David Grossman

Zum 70. Geburtstag des Schriftstellers, der die Innenwelt seines Landes erkundet

von Anat Feinberg 25.01.2024, Jüdische Allgemeine

»Dies wird ein anderer Krieg sein. Ein langer und harter Krieg. Und die Waffen werden die Hartnäckigkeit und die Geduld und die endliche Schwäche sein. Sie werden nicht standhalten.« Diese Einschätzung der Lage ist so brandaktuell, dass man sie wohl kaum in einem Roman (Das Lächeln des Lammes) vermuten würde, der bereits 1983 in Israel erschienen ist. Doch wer das beeindruckende literarische Werk des israelischen Autors kennt, den überrascht diese visionäre Kraft des ebenso wortgewaltigen wie einfühlsamen Schriftstellers nicht.

David Grossman, am 25. Januar 1954 in Jerusalem geboren, studierte Philosophie und Theaterwissenschaft an der Hebräischen Universität in Jerusalem und arbeitete dann zunächst als Redakteur im israelischen Rundfunk. Im Alter von knapp 25 Jahren debütierte er mit Erzählungen. Es folgten Theaterstücke, Romane und Kinderbücher, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Alle seine Werke liegen mittlerweile in deutscher Übersetzung vor. 2008 erhielt Grossman den Geschwister-Scholl-Preis, 2010 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Ironische Kommentare, bissige Witze

Der bislang aus literaturgeschichtlicher Sicht angesehenste Preis ist zweifellos der »Man Booker International Prize«, den er 2017 erhielt, und zwar für sein Buch Ein Pferd kommt in die Bar. Kritiker lobten an diesem ergreifend traurigen und auf grausame Weise komischen Roman nicht zuletzt die ungewohnte Sprache. Die ironischen Kommentare, die bissigen Witze des Protagonisten über den israelischen Alltag und die Politik sowie die wiederholte Verwendung von Slang spiegeln nämlich auch tiefgreifende Veränderungen in der israelischen Gesellschaft wider.

In der Dankesrede zur Verleihung des Erasmuspreises am 29. November 2022 reflektiert Grossman seine Berufung zum Schriftsteller: »Die Kunst, das Schreiben, hat mir großes Glück gebracht (…). Und auch, wenn mir das Schreiben Leid und Schmerz bereitete, war es doch ein Leid, das Bedeutung hatte, ein Schmerz, der entsteht, wenn ich die echten, die primären und für mich relevanten Stoffe des Lebens berühre. Die Literatur, das Schreiben lehrten mich das Vergnügen, etwas Zartes, Präzises zu schaffen in einer groben, düsteren Welt.«

»Wir werden der geliebten Verlorenen gedenken, aber sie nicht erstarren lassen.«
David Grossman

Es gibt Werke, welche die literarische Landkarte einer Nation verändern. Grossmans Roman Eine Frau flieht vor einer Nachricht zählt zweifellos zu diesen raren Büchern. Es ist ein Versuch, in das Herz der israelischen Existenz vorzustoßen und die Innenwelt des israelischen Lebens zu erkunden. Ein totales Werk, das im Zeitalter des Post- und Antizionismus den Alltag im Schatten von Kriegen und unendlichem Leid vor Augen führt.

Im Mittelpunkt stehen eine Frau und zwei Männer: Ora, ihr Ehemann Ilan und dessen langjähriger Freund Avram, der gleichzeitig ihr Liebhaber und der Vater ihres Sohnes Ofer ist. Der gemeinsame Lebensweg der drei Protagonisten seit dem Sechstagekrieg wird im Rückblick vor allem aus Oras Sicht erzählt. Der pessimistische Tenor des Romans ist unverkennbar. »Es ist sehr schön zu sagen: ›Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen‹«, zitiert Avram den berühmten Satz Theodor Herzls und fügt sogleich hinzu: »Und was, wenn einer aufhört zu wollen? Wenn er keine Kraft mehr hat zu wollen? Wollen, ein Märchen zu sein?«

Einige Jahre nach dem Tod seines Sohnes im Libanonkrieg 2006 legte Grossman sein bisher persönlichstes Buch vor: Aus der Zeit fallen. Ein Mann zieht klagend um die Stadt, auf der Suche nach seinem toten Sohn. Viele schließen sich ihm an, stimmen in seine Trauer ein, weil auch sie ein Kind verloren haben. Zusammen bilden sie einen vielstimmigen Chor, der all die Fragen stellt, die jeden Menschen beim Tod eines Angehörigen bewegen. An dieses stark autobiografisch geprägte literarische Werk knüpft nicht von ungefähr die Trauerrede an, die er jüngst in Tel Aviv für die über 1200 Terroropfer des 7. Oktober 2023 hielt: »Von jetzt an wird alles – oder fast alles – mit Schmerz beladen sein, wird alles Erleben binär werden: null oder eins. Sein oder Nichtsein. Tief im Inneren werden wir ihrer gedenken, der geliebten Verlorenen. Aber wir werden sie nicht erstarren lassen. Erstarren, Versteinerung bedeutet Tod, in der Bewegung aber liegt Leben.«

In der Kunst existieren Leben und Verlust nebeneinander

Vor genau zehn Jahren stellte ich David Grossman in einem Interview für die Jüdische Allgemeine die Frage, ob der Zionismus in seinen Augen versagt habe. Seine Antwort lautete: »In meinen Geschichten habe ich immer auch versucht, das außergewöhnliche Leben in Israel zu beschreiben. Um dort allein schon die einfachsten Alltagstätigkeiten zu erledigen, muss man die Angst überwinden und die Gewalt um einen herum ignorieren. Unser Leben im jüdischen Staat ist eine permanente Existenz am Rande eines Abgrunds. Das hat mehrere Gründe, vor allem aber die geopolitische Lage Israels. Wie man sich denken kann, ist das als Bürger alles andere als angenehm.«

In einer Rede, die ebenfalls in seinem neuesten, im Hanser-Verlag auf Deutsch erscheinenden Buch (Frieden ist die einzige Option) enthalten ist und die er im Sommer 2023 hielt, gibt er nicht dem Zionismus Schuld an der gegenwärtigen Entwicklung und dem scheinbar unlösbaren politischen Konflikt. Er klagt stattdessen die israelischen Politiker an, die die palästinensische Frage seit Jahrzehnten ignorieren und sogar noch Öl ins Feuer gießen.

Worin liegt das Geheimnis von Grossmans beeindruckender Kreativität? Auf diese Frage gab mir der Schriftsteller vor zehn Jahren folgende Antwort. »Das Leben ist sozusagen durch eine Barriere vom Tod getrennt. Wir wissen nicht, was sich auf der anderen Seite befindet. Kein Mensch war bisher dort und kam danach zurück. Aber selbst ich als nichtgläubiger Mensch fühle, dass wir durch die Kunst zumindest an der Außenseite dieser Barriere kratzen können. Im Grunde genommen ist die Kunst der einzige Ort, an dem Leben und Verlust nebeneinander existieren können.«


 

Ende Dezember 2008


entzündete sich im Gaza eine neue explosive Mischung. Dies erinnerte mich an ein Gespräch mit David Grossman in Prag im Frühjahr 2005. Im August 2006 wurde Uri, der Sohn von David Grossman, als Soldat der isrealischen Armee getötet. Einen Tag zuvor bat David Grossman in einer Pressekonferenz diesen Krieg zu beenden.  Der Essay »Die Brieftaube des Holocaust«, wie auch die anderen in dem Buch »Diesen Krieg kann keiner gewinnen« publizierten Artikel von David Grossman haben kein Verfallsdatum.
Milena Findeis

 

Vater und Sohn

Für David Grossman

In dem befehdeten Land
nahm der Vater
den Sohn
ins Zentrum des pulsierenden Herzens
Zog ihn groß
in einer Sprache
frei von Rache
offen für das Verständnis
 
Der Hass
entfachte einen
neuen Krieg
Der von Bomben getötete Sohn
wird durch kein Geschrei
keine Träne
kein Staatsbegräbnis
lebendig
 
Der Vater
hält Andacht
fern aller Tröstungen
ruft in der Erinnerung
die sanfte Stimme
des Sohnes
Fern den Antworten
verstummen alle Fragen

(©August, 2006, Milena)

Ins Englische übersetzt von Peter Pomerantsev


David Grossman

Die Brieftaube des Holocaust



(Aus dem Buch David Grossman: Diesen Krieg kann keiner gewinnen,www.fischerverlag.de, Copyright 2003 Carl Hanser Verlag München Wien)


Januar 1995

Dieser Artikel wurde eigens für deutsche Leser verfaßt und erschien anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die sowjetische Armee am 27. Januar 1945 in der »Zeit«.

I

In der israelischen Presse wurde berichtet, Deutschland hoffe, die Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der Befreiung der Konzentrationslager symbolisierten auch eine Art »historische Versöhnung« zwischen dem deutschen und dem jüdischen Volk. Die Überlebenden in Israel protestierten empört. Das Herannahen dieses historischen Datums warf erneut mit ungeheurer Wucht die Frage nach den Beziehungen beider Völker und der Notwendigkeit – und Möglichkeit – einer Versöhnung zwischen ihnen auf.
Es fällt mir nicht leicht, mich zu dem Thema Holocaust an den deutschen Leser zu wenden. Fast immer habe ich das Gefühl, nicht präzise genug auszudrücken, was ich sagen möchte. Was schließlich dabei herauskommt, trifft nie den richtigen Ton und klingt entweder zu behutsam oder, im Gegenteil, zu überzogen. Es passiert mir häufig, daß ich in die Rolle eines Repräsentanten schlüpfe, anstatt meinem eigenen, privaten Schmerz Ausdruck zu verleihen, oder daß ich meinen Gesprächspartner behandle, als wäre er ein Repräsentant. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden sind ungemein komplex, und beide Seiten erliegen nur zu leicht der Versuchung - bewußt oder unbewußt -, sich emotionaler Manipulationen zu bedienen. Mir ist klar, wie sehr die Kränkung in mir dominiert, wenn ich an den Holocaust denke. Nicht Zorn, Haß oder Rachsucht, sondern bittere Kränkung darüber, daß man Menschen Derartiges angetan hat. Und ich weiß, daß nichts mich so sehr in den kindischen, ohnmächtigen, an sich schon erniedrigenden Zustand der Verbitterung treiben kann, wie die Kränkung.
Andererseits begegne ich hin und wieder Deutschen, die sich mit seltsamer, begeisterter Hingabe in überwältigenden, alles vereinnahmenden Schuldgefühlen suhlen, die im Grunde jedem sachlichen Dialog im Weg stehen. Vielleicht sogar einem aufrichtigen Dialog mit sich selbst. Ebenso zuwider ist mir die Art, mit der manche Israelis bei Zusammenkünften mit Deutschen auftreten. Als wollten sie sagen: »Wir werden uns niemals aus den Territorien, die wir im deutschen Gewissen besetzt haben, zurückziehen.« Beide Verhaltensweisen sind inakzeptabel. Aber gibt es einen anderen Weg? Können wir schon jetzt, nach fünfzig Jahren, den richtigen Ton für einen Dialog finden?

II

Immer wieder werde ich zu Begegnungen zwischen deutschen und israelischen Intellektuellen eingeladen. Zwei Einladungen habe ich angenommen. Ich hatte mir vorgestellt, wir müßten die schwere Last der Geschehnisse im Holocaust gemeinsam tragen. Wir, Deutsche und Juden, auf eine merkwürdig verschobene Weise gewissermaßen »Partner« bei einem entsetzlich historischen Ereignis, brauchten einander, um den Knoten,der den Seelen unserer beider Völker die Luft zum Atmen nimmt, ein wenig zu lockern.
Heute sehe ich die Dinge anders. Wir müssen miteinander reden, das ist wahr. Dieses Gespräch brauchen wir allein schon, um uns in Erinnerung zu rufen - was sogar hin und wieder in Frage gestellt wird -, daß man noch an die Menschheit glauben kann. Doch um für einen echten Dialog reif zu sein, muß, nach meinem Dafürhalten, jeder der Gesprächspartner zunächst das Gespräch mit sich selbst suchen, die »Geschichte, die er sich selbst erzählt«, von Idealisierungen und Dämonisierungen bereinigen und sich vor jeglicher Manipulation hüten. Vielleicht müssen beide Völker völlig genesen sein, um eine derartige Klarheit zu erreichen - nicht nur von den Folgen des Holocaust, sondern auch von der Abnormalität der eigenen Kultur und Geschichte, die den Holocaust ermöglichte.
Es scheint mir, daß die Israelis heute - mehr als in der Vergangenheit - bereit sind, diesen Dialog mit sich selbst zu führen, auch wenn wir uns erst am Anfang des Weges befinden. In den letzten Jahren wurden zahlreiche schmerzliche Probleme in Israel aufgeworfen, wie etwa der überhebliche Mangel an Sensibilität, wenn Israelis die Opfer des Holocaust beschuldigten, ohne Widerstand zu leisten wie die »Lämmer zur Schlachtbank« gegangen zu sein; und dann die Brutalität, mit der die in Israel Geborenen die Holocaustopfer in den ersten Jahren des neuen Staates dazu verdammten, zu schweigen, sich zu verbergen, sich für das Erlittene und auch für ihre Rettung (!) zu schämen.
Doch es bleiben andere, noch schwierigere Fragen, die wir noch nicht berührt haben: Wieso war das jüdische Volk – als Volk und als Gesellschaft – überhaupt in einer Situation gefangen, die die Vernichtung eines Drittels möglich machte, während zwischen 1917 und 1933 auch die Alternative bestand, sich ein Leben und eine politische Existenz in Erez Israel aufzubauen? Warum hatte das Volk nicht die Kraft, sich aus dem problematischen Zustand der Diaspora in Sicherheit zu bringen, bevor der Antisemitismus im Holocaust seinen extremsten Ausdruck fand? Und wie sollen wir uns heute von den tragischen Deformationen, die uns der Holocaust in so vielen Lebensbereichen und im Bewußtsein »oktroyiert«, freimachen? Deformationen, die sich beispielsweise in der allgemeinen, schon unheimlichen Unsicherheit darüber offenbaren, ob wir und unsere Kinder eine Zukunft haben, oder in dem Gefühl, daß der Tod uns noch immer wie ein Schatten begleitet und wir mitunter dazu verdammt sind, unser Leben als eine Art latenten Tod zu leben.
Und noch weitere Fragen: Wie sollen wir uns aus der Opferrolle befreien und gleichzeitig, das richtige Verhältnis zu der großen Macht, die wir derzeit haben, und unseren Aggressionen finden? Wir sollen wir mit unserer problematischen Selbsteinschätzung als »auserwähltes Volk« umgehen, wobei ein Auserwähltsein immer auch Element der Ausgrenzung und vielleicht sogar eines Fluches ist? Wie lernt ein Volk, das sich als einzigartig und außergewöhnlich betrachtet, das triviale Alltagsleben ohne Wunder oder Katastrophen zu bewältigen? Wie findet es endlich einen angemessenen Platz in der Völkerfamilie? Die Antworten auf die dringendsten Fragen werden wir nicht von den Deutschen erhalten. Sie können sie uns nicht geben. Aber können wir israelische Juden die Grundfragen beantworten, die der Holocaust und der Zweite Weltkrieg den Deutschen stellen?

III

Manchmal frage ich mich, warum die Deutschen die Anwesenheit eines Israeli bei ihren Holocaustdebaten so dringend benötigen. Brauchen diejenigen, die diese Diskussionen wollen, aber gleichermaßen auch fürchten, unsere Anwesenheit vielleicht als Triebfeder? Vielleicht erwartet der eine oder andere von den jüdischen Repräsentanten sogar unbewußt eine Art Absolution, eine Absolution, um die kein Mensch bitten und die kein Mensch gewähren darf? So wie wir die moderne jüdische Holocaustdiskussion führen müssen, müssen die Deutschen den Hauptanteil der Arbeit unter sich leisten. Die fundamentalen Fragen, vor die der Zweite Weltkrieg und der Holocaust sie stellen, stehen nicht notwendigerweise im Zusammenhang mit den Juden oder den Israelis als solchen. Die deutsche Holocaustdebeatte ist in erster Linie eine innerdeutsche. Sie berührt Fragen der Identität, des Umgangs mit der Vergangenheit, der Erziehung und der noch immer komplizierten Vorstellung von »Heimat«. Dann gibt es auch Fragen nach antisemitischen Konzepten in der deutschen Kultur und Denkweise, des Verhältnisses zu Macht und Militarismus, vor allem, wenn Deutschland zur stärksten Kraft in Europa wird und es außer den eigenen Kontrollmechanismen nichts gibt, das es aufhalten könnte. Und da ist natürlich die Frage nach der Bereitschaft und Reife für die Demokratie in ihrer tiefsten Bedeutung – nämlich anderen das Recht auf eigene Vorstellungen und Identitäten einzuräumen.
Wenn ich ich Europa bin, vor allem in deutschsprachigen Ländern, fällt mir etwas auf: Man spricht mit mir über das »das, was damals geschah«, das heißt, damals, in der Vergangenheit geschahen Dinge, die aus und vorbei sind. Aber auf hebräisch oder auf jiddisch (eigentlich gilt dies für alle Sprachen, in denen Juden über den Holocaust sprechen) spricht man niemals von »damals«. Man spricht von »dort«. Und das »dort« weist darauf hin, daß »dort« nicht nur in Deutschland, sondern im Bereich des menschlichen Verhaltens – diese Sache noch immer existent ist. Oder sich noch immer ereignet. Auf jeden Fall – nicht vorbei ist. Und gewiß nicht für uns.
Denn wir Israelis haben beinahe keine Wahl. Es wird uns immer klarer: Je mehr Zeit vergeht und je näher wir die Tatsachen an uns heranlassen können, desto heftigere Wogen von Erinnerungen und Gefühlen überfluten das israelische Bewußtsein. Es ist kaum zwei Monate her, daß ganz Israel von einer Fernsehsendung gefesselt war, die von dem Versuch handelte, Juden im Krieg gegen Entgelt von den Nazis freizukaufen. Zig Sendestunden in den Medien und zahlreiche Artikel beschäftigten sich damit. Mit einem einzigen Druck auf den Knopf der Erinnerung brach der gesamte Holocaust aus uns heraus, in einer Weise und mit einer Wucht, die uns selbst überraschten. Wieder haben wir alle festgestellt, daß auch wir, die neue Generation, die sogenannten Juden, die furchtlosen, frei von den Ängsten ihrer Eltern, sich immer wieder mit dem Holocaust auseinandersetzen, ja geradezu dazu verdammt sind, in allen Lebensbereichen auf ihn zurückzukommen, in Assoziationen, in moralischen Entscheidungen, im Verhaltenskodex. Immer wieder müssen wir feststellen, daß wir, ob wir wollen oder nicht, nahezu alle gewissermaßen Brieftauben des Holocaust sind.
Israel geht mit dem Holocaust nicht immer klug um. Manchmal manipulieren wir uns auch selbst: Wir wandeln unsere Ängste in eine Weltanschauung und in ein Wertesystem. Wir idealisieren die Opfer, die wir »die Märtyrer des Holocaust« zu nennen pflegen. Wir erziehen die Jugend zu einer eindimensionalen Identifizierung, die die jüdische Erfahrung im Holocaust mit der allgemeinen Bedeutung des »Jude-Seins« gleichstellt. Zehntausende von Jugendlichen fahren Jahr für Jahr vor ihrer Einberufung in die Armee nach Auschwitz, um ihr »Wurzeln« zu suchen. Für diese nichtreligiösen Jugendlichen verwandelt sich das Holocausterlebnis zum zentralen Element ihrer nationalen Identität, das ihnen auch zum Ersatz für fehlende religiöse Identität wird. All diese Schieflagen gibt es, doch heute gibt es hier wenigstens keine Kinder, die mit den Tabuisierungen meiner Generation aufwachsen. In jenem erstickenden Schweigen, aus dem sich ab und zu entsetzliche Hinweise lösten, Schreie aus den Alpträumen unserer Eltern, Gerüchte, die unsere Vorstellungskraft überstiegen.

IV

Wir Israelis haben keine Wahl, außer uns tagtäglich mit dem Holocaust auseinanderzusetzen. Ich denke, daß es für Deutsche leichter ist, ihn zu ignorieren. Ein junger Deutscher kann es sich aussuchen, ob er sich mit der Frage nach der Vergangenheit seiner Vorfahren beschäftigt. Der natürliche Wunsch vieler Deutscher, sich von der Last der »schlechten Zeiten« zu befreien und dem Gefühl, jeder Deutsche müsse für alle Ewigkeit den Preis für die Verbrechen seiner Väter zu bezahlen, ist durchaus nachvollziehbar. Vielleicht rührt aus ihm jene peinliche Hast gewisser deutscher Politiker, zu einer überstürzten »historischen Versöhnung«, einer Art Instantversöhnung, zu finden.
Doch die dunklen Seiten, die in jenem Krieg sichtbar wurden, können nicht im Schnellverfahren aufgearbeitet werden, und sicher nicht durch Schweigen und Ignoranz. Dazu ist ein langwieriger Prozess der Identitätsbildung und der Erziehung erforderlich. Die neonazistischen Umtriebe dieser Tage zeigen, wie lebendig und verführerisch jene dunklen Seite noch heute sind. Auch die Toleranz (und die Ambivalenz?) der deutschen Regierung im Umgang mit den Neonazis legt den Gedanken nah, daß Deutschland sich in gewisser Weise noch immer am Anfang der eigentlichen Auseinandersetzung mit seinem Selbstverständnis befindet.
Ich bemühe mich, abgewogen und rational zu schreiben, und registriere, wie meine Gefühle mich überwältigen, und schon bin ich versucht, über die kleinen, konkreten Dinge zu schreiben, die mir auch fünfzig Jahre später weh tun. Über Überlebende des Holocaust, die im Golfkrieg ihre Verwandten in verstreute Teile Israels schickten, »damit wenigstens einer am Leben bleibt«, darüber, daß ich erst in der Lage war - daß ich erst wagte - nach Deutschland zu kommen, als mein erstes Buch mit meinem Namen auf dem Umschlag erschienen war, das heißt, daß ich nicht anonym, als eine Nummer, umgebracht werden konnte und auch in Deutschland ein Mensch mit einem Vor- und Nachnamen war. Oder über die wilde Urangst, die mich bei der deutschen Wiedervereinigung packte, als ich in Mainz in meinem Hotelbett lag und das Jubeln der Menge draußen hörte. Über was ich über das kurze Zögern und die Verlegenheit bei Deutschen empfinde, wenn sie das Wort »Jude« aussprechen, als wäre es noch immer ein Tabu. Oder über den Spaziergang durch den wunderbaren Englischen Garten, der ein fester Bestandteil jeder meiner Besuche in München ist. Ich gehe niemals allein. Ich bin immer in Begleitung einer ganzen Schar von Freunden - Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Elske Lasker-Schüler, Ernst Lubitsch, Franz Werfel, Alfred Döblin und Nelly Sachs. Menschen, die einmal in München gelebt haben, und andere, die nie dort gewesen sind. Ich nehme mir jedesmal ein Buch mit, das einer von ihnen geschrieben hat, oder eine Erinnerung aus einem Gedicht oder eine Szene aus einem Film. Wir spazieren gemeinsam und reden, und ich frage mich fortwährend, wie man sich wohl in dieser ganzen Schönheit als gejagtes Tier fühlen muß.
Es gäbe so viel zu sagen, doch ich merke schon, daß wieder in diese »Kränkungsfalle« abzugleiten drohe, und davor muß ich mich hüten. Fünfzig Jahre reichen nicht zum Ausheilen einer Wunde. Es ist zu früh, um »Bilanz« zu ziehen, und es gibt auch keinen zwingenden Grund, über »Versöhnung« zu sprechen. Schließlich gibt es heute keinen »Streit« zwischen Israelis und Deutschen. Im Gegenteil, in fast allen Bereichen bestehen weitverzweigte Beziehungen, es gibt Annäherung und gegenseitige Neugier. Doch in dem tragischen Berührungspunkt klafft die Wunde noch. Kein Mensch hat die moralische Autorität, diese Wunde mit falschen Bandagen aus Zeremonien und Erklärungen zu verbinden. Kein Mensch hat das Recht, das Datum für den Beginn der Vernarbung festzulegen, mit dem heimlichen Wunsch, damit auch den Stichtag für das Auslaufen der Verantwortung festzusetzen. Der Weg, der von uns liegt, ist noch lang.

Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling 

 

 

 

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