Club der Landstreicher

Andrij Ljubka

aus dem Ukrainischen übersetzt von Christian Weise

 

Patriotismus beginnt in dem Augenblick, wenn der Mensch einen Stock nimmt und damit beginnt, den steinernen verkarsteten Boden aufzubrechen, wenn er in die alte Kiste steigt, wenn er mit Neugier das Nachbarhaus oder eine verlassene Fabrik betrachtet.

 

Als Kind habe ich immer gedacht, ich lebe an einem uninteressanten, vergessenen provinziellen Ort. Gut, die Natur ist zwar manchmal schön - außer im Frühjahr und Spätherbst -, aber weiter gibt es nichts Interessantes, der Blick sucht die Turmspitze einer alten Kirche oder den Wachturm eines Schlosses am Horizont festzuhalten, überall nur Ruinen, Hütten und sprichwörtlich fluchtartig verlassene Gebäude. Die kindliche Vorstellung malte sich sonnige Tage italienischer oder portugiesischer kurzgeschorener Rabauken aus, die herumlaufen und Krieg spielen im benachbarten Kolosseum oder in mittelalterlichen Leuchttürmen am Meer. Uns blieben nur eine verlassene Ziegel-Fabrik, eine Weide, Dornenbüsche, „Schwimmbecken" am Ortsrande, in denen früher Kalk gelöscht wurde und nun große Frösche lebten. Wie bei anderer Gelegenheit Serhij Zhadan schrieb, „deshalb sind wir auch mit so einer Wut aufgewachsen".

LandstreicherAuch wenn die Tage der Kindheit lang waren und leer wie Fässer, so gelang es doch sie mit etwas zu füllen. Mit den Freunden liefen wir die Ruinen des Schlosses Kankiv im Umkreis von Wynohradiw auszukundschaften – wir planten und begannen sogar mehrere Male Ausgrabungen, die aber wie ich gestehen muß nicht länger als zwei Stunden dauerten – stiegen auf den Schwarzen Berg, der einen vulkanischen Ursprung hat, auch auf ihm kann man theoretisch Steine von interessanter Form und Farbe finden – tatsächlich aber niemals – liefen zum großen Fischweiher im Umland, wo wir aus Baumstämmen Flöße bauten und einen Mast mit einem Segel aufrichteten, um auf weite Seereise zu gehen – das Kunstwerk versank ungefähr drei Meter vom Ufer – brachen auf in den Wald und beobachteten Vögel, verglichen sie mit den Abbildungen in ornithologischen Atlanten, lernten Pilze zu unterscheiden, erforschten einen alten Weinkeller, der einst einer zahnlosen Witwe gehört hatte, tauchten in der Theiß nahe der Brücke, denn dort war angeblich während des Krieges ein Panzer untergegangen, den wir sogleich herausziehen wollten, um dann auf ihm zur Schule zu fahren. So wurde in die leeren Umrisse der Karte des Kopfes und des Herzens Meter für Meter die Geographie des Vaterlandes eingetragen.

Ich erinnere mich an unsere ganz einfache Regel, unser Gesetz: Wenn ein Baum wächst, dann geschieht das nicht einfach so, das bedeutet, man muss sofort auf ihn klettern und dann wirst Du etwas Bedeutendes sehen. Unser Herz war offen für jedes Abenteuer, für jede neue Gelegenheit, für jede Abweichung vom Weg. Geh vor Dich hin und irgendwo kommst Du an. Eine andere Wahl gab es nicht, deshalb füllten wir unsere Tage mit Ausflügen, Entdeckungen, Ausgrabungen, interessierten uns für Familiengeschichten und Gerüchte vom Hörensagen, auf denen auch der Grund von ganz Mitteleuropa ruhte: diese Erzählungen handelten von Umzügen, Untertauchen, Verstecken, Vergeltung, Rekrutierung, Nationalisierung, Tod und anderen Fluchten. Man wollte auch Geschichte über Rebellen, Rächer, Kämpfer, aber so etwas Gutes wurde in Transkarpatien verleugnet. Wir streunten in der Gegend herum, gruben jeden Stein um, der uns unter die Füße kam.

Wie groß war meine Überraschung, als ich las, dass an einem anderen Ende Europas, im Baltikum, ebenso Menschen waren, die einfach herumstreunerten. Ich wurde stark daran erinnert bei einer Biographie über Cesław Miłosz, der Mitglied des „Akademischen Clubs der Landstreicher von Wilna" war. Wie Andrzej Franaszek in seinem Buch schreibt, „... im „Akademischen Club der Landstreicher von Wilna" herrschten demokratische Regeln. Nach Miłosc vereinten die Landstreicher „Zunge rausstrecken", politisch und geistig in der Opposition zu sein. Die Landstreicher kämpften nicht so sehr um Symbole des Mittelstandes oder dem Lebensstil von Handelsreisenden, die nach Geld rennen, sie reagierten darauf mit Achselzucken oder einem ironischen Lächeln... Vor allem herrschte in dem Club der Geist der Belustigung. Bei einem ihrer Treffen knüpften die Landstreicher ihre Rucksäcke mit Schnüren zusammen und unternahmen einen Spaziergang einer nach dem anderen in einer Kette, jeder mußte sich an der Schnur festhalten. Sie hielten den Verkehr auf und marschierten so durch die Straßen, und sogar neben der Droschke, in der der Kommandant der Wilnaer Polizei saß." Aber das war alles viel später, als die Kinder herangewachsen und Studenten geworden waren, aber bis dahin ging Miłosc mit Freunden in Wilna – diesem „Jerusalem des Nordens" – so weit, wie er konnte. Er eröffnete sich die Welt, erforschte sie, nutzte, was er unter den Füßen und vor den Augen fand. Später – ich betone es noch einmal – endete dies in einer Mitgliedschaft in einer ganzen Universitätsorganisation, die mit ihrer Verschlossenheit und Rigorosität der Regeln an eine Freimaurer-Loge erinnerte. Aber das war nichts Ernsthaftes, nur eine Formung einer eigenen mentalen, politischen und in gewisser Weise staatsbürgerlichen Position, Einstellung zum Leben, Interesse für die Welt. Wie in allen intellektuellen Kreisen von Wilna gab es einen gewissen Humor und gesunden Spott, so klang beispielsweise der Nach¬name Miłosc im Club nicht so versnobt wie bei einem künftigen Nobelpreisträger: „Jajo".

Ähnliche Geschichten habe ich von vielen Menschen gehört, die in ganz anderen Teilen der Welt aufgewachsen sind. Nach ihren Möglichkeiten waren sie alle in der Kindheit Land-Streicher und durchstöberten die deutschen Burgen Transsilvaniens oder tobten herum in der Steppe der Sloboda-Ukraine. Im Inneren waren sie alle durchdrungen vom Interesse an der Welt, das Lesen von Büchern an den hoffnungslosesten Orten inspirierten Phantasie und zu Abenteuern, später formte dies Patriotismus, eine liberale Weltsicht, eine ironische Haltung gegenüber allem Vergangenen. Kurz kann man alle geistig Unruhigen, die nicht sitzen blieben am Ort ihrer gottverlassenen Löcher, und die später die Welt änderten, einfach so nennen: Club der Landstreicher.

 

andrij-ljubka
Andrij Ljubka

Andrij Ljubka, Dichter, Essayist, Kritiker, geboren am 3. Dezember 1987 in Riga. Autor „Acht Monate Schizophrenie“ (2007, Lyrik) und „Terrorismus“ (2008). Seine Gedichte erschienen u.a. in „Kyivska Rus“, „SCHO“, „Vsesvit“, „Der Zug– 76“, „Korzo“, „Kryv – bas Kurrier“ u.a. Teilnehmer an vielen ukrainischen und europäischen Literaturfestivals. Laureat des Literaturpreises „ Debüt“ (2007). Übersetzungen in Ungarisch, Tschechisch, Portugiesisch, Deutsch, Russisch und Polnisch. Übersetzt von Christian Weise. Gedichte von Andrij Ljubka auf dem Zeitzug.