Im Leben unterwegs, Erzählungen

Alena Wagnerová fasziniert mich, weil sie so spielerisch zwischen dem Deutschen und dem Tschechischen wechselt, in Schrift und Rede. In einem Gespräch mit Alena Blažejovská für den Tschechischen Rundfunk, Brno (17.1.2020) beschreibt sie den Unterschied zwischen den beiden Sprachen so “das Tschechische ist mir näher wenn es um den Reichtum der Gefühle, das Deutsche wenn es um die Abstraktion geht". Und was sie in diesem Gespräch heraus streicht, dass es ihr um das Verstehen nie um das Richten geht. Ich las ihre Bücher über Milena Jesenská, Sidonie Nádherná, Franz Kafka und seiner Familie.

Alena Köhler-Wagnerová, Milena Findeis, Foto Bogdo Hren2021 - nach dem Symposium  Eine Liebe an der Grenze - 101 Jahre Franz Kafka und Milena Jesenská, Begegnung in Gmünd, war es für mich Zeit, mich in Wagnerovás Erzählkunst zu vertiefen, die mir nahe ist. So nahe, dass sie mich ermuntert mich noch tiefer hinein ins Tschechische zu begeben, den eigenen Gefühlen wieder näher zu kommen und das Abstrakte im Auge zu behalten. Im Verlag Prostor erschien 2019 der Band, Alena Wagnerová  Cestou životem, Příběhy. Das deutsche Manuskript, liegt seit 2017 vor: Im Leben unterwegs, Erzählungen und wartet darauf verlegt zu werden. Es besteht aus 14 Erzählungen:

Mühen des Hinsetzens;  Eine Landärztin;  Frühstück im Freien; Tod, wo ist dein Stachel; Ein Garten mit Schriftstellern; Karl Baumanns gesammelte Verkehrssünden; Im Geburtshaus des Dichters; Und dreimal krähte der Hahn; Verheißung der Nacht; Das langsame Sterben der Monarchie in ihren Untertanen; Reichlich verspätetes Gewitter; Der bittere Apfel der Sehnsucht; Die letzten Tage des Grenzübergangs Friedrichstraße; Ein halbes Jahr auf der Flucht vor dem Tod  

Alena Wagnerová hat mir freigestellt, eine der Erzählungen in deutscher Sprache auf den Zeitzug zu stellen. "Eine Landärztin" wählte ich aus einem persönlichen Motiv, meine tschechische Urgroßmutter Franziska Teyml, geboren1895, stammt aus Lhednice, mein Urgroßvater mütterlicherseits hat im Böhmerwald für die Schwarzenberg’sche Forste (wahrscheinlich zwischen 1920 - 1930), gearbeitet,  mein Urgroßvater väterlicherseits Johann Findeis wurde am 17.7.1874 in  Jetřichovice geboren, und es war unter anderem Milena Jesenská die mich inspiriert hat, 1991 nach Prag zu ziehen.

 

Milena Findeis, November 2021
Foto Alena Wagnerová, Milena Findeis  Bogo Hren, ÖKF  26.1.2017

E i n e   L a n d ä r z t i n

©Alena Wagnerová

                                                                                                                                                                                     Für H.K

Vor einigen Jahren lud mich eine Ärztin in ihr Haus in einer abgelegenen Gegend des Böhmerwaldes ein. Sie bewohnte mit ihrem Mann, der auch Arzt war, und ihren zwei Söhnen ein ehemaliges Forsthaus, das früher am Rand eines Bergdorfes stand, von dem inzwischen nur grasbewachsene Mauerreste einzelner Anwesen übriggeblieben waren. Auch das Forsthaus sollte, wie die anderen Häuser, abgerissen werden. Auf Wunsch des Ärztepaares hatte man es aber stehenlassen und der Familie erlaubt, dort einzuziehen, was durchaus ungewöhnlich war, weil das Haus schon im militärischen Sperrgebiet stand. Es war wohl nur deswegen möglich, weil die beiden Ärzte in der Umgebung hohes Ansehen genossen, allgemein geachtet und beliebt waren. Man brauchte sie auch. Denn kaum jemand war bereit, sich in dem verlassenen Gebirge niederzulassen.

Ich kam in diese Gegend, um Material für eine Reportage über die deutsche Bevölkerung zu sammeln,die hier früher gewohnt hatte, von der aber nur noch ein kleiner Rest übriggeblieben war. Ich sprach mit den Menschen und erfuhr vieles über die Geschichte dieses Landstriches und seiner Bewohner in den letzten Jahrzehnten. Ich war damals jung und unerfahren, eine Anfängerin in meinem Beruf, und wußte nichts davon, was ich jetzt hörte. Auf Empfehlung gemeinsamer Bekannten suchte ich auch die Ärztin auf, die schon lange in dieser Gegend lebte und arbeitete. Auch von ihr erhoffte ich mir Antworten auf Fragen, die mich bedrückten. Ich gab meine Betroffenheit offen zu, und sie faßte Vertrauen zu mir. Daraufhin lud sie mich in ihr Haus ein. Wir sollten doch in Ruhe über alles sprechen.     

Sie holte mich am frühen Nachmittag in meiner Unterkunft ab und bat mich, sie zuerst bei den Hausbesuchen zu begleiten. Unser erstes Ziel war ein Weiler, der nur aus drei heruntergekommenen Häusern bestand. Ich wollte im Wagen auf die Ärztin warten, zu meiner Überraschung forderte sie mich aber auf, mit ihr ins Haus zu gehen. Ich folgte ihr und betrat in großer Verlegenheit das Zimmer der Kranken. Die Patientin, eine zierliche junge Frau mit einem geduldigen Mariengesicht, die schon lange bettlägerig war und von der die Ärztin vorher mit  Achtung gesprochen hatte, schien sich jedoch an der Anwesenheit einer Fremden nicht zu stören. Bereitwillig zog sie das Nachthemd aus und ließ sich von der Ärztin untersuchen. Wahrscheinlich hielt sie mich für eine neu eingestellte Arzthelferin. Vielleicht freute sie sich sogar, in ihrer langen Einsamkeit ein neues Gesicht zu sehen. Nachdem die Untersuchung beendet war, unterhielt sich die Ärztin noch eine Weile mit der Kranken und verschrieb ihr neue Medikamente. Dann verabschiedeten wir uns.   

Ihre Mutter habe die Eigenschaft besessen, den Menschen alles direkt zu sagen, selbst die unangenehmsten Dinge - Sie riechen aus dem Mund, Sie sollten sich die Füße waschen  -, sagte die Ärztin plötzlich, als wir wieder im Wagen saßen, als ob sie sich  einen Vorwurf machte. Die Menschen hätten es ihr aber nachgesehen und sich nicht beleidigt gefühlt; denn sie sei so arglos gewesen.    

Eigentlich hatten wir nicht viele Besuche zu machen; weil die Kranken aber alle in abgelegenen Tälern und einsamen Weilern verstreut lebten, zu denen nur Feldwege oder dürftig gepflasterte schmale Straßen führten, brauchten wir fast den ganzen Nachmittag dazu. Es war Spätherbst, eine Jahreszeit, zu der schon der Geruch des in den Öfen brennenden Holzes gehört hätte. Es roch aber nur nach Brand. Das Leben, das mir hier bisher begegnet war, machte einen äußerst bedrückenden Eindruck auf mich, obwohl die großartige, herbe Landschaft  ganz andere Möglichkeiten für seine Entfaltung zu bieten schien. 

Es dämmerte schon, als wir fertig waren. Durch den langen schmalen Tunnel der einbrechenden Dunkelheit fuhren wir zurück. Die Kälte zwang, sich in sich selbst zurückzuziehen; wir schwiegen. Ich dachte daran, was ich in den vergangenen Tagen gehört und gesehen hatte und trauerte darüber, was geschehen war, was damals so unerläßlich und heute so überflüssig schien. Ich rief mir die einzelnen Begebenheiten  immer wieder ins Gedächtnis zurück, als ob sich dadurch am Lauf der Geschichte etwas ändern ließe.   

Da sprangen uns schon Lichter entgegen und einen Augenblick später hielten wir vor einem geräumigen einstöckigen Anwesen. Sein Eingang war von zwei weiß gestrichenen Säulen flankiert, die einen kleinen Balkon trugen und zusammen mit ihm einen Windschutz bildeten. Ich stieg aus, und die Ärztin fuhr den Wagen zu einem Nebengebäude, aus dem ein Lichtstrahl in die Dunkelheit drang und ein Geräusch zu vernehmen war, das nur von Heu kauenden Pferden stammen konnte.      

Die Ärztin ließ den Wagen vor dem Nebengebäude stehen, und wir betraten gemeinsam das Haus. Ich legte ab, und sie fing gleich an, das Abendessen zuzubereiten. Ich setzte mich zu ihr in die große warme Küche, deren Fenster jetzt wie eine Reihe kleiner Ausschnitte aus der Dunkelheit aussahen. Die Kälte, aus der wir gerade kamen, stärkte das Gefühl, angekommen zu sein. Ich half der Ärztin ein wenig, und wir sprachen kaum. Wie ich schon am Nachmittag merkte, war es überhaupt nicht leicht, mit ihr zu sprechen. Ja, man hatte sogar das Gefühl, sich besser zu verstehen, wenn man schwieg, als wenn man miteinander sprach.  Als würde sie die Welt aus einem Blickwinkel sehen, der mir verschlossen war. 

Von unseren gemeinsamen Bekannten wußte ich schon, daß die Ärztin in ihrer Jugend Schweres erlebt hatte, was letztlich - bei ihrer Herkunft und ihrem Alter - auch anzunehmen war. Sie selbst blieb zwar verschont, aber der Schatten dieser Ereignisse lag immer noch über ihr. Manchmal - so erzählte es mir eine Frau aus der Umgebung - wurde sie von der Vergangenheit so überwältigt, daß sie ganz unverhofft eine Vertraute aufsuchen mußte, um sich aus ihrer Beklemmung freizusprechen. Denn es traf zwar nicht direkt zu, ein feinfühliger Mensch hätte es aber durchaus so sehen können, daß sie ihr Leben dem Tod ihrer Mutter verdankte, beziehungsweise einem Vertrauensbruch ihres Vaters, den die Mutter mit dem Leben bezahlt hatte. Und genau so faßte die Ärztin es auch auf. Sehr wahrscheinlich hatte sie auch deswegen das harte Leben in der  Einsamkeit hier gewählt, wo sie täglich die Berechtigung ihrer Existenz unmittelbar erfahren konnte. Und es war gewissermaßen eine Ironie, daß sie sich gerade in dieser früher von Deutschen besiedelten Gegend niedergelassen hatte.   

Später, als das Essen schon auf dem Tisch stand, kamen auch der Mann der Ärztin und ihre beiden Söhne herein, die offensichtlich vorher in dem Nebengebäude die Pferde versorgt hatten. Pferde zu halten, sei für einen Arzt in dieser Gegend eine Notwendigkeit, zugleich aber auch das einzige Vergnügen, das seine Familie sich leiste, belehrte mich der Arzt später beim Abendessen. Der ältere Sohn der Ärztin war etwa sechzehn Jahre alt und ähnelte sehr seinem Vater. Er war blond, hatte ein schmales Gesicht und wirkte etwas verklemmt. Der Jüngere, der dreizehn Jahre alt sein mochte, hatte zwar auch helles Haar, sah aber mit seinen dicht nebeneinanderliegenden Augen eher seiner Mutter ähnlich. Er hatte ein sehr kurzes Gesicht und auffallend große, zarte Ohren, die an Fledermaus erinnerten und den Eindruck erweckten, daß er nicht nur besonders hellhörig sei, sondern mit ihnen auch die Welt um sich optisch wahrnehme.

Nach dem Essen zogen sich die Kinder zurück, um sich noch auf die Schule vorzubereiten, und auch der Mann der Ärztin, ein einfacher, schweigsamer Mensch, entschuldigte sich - er müsse noch die Rezepte ordnen. Wir blieben allein in der Küche, tranken Tee, der besonders gut schmeckte und den die Ärztin gerade von ihrer in England lebenden Cousine bekommen hatte, und sprachen über Belangloses. Auf die Fragen, derentwegen ich zu ihr gekommen war, ging die Ärztin nicht ein, und ich wagte nicht, sie direkt darauf anzusprechen.   

Als ihr Mann mit seiner Arbeit fertig war und zurückkam, führte mich die Ärztin in ein gegenüberliegendes Zimmer, wo ich schlafen sollte. Es war ein verhältnismäßig schmaler, mit einem Kachelofen ausgestatteter Raum, der auf mich sehr gemütlich wirkte. Gemeinsam bereiteten wir auf einem niedrigen Sofa das Nachtlager für mich. Schräg gegenüber dem Sofa, auf dem ich nun schlafen sollte, stand ein kleiner, zierlicher Schreibtisch mit zwei Schubladen und vier nach alter Machart gedrechselten Beinen. Er kam mir irgendwie bekannt vor, ich konnte mich aber nicht erinnern, wo ich ihn hätte gesehen haben können. Seine Schreibplatte war mit einem ursprünglich wohl grünem Tuch bespannt und mit einem niedrigen Aufsatz versehen, an dessen Seiten sich jeweils zwei kleine Schubladen befanden, während in seinem etwas erhöhten mittleren Teil nur eine Ablage befestigt war, die dazu einlud, hier eine kleine Plastik hinzustellen. 

Die Ärztin wünschte mir gute Nacht und zog sich zurück. Man müsse früh schlafen gehen, denn der Tag fange für sie auch sehr früh an. Ich blätterte noch eine Weile in einem Geschichtsbuch, das der jüngere Sohn der Ärztin hier offensichtlich hatte liegen lassen, schlief aber bald ein. In der Morgendämmerung vernahm ich, wie sich die Tür leise öffnete und er sich das vergessene Buch von dem Stuhl holte, der als Nachttisch am Kopf meines Bettes stand. Ich dachte, daß ich einmal auch so ein Kind haben möchte, und schlief wieder fest ein.

Als ich wach wurde, war es hell. Ein leichter Nebel klärte draußen schon den Tag, die schattigen Stellen auf der Wiese waren aber noch bereift. Die Ärztin war schon in der Küche, und als ich eintrat, holte sie gerade ein Blech frisch gebackener Mohnstangen aus dem Backofen. Sie hatte den Vormittag frei, da in ihrem Sprechzimmer heute Mütterberatung abgehalten wurde. 

Erst jetzt fiel mir ein, daß ich mein Notizbuch hätte mitnehmen sollen, ich wollte schon in mein Zimmer zurückkehren, dann schien es mir aber doch nicht angebracht, mir in einem Haus, wo ich Gast war, Notizen zu machen. Ich frühstückte, und wir kamen auf den Neffen der Ärztin zu sprechen, der sich gerade in England aufhielt und, nachdem jetzt mit einer Verschärfung der politischen Situation in unserem Land zu rechnen war, nicht wußte, ob er zurückkehren oder im Ausland bleiben sollte. Er rief immer wieder seine Mutter, die Schwester der Ärztin, an und wollte von ihr, die genauso ratlos war wie er selbst, wissen, was er tun solle. So hatten mir es unsere gemeinsamen Bekannten geschildert. Das sei doch ganz einfach, meinte die Ärztin, die gerade ein weiteres Blech mit Gebäck vorbereitete: Wenn er in England eine Familie gründen wolle, dann solle er dort bleiben, die neue Familie habe Vorrang. Wenn dem nicht so sei, dann gehöre er zu seinen Eltern und Geschwistern. Ich mußte ihr Recht geben und war etwas verblüfft über das einfache Kriterium, das sie anwandte und das so zutreffend war, bisher aber niemandem einfiel.    

Sie habe doch auch zu ihrer Mutter gewollt, als sie nach Theresienstadt deportiert worden sei, fügte die Ärztin hinzu. Man habe es ihr aber nicht erlaubt, denn sie sei nicht unter das Gesetz gefallen. Man habe sie auch nicht eingelassen, als sie und ihre Schwester einmal hingefahren seien. Die Ärztin schob das letzte Blech mit den Mohnstangen in den Backofen. Ein helles milchiges Licht durchflutete den Raum und machte jede Bewegung und jede Geste deutlich wie auf der Bühne. 

Die Mutter  habe immer geschrieben, es gehe ihr gut. Sie arbeite in einem Kinderheim, die Kinder dort seien sehr lieb und sehr gut erzogen, und die Arbeit mit ihnen mache ihr viel Freude. Und etwas später habe sie geschrieben, das Kinderheim solle aufgelöst und anderswohin verlegt werden und sie bekomme vielleicht die Möglichkeit, die Kinder zu begleiten und auch dort zu betreuen, sie habe sich schon freiwillig dazu gemeldet. Und dann habe sie geschrieben, sie werde die Kinder wirklich begleiten können, schon übermorgen würden sie fahren. So hatte sie geschrieben. Erst Jahre später hätten sie erfahren, daß die Mutter verwahrloste jüdische Kinder aus Polen betreute. 

Die Ärztin verließ den Raum, und bald darauf sah ich sie mit einem Wäschekorb in der Hand, nur in ihren leichten Haussandalen ohne Strümpfe, über die bereifte Wiese an den Fenstern vorbeilaufen. Sie wanderte aus einem Fensterausschnitt in den anderen, vor dem Hintergrund des Waldes etwas zu groß geraten und erinnerte mich in ihrer Haltung - wie sie den Korb hielt, die starken, etwas geröteten Arme entblößt, mit dem Diesseitigen beschäftigt und doch so weltfremd - an Heiligengestalten auf mittelalterlichen Tafelbildern, die ihre ganze Umgebung klein erscheinen lassen. 

Als sie wiederkam, war ihr Korb voll weißer Bettücher, die von der Kälte draußen ganz steif waren. Zum Bügeln habe sie keine Zeit, sagte die Ärztin und fing an, die einzelnen Wäschestücke auf dem großen Eßtisch auszubreiten. Eines nach dem anderen holte sie die Tücher aus dem Korb, strich sie glatt und dann legte sorgfältig zusammen. 

Er habe sie und ihre Schwester gebeten, zu ihm zu kommen, als er die Transportnummer bekommen habe. Er, der Großonkel Siegfried, sei als letzter von der Familie übriggeblieben. Die Ärztin sprach, als hätte sie ihr Schweigen nicht gebrochen. Er sei ein alter Mann, habe er gesagt, als sie zu ihm kamen, und eigentlich habe er lange genug gelebt. Und so möchte er sie als seine nächsten Verwandten fragen, was ihnen lieber wäre, sie sollten es, bitte, ganz offen sagen, einen Onkel in Theresienstadt zu haben oder keinen zu haben. Ob sie verstanden hätten, was er damit meine? Ja, sie hätten es verstanden. Und wenn er so offen frage, möchten sie ihm auch offen sagen, daß es ihnen unter diesen Umständen eigentlich lieber wäre, keinen Onkel zu haben. Auch er bevorzuge diese Lösung, habe der Onkel gemeint, obwohl er ihnen zuliebe auch das andere getan hätte. Sie mögen sich nur keine Sorgen machen, er sei schließlich ein Arzt und wisse sich zu helfen. Er gab ihnen den Schlüssel zu der Wohnung - er werde ihnen wohl nicht mehr öffnen können - und bat sie, morgen früh, aber nicht zu früh, wiederzukommen. 

Als sie am nächsten Morgen kamen, war er noch nicht tot, und sie wußten nicht, was sie jetzt tun sollten. Einen Arzt rufen, der ihn möglicherweise für den Transport hätte retten müssen? Oder lieber den Dingen ihren Lauf lassen und sich schuldig machen, den Fall nicht rechtzeitig gemeldet zu haben? Ratlos blieben sie auf der Treppe vor der Wohnung sitzen und warteten, wie die Sache enden würde. Oder hatten sie doch einen Arzt gefunden? Die Linie des Erzählens zerfranste jetzt in mehrere Stränge und verlief sich wieder in der Wirklichkeit. Der Raum stand still. Was hatte die Ärztin gesagt? Was hatte ich gehört?

Es war Mittag, und wir mußten fahren. Die Ärztin nahm mich in das kleine Städtchen mit, wo sie ihre Praxis hatte und ich meine Unterkunft. Erst als wir uns auf dem Marktplatz vor der Kirche verabschiedeten, fiel mir auf, wie sehr sie dem Bruder ihrer Mutter ähnelte, einem Schriftsteller, der schon vor mehr als vier Jahrzehnten fast unbekannt gestorben, inzwischen aber, zum Teil dank der Bemühungen seines Freundes, entdeckt und weltberühmt geworden war. Und es war ein seltsames Gefühl, die Augen und die Gesichtszüge, von alten Fotografien mir so gut bekannt,  lebendig in einem anderen Gesicht zu sehen. 

Jetzt wußte ich auch, woher ich den kleinen Schreibtisch kannte, der mir gestern so vertraut vorgekommen war: Ich hatte ihn vor drei Jahren in der großen, seinem Leben und Werk gewidmeten Ausstellung gesehen.

Auch ich verehrte den Onkel der Ärztin, der, noch vor kurzem nur wenig bekannt, plötzlich wie ein großer Stern aufging und viele, die man bis dahin für wichtig gehalten hatte, in den Schatten stellte. Ich war, ebenso wie meine Freunde, von seinem ungewöhnlichen Werk tief ergriffen und las alles, was ich mir von seinen Schriften beschaffen konnte. Aber noch mehr als sein Werk war er selbst es und seine ganze Lebenshaltung, was uns faszinierte. Der hohe moralische Anspruch, dem er alle seine Handlungen und Entscheidungen unterworfen hatte - um „in jedem Augenblick des Lebens der Erlösung wert zu sein, selbst wenn es keine gäbe“-, bis er fast lebensuntüchtig wurde und an der Unmöglichkeit, sich zu entscheiden, letztlich auch starb, nahm sich wie eine Herausforderung aus, vor dem Hintergrund einer Zeit, die mit den Menschen nicht gerade zimperlich umging. Denn die Welt, die er beschrieben hatte, war uns nicht unbekannt. Die Strenge des Gerichts, das keine Gnade kannte, die Unbarmherzigkeit der Urteile, das alles hatten wir erlebt, es war auch unsere Erfahrung, die wir nirgends - am wenigsten bei unseren Zeitgenossen - dargestellt fanden. Und so war er uns zum Vorbild geworden, ja zu einer fast religiösen Erscheinung, und unser Bekenntnis zu ihm wurde zu einem Protest gegen die harte Zeit, in der wir aufgewachsen waren und die uns bedrückte. Und selbst seine Grabstätte, deren Umrandung voll mit Steinen belegt war, die Besucher aus der ganzen Welt hinterließen, schien uns in unserer Verehrung zu bestätigen.     

Die Ärztin bog mit ihrem Wagen in eine Nebenstraße. Ich ging in mein Hotelzimmer, packte schnell meine Sachen, denn meine Arbeit hier war beendet und fuhr nach Hause.Von der Ärztin hatte ich zwar nicht das erfahren, was ich mir erhofft hatte, dafür aber etwas ganz anderes, genauso Wichtiges, wie ich spürte - nur konnte ich nicht sagen, was es war. Ihre Geschichte lag  ganz offen vor mir, in keinen Zusammenhang eingebunden.

Aber warum hatte sie mir das alles erzählt? Wollte sie nur der einen Leidensgeschichte, der ich nachging, eine andere gegenüberstellen? Oder wurde sie, gerade als  ich bei ihr war, unerwartet von einem ihrer Beklemmungszustände überfallen, aus dem sie sich sprechend befreien mußte? Als der Bus sich Prag näherte, wurde mir plötzlich klar, daß der alte Onkel, der sich durch Selbstmord dem Tod in der Gaskammer entzogen hatte, jener Landarzt war, der Lieblingsonkel des Schriftstellers.

In den nachfolgenden Jahren änderte sich viel in meinem Leben. Ich lernte meinen Mann kennen und ging mit ihm in sein Land. Aber die Erinnerung an die Begegnung mit der Ärztin blieb all die Jahre lebendig in mir. Es steckte ein Stachel in der Geschichte, etwas Unausgesprochenes, als ob sich unter der Oberfläche des Erlebten eine Erkenntnis verborgen hielte, der ich noch nicht gewärtig war. 

Ich dachte oft an den Vormittag in dem alten Forsthaus, erzählte aber in der ganzen Zeit nur zwei- oder dreimal davon, um die Geschichte in mir frisch zu erhalten, so wie man alte Stickereien, die viel zu kostbar sind, um gebraucht zu werden, ab und zu durchwäscht, um sie vor dem Vergilben zu bewahren, und sich dann beim Bügeln über die kunstvolle Arbeit freut, bevor man sie Stücke wieder zusammenlegt und im Schrank verstaut.

In diesen Jahren wurden immer neue Bücher und Aufsätze über den Onkel der Ärztin veröffentlicht, und sein Ruhm wuchs beträchtlich. Jede Einzelheit aus seinem Leben bekam Bedeutung, wurde sorgfältig untersucht und erforscht, so daß die Literatur über ihn letztlich viel umfangreicher wurde als sein Werk selbst. Und neue Arbeiten kamen ständig hinzu. Längst vorbei waren die Zeiten, als wir uns seinen Namen wie ein Geheimnis weiterreichten. Jetzt war es  nicht mehr möglich, sich seinem Werk unmittelbar und unbefangen zu nähern und ihn nur für sich selbst zu entdecken, wenn auch mit dem Risiko, etwas falsch zu verstehen, wie meine Freunde und ich es einmal getan hatten. Kommentare, Interpretationen und Anmerkungsapparate begleiteten jetzt den Leser durch das Werk, halfen ihm zu richtigen Verständnis und gaben Hinweise, was man an welcher Stelle zu denken hätte. Schon wenn man eines seiner Bücher aufschlug, begab man sich gewissermaßen in die Öffentlichkeit. Eine Vorleistung des Wissens mußte jetzt erbracht werden, bevor man mit dem Lesen zu beginnen wagte. Und obwohl kein Wächter am Tor des Werkes saß, um Unbefugten den Zutritt zu verwehren, beugten sich doch alle den ungeschriebenen Regeln. 

Er, der nie gewagt hatte, eine Familie zu gründen, auch deshalb, weil er sie der Unsicherheit seiner Existenz nicht aussetzen wollte, ernährte jetzt viele. Und was den wirtschaftlichen Erfolg anbelangt, so hatte der unzulängliche Sohn die langjährigen zähen Bemühungen seines Vaters um den gesellschaftlichen und materiellen Aufstieg der Familie längst in den Schatten gestellt, wenn nicht gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Denn was hier der Vater nur nebenbei, ohne große Anstrengungen und ohne es eigentlich zu wollen, durch zu hartes Anfassen des zerbrechlichen Kindes an Kondition geschaffen hatte, erwies sich letztlich als die gewinnträchtigste Leistung seines Lebens. 

Als das ganze Werk des Schriftstellers bekannt war, wurden nach und nach auch seine Briefe herausgegeben, vor allem seine Briefe an drei Frauen, die in seinem Leben eine besondere Rolle gespielt hatten - seine zweimalige Verlobte, seine Freundin und seine Lieblingsschwester. Nur seine Briefe wurden veröffentlicht, und es hieß immer, die andere Hälfte der Korrespondenz sei nicht erhalten. Das war überraschend, weil die Lebensumstände, unter denen die Frauen seine Briefe aufbewahrt hatten, viel bewegter waren als seine. Er hatte es offensichtlich nicht für notwendig  gehalten, ihre Briefe in Sicherheit zu bringen oder aufzubewahren, und hatte sie vor seinem Tode möglicherweise selbst verbrannt, während er seine eigenen Schriften dem Freund zum Verbrennen gab. Aber selbst wenn diese Briefe erhalten geblieben wären, hätten sie wohl kaum jemanden interessiert. Was hätten sie schon bieten können, außer ein paar biographischen Angaben und Details? Denn es waren Briefe von gewöhnlichen Frauen, deren Leben erst durch die Begegnung mit dem Dichter Bedeutung bekam und die überhaupt nur als Adressatinnen seiner Briefe interessant waren. Spiegelflächen eines Dichterlebens, das waren sie, sonst nichts. Und auch in dem einen Fall, wo die Bedeutungslosigkeit nicht ganz zutraf, weckte erst die Tatsache, daß sie die große Liebe des Dichters gewesen war, das Interesse an den in vielen Zeitungen verstreuten Arbeiten dieser Frau, und sie wurden noch höher eingeschätzt, als festgestellt wurde, daß selbst der große Schriftsteller diese Zeitungsartikel gerne gelesen und sogar ungeduldig auf ihr Erscheinen gewartet hatte. Auch hier war letztlich die Liebe des Dichters der Faden, an dem die Frau aus der Vergessenheit gezogen wurde. Und selbst der Umstand, daß sie eine außergewöhnliche Persönlichkeit war, wurde eher ihm als ihr selbst zugutegehalten. So erregte es noch Jahre später einiges Befremden, als sich zeigte, daß sie in seinem Leben eine tiefere Spur hinterlassen hatte als er in ihrem. In Anbetracht der Bedeutung des Schriftstellers hätte es sich doch eher gehört, daß sie an der Beziehung zugrunde gegangen wäre. 

Die Tatsache, daß es zwischen dem Mann und den Frauen um eine Beziehung auf unterschiedlicher Ebene ging, wurde dadurch deutlich, daß man die drei Frauen fast ausschließlich, auch in wissenschaftlichen Abhandlungen, nur mit ihren Vornamen bezeichnete, ihn dagegen nur mit seinem Familiennamen oder noch häufiger sogar mit seinen beiden Namen. Das gleiche traf übrigens auch für seine männlichen Freunde zu. Auch bei ihnen wäre niemand auf den Gedanken gekommen, über Max, Oskar, Felix oder Ernst zu sprechen, wie man über Ottla, Felice oder Milena sprach. Denn auch sie waren Männer, die im Leben etwas bedeuteten. Das war eben das unterschiedliche Gewicht, das Frauen und Männer im Leben hatten, denn vieles, was bei Männern als Ernst des Lebens galt, wurde bei Frauen nur als Spiel und Zeitvertreib betrachtet.

Es entging mir zwar nicht, daß das Werk des Onkels der Ärztin in diesen Jahren stetig an Bedeutung gewann, ich machte mir aber keine Gedanken darüber, denn ich war zu sehr mit meinem eigenen Leben beschäftigt. Merkwürdig war nur, daß ich die ganze Zeit kein Verlangen verspürte, etwas aus seinem Werk zu lesen, obwohl es mir jetzt - im Gegensatz zu früher - ohne jegliche Schwierigkeiten zugänglich gewesen wäre. Was hätte ich einmal dafür gegeben, alle seine Werke zu besitzen und im Original, ohne auf einen Übersetzer angewiesen zu sein, lesen zu können!

Durch einen Zufall lernte ich eines Tages einen Literaturwissenschaftler kennen, der sich auch mit dem Werk des so berühmt gewordenen Onkels der Ärztin beschäftigte und darüber einen allgemein beachteten Kommentar schrieb. Es war ein älterer, gebildeter und zurückhaltender Herr, der aus Wien stammte, aber schon seit Jahren in den Vereinigten Staaten lebte. Wir kamen ins Gespräch und ich lud ihn und seine Frau in unser Haus ein. Wir unterhielten uns über vieles, und im Lauf des Abends kamen wir auch auf den Schriftsteller und seine Verwandte zu sprechen, die er einmal in Prag kennengelernt hatte. Ich hätte gerne von meiner Begegnung  mit der Ärztin erzählt, zögerte aber, denn ich mochte nicht den Eindruck erwecken, mich selbst mit dieser Geschichte in den Vordergrund spielen zu wollen. Das Gespräch wandte sich inzwischen einem anderen Thema zu, und bald darauf verabschiedeten sich die Gäste. Ich begleitete sie vor die Tür und blieb, nachdem ihr Wagen abgefahren war, noch einen Augenblick in der einbrechenden Stille stehen.

Plötzlich spürte ich, wie eine Woge von Unmut und Zorn in mir hochstieg und die so lang gehegte Ehrfurcht allmählich zerbrach. Warum hatte man ihn eigentlich so geachtet, den Onkel der Ärztin aus dem Böhmerwald? Er war doch nur feige, feige und sonst nichts! Feigheit, das war das Losungswort, mit dem man sein ganzes Leben erklären konnte! Und hätte er sie nicht so gekonnt unter der Mulchdecke seines Werkes  versteckt, wer wüßte heute noch etwas von ihm? Ich erschrak über meine Gedanken, darüber, was so unverhofft aus mir herausbrach. Wie konnte ich es nur wagen, so etwas zu denken? Auch ich hatte doch sein Werk geachtet und geliebt! Die ganze Macht der Interpretationen stellte sich gegen mich, und ich schämte mich für mich und die Geradlinigkeit meines Denkens. War es nicht nur die Niedertracht des Weibes, das dem Werk und seinem tieferen Sinn nicht gewachsen war, die jetzt aus mir sprach? Ich wünschte mir, für einen Augenblick die Sicherheit eines Mannes zu besitzen, denn dann hätten meine Gedanken als kühne Einsicht in das Werk gelten können. So waren sie aber nur ein Zeugnis mangelnder Kompetenz. Und ich war verzweifelt über meine Unzulänglichkeit, konnte aber den Gang meiner Gedanken nicht zurückhalten. Nein, ich wollte ihn nicht mehr zurückhalten! Es war, als wenn plötzlich ein ungeschriebener Vertrag aufgekündigt würde, der weniger ein Vertrag als vielmehr eine alles durchdringende Weltanschauung war, die auch ich bisher für meine eigene gehalten hatte. Es war, als öffnete sich der Vorhang, vor dem ich selbst agierte, so daß ich zum erstenmal den Hintergrund erblickte, von dem ich vorher keine Ahnung hatte. Nein, ich war nicht mehr bereit, weiter in diesen alten Fußstapfen zu gehen und mit gehorsamem Memorieren von Sätzen und Anschauungen - dieser anderen Art der Liebeserklärung - mich in die Gunst der Männer einzukaufen, um auch mitmischen zu können und einmal mit meinem ganzen Namen, nicht nur mit dem Vornamen, in ihren Kreis aufgenommen zu werden. Es war wie ein viele Jahrhunderte lang in Tausenden von Frauen aufgestauter Zorn, der jetzt aus mir herausbrach und mich wütend und ungerecht, aber auch traurig machte, weil ich begriff, daß es keine einheitliche Welt, sondern nur Männer und Frauen gab. Und ich spürte, wie das Gewicht der Dinge sich zu verschieben begann.

In jedem Augenblick des Lebens der Erlösung wert zu sein, selbst wenn es keine gäbe...? Derjenige, der so gedacht hatte, war doch gar nicht bescheiden, war doch nicht demütig gewesen, wie es immer hieß, der hatte sich für wichtig gehalten, für jemanden, auf den es ankommt, ja für den Mittelpunkt der Welt! Was maßte er sich mit diesem Anspruch alles an! Lag nicht gerade hier die Schuld, nicht schuldig sein zu wollen, sich nicht auf die Unzulänglichkeiten des Lebens einlassen zu wollen? Zu bloßen Helfern seiner Vollkommenheit hatte er damit die anderen gemacht! Er sollte der Erlösung wert sein. Und die anderen? Als dieser Anspruch dann der Überprüfung durch das Leben nicht standhalten konnte, wurde das Leben selbst verworfen und ihm das Schreiben vorgezogen, eine Fluchtburg, in der alle die edlen Prinzipien und Postulate des Lebens unbeschadet weiter gedeihen konnten.

Es war doch kein Zufall, daß unter den Literaturwissenschaftlern, die sich mit seinem Werk beschäftigten, fast nur Männer waren! Männer, die zwischen sich und das Leben immer etwas schieben mußten, um größer und bedeutender zu erscheinen, und die mit emsiger Geschäftigkeit ihre Überflüssigkeit zu vertuschen suchten. Wie Mehlwürmer durchzogen sie sein Werk auf der Suche nach unentdeckten Motiven und legten überall tüchtig Eier neuer Interpretationen.

Wie hasste ich sie, die Arroganz der Männer, für die Dinge immer wichtiger waren als Menschen, in deren Händen Mittel und Zweck sich immer wieder ins Gegenteil verkehrten, als würde erst das Werk dem Leben Berechtigung geben. Auch er gehörte dazu, zu der Räuberbande, die die ganze Erde dem Manne untertan machen wollte!

Aber er konnte doch nichts dafür, was die Literaturwissenschaftler mit ihm machten, hörte ich mich selbst einwenden. Warum hatte er aber die Briefe der Frauen nicht aufbewahrt, dafür gesorgt, daß sie erhalten blieben? Sie dienten ihm nur als Instrumente seines eigenen Daseins. Spiegelflächen für ein Dichterleben, sonst nichts.

Und ich mußte an die Mutter der Ärztin, seine Lieblingsschwester, denken, und an die Briefe, die sie ihren Töchtern aus Theresienstadt  geschrieben hatte, bevor sie die Kinder aus dem Kinderheim in den Tod begleitete. Sie lebte, ohne Aufsehen zu erregen. Sie war jung und liebte ihren Bruder und heiratete und wurde Hausfrau, bekam zwei Kinder und entband ihren Mann von dem Treuegelöbnis, wurde nach Theresienstadt deportiert, kümmerte sich um jüdische Kinder aus Polen und teilte mit ihnen den Tod von Millionen. Verdiente sie eigentlich nicht mehr Achtung als er? Verdienten Ottla, Milena, Felice nicht mehr Achtung als er, sie, die an ihren Entscheidungen starben, während er nur seiner Unfähigkeit, sich zu entscheiden, zum Opfer fiel? Jetzt plötzlich standen die drei Frauen im Mittelpunkt seiner Geschichte, und es schien, als sollte sein Ruhm nur dem einzigen Zweck dienen - ihre Lebensspuren nicht verwehen zu lassen.

Sicherlich hatte sie an ihren Bruder gedacht, als sie sich freiwillig den Judenstern an die Kleider nähte und meinte, gerade dadurch seinem Andenken treu geblieben zu sein. Und während der langen Fahrt nach Polen, von weinenden Kindern umgeben, hatte sie oft das Gefühl, eigentlich nur ihm nachgefahren zu sein, als hätte er schon vor Jahren mit seinem Zeigefinger diesen Weg  als die einzige Möglichkeit für sie vorgezeichnet. Und sie wiegte sich in der Sicherheit, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben seiner wirklich würdig zu sein. 

Und er? Hätte er das gleiche getan wie sie? Hätte er sich nicht doch lieber gedrückt, die Angst vor der Ehe plötzlich überwunden und vielleicht im letzten Augenblick die Flucht in die Ehe, die ihn hätte retten können, ergriffen, während sie sich lieber scheiden ließ, um ihren Mann und die Kinder nicht in ihr Schicksal hineinzuziehen? Konnte man sich ihn überhaupt vorstellen, wie er sich für die verlausten Kinder aus Polen Spiele ausdenkt, sie in der fahrenden Hölle des Güterwaggons tröstet und ihnen dann im Vorraum des Duschraums beim Ausziehen hilft?

Aber merkwürdigerweise war es so, daß man ihm sogar das, was seine Schwester getan hatte, zugute hielt, als hätte er sein Leben geopfert und nicht sie.

Jetzt begriff ich auch, warum die Ärztin sich so auffallend zurückhielt und nie über ihren berühmten Verwandten sprach oder seinen Namen erwähnte, so daß die meisten Menschen in ihrer Umgebung nichts von ihrer Verwandtschaft mit dem großen Schriftsteller wußten. Sie hätte doch, wenn sie nur gewollt hätte, ihr ganzes Leben auf der Verwandtschaft mit ihm gründen können! Sie nahm aber an keiner Veranstaltung  teil und überließ auch die Verwaltung des Nachlasses ihren anderen Angehörigen. Denn für sie gab es nur einen Menschen in dieser Geschichte, der wirklich verehrungswürdig war - ihre Mutter. Und ich konnte mir vorstellen, daß die Ärztin die allgemeine Verehrung ihres Onkels sogar mit einer gewissen Unbehagen verfolgte und als Unrecht ihrer Mutter  gegenüber empfand. Denn war es letztlich nicht so, daß sich als seinem Ruhm dienlich auch der größte Pogrom der Geschichte erwies, in dem ihre Mutter, seine Lieblingsschwester, den Tod fand?

Aber es ging auch um ihn in diesem Streit! Denn wenn das Werk mehr als das Leben zu gelten hatte, dann gab es auch keine Gnade für ihn, den armen kleinen Franz, um die er mit seinem ganzen Werk doch unaufhörlich gebettelt hatte. Dann war es nur richtig, ja sogar lobenswert, jenes harte Anfassen des zerbrechlichen Kindes, jedes Zerquetschen des Lebens gerechtfertigt, wenn nur ein Werk daraus entstand. Wenn aber dem Leben der Vorrang gebührte, dann war er zu bedauern, dieser tief verschreckte Mensch, der, wenn schon keinen Platz im Leben, so  doch einen in der Literatur fand. 

Ich ging zurück ins Haus und schrieb die ganze Geschichte noch in der Nacht nieder. Ich fühlte mich schwach und unsicher wie nach einer langen Krankheit, aber irgendwie doch befreit. Als ich fast fertig war, fielen mir die Pferde ein, die damals im Stall des alten Forsthauses so genüßlich ihr Heu gekaut hatten. Jetzt schien es mir, daß nur das teure Heu, mit dem auch sie an dem Ruhm partizipierten, das Werk hätte rechtfertigen  können; und durch die Verwandlung der Grashalme in die Kraft des Pferdes das Leben wieder Besitz über die Kunst ergriff.

 

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Advent 1

1.12.2021 "Außerhalb der Meinung der anderen gelangen" - dieser Handke Satz aus dem "Gewicht der Welt" belebt mich. Den ruhig besonnten Begegnungsraum schaffe ich - in mir - zwischen den ziehenden Gedanken.

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"... und ich muss jetzt wieder weiter, weil mein Herz aus Freilandhaltung stammt." Danke Wortfront für dieses Lied, es begleitet mich,