Waltraud Mittich

1946 in Bad Ischl geboren, 1952 Übersiedlung nach Südtirol. Sie studierte „Lingue e letterature straniere e moderne“ an der Universität Padua, anschließend unterrichtete sie.

Waltraud Mittich, 24.5.2024
Waltraud Mittich, Prag 24.5.2024

Publikationen:
• Mannsbilder (Skarabaeus, 2002)
• Berühren Sie jedes (Skarabaeus, 2004)
• Grandhotel Erzählung (Skarabaeus, 2008)
• Topographien (Raetia, 2009)
• „Du bist immer auch das Gerede über dich“
• Annäherung an einen Widerständler, (Raetia, 2011)
• Abschied von der Serenissima, (edition Laurin 2014)
• Micòl, (edition laurin 2016)
• Sanpietrini (edition laurin, 2019)
• Ein Russe aus Kiew (edition laurin, 2022)
Hierorts. Bleiben (edition laurin, 2025)
Lyrik »1000 Tage«

Im Mai 2024 Waltraud Mittich entlang der Moldau flaniert, danach Einkehr im Prager Goethe-Institut. Chrystyna Nazarkewytsch hat den Roman »Ein Russe aus Kiew« für den Verlag Books-xxi in Czernowitz ins Ukrainische übertragen. Nach Prag hat Waltraud Mittich ihr Interesse an Franz Kafka gezogen sowie Ingeborg Bachmanns Gedicht »Böhmen liegt am Meer«. Das verbindende Element für uns, Czernowitz!  und »böhmische Dörfer«. Die letzten Seiten von »Hierorts. Bleiben«, eine Recherche über die Familiengeschichte der Mittichs hat mich in ein Zwiegespräch hineingezogen.
Milena Findeis


Ein Russe aus Kiew

Auszug aus dem Roman
Seite. 313 - 318, Edition laurin, 2022

EinRusseausKiew

Bevor dieser lange Brief zu einem Ende kommt, noch ist es nicht so weit, Vater, ist es mir ein Anliegen, mit dir noch einmal über die Liebe, ich möchte beinahe sagen zu räsonieren, nichts Endgültiges will ich dazu sagen, vielleicht etwas Gültiges, möglicherweise Tröstliches für dich und deine Kriegsbraut. Für euch, die ihr nicht Gelegenheit bekamt, eure Liebe zu leben, auszuleben, diese Liebe kennen zu lernen in den Schattierungen einer langen Partnerschaft.

Ausholen will ich deshalb noch einmal und zurückkehren zu »Once upon an time in America«, diesem Jahrhundertfilm, der in vielen Szenen und Dialogen Auskunft gibt über das Wesen der Liebe. Es dreht sich immer um dieselbe Liebesgeschichte zwischen Noodles und Deborah, die uns erzählt, wie Liebe geht. Der junge Noodless und die junge Deborah, beide ungefähr 16 Jahre alte, beide jüdischen Glaubens, sitzen sich in der Vorratskammer der Bäckerei gegenüber, die Deborahs Vater gehört. Deborah zitiert Verse aus dem Hohelied Salomon, es handelt sich um Hochzeitslieder, eigentlich ist es erotische Poesie, die sich aber abwandelt und ironisch bricht:

Mein Liebster ist schneeweiß und rosig
seine Wangen sind goldfarben,
sein Hals wie ein Kelch

Nur, dass er ihn seit Dezember nicht mehr gewaschen hat.

Seine Augen sind die einer Taube,
seine Beine sind zwei Säulen aus Marmor

Nur dass sie in einem Paar Hosen stecken, die so dreckig sind, dass sie von selbst stehen

Er ist ganz und gar mein Entzücken

Aber er wird immer ein billiger Gauner bleiben und deshalb nie meine Sünde sein, wie schade.

Daraufhin küssen sie sich.

Dieser kleine Dialog über die Liebe, er ist ja ein Monolog, ist etwas vom Schönsten, was über Suchen, Sehnen, Lobpreisen und die letztendlich traurig rätselhafte Vergeblichkeit der Liebe gesagt werden kann, Vater. Ich habe ihn für dich ausgesucht ...
Zehn Jahre später, Jahre, die Noodles im Gefängnis verbracht hat, sehen sie sich wieder. Jetzt zitiert Noodles, in der Szene am Strand von Manhattan, der in Wahrheit am Lido di Venezia liegt, Zeilen aus Hohelied Salomons. Es ist seine Liebeserklärung. Ich will sie in italienischer Sprache anführen, Vater, die deutsche tut der Liebe nicht so gut, wie du oben sehen und hören kannst

Il tuo ombelico é una coppa rotonda dove manca mai il vino
Il tuo ventre é un mucchio di grano cirondato da gigli
Le tue mammelle grappoli d'uva
Il tuo respiro il profumo delicato delle mele

Deborah gesteht ihm draufhin, dass sie am nächsten Tag nach Hollywood fahren wird. Sie verlässt ihn, obwohl sie ihn liebt. Ich muss wohl einiges revidieren, was Deborah angeht und das Frauenbild von Sergio Leone. Nicht gern, Vater. 
Aber was oder wer sonst ist Deborah als eine gestrenge weiße Richterin über Noodles, der nicht Französisch kann, sie hat es gelernt, um aufzusteigen, damit sie gewöhnliches Ochsenfleisch in einer anderer Sprache bestellen kann, eine Karrieristin ist sie eigentlich, zu jedem persönlichen Opfer bereit, sie zahlt einen immensen Preis dafür, dass sie der Liebe Adieu sagt – und ist keinen Deut besser als Max, der Freund von Noodles, der ihm sein Geld klaut, sein Leben und seine Frau, denn ihm ergibt sie sich am Schluss aus Berechnung. Und Noodles hat all die Jahre vergeblich darauf hingelebt, ihr die Verse aus dem Shir ha-Shirim sagen zu können, um sie, Deborah, lobpreisen zu können.
Und schließlich die Musik von Ennio Morricone, Vater, Amapola, Deborathema, der unwiderstehliche Hauch der Vergeblichkeit, der herüberweht aus diesen Tönen, es sind gelehrte Abhandlungen darüber geschrieben worden, Vater, ich erspare sie dir, denn meine Botschaft an dich ist sie, die Vergeblichkeit der Liebe. Sie, das letzte Geheimnis. Kein alleiniges Hormongewitter. Sie, durch die allein wir wissen, dass wir wirklich existieren. Noodles sagt das, in diesem letzten Gespräch: Jeden Abend im Gefängnis habe ich in der Bibel gelesen, jeden Abend habe ich an dich gedacht und mir gesagt, da draußen gibt es Deborah, die meine Liebe ist, sie existiert, also existiere auch ich. Beides gilt, Vater, ihre Vergeblichkeit und der Beweis der eigenen Existenz durch die Liebe. Es gibt keine feministische, emanzipatorische, dritte oder irgendeine andere Option.

Nun bin ich doch ausreichend selbstreflexiv, Vater, oder gar selbstironisch, also muss ich zugeben, es Deborah nie verziehen zu haben, dass sie Noodles verraten hat. Möglicherweise tun es viele andere Getreue von »Once upon a time in America« auch nicht. Zu diesen Aussagen habe ich eine Vermutung. Ich glaube, dass ich, und das sogar gerne, der Illusion aufsitze, der Film im Allgemeinen könne Probleme lösen, Sichtweisen aufzeigen, Möglichkeiten bieten, die das geschriebene Wort nicht bieten kann. Dies zum einen, was »Once upon« angeht. 

Aber der Satz. Der wundersam unmöglich verbrauchte und abgenutzte Satz, Noodles sagt ihn zu Deborah: Niemand wird dich je so lieben wie ich. dieser Satz kreuzt sich mit dem meinen. Verschämt und anmaßend sage ich zuzeiten zu diesem unbekannten Vater: Niemand wird dich je so geliebt haben wie ich.
Und was die Entscheidungsfähigkeit angeht noch einmal verdammt, lautet das Credo noch immer: In den entscheidenden Augenblicken, in den wenigen 220 Grad-Sichtweisen der Freiheit das tun, was angelegt ist in dir, deinem daimon zu folgen, deiner Liebe zu jemand oder zu etwas, verdammt, es ist das, was zählt. Was zäht? Nicht auf die Probe gestellt zu werden, sondern sich selbst auf die Probe stellen. In der begrenzten Freiheit des Menschseins sind wir nicht bloß Opfer unserer Gene und Umwelt, Entscheidungen treffen wir für das Gute, das Böse, zu leben, zu sterben.
Was ihr versäumt habt, du und deine Kriegsbraut, erschließt sich nicht aus dem Gesagten, alles oder nichts, eine Antwort gibt es nicht. An sie, die Liebe zu glauben, ist jedoch ohne Zweifel der beste Glaube und insofern ist sie die höchste Form der Religion. Habe ich irgendwo gelesen, glaube ich. Und so schließt sich der Reigen, der gespannte Bogen nicht überspannt, doch bereit zum nächsten Schuss, alles Wichtige beinah gesagt, das andere aussortiert. Es ist gut.

Der letzte Pfeil, er gilt den Vätern, es gibt ja eine ganze Reihe davon, die biologischen, die sozialen Väter, den rechtlichen, den Samenspender – und den Scheinvater. Jeder Mensch müht sich ab ein Leben lang mit dem Vater, der Mutter, der Herkunftsfamilie. Erzählt sich dann seine eigene Geschichte. Sich lösen von den Erwartungen der Väter, der Mütter, der Herkunftsfamilie, das ist die Aufgabe, ihre Glaubenssätze zu hinterfragen, um frei zu sein für eigene Fehler, selbst Glaubenssätze aufzustellen und sie wieder zu verraten. Mein biologischer Vater hat mir eine zu große Freiheit hinterlassen, die Spielregeln betreffend. Als Ersatz dafür gab es das ferne weite Land, die Joseph Roth-Ländereien, beschworene Heimaten, die Brody-Mantras, die Suchbilder zum Russen aus Kiew. Ohne die Versunkenheiten wäre dieses Wunderbare, dieses Auf-der-Welt-Sein nicht auszuhalten. Es gab meine unverzagte Bereitschaft, zur eigenen Erzählung mit Scheinbeweisen anzutreten und die die Existenz des ukrainischen Vaters zu behaupten, dass es ihn gegeben hat, den ukrainischen Vater, ihn einfach herbeizuschreiben, um den Himmel aufzudecken. Pacta sunt servanda mit dem eigenen Leben. Es entstand die Aufschreibung einer späten Ankunft.


Im Beitrag von Christine Dölker geht es um Reflexionen rund um das neue Buch »Ein Russe aus Kiew« von Waltraud Mittich, das zwischen Südtirol und der Ukraine entstanden ist.

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