Unser Mut zu einem
ganz neuen Anfang
02.08.2025 Der preisgekrönte israelische Schriftsteller David Grossman hat die Militäroffensive seines Landes im Gazastreifen erstmals als „Genozid“ bezeichnet. Er habe es lang vermieden, die Bezeichnung „Genozid“ zu verwenden, sagte der Autor und Friedensaktivist in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Repubblica“. „Doch nun, nach den Bildern, die ich gesehen habe, und nachdem ich mit Menschen gesprochen habe, die dort waren, kann ich nicht anders, als es zu verwenden.“
Er verwende den Terminus aber mit „unermesslichem Schmerz und einem gebrochenen Herzen“. Zuletzt war der internationale Druck auf die israelische Regierung unter Premier Benjamin Netanjahu gestiegen, den Menschen in Gaza den Zugang zu Hilfsgütern zu erleichtern. Die UNO warnt vor einer unmittelbar bevorstehenden Hungersnot.
„Etwas sehr Schlimmes passiert mit uns“
„Dieses Wort ist wie eine Lawine“, so Grossman, der sich seit Jahrzehnten für eine Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einsetzt. „Einmal ausgesprochen, wird es einfach größer wie eine Lawine. Und es sorgt für mehr Zerstörung und Leid.“ Das Wort „Genozid“ in Zusammenhang mit Israel und dem jüdischen Volk auszusprechen, „die Tatsache, dass dieser Vergleich überhaupt angestellt wird, zeigt uns, dass etwas sehr Schlimmes mit uns passiert“.
Auf die Frage, warum in Israel nicht mehr Menschen gegen das Vorgehen in Gaza protestierten, verwies er auf die Folgen des Hamas-Anschlags am 7. Oktober 2023: „So viele Menschen, die ich kenne, haben seit diesem Tag unsere gemeinsamen linken Werte aufgegeben, sie haben der Angst nachgegeben; und plötzlich wurde ihr Leben einfacher, sie fühlten sich von der Mehrheit willkommen, sie brauchten nicht mehr zu denken. Ohne zu merken, dass man außerhalb Israels umso isolierter und verhasster ist, je mehr man der Angst nachgibt.“
Trauerrede für die Terroropfer
am 16.11.2023 in Tel Aviv
David Grossman
Aus dem Hebräischen von Helene Seidler
Seit jenem Schabbat, an dem Hunderte Männer, Frauen, Babys, Kinder und alte Menschen ihres Lebens beraubt wurden, sind vierzig Tage vergangen. Trunken vor Hass und Bösartigkeit schlachteten Hamas-Terroristen ganze Familien in ihren Häusern ab, Eltern vor den Augen ihrer Kinder, Kinder vor den Augen ihrer Eltern. Sie vergewaltigten, sie mordeten. Mit der Lust von Jägern verfolgten sie unschuldige, tanzende junge Leute und auf diese an, als wären sie Ziele in einem Computerspiel.
»Hier liegen unsere Körper, in einer langen, langen Reihe«, schrieb der Dichter Haim Gouri während eines anderen Kriegs – oder sollte es immer noch ein und derselbe nicht enden wollende Krieg sein? – »hier liegen unsere Körper, in einer langen, langen Reihe, unsere Züge sind andere geworden. Aus unseren Augen schaut der Tod.«
Ja, unsere Züge sind andere geworden. Die, die wir einmal waren, werden wir nie wieder sein. Die Bilder der Gräuel, die Fratzen des Hasses, denen wir ausgesetzt waren – so etwas sieht ein Mensch nicht, ohne ein anderer zu werden. Als hätte sich inmitten der Realität ein Strudel aufgetan und uns eingesogen. Dem gegenüber stehen Heldentum und Opferbereitschaft, stehen Taten, die Menschen um anderer Menschen willen vollbracht haben. Wir hören von der unfassbaren Kühnheit junger Leute, die im wahrsten Sinne des Wortes dem Bösen ihr Leben entgegengeworfen haben, um andere zu retten. Um die Familie, das Haus, den Kibbuz und oft auch Unbekannte zu beschützen. Immer wieder riskierten Männer und Frauen mit unerhörtem Mut ihr Leben. In einer Sekunde, mit einer Tat: Manche warfen sich auf scharf gemachte, von den Terroristen in frei stehende Bunker oder häusliche Schutzräume geworfene Handgranaten, wodurch andere Schutzsuchende verschont blieben. Solche Akte bringen unsere Sicht auf die Welt, die wir als zynisch, selbstsüchtig, utilitaristisch wahrnehmen, gründlich ins Wanken.
Seit dem 7. Oktober denke ich viel über diese Menschen nach. Im Alltag mögen wir auf der Straße an ihnen vorübergegangen sein, nun aber wurden sie plötzlich aus der banalen Routine gerissen und vor die schwerste Prüfung gestellt, vor der man überhaupt stehen kann, der Prüfung auf Leben und Tod.
Wir sind heute hier versammelt, um zu erzählen, um zuzuhören, um der Toten zu gedenken. Um das offizielle Gedenkgebet Jiskor (»Gedenke!«) umzuwandeln in Niskor: Wir werden gedenken. Einer Welt, die durch den Verlust unserer Lieben verloren gegangen ist. Mit dem Verlust eines jeden geht eine ganze Welt verloren, man könnte auch sagen, eine ganze Kultur, eine zutiefst private Kultur, eine familäre Minizivilisation mit ihren intimen Erinnerungen, ihren kleinen Insider-Scherzen, den ihnen eigenen Empfindlichkeiten, den besonderen Augenblicken von Güte und Fülle – all dies nun für immer dahin.
Das heißt, ganz und gar dahin ist es nicht, aber es wird von nun an nur noch im Echoraum des Verlusts erfahrbar sein. Da ist hart. Daran muss man sich erst gewöhnen: Von jetzt an wird alles – oder fast alles – mit Schmerz beladen sein, wird alles Erleben binär werden: Null oder Eins. Sein oder Nichtsein. Tief im Inneren werden wir ihrer gedenken, den geliebten Verlorenen. Aber wir werden sie nicht erstarren lassen. Erstarren, Versteinerung bedeutet Tod, in der Bewegung aber liegt Leben. Wir werden uns an ihre Gesichter erinnern, an ihr Mienenspiel, an ihre Freudenbekundungen, an den lebendigen Fluss ihrer Bewegungen, an ihr Lachen, an ihr Leid. An ihre Stimmen, an das Blitzen ihrer Augen. An Menschen und Dinge, die sie wertzuschätzen wussten.
Am tiefsten werden wir um die ermordeten jungen Leute trauern. Ein Leben lang werden wir um das trauern, was mit ihnen auf immer dahin ist. Die Zukunft, die sie hätten haben können, die großen und kleinen Freuden, die feierlichen Höhepunkte, aber auch Kummer und Sorgen, kurz: die Fülle des Lebens in allen ihren Formen.
Ganz zu schweigen von den Kindern und dem, was sie in der Gefangenschaft der Hamas erlitten haben und weiterhin erleiden müssen. Unsere geliebten Kinder, von denen sich kaum sprechen lässt, weil die Seele den Schmerz nicht erträgt.
In Chaim Nachman Bialiks nach dem Kischinew-Progrom von 1903 geschriebenen Gedicht: »Auf der Schlachtbank« finden sich die Zeilen: »Und das Blut wird den Abgrund durchdringen! Das Blut wird selbst die dunkelsten Abgründe durchdringen.« Und wir fragen heute: Wie sollen wir uns wieder erheben, nachdem wir in die dunkelsten Abgründe geschleudert worden sind? Nachdem wir uns sowohl »Auf der Schlachtbank« als auch »In der Stadt des Mordens«, einem weiteren Balik-Gedicht aus jener Zeit, wiedergefunden haben? Und wir fragen ebenfalls: Welche Art Mensch werden wir sein, welche Art von Gesellschaft werden wir hervorbringen, mit welchen Werten werden wir unsere Kinder erziehen, nachdem wir die Asche abgeschüttelt haben? Woher sollen wir die Kraft nehmen, überhaupt wieder aufzustehen? Die Kraft, ein Haus zu bauen, ein Feld zu pflügen, ein Kind auf die Welt zu bringen. Auf diese Welt.
Liebe Freundinnen und Freunde aus den Gemeinden in der Nähe des Gazastreifens, im letzten Monat habe ich euch gesehen. Wie alle Israelis habe ich euch stundenlang, Tag und Nacht auf dem Bildschirm zugeschaut. Fast euer ganzes Leben lang hat unser Land sich auf die eine oder andere Weise im Krieg oder in kämpferischen Auseinandersetzungen mit den Nachbarn befunden. Und eure Gemeinden lagen fast jedes Mal an der Grenzlinie des Konflikts. Das Leben in dieser Region hat euch einen hohen Preis abverlangt. Und doch habt ihr euch vom Krieg nicht korrumpieren lassen, das spürt, wer euch sieht und hört. Ihr wart und seid aufrichtige Menschen, die aussprechen, was sie denken, die sagen, was sie fühlen. Menschen, die den Frieden erstreben und das Gute und sich oft sogar bemüht haben, ihren Gegnern Gutes zu tun.
Die Zukunft hält für uns alle schwere Prüfungen bereit. Einige bestehen wir bereits heute. Das zeigt sich in den Manifestitationen wunderbarer, kreativer Staatsbürgerschaft. In der mitreißenden Solidarität. In der massiven zivilen Mobilmachung, mit der die Bevölkerung zu reparieren versucht, was die Regierung zerbrochen hat. Trotz allem, was geschehen ist, steigt in uns die Ahnung auf, es könnte möglich sein, zum zweiten Mal einen neuen Staat aufzubauen – gemeinsam mit euch, den Bewohnern der Städte und Gemeinden, der Kibbuzim und Moschawim. Mit euch, eurer Kraft, eurem Mut könnte uns ein ganz neuer Anfang gelingen.
Seite 49 - 53, David Grossmann, FRIEDEN IST DIE EINZIGE OPTION
Hanser, 2024
15.4.2025 Rund 350 israelische Autorinnen und Autoren haben in einem Brief ein Ende des Kriegs gegen die palästinensische Terrororganisation Hamas gefordert. Zu den Unterzeichnern gehören auch bekannte Schriftsteller und Schriftstellerinnen wie David Grossman, Joshua Sobol und Zeruya Shalev, wie die »Times of Israel« berichtete.
»Dieser Krieg gefährdet das Leben israelischer Soldaten, der Geiseln und verursacht schreckliches Leid für hilflose Zivilisten in Gaza«, hieß es unter anderem in dem Schreiben. Die Taten, die in Gaza und den besetzten Gebieten verübt werden, geschehen nicht in unserem Namen, aber sie werden auf unser Konto gehen.«
Die Unterzeichner forderten ein sofortiges Ende des Militäreinsatzes gegen die Hamas, eine Rückkehr der in den Gazastreifen verschleppten Geiseln und eine internationale Vereinbarung über die Zukunft des Gazastreifens.
Die Autoren und Autorinnen warfen dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu vor, den Krieg aus persönlichen Erwägungen fortzusetzen. Auch aus den Reihen der Armee hatte es zuletzt mehrere solche Aufrufe zu einem Ende des Kriegs und einer Vereinbarung mit der Hamas über die Freilassung der Geiseln gegeben.
dpa
Einer der Söhne David Grossmanns Uri, 20 Jahre, ist am 12. August 2006 im südlichen Libanon ums Leben gekommen. Erst wenige Tage zuvor hatte David Grossman mit anderen Schriftstellern ein Ende der Kämpfe gefordert. Anlässlich des 15. Prague Writers' Festival 5. bis 8. Juni 2005 führte ich ein langes Gespräch mit David Grossman, es ging um Kindheit, Kinder und damit verbundene Erinnerungen. Nach seiner Abreise sandte er mir den Roman »Der Kindheitserfinder« nach Prag.
Prag, 9. August 2025, Milena Findeis
