PAULINE FAN


is a translator and editor from Kuala Lumpur, Malaysia. She has translated several books from German to Malay, including Bertolt Brecht’s Liebesgedichte (Dendang Cinta), Immanuel Kant’s Was ist Aufklärung (Apa itu Pencerahan?) and G.E. Lessing’s Nathan der Weise (Nathan Yang Bijak), as well as essays from Malay to English and vice-versa. Pauline is currently working on Malay translations of selected poems by Paul Celan, as well as English translations of various German-language writers. 



NIKOLAUS LENAU


Bitte
Weil auf mir, du dunkles Auge,
Übe deine ganze Macht,
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süße Nacht!

Nimm mit deinem Zauberdunkel
Diese Welt von hinnen mir,
Daß du über meinem Leben
Einsam schwebest für und für.


Request
Linger on me, darkened eye,
Exercise your total might,
Solemn, tender, like a dream,
Impenetrable lovely night!


Take with your enchanted darkness
This world from deep within me,
That you may drift over my life
In solitude, eternally.


Translated by Pauline Fan



Winternacht

Vor Kälte ist die Luft erstarrt,
Es kracht der Schnee von meinen Tritten,
Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart;
Nur fort, nur immer fortgeschritten!
Wie feierlich die Gegend schweigt!
Der Mond bescheint die alten Fichten,
Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt,
Den Zweig zurück zur Erde richten.
Frost! friere mir ins Herz hinein,
Tief in das heißbewegte, wilde!
Daß einmal Ruh mag drinnen sein,
Wie hier im nächtlichen Gefilde!

2.

Dort heult im tiefen Waldesraum
Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter,
Schreit er die Nacht aus ihrem Traum
Und heischt von ihr sein blutig Futter.
Nun brausen über Schnee und Eis
Die Winde fort mit tollem Jagen,
Als wollten sie sich rennen heiß:
Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!
Laß deine Toten auferstehn,
Und deiner Qualen dunkle Horden!
Und laß sie mit den Stürmen gehn,
Dem rauhen Spielgesind aus Norden!



Winter Night

1

The air is stiff with bitter cold,
Beneath my feet the brittle snow.
My breath is chill, crackling my beard;
Go forth, ever forward go!
How solemnly the land lies quiet!
The moon illuminates old pines
Which bend in longing towards Death,
As the bough to earth returns.
Freeze me, Frost, within the breast,
Deep in the turbulence, wild!
That my heart at last may rest,
As here in the nocturnal fields!

2

There howls, in the great forest’s deep,
A wolf; as a child wakes his mother,
He cries the night out of its sleep
And begs from her his bloody fodder.
Now raging over snow and ice
The winds rush forth in frenzied hunt,
As they desire a rousing chase:
Awake, o Heart, to wild lament!
Let your dead be resurrected
And your agony’s dark hordes!
Let them wander with the storms,
The rough carousers of the north!

Translated by Pauline Fan


           

ELSE LASKER-SCHÜLER


Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
als ob der liebe Gott gestorben wär,
und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen . . .
Das Leben liegt in aller Herzen
wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen . . .
es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
an der wir sterben müssen.

World’s End

There is a weeping in the world,
as though the precious Lord had died,
and the leaden shadow that falls below,
weighs down like a grave.
Come, we want to burrow closer . . .
in every heart life lies
as in a casket.
You, we want to kiss deeply . . .
there knocks a yearning at the world,
of which we’ll die.

Translated by Pauline Fan

Eros

O, ich liebte ihn endlos!
Lag vor seinen Knie’n
Und klagte Eros
Meine Sehnsucht.
O, ich liebte ihn fassungslos.
Wie eine Sommernacht
Sank mein Kopf
Blutschwarz auf seinen Schoss
Und meine Arme umloderten ihn.
Nie schürte sich so mein Blut zu Bränden,
Gab mein Leben hin seinen Händen,
Und er hob mich aus schweren Dämmerweh.
Und alle Sonnen sangen Feuerlieder
Und meine Glieder
Glichen
Irrgewordenen Lilien.

Eros

O, I loved him endlessly!
Lay before his knees
And lamented to Eros
Of my yearning.
O, I loved him wantonly.
Like a summer night
My head sank
Blood-black onto his lap
And my arms blazed around him.
Never had my blood so stirred to flames,
Offered my life to his hands,
And he raised me up from languid twilight-pain.
And all the suns sang fire songs
And my limbs
Were like
Lilies gone astray.

Translated by Pauline Fan




GEORG TRAKL


Untergang
An Karl Borromaeus Heinrich

Über den weißen Weiher
Sind die wilden Vögel fortgezogen.
Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.
Über unsere Gräber
Beugt sich die zerbrochene Stirne der Nacht.
Unter Eichen schaukeln wir auf einem silbernen Kahn.
Immer klingen die weißen Mauern der Stadt.
Unter Dornenbogen
O mein Bruder klimmen wir blinde Zeiger gen Mitternacht.


Decline
To Karl Borromaeus Heinrich

Over the white pond
The wild birds have departed.
A glacial wind drifts from our stars at evening.
Over our graves
Bends the fractured brow of the night.
In a silver boat we rock under oaktrees.
Always the white walls of the city resound.
Under arches of thorn
We climb, O my brother, blind clock hands toward midnight.


Translated by Pauline Fan


 

Ruh und Schweigen

Hirten begruben die Sonne im kahlen Wald.
Ein Fischer zog
In härenem Netz den Mond aus frierendem Weiher.
In blauem Kristall
Wohnt der bleiche Mensch, die Wang’ an seine Sterne gelehnt;
Oder er neigt das Haupt in purpurnem Schlaf.
Doch immer rührt der schwarze Flug der Vögel
Den Schauenden, das Heilige blauer Blumen,
Denkt die nahe Stille Vergessenes, erloschene Engel.
Wieder nachtet die Stirne in mondenem Gestein;
Ein strahlender Jüngling
Erscheint die Schwester in Herbst und schwarzer Verwesung.


Rest and Silence

Shepherds buried the sun in the barren woods.
A fishing boat
Pulled the moon from a freezing pond in a net of hair.
In blue crystal
Dwells the pallid man, cheeks leaning against his stars;
Or his head bowed in crimson slumber.
Yet as ever the black flight of birds rouses
The one who watches, the saint of blue flowers
Ponders the near silence of those forgotten, extinguished angels.
Again the brow darkens in moonlike stone;
A radiant youth
Sister appears in autumn and black decay.

Translated by Pauline Fan

Tagesrandbild

Wortgedrungen

10.12.2019 In der Dämmerung ähnelt das Weidenblatt einer Vogelfeder. Im Kalender-Dezemberblatt fehlen Einträge: die Tinte ist eingetocknet, die Feder kratzt. 

Zwischen (W) Orte

Abfallen - Jan Skácel

Abfallen_Jan_Skacel

Am 7. November 2019 jährt sich der Todestag von Jan Skácel, er starb vor dreißig Jahren in Brno. Der Dichter Skácel weckte in mir den Wunsch, Tschechisch zu lernen.