Andrij Ljubka

Dichter, Essayist, Kritiker

Geboren am 3. Dezember 1987 in Riga. Autor „Acht Monate Schizophrenie“ (2007, Lyrik) und „Terrorismus“ (2008). Seine Gedichte erschienen u.a. in „Kyivska Rus“, „SCHO“, „Vsesvit“, „Der Zug– 76“, „Korzo“, „Kryv – bas Kurrier“ u.a. Teilnehmer an vielen ukrainischen und europäischen Literaturfestivals. Laureat des Literaturpreises „ Debüt“ (2007). Übersetzungen in Ungarisch, Tschechisch, Portugiesisch, Deutsch, Russisch und Polnisch.

 

andrij-ljubkaWahrheit
Gedichte sind misslungene Selbstmordversuche,
Der Regen beginnt mit der Wolke, der Tod beginnt mit
Dem Herbst, du beginnst mit mir,
Die Uhr zu verfolgen ist wie das Durchstoßen des Grases,
Nie werde ich vergessen, wie du im Dunkeln getanzt hast,
Erschöpft und ohne Musik, nie vergesse ich diesen Herbst, die Klinge, die
Venen, die Schlinge, wie ein Messer deine Zunge auf meinem Hals.

Herrenlose Hunde versorgen, vergilbte Zeitungen
Vorlesen, die Haare bürsten. An irgendeiner Stelle das Evangelium
Aufschlagen, lange lesen, lange laut lesen,
Als wäre ich
Zu Beginn unserer Zeitrechnung über die Erde gegangen, als hätte
Ich die Apostel belogen, als hätten sie mich
Gekreuzigt.

Sich mit Dichtern, allen möglichen Künstlern-Bildhauern-
Schauspielern unterhalten, die politischen Ereignisse verfolgen,
Als wäre der Fernseher ein riesiges Fenster in den Raum.
Irgendwie lasse ich mich am liebsten vor kargen Landschaften
Fotografieren, im Herbst zum Beispiel, ich bedauere, dass
Man keine Gerüche, keine Dinge außerhalb des Bildausschnittes fotografieren kann.
Darum muss ich sie beschreiben, lange Wortfäden
Auf Standardseiten hinunterlassen, ich muss viel
Trinken, um zu schreiben, einfach viel trinken, einfach
Viel schreiben.

Nie werde ich vergessen, wie du im Dunkeln getanzt hast, denn
Der Regen beginnt mit der Wolke, der Tod
Beginnt mit dem Herbst, du beginnst mit mir.

Ich finde dich in meinen Erinnerungen wie auf entwickelten
Filmstreifen, am häufigsten sehe ich dich, wenn ich im
Dunkeln bin (wenn ich schlafe zum Beispiel), am häufigsten sehe ich
Dich im Dunkeln tanzen: ohne
Musik, erschöpft, aber glücklich.

Liebst du mich? fragt dich Jesus
Und haut Van Gogh ein Ohr ab.

Um mein Leben zu ändern, trete ich hin und wieder zum Islam über
Oder einer kommunistischen Partei bei,
Gebe mich primitiven Vergnügungen hin, verzichte fast völlig
Auf Drogen, lebe sexuell enthaltsam, denke daran,
Wie Du im Dunkeln getanzt hast. Außerordentlich viel Mühe
Gebe ich mir mit der Zubereitung von Essen, dem Sammeln von Laub,
Von Eicheln, grabe sorgfältig an den jungen Bäumen um, der Regen
Beginnt mit der Wolke, der Tod beginnt mit dem Herbst,
Du beginnst mit mir.




Lenin – das Wort, das mich in Stücke reißt,
Lenin – das ist besser als Ecstasy, Lenin, der
Mehr Bücher verfasst hat, als ich in meinem Leben gelesen habe.
Also, Lenin – ein Wort nur, und schon sind wir bereit wie ein Sturm,
Lenin steht unerschütterlich im Rauch der Revolution wie meine morgendliche Erektion,
Lenin ist der Patron meines Volkes und jeder fortschrittlichen Gesellschaft,
Wladimir Uljanow, der mir mit kolumbianischen Revolutionären im
Traum erscheint
Und mit einem Panzerzug, nach dem ich meine Kinder und Straßen benenne,
In dessen Namen ich um Vergebung der Sünden bitte, Blumen werde ich zu seinem
Denkmal tragen.
Ich träume und sehe: in Gewitternächten schreiben meine älteren Kollegen Lenin-
Romane,
Sonettzyklen, philosophische Traktate über seine Ideologie.
Oh Lenin, wie furchtbar, ich träume und sehe: vor zwanzig Jahren hält mein Dekan
Seine Brust hin für die Ideale
des Komsomol, er bekommt einen Schlag auf die Brust, was soll diese Schwäche, schreit
Lenin,
Schlagen wir mit der eisernen Faust des Bolschewismus auf alle Dekane ein, schreit unser
Prophet
und
Sein Schrei versinkt im Himmel über den Brotkombinaten, was soll diese Schwäche, schreit
der Prophet und
Sein Schrei versinkt in den Hochöfen, die das Eisen für die Sowjetrepubliken –
China und Kuba – schmelzen,
Was soll diese Schwäche, schreit der Prophet, und sein Schrei versinkt in meinem Kopf.
Ich verstehe tatsächlich nicht, was diese Schwäche soll und wieso sie den Komsomolzen nur 
eins auf die Brust gegeben haben,
wo sie doch
Deine unsterbliche Idee in den Dreck gezogen haben, wieso sind die immer noch
am Leben, wohin blicken
die revolutionären Trojkas?
Über dein Leben, Lenin, schreibe ich ein Neues Testament oder mindestens
Einen Abschnitt in meinem LJ, Lenin, ich würde sterben für eine Berührung,
einen Blick, deinen Geruch.

Na, also, auch ich habe ein Lenin-Gedicht verfasst, aber wo bleiben meine Preise, wo bleibt
Mein Ruhm, warum fehlen meine Gedichte in den Literaturlehrbüchern?
Die Literaturlehrbücher sind auch ohne mich rotzschlecht, denke ich.
Ich drehe mich zur Wand und versuche einzuschlafen:
Keine Preise, kein Ruhm, keines meiner Gedichte in den ohnehin rotzschlechten
Literaturlehrbüchern.



Errorismus

Für Olga Luzyschyna

Gedichte, lang wie Frauenorgasmen, ebenso
Wehrlos; und unerwartet wie die Überfälle der Tataren.
Ein Zimmer, von Kälte erfüllt, eine Weltkarte, ähnlich einer
Liebeserklärung, ein schmutziger Fußboden,
Eine Steckdose und Schränke.
Leben ist sich jeden Spiegel zu erspähen.
Mir genügt ein Wink, dass meine Radare deine Spur einfangen,
Mir genügen zwei Leben, um durchzukommen, es genügt mir,
Bis zum Morgen zu kommen, um dich zu entdecken, mir genügt
Eine Flasche, um den Engel zu befragen, mir genügen zwei, um einzuschlafen.
Wir kommen nicht in die Morgenzeitungen, uns fangen keine Radiowellen ein,
Das Vergangene ist nicht das, was wir erlebt haben, sondern was wir noch wissen.
Das Beste über uns steht im Nachruf, unsere beste
Tat ist der Tod, am besten lieben wir, indem wir die Liebe lieben.
Wir brechen nachts auf, um den eigenen Schatten nicht zu fürchten, wir werden
Musik hören, um nicht zu erfrieren, werden
Unsere Lieblingsdichter durchgehen wie die letzte Munition.
Der Morgen ist so sonnig, dass man melken möchte
Und nicht sterben, der Tau ist so kalt, dass man barfuß gehen möchte,
Der Kaffee so aromatisch, dass man ihn atmen möchte.
Wir steigen ins Flugzeug, stellen den Zünder ein.
Vor der Explosion küssen wir uns.



Tytschyna und Rylskyj

Drehen wir einen Film mit zwei Handlungen.
Die erste spielt Anfang des letzten Jahrhunderts in Kiew,
Die zweite heute in einem Wohnheim in Uzhgorod.
Also, es ist drei Uhr nachts, Tytschyna und Rylskyj sitzen zusammen und saufen,
Erzählen sich schmierige Witze, sprechen über die aktuelle Literaturdiskussion, dann
Kommen sie vom Thema ab und trinken weiter.
Zur selben Zeit kann ich, verdammt, in einem Wohnheim in Uzhgorod nicht tun, was mir Wirklich Spaß macht, nicht schlafen, verdammt, ich habe morgen auch ein
Gespräch über die aktuelle Literaturdiskussion, mich erwartet das Jüngste Gericht – ich lerne
Für die Prüfung.
Pawlo Hryhorowytsch Tytschyna bringt einen Toast aus – ich gehe aufs WC.
Ich sitze mit einem Buch auf der Toilette – morgen habe ich Prüfung, Rylskyj erzählt
Etwas
Von Hexametern, verdammt, ich habe noch nicht einmal die Hälfte geschafft.
Meine Zigaretten sind alle, verdammt, alles ist gegen mich:
Die morgige Prüfung, die leere Packung, die dritte Morgenstunde, verdammt,
Tytschyna und Rylskyj, ihre Hexameter, meine Schläfrigkeit, verdammt.
Ich fluche laut, rauche Zigarettenstummel auf, während
Pawlo und Maxym eine neue Flasche anbrechen, verdammt, ich habe
Morgen Prüfung, ich muss auch etwas trinken.
Wir denken alle an etwas anderes:
Rylskyj und Tytschyna an ihr nachlässig verlebtes Leben, ich –
An mein erfolglos verlebtes Semester.
Maxym Rylskyj schneidet saure Gurken in Stücke, ich spucke aus,
Ich möchte heulen, aber lieber noch trinken und schlafen, weil
ich morgen Prüfung habe und keine Zigaretten und schlafen will, verdammt.
Der Morgen bricht an, die Bolschewiki kraxeln die steilen Dnipro-Hänge hinauf,
Es flattern rote Fahnen, Tytschyna und Rylskyj gehen schlafen.
Ich schlage ein neues Buch auf, es geht um Wolodymyr Sosjura.
Ich will schlafen, verdammt, morgen habe ich Prüfung.
Der Film ist oskarreif.



Geisha, verkauf mir deine Liebe.
Das Geld genügt für zwei Stunden
Und von mir eine Hälfte.

Geisha, ich möchte, dass mein Leben die Farbe deines Lippenstiftes,
deiner Unterwäsche, deiner geblümten Taschentücher hat,
Ich will wie dein Haar riechen,
Warm sein wie deine Haut.

Geisha, verkauf mir deine Liebe, mein Leben reicht,
Um dich zu verstehen, meine Liebe genügt, um
Nicht zu weinen, mein Herz genügt, um zu sterben.

Ich will, dass du mir von deiner Kindheit erzählst, von deiner
Musik und den Armreifen, von Winnizja 2002,
Von Bahnhöfen und Nudeln, von der plötzlichen Nachricht, dass dein Vater dem Krebs erlag
    und du
Nichts vom Himmel gesehen hast, der stand wie das Wasser in der Wanne, wo du dir
die Adern aufschnittest
Wie du dann Zug gefahren bist, in den Karpaten Brombeeren gegessen und
Flusswasser getrunken hast, wie du in Heuschobern übernachtet und in Uzhgorod Halt gemacht hast,
Erzähl mir alles, ich bin ein guter, alter Schriftsteller, ich
Werde darüber schreiben.

Geisha, verkauf mir deine Liebe,
Küss mich, kratz mich, flüstere mir
Kindergedichte über die liebe Sonne, die Mama und die Blumen zu.

Du bist eine Frau für zweihundert Hryvnia.
Ich muss mich einfach verlieben.

übersetzt von Claudia Dathe
 

Weiterer Beitrag von Andrij Ljubka auf dem Zeitzug "Club der Landstreicher"