Victoria Amelina – 31. März 2022

Alles ist teurer als ukrainisches Leben
Alles ist teurer als ukrainisches Leben,
Edition fotoTAPETA/ Flugschrift

Aus dem Englischen Von Anselm Bühling
Texte über Westsplaining und den Krieg
S. 46. - 49, “ALLES IST TEURER ALS UKRAINISCHES LEBEN”
Edition FotoTAPETA herausgegeben von Aleksandra Konarzewska / Schamma Schahdat / Nina Weiler
ISBN 978-3-949262-29-6, Berlin 2023


Erstveröffentlichung des Originaltextes: Victoria Amelina, “Cancel culture vs. execute culture: Why Russian manuscripts don’t burn, but Ukrainian manuscripts burn all to well”
Eurozine,
31. März 2022


 

Victoria Amelina (1986 – 2023) war eine ukrainische Schriftstellerin, Essayistin und Menschenrechtsaktivistin. Romane: Herbst-Syndrom oder Homo compatiens und Ein Haus für Dom. Sie gewann den Joseph-Conrad-Literaturpreis und war Finalistin für den Literaturpreis der Europäischen Union. Sie war Mitbegründerin des New York Literary Festivals, das in einer kleinen Stadt namens New York in der Region Donezk stattfindet. Aufgrund der russischen Invasion im Jahr 2022 hatte das Team anstelle des Festivals die Initiative „Fight Them with Poetry“ ins Leben gerufen, um die ukrainische Armee bei der Verteidigung der Region zu unterstützen. Victorias Prosa, Gedichte und Essays wurden ins Englische, Polnische, Italienische, Deutsche, Kroatische, Niederländische, Tschechische und Ungarische übersetzt. Seit 2022 arbeitete Amelina mit  ukrainischen Teams zusammen, um russische Kriegsverbrechen zu dokumentieren. Zuletzt arbeitete sie an einem Sachbuchprojekt War and Justice Diary. Victoria Amelina starb an ihren Verletzungen, nachdem eine russische Rakete ein Pizzarestaurant in der Stadt Kramatorsk getroffen hatte. 

Im Oktober 2017 sandte mir Christian Weise diese beiden von ihm aus dem Ukrainischen übersetzten Passagen der ukrainischen Autorin Victoria Amelina  per Mail zu. Mit Genehmigung der Autorin wurden diese Passagen auf dem Zeitzug publiziert. Nach einem halben Jahr bat mich Christian Weise diese wieder offline zu stellen "auf Verlangen des deutschen Verlags". Nach dem Tod der Autorin erfahre ich von Christian Weise, dass das Buch in deutscher Sprache nie veröffentlicht wurde. Daher ist der Beitrag seit 5.7.2023 wieder online.

Prag, 5. Juli 2023, Milena Findeis


 

CANCEL CULTURE vs. EXECUTE CULTURE

 

Statt über den Umgang mit der russischen Kultur zu debattieren, sollten westliche Intellektuelle darüber sprechen, wie die nächste Hingerichtete Renaissance* verhindert werden kann. Für UkrainerINNEN ist die sowjetisch-russische Säuberung ihrer nationalen Intelligenzija in den 1930er Jahren mehr als nur Erinnerung.

 

Während die UkrainerINNEN ihr Land seit einem Monat gegen eine atomare Supermacht verteidigen, diskutiert die Kultur-Community im Westen darüber, ob die Beziehungen zu Russland abgebrochen werden sollten. Man könnte die Frage stellen, wer hier wohl erschöpfter ist. Westliche Intellektuelle suchen nach guten RussINNen, die sie vor dem bösen Russland “retten” können – vielleicht deshalb, weil es schwieriger ist, ukrainische KünstlerINNEN zu “retten”.

Ich bin laut Wikipedia eine preisgekrönte ukrainische Schriftstellerin, aber gerade verbringe ich meine Tage als Freiwillige in einem humanitären Hilfszentrum in Lwiw. Trotzdem kann ich nicht umhin, die Absurdität solcher “Rettungsaktionen” zu registrieren.

Nachdem etwa die russische Ballerina Olga Smirnowa jahrelang für die mörderische Elite ihres Landes getanzt hatte, prangerte sie plötzlich den Krieg an und verließ Russland, um lieber beim Niederländischen Nationalballett zu tanzen.

Anders erging es dem ukrainischen Ballettstar Artem Dazyschyn. Er starb nach einem russischen Bombenangriff auf Kyjiw. Sie werden Artem nicht mehr auf der Bühne erleben.

Nachdem die russische Propagandisten Marina Owsjannikowa jahrelang Fanke News produziert hatte, die die russische Aggression verteidigten, tauchte sie plötzlich für einige Sekunden mit einem Plakat mit der Aufschrift “Nein zum Krieg” auf dem Bildschirm auf und gewann Millionen von UnterstützerINNEn.

Die ukrainische Journalistin Oleksandra Kuwschynowa starb, als ihr Fahrzeug am Stadtrand von Kyjiw, wo sie ihr Leben riskierte, um der Welt die Wahrheit zu berichten, unter russischen Beschuss geriet. Sie werden sie nicht mehr auf dem Bildschirm sehen.

Nachdem russische AutorINNen Bücher geschrieben haben, die den Geist des Imperiums atmeten, die russische Geschichte schönfärbten und den nächsten Massenmord an UkrainerINNen inspirierten, möchten sie nun gern als VertreterINNEN des “anderen Russland” gesehen werden und die Unterstützung der Welt gewinnen. Aber sind Autoren wie Boris Akunin bereit, die russlandkonzentrierte Sicht auf die osteuropäische Geschichte nicht weiter zu fördern und die unbestreitbare Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine sowie den Anspruch der dort ansässigen Krimtataren als Teil der ukrainischen Nation anzuerkennen?

Der Filmregisseur und ehemalige politische Gefangene Oleg Senzow, der von der Krim stammt, und die Romanautoren Artem Tschech und Artem Tschapaj dienen den ukrainischen Streitkräften. Der Dichter Serhij Zhadan bleibt im belagerten Charkiw, um seine MitbürgerINNEN zu unterstützen. Viele weitere ukrainische SchriftstellerINNEN haben die lange und gefährliche Reise in den Westen des Landes auf sich genommen, nachdem sie mit ihren Kindern Wochen in Kellern und Luftschutzbunkern verbrachten. Sie alle haben Dinge erlebt, die sie noch nicht beschreiben können; sie sind noch zu aufgewühlt vom Eindruck der apokalyptischen, mit den Leichen ihrer Nachbarn übersäten Schauplätze.

Und doch werden sie immer wieder eingeladen, an russisch-ukrainischen Gesprächen über den Frieden teilzunehmen. Wir müssen nicht nur den Massenmord und die Zerstörung unseres ukrainischen Erbes erleben, sondern auch die Debatte darüber, ob die Welt die kulturellen Verbindungen zu Russland abbrechen sollte.

Ich habe zu dieser russlandzentrierten Diskussionen nichts beitragen; ich will einfach nur, dass sie aufhört.

 

*

 

Die Debatte über den Boykott der russischen Kultur ist nicht das, was westliche KünstlerINNEN und Intellektuelle  jetzt beschäftigen sollte. Zumindest dann nicht, wenn ihnen irgendetwas an Europa und Menschenrechten, Würde und Solidarität als europäische Werte liegt.

Denn während die Welt darüber debattiert, ob sie KünstlerINNEN und SchriftstellerINNEN, die Russland inmitten des wirtschaftlichen Zusammenbruchs plötzlich verlassen wollen, canceln oder willkommen heißen sollte, geht sie über die entscheidende Frage hinweg: Wird es Russland gelingen, die ukrainische Kultur ein weiteres Mal hinzurichten?

Vor der großflächigen Invasion, als die Bedrohung schon in der Luft lag, dachte ich immer an die “Hingerichtete Renaissance” der Ukraine. In den 1930er Jahren ermordete das sowjetrussische Regime die Mehrheit der ukrainischen SchriftstellerINNEN und Intellektuellen. Die wenigen Überlebenden waren verängstigt und unfrei. Und es war nicht das erste Mal, dass die ukrainische Elite ausgelöscht oder gezwungen wurde, sich an die russische imperiale Kultur zu assimilieren.

Die Säuberungen und die jahrhundertelange, unvorstellbare Bedrängnis sind der Grund dafür, dass man wenig von großer ukrainischer Literatur, Dramatik und Kunst hört. Wenn Sie auf die Karte Europas schauen, sehen Sie hier Dante und dort Shakespeare, aber da, wo die ukrainische Kultur sein sollte, damit Europa ganz und unversehrt ist, klafft eine riesige Lücke.

Jetzt besteht die reale Gefahr, dass die Russen eine weitere Generation ukrainischer Kultur erfolgreich hinrichten – diesmal durch Raketen und Bomben.

Für mich würde das bedeuten, dass die meisten meiner FreundINNeN umgebracht werden. Für einen durchschnittlichen Menschen aus dem Westen würde es nur bedeuten, niemals ihre Gemälde zu sehen, niemals ihre Gedichte lesen zu hören und niemals die Romane lesen, die sie erst noch schreiben müssen.

“Manuskripte brennen nicht”, sagt der Teufel in Michail Bulgakows Meister und Margarita. Danach wendet er sich seinem Diener, einem Kater zu: “Komm, Behemoth, gib mal den Roman her.”** 

Russische Manuskripte brennen nicht; das mag stimmen. Aber UkrainerINNEN können darüber nur bitter lachen. Es sind imperiale Manuskripte, die nicht brennen; unsere tun das sehr wohl.

Haben Sie das Buch Die Waldschnepfen des ukrainischen Schriftstellers Mykola Chwylowyj  gelesen? Ich auch nicht. Und der Teufel aus dem russischen Buch hilft uns hier nicht weiter. Der zweite Teil des Manuskripts wurde von Russen zerstört und alle Exemplare der ukrainischen Zeitschrift, die ihn enthielten, wurden beschlagnahmt. Es wurde kein einziges Exemplar gefunden.

Die Zeitschrift wurde 1933 beschlagnahmt, im selben Jahr, in dem Chwylowyj in Charkiw starb. Zu dieser Zeit wurden alle Lebensmittel der Ukrainer in der Umgebung der Stadt vom Regime konfisziert. Millionen starben im Holodomor, der heute als Völkermord anerkannt ist. Das “kleinere” Verbrechen, die Zeitschrift zu beschlagnahmen und ein weiteres Werk der ukrainischen Literatur zu vernichten, blieb jahrelang unbemerkt. Die meisten, die davon wussten, wurden hingerichtet.

 

*

 

Ukrainische Leben, Gemälde, Museen, Bibliotheken, Kirchen und Manuskripte brennen. Sie brennen jetzt.

Vielleicht ist es also an der Zeit, nicht mehr darüber zu debattieren, ob die Welt der imperialen russischen Kunst und Literatur “verzeihen” sollte, sondern darüber, wie sich verhindert lässt, dass eine der Kulturen Europas einmal mehr das Opfer einer Hingerichteten Renaissance wird.

Ich habe mich nie für Cancel Culture begeistert. Aber vielleicht ist ja die Execute Culture, die die Russen mehrfach an freien UkrainerINNEn praktiziert haben, etwas, das die Welt stoppen möchte, bevor es wieder zu spät ist.


* Auf Deutsch auch "Erschossene Wiedergeburt" genannt (Ukrainisch: Rosstriljane widroschennja)
** Michail Bulgakow, Der Meister und Margarita, aus dem Russischen von Thomas Reschke, München 2012, S. 285

Aktuelle Textbeiträge

Tagesrandbilder

Vinossage

Vinossage

14.6.2024 Das erhobene Glas/ umblätternde Hände/ stotternde Wörter/ von der Werbung überfließende Vernetzung bekannter Namen/ von Kunst lebende Institutionen

Zwischen (W) Orte

Gescheit/er/t

Gescheitert

2024 - Kafkat & Milovat*