadttempel, eine jüdische Buchhandlung eröffnet. Die soll auch als Café und Infopoint fungieren. Die Presse, Doris Kraus 10.12.2018 


Aus dem Jüdischen Museum Wien musste Dorothy Singer ausziehen. Am Rabensteig (Ecke Seitenstettengasse) im ersten Wiener Bezirk hat die Buchhändlerin jetzt den Book Shop Singer (inklusive Café) eröffnet. Bis 1938 gab es hier bereits eine jüdische Buchhandlung. Video: Christa Zöchling, Philip Dulle - profil 21.12.2018


Café Singer Czernowitz

PS: Der Grund warum ich "Singer" mit Czernowitz verortne?
... das Café Singer in der Herrengasse.
Milena Findeis 

 

 


Peter Rychlo

Entwurzeltes Wort

Entwurzeltes Wort

Mnemosyne Heft 19 (September 1995), CZERNOWITZ, Gesellschaft für Erinnerung, Klagenfurt herausgegeben von Armin A. Wallas, Andrea M. Lauritsch

Versunkene Dichtung der Bukwina. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik. Herausgegeben von AMY COLIN und ALFRED KITTNER. München: Wilhelm Fink Verlag 1994, 422 Seiten.

Bereits der Titel dieses von der amerikanischen Germanistin Amy Colin und dem verstorbenen Bukowiner Dichter Alfred Kittner herausgebrachten umfangreichen Bandes weist auf zwei grundlegende Umstände hin, die dieses einzigartige historische und literarische Phänomen charakterisieren: erstens, dass diese lyrische Produktion deutschsprachig war, und zweitens, dass sie seit einer gewissen Zeit als versunken gilt. Beide Determinanten haben letzten Endes einen gemeinsamen Nenner und hängen damit zusammen, dass die Bukowina von 1774 bis 1918 zur Donaumonarchie gehörte, und ihre Literatur als Bestandteil des österreichischen Literaturprozesses betrachtet werden kann. Mit dem Ende des Kaiserreiches - unter dem Doppeladler - sollte aber auch das Bukowiner deutschsprachige Schrifttum versiegen. Das letztere widerstrebt der genauen geschichtlichen Datierung, da die Blüte der deutschsprachigen Dichtung der Bukowina paradoxerweise in die Jahre nach 1918 fällt, als sie schon unter rumänischer Verwaltung stand. Seit 1945 war dieses Land "der Geschichtslosigkeit anheimgefallen" (Paul Celan), da es im "realen Sozialismus" — egal ob sowjetischer oder rumänischer Prägung — als vernachlässigtes Grenzgebiet jahrzehntelang eine elende Existenz fristen musste. Auch heute bleibt es gespalten: der Norden der Bukowina ist ukrainisch, der Süden rumänisch.

Vor diesem Hintergrund ist die Bukowina — wie sie sich in den Nachkriegsjahren im westlichen Bewusstsein etablierte — kaum ein geographischer, eher schon ein politisch-historischer (als "retrospektives Modell des Vielvölkerlandes mit friedlicher Koexistenz", als "Chiffre für ein vereintes Europa"), religiöser (Czernowitz als "Hochburg des Chassidismus", als "Vatikan des Ostens", als "Jerusalem am Pruth"), vor allem aber ein literarischer Begriff, gekennzeichnet durch Namen wie Karl Emil Franzos, Rose Ausländer, Paul Celan, Gregor von Rezzori und vieler anderer im binnendeutschen Raum wenig bekannter Autoren. Bernd Kolf hat in seinem Essay in Akzente (1982) eine treffende Formel für das Charakteristikum dieses Landstriches gefunden: "Bukowina als geistige Lebensform" (S.337). Das bezog sich insbesondere auf Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina. Wie sich diese "Lebensform" in Wirklichkeit realisierte, erfährt man aus Rose Ausländers Erinnerungen an eine Stadt: "Man las viel, nicht nur Zeitungen, Zeitschriften, Sekundärliteratur und Unterhaltungslektüre, sondern gute, beste Literatur. Man diskutierte mit Feuereifer, musizierte und sang. Das Stadttheater war immer gut besucht, bei Gastspielen ausverkauft. Ein beträchtlicher Teil der Jugend, geistig aufgeschlossen, war von unersättlicher Wissbegier. Das zentrale Interesse vieler Intellektuellen galt nicht dem ehrgeizigen Planen einer einträglichen Karriere, nicht einem technisch höheren Lebensstand, es ging ihnen vielmehr um erkenntnisreiche Einsichten, sei es auf Wegen der Wissenschaft, Philosophie, Politik oder durch das Erlebnis von Mystik, Kunst, Dichtung und Musik [...]. Czernowitz war eine Stadt von Schwärmern und Anhängern. Es ging ihnen, mit Schopenhauers Worten, 'um das Interesse des Denkens, nicht um das Denken des Interesses' [...]. Hier gab es: Schopenhauerianer, Nietzscheanbeter, Spinozisten, Kantianer, Marxisten, Freudianer. Man schwärmte für Hölderlin, Rilke, Stefan George, Trakl, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Hesse, Gottfried Benn, Bertolt Brecht [...]. In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu >gezwungen<, sich mit philosophischen, politischen, literarischen und Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen". (ROSE AUSLÄNDER: Materialien zu Leben und Werk. Hrsg. von H. Braun. Frankfurt am Main 1991, S. 8-10)

Mißt man also die erschienene Anthologie an solch einem Maßstab, so erwartete man von ihr eine geistige Raffinesse und einen ästhetischen Genuß von höchster künstlerischer Prägnanz. Befriedigt sie nun diese Erwartungen? Die Idee einer beliebigen Anthologie besteht darin, charakterische Beispiele einer literarischen Entwicklungsperiode oder einer bestimmten geographischen Region, typische Exempel von nationalen oder sprachlichen Eigenschaften, Formen, poetischen Gattungen usw. zu sammeln, was auch der Etymologie dieser griechischen Bezeichnung entspricht (Anthologie: Blumen-, Blütenlese). Wenn aber in den meisten Fällen eine Anthologie vorwiegend die Schnittfunktion erfüllt, d.h. eine Vorstellung von den Meisterleistungen auf einem bestimmten Gebiet der literarischen Szene wiedergibt, so bekommt eine Anthologie der relativ leicht übersehbaren Dichtung der Bukowina noch eine zusätzliche Funktion, die hier beinahe die wichtigste ist: sie soll diese Lyrik für die Nachkommenden aufbewahren, sie dem Vergessen entreißen. Angesichts des Zustandes, dass diese Dichtung für ihre Entfaltung nur über wenige Möglichkeiten verfügte, da sie weder ein entwickeltes Verlagswesen noch eine breitere Leserschaft hatte, bleibt das anthologische Prinzip beinahe >ontologisch< — als einzige Chance, dass die in Manuskripten oder in verschiedenen Tageszeitungen verstreuten Gedichte ihre Schöpfungszeit überleben. Das erklärt auch den ständigen Hang der Bukowiner Dichtung zur Anthologisierung, und so ist auch die vorliegende Sammlung bei weitem nicht der einzige Versuch solcher Art.

 >Habent sua fata libelli< — pflegten die alten Römer zu sagen, und das trifft auf das rezensierte Buch ganz und gar zu. Schon 1864 erschien in Czernowitz die erste Kostprobe deutscher Lyrik unter dem Titel Buchenblätter: Dichtungen aus der Bukowina, herausgegeben von Wilhelm Capilleri, einem Schauspieler und Dichter aus Salzburg, der einige Jahre in der Bukowina wirkte. Sie enthielt 118 Gedichte von 15 Dichtern. Ihr schlossen sich dann weitere Folgen von Buchenblättern an, gedacht als Jahrbücher für deutsche Literaturbestrebungen in der Bukowina (1870, 1871, 1932), deren Inspiratoren Karl Emil Franzos, Johann Georg Obrist, Alfred Klug und Franz Lang waren. Zwar trugen diese Ausgaben den Stempel eines unüberbrückbaren Provinzialismus und konnten nur mit einem lokalen Erfolg rechnen. Der binnendeutsche Leser konnte von dieser Landschaft erst nach dem Erscheinen des von Erich Singer im Leipziger Xenien Verlag herausgebrachten schmalen Bändchens Bukowiner Musenalmanach (1913) ein wenig Notiz nehmen, obwohl seine Bedeutung als Anthologie ziemlich gering war, da es nur fünf Autoren enthielt.

Profundere anthologische Projekte entstanden erst in der Zwischenkriegszeit seit der Mitte der dreißiger Jahre und können als Vorstufen zu dem vorliegenden Band betrachtet werden. Gemeint sind die Bemühungen des unermüdlichen geistigen Anregers und Förderers des Bukowiner Schrifttums Alfred Margul-Sperber und seines Freundes Alfred Kittner. Ihnen ist die Idee einer großangelegten Anthologie deutschsprachiger jüdischer Dichtung aus der Bukowina zu verdanken, die den Titel Die Buche tragen sollte. Der Versuch, solch eine Anthologie 1937/38 im Schocken Verlag Berlin herauszugeben, scheiterte, da in Deutschland die Nationalsozialisten an der Macht waren. Die Herausgeber versuchten es weiter, es entstanden noch zwei weitere Fassungen der Buche-Gedichtsammlung, die letzte offensichtlich bereits in Bukarest nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Buch erblickte aber nicht das Licht der Welt, trotz der beispiellosen Beharrlichkeit beider Enthusiasten. — Hingegen erschien 1939 im Stuttgarter Eugen Wahl Verlag das von Alfred Klug herausgegebene >völkische< Bukowiner Deutsche Dichterbuch, in dem bereits kein jüdischer Autor vertreten war, obwohl der Band etwa 300 Seiten zählte.

Alfred Margul-Sperber war es nicht mehr beschieden, seine Idee auszuführen. Alfred Kittner, der nach dem Tode Sperbers die wichtigste Integrationsfigur der Bukowiner Dichtung blieb, veröffentlichte 1971 in der deutschsprachigen Bukarester Zeitschrift Neue Literatur (Nr. 11/12) eine größere Auswahl der Bukowiner Lyrik unter dem Titel Verhallter Stimmen Chor. Gedichte aus der Bukowina, worin er 37 Dichter aufnahm (die meisten sind nur mit einem oder zwei Gedichten vertreten). Mit dem großen Anthologieprojekt musste er auf günstigere Zeiten warten. Inzwischen erschien 1991 in der Reihe "Insel-Bücherei" ein schön ausgestatteter Band mit dem Titel Fäden ins Nichts gespannt. Deutschsprachige Dichtung aus der Bukowina, herausgegeben vom Leipziger Germanisten Klaus Werner (siehe dazu: Mnemosyne, 1992, H. 12, S. 47-49). Der Herausgeber stellt 22 Dichter aus der Blütezeit der Bukowiner Lyrik vor, die zumindest einen veröffentlichten Gedichtband (in vielen Fällen doch aber mehrere) nachweisen konnten. Dieses Kriterium ist zwar nicht einwandfrei, weil nicht unbedingt die Publikation der Gedichte ihren künstlerischen Wert bestimmt. Zum erstenmal aber seit 1939 hat man hier die deutschsprachige Lyrik der Bukowina im gesamtdeutschen Raum zugänglich gemacht. Man kann vermuten, dass das Erscheinen dieses Buches dem Dichter Alfred Kittner wiederum Zuversicht und neue Impulse gab, um sein lang ausgetragenes Anthologieprojekt schließlich zu verwirklichen. Leider konnte er sich desselben nicht mehr erfreuen: der Anthologieband erschien posthum und wurde von Amy Colin redigiert, eingeleitet und mit einem aufschlussreichen Apparat versehen.

Die Versunkene Dichtung der Bukowina. Eine Anthologie deutschsprachiger Lyrik ist in vieler Hinsicht eine besondere Leistung. Sie ist die umfangreichste Auswahl deutscher Dichtung des Buchenlandes von ihrer Entstehungszeit bis 1990. Der Band umfasst über 400 Gedichte von 78 Autoren. Das Werk war nicht die Sache einiger Monate oder Jahre — mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte diese zeitraubende, Anstrengung und Geduld fordernde Anhäufungs- und Sortierungsarbeit, die Alfred Kittner als Andenken an Margul-Sperber und als seine eigene Pflicht verstand. Tausende von Gedichten wurden im Laufe dieser Zeit durchsiebt, in aller Welt verstreute Texte sorgsam gesammelt und klassifiziert. Nicht nur Dichter vom Format eines Isaac Schreyer, Heinrich Schaffer, Viktor Wittner, Alfred Margul-Sperber, Georg Drozdowski, Rose Ausländer Alfred Kittner, Alfred Gong, Immanuel Weißglas oder Paul Celan, deren Gedichte weit bekannt sind, kommen in diesem Buch zu Wort, sondern viele Dichternamen, die kaum je ins Blickfeld der Bukowina-Forschung gelangten, wie z.B. Verse von Moritz Paschkis, Eleazar Ladier, Adalbert Paul, Josefine Kanel, Gerty Rath, Louis Hafner u.a.

Noch breitere quantitative Horizonte legt der von Amy Colin zusammengestellte biographisch-bibliographische Teil dieser Gedichtsammlung, in dem über 100 Lebensläufe der Bukowiner Dichtung samt ausführlichen Werkbibliographien, Sekundärliteratur und Gedichtnachweisen enthalten sind. Eigentlich kann dieser Teil als kleines Dichterlexikon der Bukowiner Literatur für alle Interessierte dienen. Solch ausführliche Quellenangaben sind sonst nirgends mehr zu finden, abgesehen von den bibliographischen Arbeiten Erich Becks (Bibliographie zur Landeskunde der Bukowina. München 1966, und Bibliographie zur Kultur und Landeskunde der Bukowina. Dortmund 1985). Auch der chronologische Bogen dieser Anthologie ist weit gespannt. Das Buch wird von dem ersten in der Bukowina auf Deutsch geschriebenen Dichterzeugnis, einem Kirchenlied des pfälzischen Pfarrers Stefan Daniel Wilhelm Hubel eröffnet, der 1791 vor den Kriegswirren in den deutschen Landen in die Bukowina flüchtete. Das Kirchenlied ist mit Im kriegerischen Klageton betitelt und wurde am 11. Oktober 1792 bei der Einweihung der neugebauten evangelischen Kirche gesungen. Für die deutschsprachige Literatur der Bukowina ist es der Anfang aller Anfänge, so ungefähr wie die Meresburger Zaubersprüche oder das Wessobrunner Gebet für die gesamtdeutsche Literatur. Einer der letzten Texte der Anthologie, das Gedicht des in Jerusalem lebenden Manfred Winkler Mitten im hymnisch-roten Gebet stammt aus dem Jahre 1990. Also rund zwei Jahrhunderte Bukowiner deutschsprachige Dichtung umfasst die vorliegende Anthologie, und man verfolgt auch in der historisch aufgebauten Architektonik des Bandes die wichtigsten geschichtlichen Tendenzen der Zeit: von den romantischen Landschafts-, Liebes- und Heimwehgedichten in klassischer Strophenform zu den modernistischen Gefügen in freien Rhythmen mit den elliptischen, suggestiven Bildstrukturen. Für ein winziges Land, in dem mehrere nationale literarische Bewegungen und Strömungen zuhause waren, und in dem auch Deutsch nicht immer die dominierende Stellung einnahm, war diese Ununterbrochenheit der Entwicklung nicht leicht zu erreichen. Beim Aussieben der Texte scheinen die Herausgeber den Brief von Rose Ausländer an Alfred Margul-Sperber aus dem Jahre 1932 vor ihren Augen gehabt zu haben, in dem die damals noch junge Dichterin, auf eines der früheren Anthologieprojekte eingehend, schrieb: "Aber mit dieser Anthologie wird mehr geplant, sie soll eine ganz andere literarische Physiognomie haben - alles Durchschnittliche und Kitschige soll möglichst ausgeschaltet werden, nur Sachen von echtem dichterischen Wert sollen Eingang finden." (zit. nach In der Sprache der Mörder. Eine Literatur aus Czernowitz, Bukowina. Ausstellungsbuch. Hrsg. von Ernest Wichner und Herbert Wiesner, Berlin 1993, S. 186).

Dass die >Physiognomie< der vorliegenden Ausgabe unverwechselbar ist, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass hier zum erstenmal die ganze multinationale Bukowina zu Worte kommt — nicht nur Deutsche und deutschsprachige Juden, sondern auch der Ukrainer Jurij Osyp Fedkowicz, die Rumänen Janko und Theodor Lupul oder Ionel Kalinczuk. Eben darin zeigt sich der echte Geist der Bukowina, und in diesem Sinne sprach im Bukowiner Landtag der erste Rektor der Czernowitzer Universität, Dr. Constantin Tomasczuk, als er betonte: >Wehe der Nation, die sich fürchten musste vor dem Einfluss fremder Kultur. Diese hat sich selbst das Todesurteil gesprochen<. Diese Worte könnten als Wappenschild über der kulturellen Bühne der Bukowina von jeher hängen. Darum nimmt es uns nicht wunder, wenn wir im brilliant geschriebenen Nachwort Alfred Kittners lesen, dass in dem Elternhause eines seiner Jugendfreunde vier Gipsköpfe der Nationaldichter der vier wichtigsten die Bukowina bewohnenden Volksgruppen >thronten<: des Deutschen Friedrich Schiller, des Ukrainers Taras Schewtschenko, des Polen Adam Mickiewicz und des Rumänen Mihai Eminescu.

Natürlich stößt man auch in der vorliegenden Anthologie auf stärkere und schwächere Texte — in einer Sammlung von solch einem Umfang ist dies fast unvermeidlich — keiner davon steht aber unter dem Niveau der ästhetischen Kritik, obwohl sehr viele Gedichte auf Manuskripten und Typoskripten fußen und Erstdrucke sind. Manchen Leser wird es wundern, dass einer der 'bodenständigsten' Vertreter dieser Dichtung, der letzte seiner Generation, Moses Rosenkranz, merkwürdigerweise 'herausgefallen' ist. Dass es nicht die Schuld der Herausgeber ist, zeigt das "Verzeichnis der Dichter und Gedichte" (S. 32), woraus ersichtlich ist, dass Rosenkranz mit 21 Gedichten vertreten sein sollte, aus irgendeinem Grund wurden aber diese Gedichte in die Anthologie nicht aufgenommen, wahrscheinlich entzog der Dichter im letzten Moment seine Autorenrechte. Zweifelsohne ist das ein spürbarer Nachteil der Anthologie. Anstatt der Gedichte von Moses Rosenkranz finden wir Verse von Norbert Feuerstein, Jakob Schulsinger und Erwin Chargaff, die die Qualität dieser Sammlung nicht verringern.

Die Auswahl der Gedichte, die hauptsächlich von Alfred Kittner getroffen wurde, ging nicht nur von der Bedeutung der Dichter im Bukowiner literarischen Prozess aus, sondern auch davon, ich welchem Maße dieser oder jener Lyriker mit seinem Werk schon vorher dem Lesepublikum vorgestellt wurde. Daher sind manche Dichter, die bereits in früheren Anthologien figurierten, weniger berücksichtigt als jene, deren Gedichte erst in dieser Ausgabe repräsentiert sind. Das bezieht sich z.B. auf Silvius Hermann, Lotte Jaslowitz, Johann Kaufmann, Alfred Klug, Josef Kunz, Tina Marbach, Gustav Adolf Nadler, Johann Georg Obrist, Friedrich Sauerquell u.a., über die wir zwar bio-bibliographische Angaben finden, aber keine Gedichte von ihnen lesen können. Einerseits scheint solch ein Verfahren berechtigt zu sein, andererseits aber bleibt ein recht großer Teil der in der Bukowina entstandenen Dichtung außerhalb der Anthologie.

Leider ist auch der wissenschaftliche Apparat, insbesondere in seinem bio-bibliographischen Teil, trotz aller Bemühungen Amy Colins, sich nur auf >mehrfach überprüfte Informationen< zu stützen, nicht einwandfrei. Da sind manche Fehler faktischer Art sowie Verballhornungen einzelner Namen und Begriffe unterlaufen. So irrt sich z.B. die Verfasserin, wenn sie im Zusammenhang mit Klara Blum Lion Feuchtwanger und Brecht als Herausgeber der in Moskau erschienenen antifaschistischen Zeitschrift Internationale Literatur nennt, da diese Zeitschrift unter der Leitung von Johannes R. Becher stand. Was die Zeitschrift Das Wort betrifft, so müsste hier zu den beiden vorhin genannten noch der Name Willi Bredels hinzugefügt werden. Es gibt noch immer keinen Gedichtband von Klara Blum in russischer Übersetzung, die Rede kann hier nur von einzelnen Gedichten aus dem in Moskau 1955 in russischer Sprache herausgebrachten Buch Deutsche demokratische Dichtung 1914-1954 sein (S.352). Der Band von Johanna Brucker ... schaut dir ein Geheimnis Gottes entgegen ist keine Prosa, sondern Lyrik (S. 353) und Georg Drozdowskis Buch Odyssee XXX. Gesang dagegen keine Lyrik, sondern ein Hörspiel (S. 359). Der deutsche Maler und Schriftsteller, ein Freund des jungen Jurij Osyp Fedkowicz, hieß nicht Rotkegel, sondern Rudolf Rotkähl (S. 361). Fedkowicz selbst war nie Leiter des ukrainischen Theaters in Lemberg, als Schulinspektor gab er keine Grammatik der ukrainischen Sprache, sondern eine Fibel und ein Lesebuch für ukrainische Kinder heraus. Sein Theaterstück ist nicht Jurko Dowbusch, sondern Dowbusch, oder Donneraxt und Kurpfuscherkreuz betitelt (gemeint ist der berühmte huzulische Räuberhauptmann des 18. Jahrhunderts Olexa Dowbusch). Die Versdichtung Alexander Dobosch von Ludwig Adolf Simigionwicz-Staufe, die dieselbe historische Persönlichkeit aufgreift, verarbeitet nicht Motive aus rumänischen, sondern aus ruthenischen (ukrainischen) Volkssagen (S. 399). Seine erste Gedichtsammlung war Die Hymnen (1850) und nicht Heimatgrüße aus Niederösterreich (1856), wie es auf S. 399 behauptet wird, und in der Tradition der 'Neuen Sachlichkeit' steht neben Erich Kästner natürlich nicht Franz, sondern Walter Mehring (S. 400). Große Verwirrung herrscht manchmal auch in der Datierung der Entstehungs- und Erscheinungsjahre vieler Werke, wobei es kein einheitliches System gibt. Auch auch einfache Druckfehler entstellen zuweilen den Sinn bis zur Unkenntlichkeit, was zu logischen Verdrehungen führen kann (z.B. beim Titel des Gedichtbandes von Ernst Rudolf Neubauer — Schiff und Weide anstatt Schilf und Weide, S. 391).

Auf keinen Fall verfolgen diese kritischen Bemerkungen den Zweck, den Wert dieser langerwarteten Ausgabe zu verringern, da es jedem, der ein wenig Einblick in die Geschichte der Bukowiner Literatur gewinnen konnte, klar ist, welch enorme und fachkundige Arbeit der Herausgeber dahintersteckt, so dass jeder echte Literaturfreund für diese beispiellose Sammlung zutiefst dankbar sein soll. Die oben angeführten Einwände, die sich nicht auf das allgemeine Konzept des Buches, sondern auf einzelne Versehen beziehen, mögen bei einer zweiten Auflage des Bandes berücksichtigt werden.

Vom heutigen Standpunkt aus ist die deutschsprachige Literatur der Bukowina historisch ein völlig abgeschlossenes Kapitel, wie z.B. die Literatur des alten Griechenlands oder Roms. Man dichtet jetzt in Czernowitz auf ukrainisch, auf russisch, auf rumänisch, sogar Jiddisch hat in der Gestalt seines letzten Statthalters, Josef Burg, ein Stück geistigen Bodens untern den Füßen behalten. Deutsch wird in der Bukowina, abgesehen von ein paar alten Czernowitzern, nicht mehr gesprochen, geschweige denn geschrieben, weil fast alle Bukowiner Deutschen noch 1940 nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt >heim ins Reich< zwangsweise übersiedelt, und die deutschsprachigen Juden, auf deren intellektuelles Potential sich diese Literatur hauptsächlich stütze, im Holocaust vernichtet worden waren. Die Überlebenden wanderten dann nach 1945 aus, so dass ihre Wohnsitze von Bukarest bis New York und von Düsseldorf bis nach Jerusalem reichen, aber auch die meisten von ihnen sind nicht mehr am Leben. Wir, die wir heute dieses merkwürdige Buch zur Hand nehmen und >verhallter Stimmen Chor< wieder lauschen, müssen diese traurige Tatsache stets im Auge behalten, denn erst im Bewusstsein des unvergänglichen Verlustes kann man diese von ständiger Bedrohung überschattete, vom dunklen, wehmütigen, östlich gefärbten Tonfall durchdrungene Lyrik lesen, deren Dichter von sich mit den Versen Rose Ausländers sagen könnten:

Das Erbe

Wo in der österreichlosen Zeit
wächst mein Wort
in die Wurzeln

Ans Buchenland
denk ich
        entwurzeltes Wort
        verschollene Vögel

"Verschollene Vögel" kehren noch manchmal zu ihren alten Nestern zurück. Ein entwurzeltes Wort wird nie mehr Keime schlagen.

 

 

Czernowitz Buch

Erinnerungen eines Ertrunkenen

Auf der Buch Wien wurde am 11. November 2017 von Meridian Czernowitz das Buch "Erinnerungen eines Ertrunkenen" vom Autor Igor Pomerantsev vorgestellt. "In meiner Schulzeit beneidete ich die Schulkinder aus Schule 23, weil sie vom Dach ihrer Schule aus, einen örtlichen Gefängnishof sehen konnten. Der italienische Kriminologe und Arzt Cesare Lombroso prägte den Begriff "Gefängnispalimpsest": Gefangene kritzeln Schwüre, Bitten, letzte Wünsche auf die Wände der Zellen. Im Gefängnis von Czernowitz wurden diese auf Deutsch, Rumänisch, Jiddisch, Ukrainisch und Russisch an die Wände gekritzelt. Dieses Palimpsest spiegelt das Muster der Toleranz in Czernowitz."

Findeis Pomerantsev

Das Buch ist eine Sammlung von Erzählungen und Essays, die direkt und indirekt mit Pomerantsevs Jugendjahren (1953 bis 1971) in Czernowitz verbunden sind. In lyrisch dichten Assoziationen wird das Leben eines Heranwachsenden im geschichtsträchtigen Czernowitz geschildert. 

Es legt dem Außenstehenden, speziell aus dem deutschsprachigen Raum, Zeugnis davon ab, dass trotz Holocaust und dem totalitären Kommunismus der Sowjetunion die Tradition einer intensiven literarischen und intellektuellen Auseinandersetzung auch nach 1945, nun vorwiegend in russischer und ukrainischer und teils rumänischer Sprache, fortgesetzt wurde - somit für den Rest der Welt im Verborgenen. Rumäniens Nationaldichter Mihail Eminescu lebte damals ebenso in der einstigen habsburgischen Hauptstadt der Bukowina wie die poetische Ikonen der heutigen Ukraine Olga Kobylanska und Dmytro Zahul, der in Stalins Gulag umkam.

Igor PomerantsevMit den Worten des Autors Pomerantsev “Zuerst lebte ich in dieser Stadt - danach wechselten wir die Seiten: jetzt lebt sie um so vieles länger in mir als ich in ihr. Von Zeit zu Zeit heftet sie sich an meinem Atem fest. Um nicht an ihr zu ersticken muss ich über sie schreiben. Wörter sind das einzige mir zur Verfügung stehende Arbeitsmaterial - gibt es etwas, das der Dauer näher kommt als Wörter?”

Die Stadt in der Bukowina, heute zur Ukraine gehörend, hat dem russischen Dichter mit britischem Pass ihren Stempel aufgeprägt. “Nicht nur Menschen werden zu Dissidenten, auch Städte können solche sein. Die Czernowitzer Architektur war im sowjetischen Imperium dissidentisch. Wer an diesen Häusern vorbeiging oder in ihnen lebte, der wurde zwangsläufig von ihrem Geist angesteckt. Die Stadt Czernowitz selbst war Dissident, und sie gab uns, ihren Bewohnern, Unterricht in Fragen der Schönheit, Freiheit und Pflicht.”

Dirk Schümer, Welt-Korrespondent: “Für diesen Dichter aus der Ukraine, der in London und Prag lebt, gehören auch Wein und Gespräche, Essen und Poesie, Träume und Geschichten zu dem, was seit der Antike unter einer erfüllten Existenz verstanden wird. Bereits Wörter sind für Pomerantsev Erscheinungsformen des Begehrens, die ihre eigene Schönheit und ihre wilde Geschichte haben. Für jemanden, der in Czernowitz aufgewachsen ist, wirkt diese polymorphe Sprachverliebtheit fast schon selbstverständlich, denn in dieser verwunschenen, geschundenen Stadt atmete (und atmet) man die Luft von Paul Celan, Rose Ausländer, Erwin Chargaff. Ihre geschriebene Zärtlichkeit lebt weiter im Werk von Igor Pomerantsev.”

Milena Findeis, Prag 14.11.2017

 

Links:

Verlag Der Konterfei, Robert Jelinek, Wien, Oktober 2017. Das Foto der Titelseite wurde aufgenommen im russischen Teil des Wolschaner Friedhofs in Prag im April 2017. DER KONTERFEI 036 / Paperback / Deutsch / 90 Seiten / ISBN 978-3-903043-25-1 / www.derkonterfei.com
Igor Pomerantsev "Erinnerungen eines Ertrunkenen"- einer der Essays aus dem Erzählband in deutscher Sprache.
Rezension von Simone Brunner in der Wiener Zeitung "Die Stadt der Worte", 6.11.2017

 

Czernowitz, Bukowina

Von Czernowitz nach Tscherniwzi und zurück

Das Festival “Meridian Czernowitz” erinnert an die Literaturlandschaft in der Hauptstadt der Bukowina, die heute zur Ukraine gehört 
Von Claus Löser

Having being remembered

©Igor Pomerantsev translated by Frank Williams

 

Having being remembered
Having being remembered

It could be that the key to the riddle of Russian history is to be found in the pluperfect. In the fact Russian doesn't have one. In Latin the pluperfect is used for the past beyond the past. It is formed by using an auxiliary verb. Plug in a  little verbal gadget, and you're off, back into the past, disappearing into the pre-past. English, German, French still still tinker away with these whatnots. Russian had them at one stage, but they've been worn away to almost nothing. In old books you occasionally find now-redundant colloquialisms such as „he was having been accustomed“. These days grammar has to be supplemented by phrases like: „I remember how it used to be that...“ or „Back in the olden days...“. This grammatical inadequacy or, if you prefer, grammatical romanticism costs users of the language dear. Their history cannot become history; like one of those pesky pages in a new book that when you open it sticks to the next one; desperate to stay in the present. Russian history has no grammatical bridle to restrain it. But you do encounter the pluperfect in ordinary Russian life. The emigration is a classic example. The mature prose of the two Ivans, Bunin and Shmelyov, with their charming recollections of their roots, was written as though in the pluperfect. The allure of their prose is in this 'as though', in the grammatically not fully spoken. But these writers pass not just lameness off, but stammering, lisping, too, as perfection.

Or another example of the pluperfect from life. It is with a sweet late-Roman jadedness that I can recall my own imperial childhood, when Empire was written with a capital letter. My home town had four names at once; the Austro-Hungarian Czernowitz, the Romanian Cernauţzi, Ukrainian Chernivtsi, the pre-war Russian Chernovitsy. As soon as you walked out onto the street the sounds of a number of languages and dialects wafted past, with Yiddish, Hutsul and Polish added to the list above. This is what culture is, it seems: to live on an air current of several tongues. But all that is to be said about culture already has been, but about the history of grammar.... I remember, once upon a time... long ago... neon Ukrainian hieroglyphics МЕБЛИ hung over a furniture store, no, not over the store, but over what the locals called a склеп (sklep), which to my tender Russian ear signified a burial vault. And there was the having been visiting Chief Ideologist Suslov with an award – the Order of Lenin – for the people of Chernovtsy. And on Soviet Square he repeatedly abused the delicate ears of the locals by placing the stress on the penultimate syllable – Chernovtsy. And nobody had been brave enough to corrrect him. And then there was the being remembered schoolboy delight in the elevated expressiveness of two lines of Little Russian verse

                        As having fallen down from the horse

                        there below on the white snow...

And Latin at the University, Mme. Zinoviya, recollected now, and her unyielding Pluperfect, armour-plated like a legionary.

Translator's note: Ivan Bunin (1870-1955) and Ivan Shmelyov (1873-1950) were two of the most prominent representatives of the Russian post-revolutionary literary emigration. Bunin was the first Russian writer to win the Nobel Prize for Literature, much to the chagrin of the Soviet authorities.

Little Russia was the usual, if somewhat condescending, term for the Ukrainian territories that formed part of Imperial Russia.

Further contributions from Igor Pomerantsev on Zeitzug

 

 

Die Musen schweigen nicht

Christian Weise

Mit einer Schweigeminute begann das V. lnternationale Lyrikfestival Meridian Czernowitz am 5. September 2014. Gedacht wurde der 22 Männer aus der bukowinischen Landeshauptstadt, die bisher beim Einsatz in der Ostukraine ums Leben gekommen sind, den 2600 Getöteten, den Verwundeten und der halben Million Flüchtlingen.  

„Niemand hat je erwartet, dass es zu einer solchen Situation kommen könne“, sinniert der österreichische Dichter Friedrich Achleitner.



Mitten im Krieg war das Festival Meridian Czernowitz ein Moment zum Atemholen und ein Versuch des Brückenschlags.

Das Motto: „Die Musen schweigen nicht“. Initiiert wurde das Festival 2010 durch Igor Pomerantsev, der nach politischer Verfolgung und Emigration 1978 im russischsprachigen Radio des Westens für die Freiheit die Stimme erhob. Er konnte nicht schweigen. Seine Erfahrung kommt heute Czernowitz, der Stadt seiner Jugendjahre zu Gute: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Neffen Svjatoslav hat er ein Festival etabliert, das Czernowitz wieder näher an Europa rücken läßt. 

Inzwischen ist das Festival ein Sprachrohr der Czernowitzer von einst und  gegenwärtiger ukrainischer und europäischer Stimmen.  Zu den Poeten, Schriftstellern, Musikern, Performance-Künstlern aus verschiedenen Regionen der Ukraine, kamen Übersetzer hinzu.  Das Festival in Czernowitz wird nun ergänzt durch eine Poetische Tournee  ausgehend von Charkiv im Osten der Ukraine über Kiew, Czernowitz, Ivano-Frankivsk, Lemberg, Ternopil’, Warschau, Krakau, Prag, Berlin, München, Stuttgart, Köln und Wien.

Resonanzraum

Ukrainische Autoren reisten genauso wie Studenten, Musiker und Künstler in den vergangenen Jahren immer wieder mit Stipendien nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz. Neben Wien entwickelte vor allem Berlin sich zum Kontaktzentrum: Literaturwerkstatt, Translit oder Literarisches Colloquium Berlin. Jurij Andruchowytsch und Jurko Prochasko wurden Mitglieder deutscher Akademien. Im neuen Jahrtausend begannen auch Sprach- und Kulturreisen die Ukraine in die Programme aufzunehmen. Die Möglichkeit des Studiums ukrainischer Sprache und Kultur in Deutschland reduzierte sich. Die Sprache lernt man jetzt nur noch in München an der Ukrainischen Freien Universität oder konzentriert in zweiwöchigem Ukrainicum-Kurs in Greifswald.  Kati Brunner, die viele Jahre schon in der Ukraine wirkt und nun als Lektorin des DAAD in Czernowitz lehrt, führt das Programm Transyt an, das von 2012-2014 einen Polen-Belarus-Ukraine-Fokus auf die Leipziger Messe gebracht hat, ausgelaufen ist und nicht mehr verlängert wird. Das Projekt TransStar in Tübingen mit Claudia Dathe widmet sich dem Ukrainischen. Ein neuer kleiner Lichtblick tut sich auf am Lehrstuhl für Slawistik in Berlin. Professor Susanne Frank sucht intensiv Kooperationen mit der Ivan-Franko-Universität Lemberg. 

Ouverture

Die polyphone Ouvertüre des Musenchors gegen den Krieg erklang in Czernowitz im hohen Marmorsaal der Universität. Vor seiner  Pracht versank nicht nur der Münchner Dichter und Verleger Michael Krüger in andächtiges Staunen. Weit ist er herumgekommen und repräsentierte gemeinsam mit Franz Josef Czernin die Schriftsteller der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.  Das Grußwort des deutschen Botschafters Dr. Christof Weil: „Für mich ist Czernowitz ein spiritueller Ort“. Das Stichwort „literarische Solidarität“ wurde im Grußwort des Vorsitzenden der in Darmstadt beheimateten Akademie aufgegriffen. Auf Unbehagen und das Fehlen der einst die Stadt maßgeblich prägenden jüdischen Bevölkerung machte der erstmals die Geburtsstadt seines Vaters besuchende Sohn Celans Eric aufmerksam.  Solidarität mit der Ukraine bekundeten die Grußworte der Botschafter Frankreichs und Österreichs.

In Szene gesetzt

In Palästen und  auf öffentlichen Plätzen wurden  Lesungen abgehalten , Gespräche über Dichtung und Politik geführt und Aktionskunst dargeboten. Bespielt wurden der zentrale Kulturpalast, der einstmals jüdisches Nationalhaus hieß, die Österreichische Bibliothek sowie das neu eröffnete Paul-Celan-Literaturzentrum; weitere Bühnen waren der Boxer-Club Kolosseum, in dem Poeten in den Ring traten, ein Platz an der unlängst umbenannten Straße der Helden des Majdans mit Lesungen unter freiem Himmel, ein großer Innenhof am Haus der Jugend mit Chrystia Vengrynjuks experimenteller Performance „Lange Augen“, in der ein Gott Gefäße formte und parallel hierzu Menschen in Lebenswirren sich bewegten und verloren, der jüdische Friedhof mit Lesungen im Beth Kaddisch und am Schluß die große Arena des Sommertheaters. 

Creative Writing

Die Stimmen dreier Akte seien aus dem großen Gesamtkunstwerk herausgegriffen:

Als Siegfried-Unseld-Gastprofessor formte Jurij Andruchowytsch in Berlin im Kurs für kreatives Schreiben des vergangenen Semesters seinen Club von Forscherinnen, die sich dem Studium erfundener Dichter widmen. Bereits im Winter hatte der westukrainische Schriftsteller, zu dessen letzten Veröffentlichungen "Das Lexikon intimer Orte" zählt, mit „Albert“ eine erste öffentliche Performance inszeniert. Die junge Dichterinnenplejade repräsentierte polyphon verschiedene Länder Ostmitteleuropas und wurde insbesondere von Kai mitgerissen, einem schon länger als Dichter auftretenden Mann, der den surrealistischen deutschen Dichter Modal vorstellte. Wo er cool daherkam, stellte Tanja mit ihrer deutschbaltischen Helena eine in Berlin an ihrem unverstandenen Leben verzweifelnde Frau mädchenhaft reizend in leuchtend rotem Kleid und mit mehrfachen kaum mehr gekannten Knicksen vor. Jede Forscherin las zunächst kurz die fiktive Vita und ließ dann ebenso erfundene Verse folgen, zum großen Teil verfaßt in der jeweiligen Muttersprache. „Wenn Du etwas Wichtiges sagen willst, dann wechselst Du ins Deutsche“, bemerkte in anderem Zusammenhang eine Muse. Dem Ganzen folgte eine Schola Cantorum Kijoviensis: Ein Sängerkurs erwartet in der Klasse seinen Lehrer Martin, der nicht kommt - gemeint ist selbstverständlich Nikolaus und der steht für die unbegrünte Tanne auf dem Majdan - und diskutiert, ob es denn sinnvoll ist, sich dem Protest der Straße anzuschließen. Dies wird bejaht, und eine Stimme faßt am Ende kurz zusammen, wie man stets hier sagt: „Alles wird gut.“

Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung

Michael Krüger kannte Rose Ausländer persönlich.  Von Bruno Schulz sucht er bereits seit langem eine verschollene Erzählung in Archiven. Besonders gern erinnert er sich aber an die enge Freundschaft mit Rezzori. Verteilt auf unterschiedliche Seelen begegneten sich Liebesleben und Leselieben in einem dritten Thema, dem gemeinsamen Kochen in Italien. Alles schlägt Brücken. So kommt er nicht umhin nachzusinnen: „Was sind wir für Barbaren, die wir noch nicht einmal Kyrillisch lesen können“. Um so stärker dafür seine Lyrik. Ferner Spiegel ist bei ihm die Natur,  weniger die Menschen.  Um Identität geht’s ihm wie den anderen und jüngeren nicht weniger.  Das Vergnügen, Pointen farbig schillern zu lassen, sie bis zur Neige auszukosten. Die Imagination des Hörers oder Lesers gängelt Krüger nicht, er traut ihr etwas zu. Sein österreichischer Dichterfreund Franz-Josef Czernin setzt auf die Ironie.

Die Vermessung rückwärts gewandter Utopie

In dem stilvollen alten Lesesaal der österreichischen Bibliothek, deren Mitbegründer und Leiter Professor Rychlo ist, diskutierten ukrainische und schweizer Schriftsteller sowie der österreichische Botschafter, moderiert von Igor Pomerantsev, über die  Vergangenheit. Die einen dachten über die Spiegelung der eigenen österreichischen Vergangenheit in der heutigen Bukowina nach. Die  Schriftstellerin Dragica Rajčić, Schweiz,  verwies darauf, dass rückwärts gewandte Utopie gerade von Exilanten gepflegt werde. „Dies ist psychologisch erklärbar: Je weniger Zukunft anscheinend da ist, um so mehr packt einen die rückwärtige Sehnsucht nach der Heimat“. Botschafter Wolf Dieter Heim machte darauf aufmerksam, dass gerade die für die Vergangenheit ungeklärte Täter-Opfer-Beziehung maßgeblich dazu beitrage, dass die russische Propagandamaschine mit ihren eigenen Ordnungsvorstellungen Verwirrung stiften könne. Insbesondere die Bukowina mit ihrer für die Ukraine ganz eigenen Toleranz könne einen wichtigen Beitrag in der jetzigen Lage leisten. Zugleich betonte er nachdrücklich, dass Österreich für die territoriale Unabhängigkeit der Ukraine eintrete. Der Kiewer Schriftsteller Andrii Bondar berichtete von seinem Staunen, das er beim Verfolgen der Entstehung des Romans „Felix Austria“ empfand, den seine Frau Sofija Andruchowytsch Anfang des Jahres veröffentlicht hat. Die Dankbarkeit, die ihn angesichts der hier ausgeloteten Humanität in Gesten, Ästhetik und Ausgeglichenheit erfüllte, sie könne er hinsichtlich der Sowjetunion nicht empfinden.

Begleitet vom Orchester jüdischer Musik, geleitet von Lev Feldman, stellte Peter Rychlo zwei von zehn geplanten Celan-Bänden auf Ukrainisch vor. Es folgten Lesungen französischer Lyrik von Philippe Beck und der Vortrag Bertrand Badious über die Beziehungen von René Char und Paul Celan. Ein gutes Dutzend ukrainischer, polnischer, österreichischer, schweizer und deutscher Lyriker fanden ihre Zuhörerschaft, wie die jungen Dichter zu später Stunde in der Poetennacht. Der als „Engel der Geschichte“ verkleidete Nielsen sang provozierend, etwa „Let the maidan rebels in your house“.  Neue Bücher aus dem Verlag Meridian Czernowitz wurden präsentiert: Czernowitzer Erzählungen, Irena Karpas Reiseband sowie Gedichte von Midna, Andrij Bondar und Igor Pomerantsev. Als Musendienst für Gäste aus dem Ausland wurde ukrainische Texte auf Deutsch verlesen. Beatrix Kersten hatte zu diesem Zweck ein Übersetzer-Stipendium in der Czernowitzer Residenz erhalten.

Grandioser Opernschluß

Das beeindruckende Finale der Opera Meridiana in Czernowitz fand unter besonders großer Anteilnahme der Stadt im Sommertheater des Schewtschenko-Parkes statt, wo einer der beliebtesten Autoren der ukrainischen Jugend, der Dichter Serhij Schadan, mit der Rock-Pop-Gruppe „Hunde“ die ganze Arena zum Toben brachte. Speziell mit dem Gedicht:  „Gedenke!“ - „ohne Dich wird gar nichts passieren“. 

Ob denn auch Dichter schießen, wurde  in einer Diskussion gefragt. Es wurde auf Borys Humenjuk hingewiesen, der  als Freiwilliger in einem Bataillon im Osten kämpft und seine „Verse im Krieg“ schreibt. 

Vera Bagaliantz, die seit Beginn ihrer Leitung des Goethe-Institutes in Kiew das Festival Meridian Czernowitz begleitet, es intensiv gefördert hat und weiter unterstützt: "Eine Stadt wie Czernowitz habe das Potential zur Förderung und Mitgestaltung der Geschicke des Landes. Hier lohne es sich für das Goethe-Institut, an vorderster Stelle tatkräftig unterstützend mitzuwirken und Flagge zu zeigen." Nicht nur mit Dichtern sitzt die unermüdlich Kontakte knüpfende Berlinerin im Café. Besonders verstärken will sie unbedingt und bald die Kulturarbeit im Osten. Mit Bürgermeister Oleksij Kaspruk und Igor Pomerantsev denkt sie jetzt jedoch vor allem an eines: 2024 soll Czernowitz die Europäische Kulturhauptstadt werden.

 


Text: Christian Weise, 1960 in West-Berlin geboren, Studium: Philosophie und Evangelische Theologie, kennt und bereist die Ukraine seit 20 Jahren, übersetzt für Ukraine Nachrichten Deutschland, "Radar" einem dreisprachigen Literaturmagazin

 

 

 

Czernowitz, Oktober 2013: Anläßlich der Internationalen wissenschaftlichen Tagung des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e.V. (IKGS) an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität Czernowitz erinnert Peter Rychlo, an Eugenie Schwarzwald (*4.7.1872 in Polupanowka bei Tarnopol,Galizien; †7.8.1940 in Zürich) - Pädagogin, Sozialreformerin und Frauenrechtsaktivistin und insbesondere als Pionierin in der Mädchenbildung.

Eugenie Schwarzwald 

Literarisch-publizistische Texte von im Universum ihres pädagogischen Systems

©Peter Rychlo

Eugenie Schwarzwald„Fraudoktor“ Eugenie Schwarzwald, geborene Nussbaum, eine legendäre Persönlichkeit im Wiener Bildungs- und Kulturleben des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts, gehört zu interessantesten und prominentesten, aber zugleich unbekanntesten Figuren des österreichischen Schulwesens. Sie war eine geborene Pädagogin im wahrsten Sinne des Wortes, eine Reformerin des österreichschen Schulsystems, Gründerin der sog. „Schwarzwaldschen Schulanstalten“, die ein ganzes Netz von Mädchenschulen verschiedener Stufen und Ausrichtungen, darunter mit Matura und Öffentlichkeitsrecht, etliche Fortbildungskursen für Frauen, die erste Koedukationsvorschule und eine Kleinkinderschule einschlossen, wo sie ihre durchaus innovativen pädagogischen Ideen entwickeln konnte, sowie Organisatorin zahlreicher sozialer und philanthropischer Institutionen wie Gemeinschaftsküchen, Ferienkolonien, Alters- und Erholungsheime für mittellose Künstler. 
In ihren Schulanstalten unterrichteten Künstler wie Oskar Kokoschka und Adolf Loos, Musiker Egon Wellesz und Arnold Schönberg, der Literatur- und Theaterhistoriker Otto Rommel, der Jurist und Soziologe Hans Kelsen. Markante Persönlichkeiten wie Vicky Baum, Helene Weigel, Elisabeth Neumann-Viertel, Hilde Spiel, Alice Herdan-Zuckmayer, Freya von Moltke und viele andere zählten zu ihren Schülerinnen. In ihrer Wiener Wohnung in der Josefstädterstrasse 68, die von Adolf Loos eingerichtet und als Salon geführt wurde, verkehrten berühmte Wiener Politiker, Journalisten, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler. Hier konnte man Rainer Maria Rilke, Lu Andreas-Salomé, Peter Altenberg, Egon Friedell, Egon Erwin Kisch, Carl Zuckmayer, Käthe Kollwitz, Karin Michaelis, Alexander Moissi, Karl Popper, Paul Lazarsfeld, Helmuth von Moltke u. v. a. treffen, die in ihrem kleinen, aber sehr gastfreundlichen und gemütlichen Salon keine seltenen Gäste waren.

Mit jedem muss sie in seiner Sprache reden, den Argumenten eines jeden zuvorkommen, seine kleinen Eitelkeiten ausfindig machen und schonen, sich mit seinen Interessen vergleichen, seinen vermeintlichen Ideen auseinandersetzen und ihm seine Vorbehalte abdingen. Sie muss Briefe schreiben, Ansprachen halten, telefonieren, bitten, betteln, zürnen, lachen, weinen, danken; sie muss Beschuldigungen widerlegen, Zweifler umstimmen, Nörgler aufheitern, Ehrgeizige vertrösten, Machthaber vergewaltigen oder überlisten, Vordringliche zurückweisen, Gelangweilte ermuntern; sie lebt mit dem Zifferblatt der Uhr vor Augen und ohne Zeit im Gemüt, denn sie hat keinen Tag, und sie hat keine Nacht; ihr Tun ist pausenlos.1so beschreibt Jakob Wassermann in der Wiener Zeitung „Freie Neue Presse“ vom 25. Juni 1925 den Alltag von Eugenie Schwarzwald. Bereits diese Beschreibung lässt vermuten, dass es hier um eine ungewöhnliche Persönlichkeit geht. 

Jakob Wassermann war aber nicht der einzige, den diese Frau so restlos faszinierte. Robert Musil, ein im Umgang mit anderen Leuten sehr reservierter Mensch, jedoch ein exzellenter Beobachter und scharfer Kritiker der herrschenden gesellschaftlichen Zustände, charakterisierte Eugenie Schwarzwald als „Nebeneinander von Wohltun und Sichwohltun“, das nur „durch das Nebeneinander der Überzeugungen in dieser Zeit“ ermöglicht ist. Darin sah er „das Satyrische dieser Figur“, indem er sie ironisch „Zeus von Tarnopolis“ 2 nannte. In Musils Hauptwerk, dem Fragment gebliebenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, diente sie als Modell für die Diotima-Figur (Ermelinda Tuzzi). Karl Kraus parodierte sie in seinem grandiosen pazifistischen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ als Hofrätin Schwarz-Gelber und Elias Canetti beschrieb sie als „Pädagogin, die einen das erste Mal beim Empfang an ihren Bauch drückte und einen so herzlich empfing, als sei man von Säuglingsjahren an ihr Schüler gewesen, als sei man durch kein Geheimnis von ihr getrennt und habe sich unzählige Male schon das Herz bei ihr ausgeschüttet“ 3 Für Canetti war sie allerdings etwas zudringlich, so dass er in seinen Erinnerungen „Das Augenspiel“ sie zugleich als eine „Schwätzerin“ attestiert.4

Eugenie Schwarzwald war aber keine Pädagogiktheoretikerin wie Jan Amos Comenius, Johann Heinrich Pestalozzi oder Adolf Disterweg. Sie hinterließ auch kein geschlossenes System von pädagogischen Ansichten, die in speziellen Studien oder Traktaten dargelegt würden. „Das besondere an ihrer Schule lässt sich schwer benennen. Ihr Programm war ihre Persönlichkeit und ihr Gespür für die Menschen, die sie um sich scharte“5, – bemerkt dazu Robert Streichel. Ihre pädagogische Auffassung gründete ausschließlich auf ihrer eigenen Praxis als langjährige, meistens illegale, Schulleiterin (da österreichische Bürokraten ihr Zürcher Doktordiplom nicht anerkennen wollten).

Eugenie Schwarzwald hat zwar eine Schule gegründet – die Leitung wurde ihr zeitlebens durch österreichische Bürokraten verwehrt. Sie hat den Grundstein für die Reformpädagogik gelegt, die von Otto Glöckel umgesetzt wurde – nicht zuletzt mit den Lehrern, die ihre Erfahrungen in der Schwarzwaldschule gesammelt haben. In der großen fünfbändigen Geschichte des österreichischen Erziehungswesens wird sie aber mit keinem Wort erwähnt.6

Von ihren pädagogischen Prinzipien und Ideen wissen wir hauptsächlich aus Zeugnissen und Erinnerungen ihrer Schülerinnen und Schüler, die mittlerweile im Dokumentationsband von Hans Deichmann „Leben mit provisorischer Genehmigung. Leben, Werk und Exil von Dr. Eugenie Schwarzwald“ (1988) und im stattlichen, reich illustrierten, von Robert Streibel herausgegebenen Band „Eugenie Schwarzwald und ihr Kreis“ (1996) gesammelt sind. Aus den dort veröffentlichten Texten erfahren wir viele Einzelheiten über die von ihren Zöglingen und Lehrkollegen über alles geliebte „Fraudoktor“. Vor kurzem erschien im Wiener „Residenz-Verlag“ unter dem Titel „Langeweile ist Gift. Das Leben der Eugenie Schwarzwald“ (2012) auch die erste umfangreiche Biographie der Reformpädagogin von Deborah Holmes.

Viel wichtiger scheinen für uns jedoch jene Quellen zu sein, wo Eugenie Schwarzwald selbst zu Wort kommt und über ihre pädagogischen Methoden und Erziehungsprinzipien nachdenkt. Zu ihnen gehören ihre publizistischen Artikeln und Essays sowie wenige biographische und belletristische Texte, in denen sie auch pädagogische Problematik berührt. Die meisten dieser Aufsätze wurden seinerzeit in verschiedenen deutschen und österreichischen Zeitungen und Zeitschriften in den 1920er und 1930er Jahren publiziert. Zu diesen Presseorganen gehören vor allem „Czernowitzer Morgenblatt“, „Neue Freie Presse“, „Wiener Allgemeine Zeitung“, „Wiener Tag“, „Neues Wiener Journal“, „Neues Wiener Tagblatt“, „Neue Zürcher Zeitung“, „Zürcher Illustrierte“, „Vossische Zeitung“, „Aus fremden Zungen“, „Frauenblatt“ u. a.
1995 wurden viele von diesen Feuilletons Eugenie Schwarzwalds unter dem Titel „Die Ochsen von Topolschitz“ von Wolf Petersen in der Reihe „Fundsachen österreichischer Literatur“ herausgegeben.7 Zusammen mit der Auswahl der Artikel von „Fraudoktor“, die Hans Deichmann in seine Dokumentation aufgenommen hat, bilden sie heute die eigentliche Textbasis für die Erforschung ihrer literarisch-publizistischen Tätigkeit.

Eugenie Schwarzwalds Interesse für die Pädagogik ist biographisch bedingt und geht auf ihre eigenen traurigen Erfahrungen mit der Schule, die sie zuerst im galizischen Dorfmilieu ihres Heimatortes Polupanowka – mit Ausnahme des 4. Volksschuljahres in Wien – , später in Mädchenlyzeum und im Lehrerinnenseminar von Czernowitz verbrachte. Offensichtlich fühlte das wissbegierige Mädchen das strenge österreichische Schulreglement als drückende Enge und spürbaren Zwang. In einem autobiographischen Artikel mit dem Titel „Die Lebensluft der alten Schule“, der in der Zeitung „Czernowitzer Morgenblatt“ vom 17. Mai 1931 veröffentlicht war, erinnert sie sich an ihre Schulzeit wie folgt:

Ich war als Kind in einer jener dumpfen, kalten, muffigen und gehässigen Schulen, wie sie zu Ende der achtziger und zu Anfang der neunziger Jahre in allen Ländern üblich waren. Da ich ein geselliges Wesen bin, war ich beim Eintritt in die Schule fest entschlossen, meine siebzig Kolleginnen und acht Lehrer glühend zu lieben. Aber das war ganz unmöglich. Sie ließen sich nicht lieben. Die Atmosphäre war mit Spannung geladen […] Außerdem langweilte ich mich geradezu frenetisch […] Je älter man wurde, desto schwerer fand man es, zur Schule zu gehen […] Die geistige Entfernung schritt von Stunde zu Stunde fort. Heimlich las man gute Bücher, statt der in der Schule empfohlenen schlechten […] Allmählich fing man an, seine geistige Nahrung unter Bank zu suchen […] Bis auf den heutigen Tag gibt es für mich keine anheimelnde Farbe als das Rosabraun der Reclam-Büchel […] Die Schule war der reinste Ausdruck der Anschauung, dass Jugend nichts sei als ein peinlicher Übergang. War man sie endlich los, so atmete man auf, wie eine Frau, die am Abend ihr Korsett ablegt […]8.

Die Frustrierung des jungen Mädchens erklärt sich dadurch, dass es Ende des 19. Jahrhunderts in Österreich (wie übrigens auch in vielen anderen europäischen Ländern) noch ganz selten öffentliche Matura für Mädchen und schon gar kein Universitätsstudium vorgesehen waren. Interessant, dass dieses Status quo sogar durch damalige prominente Mediziner „theoretisch“ begründet wurde, indem man vom „angeborenen Schwachsinn“ oder „geistigen Minderwertigkeit“ der Frau sprach. Der österreichische Psychoanalytiker, Schüler, Freund und spätere Biograph Sigmund Freuds, Fritz Wittels bezeichnete einmal das weibliche Medizinstudium als „ein ebenso operettenhaftes wie untaugliches Manöver des Weibes zur Lösung seines sexuellen Dilemmas“.Unter diesen Umständen wundert es nicht, dass Eugenie Schwarzwald nach ihren Reifeprüfungen sich für das weitere Studium an der Universität Zürich entscheidet, denn in der Schweiz durften die ausländischen Frauen bereits seit dem Ende der 1860er Jahre philosophische und seit 1890er Jahre auch medizinische Fakultäten besuchen. Dort studierte sie von 1895 bis 1900 Germanistik; Anglistik, Philosophie und Pädagogik und wurde als eine der ersten Österreicherinnen mit der Dissertation „Metapher und Gleichnis bei Berthold von Regensburg“ promoviert.

Als sie Ende 1900, nach der Absolvierung ihrer Zürcher Studien, Dr. Hermann Schwarzwald heiratete und sich in Wien niederließ, hatte sie nur einen einzigen sehnlichsten Wunsch – sie wollte unterrichten, denn in der pädagogischen Tätigkeit sah sie den richtigen Weg zur Überwindung der prekären Situation des Kindes, insbesondere des von der Gesellschaft vernachlässigten Mädchens. Sie wollte ihre eigene Mädchenschule gründen, und diese Absicht gelang es ihr bald zu verwirklichen, nachdem sie das Mädchenlyzeum von Eleonore Jeiteles am Franziskanerplatz 5 übernommen hatte. Hier konnte sie ihre hohen Vorstellungen von der pädagogischen Berufung zum ersten Mal realisieren.

Mit Recht spricht man von Erziehungskunst, nicht von Erziehungshandwerk. Ein wahrer Künstler lebt vom Unbewussten […] So weiß ein wahrer Lehrer nicht viel zu sagen, wie er es gemacht hat. Kaum, wie er zum Lehrberuf gekommen ist. Was mich betrifft, so weiß ich heute, warum ich gerade Lehrerin geworden bin und nicht lieber Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin oder sonst was Freies und Luftiges. Das heißt, ich glaube es zu wissen, ich habe mir nachträglich alles zusammenkombiniert. Ich wollte eine Schule, die ich mir gewünscht hatte, wenigstens anderen verschaffen.10 Die bekannte dänische Schriftstellerin Karin Michaelis, eine der engsten und treuesten Freundinnen von Eugenie Schwarzwald, schildert Genias Motive, welche sie zu der pädagogischen Tätigkeit bewogen haben, als einen tiefen inneren Trieb, dem sie sich nicht widersetzen konnte. In ihrem Artikel „Das Mädchen aus den ukrainischen Wäldern“ (1926), der zum 25. Jahrestag der Schwarzwaldschen Schulanstalten in dänischen und österreichischen Zeitungen erschien, hebt Karin Michaelis den Kontrast zwischen dem Ekeleindruck, den die trostlosen Schuljahre bei Genja hinterließen, und jener Vision der freien und fröhlichen Schule, welche seitdem in ihren Träumen vorschwebte, hervor:

Eines war ihr klar: Schule war das Traurigste auf der Welt. Sie verkörperte den bösen Zauberer, den Sklavenhalter, den Vampir, der das Herzblut aus den Kindern sog, Kerker und Tretmühle […] und viele Elternhäuser waren leider nicht besser. Warum aber alles dies? Wo Menschen zu einem guten Zweck zusammen waren, hätte es doch lebensvoll und beglückend zugehen müssen. Nicht Schmerz und Langeweile, nur Freude müsse die Schule bringen, eine Schule, in der Unterricht Reisen in die weite Welt gliche, wo man alles so leicht lerne, ebenso leicht wie ein Lied zu singen, und im Tanz über einem Rasen zu schweben. […] Die Krone ihrer Hingabe sollte eine Schule bilden, so wunderschön, dass alte Leute, wenn sie am Stock humpelten oder in der Ofenecke hockten, noch von köstlicher Schulerinnerungen wären […] In Wien begegnete ich ihr und sah ihre Schule: die fröhliche, die Schule der Freude. Da war es, dass ich zum ersten Mal meine Kindheit zurückwünschte, um sie in dieser Schule verbracht zu haben. Da dies aber ein frommer Wunsch bleiben musste, obgleich ich oft dachte, dort nachträglich mein Abitur zu machen, schrieb ich mein Buch „Glädenskole“, die Schule der Freude, die von Genia, ihren Lehrern und Schülern handelte.11

Hier fällt wohl das wichtigste Stichwort, das E. Schwarzwalds Vorstellung von der neuen Schule charakterisiert: die Schule der Freude.

Sie ist davon überzeugt, dass der Unterricht für Kinder ein spannendes Abenteuer, ein Erlebnis sein kann, der eine Begeisterung bei ihnen erwecken soll. Am prägnantesten äußert sie ihre Gedanken dazu in einem Aufsatz unter dem Titel „Die Lebensluft der neuen Schule“, der vermutlich Ende der 1920er Jahre geschrieben wurde und unpubliziert blieb. Hier formuliert sie ihre Grundidee, die darin besteht, dass alle Kinder von Natur an genial sind, und nur unvernünftige Erziehung und untaugliche Lehrmethoden sie dann gleichgültig und stumpf machen. Alle Kinder sind ungeheuer kreativ, sie sind echte Künstler: Jeder Mensch, der mit Kindern zu tun hat, weiß, wie genial, liebens- und lebenswürdig diese Wesen sind. Umso erstaunlicher ist die Verknöcherung und Bewegungsarmut der Erwachsenen. Über diese schreckenerregende Tatsache pflegen wir uns aber keine Gedanken zu machen. Im Gegenteil: der Prozess, der da vor sich gegangen ist, wird Erziehung genannt. Und ist der Spiritus zum Teufel gegangen, so heißt das zurückbleibende Phlegma „Reife“. […] Die Schule muss versuchen, eine Künstlereigenschaft, die alle Kinder besitzen, die Vitalität, zu erwecken und zu erhalten […]12

Die wichtigste Figur für ihre „fröhliche“ Schule ist die Person des Lehrers. Von ihm hängst es ab, ob er die jungen Kinderseelen gewinnen und in ihnen den kreativen Geist erwecken kann. Um dieser Aufgabe gemäß zu werden, muss der Lehrer solche Eigenschaften haben, die ihn in den Augen der Kinder zu ihrem Verbündeten, zu ihrem Freund und Kameraden machen. Der echte Lehrer muss in sich eine Begabung entwickeln, in Kinderherzen zu lesen, ihren Neigungen entgegenzukommen, um den Prozess des Lernens leicht, fast spielerisch machen zu können. Er muss Probleme der Kinder gut verstehen und ihnen nach Möglichkeit in ihrer schwierigen Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen helfen können. Nur solch ein Lehrer wird von Kindern beliebt sein und manchmal für ihr ganzes Leben unvergesslich bleiben.

Der Lehrer muss fühlen, – entwickelt E. Schwarzwald ihren Gedanken weiter, – dass man Autorität nicht erwerben kann, dass sie etwas ist, was mit einem geboren wird. Dass Disziplinhalten nichts anderes ist als ausgezeichnet unterrichten, dass ein feierlicher Kerl niemals groß ist, dass Langeweile ein Gift ist, welches Kindern nicht einmal in kleinsten Dosen gereicht werden darf, dass Fröhlichkeit ein unentbehrliches Lebensmittel ist, dass ein freundlicher Blick für den Stoffwechsel eines Kindes mehr bedeutet als eine lange Radtour, und dass man bei jenem Lehrer am besten die Verba auf mi lernt, dessen Lächeln so schön ist, dass es die Kinder mit der Welt versöhnt.13 Einen ihrer Artikel, der am 5. April 1931 in der „Neuen Freien Presse“ publiziert wurde, benennt E. Schwarzwald programmatisch „Erziehung zum Glück“14. Die Schule soll keinesfalls eine grimmige Institution sein, welche die angeborene Heiterkeit der Kinder erstickt und ihnen Angst einflößt. Das Kind „darf sich seiner Fehler nicht schämen. Es muss wissen, dass es ein Mensch ist und dass es heiliges Menschenrecht ist, Fehler zu haben“15. Das Kind darf somit nicht auf Schritt und Tritt gescholten, es muss vielmehr für seine Leistungen, auch die bescheidensten, gelobt werden. „Am meisten Erfolg erntet bei der außerordentlichen Empfindlichkeit der Kinderseele, wer in einer Schulklasse mit Lob operiert“16 – betont sie in einem anderen Artikel. Ein einziges Lobeswort kann manchmal mehr erreichen als unzählige Tadelworte, die mit bestem erzieherischem Ziel gesprochen werden, jedoch ein gegensätzliches Resultat haben.

Unermüdlich verteidigt E. Schwarzwald Prinzipien einer „fröhlichen“ Schule, wenn sie behauptet, dass durch die dort herrschende heitere und wohlwollende Atmosphäre die Kinder in der Schule ihr eigentliches Heim finden, in dem sie sich frei fühlen können, denn das Lernen ohne Zwang und strenge Aufsicht sei für sie ein Vergnügen. „So kommt die Zeit, in der die Kinder den Sonntag als eine Fehleinrichtung betrachten und der traurigste Tag im Jahr der letzte Schultag ist.“17 E. Schwarzwalds Plädoyer für die neue Schule, in der Gewaltfreiheit, Förderung der Phantasie und Schaffenskraft der Kinder herrschen sollen, macht sie zu einer Bahnbrecherin des österreichischen Schulwesens des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts. Freie Entwicklung des Kindes oder eines jungen Menschen wird, ihrer Meinung nach, dazu beitragen, den bestehenden Generationenkonflikt leichter zu überwinden und die Lebensziele der neuen Generation bewusster zu wählen:

Die neue Schule wird der Jugend helfen, das in ihr derzeit ruhende Ideal zu erreichen. Wir können die Menschen nicht nach unserem Sinn formen. Ihr Ideal liegt in ihnen verborgen, nicht in uns. Die alte Schule wollte biegen, beschneiden, mit der Wurzel ausreißen. Neue Erziehung heißt: organischem Wachstum lauschen.18

Als Reformpädagogin bemühte sich E. Schwarzwald Kinder und Jugendliche für das weitere Leben gut aufzurüsten. Da ihre Zöglinge hauptsächlich Mädchen waren, so wollte sie ihnen auch manche praktische Fertigkeiten beibringen, die sie dann im Familienleben und im öffentlichen Verkehr ausnützen könnten. In ihren Schulanstalten realisierte sich jener Gedanke von der engen Verbindung des Unterrichts mit der praktischen Tätigkeit, der erst viel später europäische Pädagogik beschäftigen wird. Genauso neu waren ihre Ideen über die Notwendigkeit der Erziehung der Eltern, die dann ihren Kindern eine leichtere Sozialisierung in der Gesellschaft sichern sollen, wovon sie in ihrem Artikel „Wie Eltern erzogen werden“ schreibt („Neue Freie Presse“, 21. Nov. 1926)19, Mit Recht betont die Biographin von „Fraudoktor“ Deborah Holmes: Ihre Schulen sollten nicht bloß Wissen vermitteln, sondern jeden Aspekt des Lebens ihrer Schülerinnen beeinflussen, von der Kleidung über die Ernährung bis zu den Musik- und Kunstvorlieben, von der Art, wie sie ihre Freundschaften pflegten, bis zu ihren Zukunftsplänen. Sie war der Meinung, Schule sollte wie eine Familie sein, und Familien, angefangen bei ihrer eigenen engsten Umgebung, sollten sich einer gemeinschaftlichen Lebensweise öffnen.20

Noch viele wichtige pädagogische Themen ließen sich hier anschneiden, die E. Schwarzwald in ihren publizistischen Aufsätzen aufhebt – über Umgang mit Büchern, Konversation und Komplimenten, über Namen und Sprachbeherrschen, über Protektion und Briefeschreiben – dies alles würde aber den Umfang des gegebenen Vortrags sprengen. Von großem Interesse könnten auch ihre literaturkritischen Publikationen sein – hier finden sich Artikel und Essays über Hans Christian Andersen, Gottfried Keller, Karin Michaelis, Bernard Shaw, Sinclair Lewis, Arnold Schönberg, Oskar Kokoschka, Hugo Wolf, die seinerzeit „zum fixen Bestandteil im Feuilleton der Wiener Tageszeitungen“21 wurden, aber diese Arbeit wollen wir den anderen Forschern überlassen.

 

[1] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung. Leben, Werk und Exil von Dr. Eugenie Schwarzwald (1872-1940). Eine Chronik von Hans Deichmann.—Berlin; Wien; Müllheim a. d. Ruhr: Guthmann-Petersen 1988, S. 379-371.
[2] Arno Rußegger. „Der Zeus von Tarnopolis“. Eugenie Schwarzwald als Figur in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“. In: Robert Streibel (Hrsg.) Eugenie Schwarzwald und ihr Kreis. – Wien: Picus Verlag 1996, S.30.
[3] Streibel, S. 37.
[4] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 373.
[5] Robert Streichel. Eugenie Schwarzwald – Pädagogin – Intellektuelle und Muse. In: Illustrierte Neue Welt (Wien). Oktober 1996, S.12.
[6] Ebenda, S.12.
[7] Eugenie Schwarzwald. Die Ochsen von Topolschitz. Feuilletons. – Wien: Edition Garamond 1995.
[8] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 18.
[9] Renate Göllner. „Die Schule aber war das eigentliche Leben“. Eugenie Schwarzwald und die Mädchenbildung um 1900. In: Streibel, S.41.
[10] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 47.
[11] Ebenda, S. 14-15.
[12] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 47.
[13] Ebenda. S.47.
[14] Ebenda, S. 287.
[15] Zit. nach: Leben mit provisorischer Genehmigung, S. 289.
[16] Ebenda, S. 327.
[17] Ebenda, S. 48.
[18] Ebenda, S. 49.
[19] Ebenda, S. 302.
[20] Deborah Holmes. Langeweile ist Gift. Das Leben der Eugenie Schwarzwald. – Wien: Residenzverlag 2012, S. 15.
[21] Ebenda, S. 10.


Franzi Heidenreich erinnert sich im Gespräch mit Robert Streibel und Robert Neumüller an ihre Zeit in der Schwarzwaldschule in Wien 1934-1938. Eugenie Schwazrwald hatte mehrere Schulen (Herrengasse/Wallnergasse) gegründet. Weiters organisierte sie Ferienheime, diverse soziale Aktivitäten und ein Hotel am Grundlsee. Der Salon von "Fraudoktor" war ein Umschlagplatz für Ideen und Anregungen in dem unter anderem Robert Musil, Oskar Kokoschka und Adolf Loos verkehrten. Veröffentlicht am 27.05.2013 von Robert Steibel.

Kindheit in Czernowitz

Igor Pomerantsev übersetzt von Petro Rychlo

Jetzt beginnt Czernowitz

"Und jetzt beginnt Czernowitz! Steht auf - wie ihr immer aufsteht, wenn man von der Liebe spricht. Diese Stadt ist aus Verschweigungen, Rauch und Geschrei gebaut. In ihren Höfen, wo die Regen weiden, türmen sich verzerrte Vogelkäfige auf und halbbehaarte Katzen reiben sich an aschernen Tauben. An ihren Mauern und Wänden sieht man blinde Fenster, von Simsen umrahmt, steinerne Andeutungen. Es schaut so aus, als ob schon alles fertig war, um einen Kubikmeter Ziegel herauszunehmen,- und da brach, plötzlich die Pest aus oder es drang auf einmal ein feindliches Heer ein, und die Stufen vergruben sich sinnlos in jene Stelle, wo eine Tür sein sollte, - so hätte ein Alchemist auf dem Sterbebett nur die Hälfte seines Geheimnisses lüften können. Czernowitz ist weggeschwemmt von seinen Querstraßen. An irgendeinem Rand, in irgendeinem Widerhall der Stadt, wo Geruch und Farbe eins sind, brechen die Pappeln durch ..."

Die Lossagung von der Vergangenheit heißt Lossagen von der Zukunft. Ich habe keine Absicht, mich von meinem jugendlichen Bravourstück loszusagen. Ich versuche lieber noch einmal Czernowitz zu beschreiben. Vielleicht gelingt's mir.

Zuerst Kukuruz-, Erdäpfel- und Erbsenfelder - ungeheuer, grenzenlos. Das ist eine Entfesselung des Raumes, eine Ausschweifung - sie gehört ebenfalls zur Stadt - und da bist du, der mit Schrecken auf die quecksilbrigen, in die Weite ausschwärmenden Burschen sieht. Und nun bist du schon tête-à-tête mit der Dürerschen Ameise, mit der Klinge des Kukuruzblattes, mit dem Zittern am ganzen Leib. Es ist geradezu mit der Ungemütlichkeit des Zwielichts im Korridor vergleichbar, wenn du deine Mutter bittest: "Mama, bleib bitte draußen vor der Tür des Klosetts, denn ich fürchte mich!" Zwei Erbsenhülsen sind in der Faust zusammengepresst! - süßliche Milchtränen. All das wiederholt sich noch tausendmal - auf dem Straßenpflaster - nur das orange ärmellose Trikothemd des älteren Bruders huscht vorüber; er flieht mit seinen Altersgenossen weg von dir, sie sind, stärker und standhafter, sie lassen dich im Stich, allein, mit Schmerzen in der Milz, mit feuchten salzenen Wimpern (...)

Czernowitz Weintrauben

Meine grüne Weintraub- und Kümmelkindheit im Schatten der Großväter (später habe ich das kapiert: nur einer von ihnen sei mein Großvater, alle anderen waren seine Brüder); ich kann mich in meiner frühen Kindheit an keinen Winter erinnern; ich schaue mich um und sehe den ewigen Juli, die Luft, die von den angeschwollenen Äpfeln rinnt, die bis zum Schwindel kitzelt. Mein erstes dreirädriges Fahrrad. Ich fahr es, bis meine Knie das Kinn berühren. Dann auf einmal - ein größeres Fahrzeug, ein "Orljonok", meine Sandalen reichen kaum bis zu den Fußhebeln. (...)

Auf den unsichtbaren Speichen erschließe ich mir Viertel nach Viertel, und von den Reifen meines Rades fliegen scharfe Mistspäne der Vorstadt auf das Stadtpflaster des eleganten Marktzentrums. Was für Typen sind hier zu sehen: Bucklige; Wahnsinnige; gleich Ostereiern bemalte Bauern; Juden - jeder Mann schaut wie Kafka aus, jede alte Frau ist die Ewigkeit selbst. All das zieht vorbei, es pfeift nur hinter den Ellenbogen. Auf meinem Fahrrad mit versagender Bremse spule ich nicht nur Kilometer, sondern Jahre ab. Wie sonderbar: man spricht ringsum deutsch und rumänisch, und ich verstehe alles. Ich kenne diesen Jungen und dieses Mädchen, dem er zuruft: "Ame!" Er heißt Paul Antschel. Als Erwachsener wird er seinen Namen auf Celan ändern, und in literarischen Enzyklopädien, nach seinen Lebensdaten, wird stehen: "bedeutender österreichischer Dichter". Bis dahin sitzen wir zu dritt am Ufer des Pruth. Unter den brennenden Kieseln finden wir eine Sandoase. Der Sand rieselt durch die Finger. Das Wasser ist kalt. Du gehst auf Zehenspitzen, du strebst nach oben - der Eisgürtel darf nicht die Taille umschlingen. Dann tauchst du plötzlich ein. "Jungens! Schwimmt nicht weit" - das ist die Stimme von Ame.

Ende Mai 1972. Wir sitzen in der Küche - nur dort sind noch einige Hocker geblieben. Alles ist zusammengepackt, die Koffer zusammengebunden, Reisetaschen mit kleinen Spielzeugschlüsseln verschlossen. Ich glaube auf dem Bahnsteig ein Schluchzen zu vernehmen und ersticke selber vor Tränen unter einer stillen jüdischen Melodie. Das Reich der Finsternis. Das Reich des Lichts. Wohin aber vor sich selbst fliehen. Wie Paul Celan in die Seine stürzen?
Eine Frau mit jungem Gesicht und grauen Haaren sagt: "Er war ein schöner Junge. Er war schön früh und abends, im Gymnasium, in der Bibliothek .."
Czernowitz KaffeeWir trinken einen kalt gewordenen Kaffee. Amalia fragt mich:
"Wollen Sie Pauls Gedichte übersetzen?"
"Nein", - antwortete ich und spüre, dass ich noch etwas hinzufügen soll, etwas erklären muss. Doch vieles ist mir selbst nicht klar, ich kann mir selbst nicht deutlich antworten, wenn ich zu dieser Frau gekommen bin, wozu ich diese kalte Brühe in mich hineingieße und will nicht, will nicht weitergehen. Ich kehre ins Czernowitz der Vorkriegszeit zurück. Mache einen Abstecher zum Markt, lächele den Huzulinnen mit reinen gesteiften Schürzen entgegen, koste vom blendend weißen Topfen - er taut auf der Zunge wie Schnee. Ich lasse keinen Keller aus, auf dessen Tür eine Weintraube gemalt ist, trinke aus hölzernen Krügen. Wie dreht sich der Himmel über mir! Wie trunken ist diese Luft! (...)

 

Geschrieben 1975, Igor Pomerantsev - erschienen in
EUROPA ERLESEN CZERNOWITZ
Herausgegeben von Peter Rychlo
Wieser Verlag

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