Vilém Flusser
»Für eine Philosophie der Fotografie«
Vilém Flusser * 12. Mai 1920 in Prag; † 27. November 1991.
Kommunikations- und Medienphilosoph. Mittelpunkt seiner Welt-, Menschen-, und Gesellschaftssicht war die Kommunikation.
»Für eine Philosophie der Fotografie«: Die Analyse der Fotografie in ihren ästhetischen, wissenschaftlichen und politischen Aspekten dient als Schlüssel zur Untersuchung der gegenwärtigen Kulturkrise und der sich in ihr herauskristallisierenden neuen Daseins- und Gesellschaftsform. Der Umbruch von der Text- in die Bildkultur – von der Linearität der Geschichte in die Zweidimensionalität der Magie – und der Umbruch von der industriellen Gesellschaft – von der Arbeit zum Spiel – geht Hand in Hand. Diese Mutation lässt sich an der Fotografie in besonderer Klarheit beobachten.
Aufmerksam wurde ich auf Vilém Flusser im Rahmen des Steirischen Herbstes in den 90er Jahren, damals ging es um »Die Nomadologie der Neunzigerjahre«
Wohnung beziehen in der Heimatlosigkeit: 1992 im Bollmann Verlag erschienen Autobiografie »Bodenlos«: Bestattet wurde Vilém Flusser auf dem Jüdischen Friedhof in Prag, 1991 - ab 2014 ruht dort seine Frau Edith. Ihre Ruhestätte befindet sich in Sichtweite von jener Franz Kafkas — hinter der Friedhofsmauer befindet sich von Schutzmauern abgeschirmt das Gebäude von Radio Free. Wenn ich mich auf einer der Gräber nahen Bank niederlasse, beginnen Zwiegespräche.
Milena Findeis
Begriffslexikon
Entnommen dem Buch »Für eine Philosophie der Fotografie« IBN 3-923283-19-9, 1983, Ausgabe 1991
Apparat: ein das Denken simulierendes Spielzeug
Arbeit: die Tätigkeit, welche Gegenstände herstellt und informiert
Automat:ein Apparat, der einem sich zufällig abspielenden Programm gehorchen muß
Bedeutung: das Ziel der Zeichen
Begriff: ein konstitutives Element eines Textes
Bild: eine bedeutende Fläche, auf der sich die Bildelemente magisch zueinander verhalten
Code: ein regelmäßig geordnetes Zeichensystem
Entropie: die Tendenz zu immer wahrscheinlicheren Zuständen
Entziffern: die Bedeutung eines Symbols
Fotograf: ein Mensch, der sich bemüht, die im Programm des Fotoapparats nicht vorgesehenen Informationen ins Bild zu setzen
Fotografie: ein von Apparaten erzeugtes und distribuiertes, flugblattartiges Bild
Funktionär: ein mit Apparaten spielender und in Funktion der Apparate handelnder Mensch
Gedächtnis: Informationsspeicher
Gegenstand: ein uns entgegenstehendes Ding
Geschichte: das linear fortschreitende Übersetzen von Vorstellungen in Begriffe
Herstellen: das Herübertragen eines Dings aus der Natur in die Kultur
Idolatrie: die Unfähigkeit, aus den Bildelementen Vorstellungen herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Bildelemente zu lesen; daher: Bilderanbetung
Imagination: die spezifische Fähigkeit, Bilder herzustellen und zu entziffern
Industriegesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen an Maschinen arbeitet
Informatiion: eine unwahrscheinliche Kombination von Elementen
Informieren: 1. unwahrscheinliche Kombinationen von Elementen erzeugen; 2. sie in Gegenstände drücken
Konzeptualisation: die spezifische Fähigkeit, Texte zu erzeugen und sie zu entziffern
Kulturgegenstand: ein informierter Gegenstand
Magie: die der ewigen Wiederkehr des Gleichen entsprechende Daseinsform
Maschine: ein Werkzeug, das ein Körperorgan auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien simuliert
Nachgeschichte: die Rückübersetzung von Begriffen in Vorstellungen
Nachindustrielle Gesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen im tertiären Sektor beschäftigt ist
Primärer und sekundärer Sektor: die Tätigkeitsbereiche, in denen Gegenstände hergestellt und informiert werden
Programm: ein Kombinationsspiel mit klaren und distinkten Elementen
Redundanz: Wiederholung von Informationen, daher: Wahrscheinliches
Ritus: das der magischen Daseinsform entsprechendes Verhalten
Sachverhalt: eine Szene, in welcher die Verhältnisse zwischen den Sachen und nicht die Sachen selbst bedeutungsvoll sind
Spiel: eine Tätigkeit, die Selbszweck ist
Spielzeug: ein dem Spiel dienender Gegenstand
Symbol: ein bewußt oder unbewußt vereinbartes Zeichen
Symptom: ein von seiner Bedeutung verursachtes Zeichen
Technisches Bild: ein von Apparaten erzeugtes Bild
Teritärer Sektor: der Tätigkeitsbereich, in dem Informationen erzeugt werden
Text: Reihen von Schriftzeichen
Textolatrie: die Unfähigkeit, aus den Schriftzeichen eines Texts Begriffe herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Schriftzeichen zu lesen, daher: Textanbetung
Übersetzen: von einem Code in einen anderen hinüberwechseln, daher: von einem Universum in ein anderes springen
Universum: 1. die Gesamtheit der Kombination eines Codes; 2. die Gesamtheit der Bedeutungen eines Codes
Vorstellung: eine konstruktive Element eines Bildes
Werkzeug: eine der Arbeit dienende Simulation eines Körperorgans
Wertvoll: etwas, das so ist, wie es sein soll
Wirklichkeit: wogegen wir auf unserem Weg zum Tod stoßen, daher: woran wir interessiert sind
Zeichen: ein Phänomen, das ein anderes bedeutet
Der Fotoapparat
...
Grob gesprochen, lassen sich zwei Arten von Kulturgegenständen unterscheiden. Die einen sind gut, um verbraucht zu werden (Konsumgüter) die anderen sind gut zum Herstellen von Konsumgütern (Werkzeuge). Beiden ist gemeinsam, daß sie »gut« sind: Sie sind »wertvoll«, sind so, wie sie sein sollen, das heißt, sie wurden absichtlich hergestellt. Dies ist der Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften: Die Kulturwissenschaften suchen die sich hinter den Dingen verbergenden Absichten. Sie fragen nicht nur nach dem Warum, sondern auch nach dem Wozu, und entsprechend suchen sie auch hinter dem Fotoapparat eine Absicht. Nach diesem Kriterium beurteilt, ist der Fotoapparat ein Werkzeug, dessen Absicht es ist, Fotografien herzustellen. Aber sobald man Apparate als Werkzeuge definiert, entstehen Zweifel. Ist denn eine Fotografie ein Konsumgut wie ein Schuh oder Apfel? Und daher der Fotoapparat ein Werkzeug wie Nadel oder Schere?
Links:
Video Stefan Koch
Vilém Flusser Archiv: Das Vilém Flusser Archiv beherbergt und betreut den Nachlass des in Prag geborenen Kulturtheoretikers Vilém Flusser, der 1940 nach Brasilien emigrierte und Anfang der 70er Jahre nach Europa zurückkehrte
Flusser Studies Vilém Flusser war einer der Vordenker des Internets und wollte, dass wir alle programmieren lernen. 2009 sind seine »Bochumer Vorlesungen« erschienen. Eine Würdigung des Philosophen in der Welt von Friedrich Kittler, 2009
Mit dem Erscheinen des zweiten Essays in deutscher Sprache, dem Folgeband zur „Fotophilosophie“ Ins Universum der technischen Bilder im Jahre 1985, erkennen zahlreiche Kritiker Flussers Exzeptionalität im ansonsten seichten Gewässer der Mediendiskussion der 80er Jahre und, wichtiger noch, seine Tragweite als Denker des Zeitgenössischen (seine Tragweite als Denker aller Zeiten wird erst nach seinem Tode ersichtlich). Spätestens jetzt wird klar, dass die Fotografie Flusser als Prätext dient: Während die Fototheorien vor ihm üblicherweise auf die Fotografie zugehen, geht er von der Fotografie aus. Andreas Müller-Pohle, Flusser Studies 40
Ein Bild-/Textband der Fotografin Herlinde Koelbl, Jüdische Portraits, erschienen 1989 im S. Fischer Verlag, hat Flusser zu einer herrlich bissigen Polemik inspiriert: „Als erste Annäherung könnte man etwa sagen: Die jüdische Frage ist interessant, berühmte Leute sind interessant, Porträtfotos sind interessant, Interviews sind interessant, wie interessant muss es erst sein, wenn berühmte Juden über die jüdische Frage Interviews geben und dazu fotografiert werden? Die Antwort ist klar: Das Resultat all dieser Interessantheiten ist ohne das geringste Interesse. Um zum Eintopfgericht zurückzukehren: Heringe schmecken gut, Schokolade schmeckt gut, wie gut muss also Hering mit Schokolade schmecken. Aber dass dieses Buch fade ist und einen faden Geschmack hinterlässt, ist nicht die richtige Antwort.« Und er kommt zu dem Schluss: „So ein Kitsch wie das vorliegende Buch macht den Dialog zwischen den Leuten in Deutschland und mir nicht leichter. Leichter wird er mir, wenn ich diesen Aufsatz schreibe. Allerdings: Es ist schwierig, in dieser Sache nicht Kitsch zu machen. […] Also zwingt vielleicht das besprochene Buch zu folgender Beichte: Man kann über Kollektives nur Kitschiges sagen, und sinnvoll ist nur das existentielle Einzelverhältnis (also Freundschaft).“ (European Photography, Nr. 44, 1990). Andreas Müller-Pohle, Flusser Studies 40
Felix Philipp Ingold, Schriftsteller und Übersetzer in Zürich: „Obwohl sich Flusser, soweit ich weiß, nie um die Grundlegung einer allgemeinen Ästhetik bemüht und für künstlerische Dinge kein explizites Interesse gezeigt hat [eine Sicht, die ich zu korrigieren versucht habe, AMP], bin ich davon überzeugt (und werde dies demnächst auch in einer eigenen Arbeit aufzuzeigen versuchen), daß in seinem Werk zahlreiche kunstphilosophische Ansätze auszumachen, freizulegen, zu entfalten sind, die für eine Theorie der künstlerischen, insbesondere der sprachkünstlerischen Kreativität nutzbar zu machen wären. In der Philosophie der Photographie sind dies vor allem Flussers Beschreibungen und Analysen der photographischen Gesten, seine Funktionsbestimmung des Photoapparats sowie des Photographen als eines Funktionators. Wenn Flusser in der photographischen Geste eine funktionale Verschmelzung von Photograph und Photoapparat feststellt, so ließe sich für die Geste des (dichterischen) Schreibens sagen, sie sei eine Geste, bei der der Dichter und die Sprache zu einer unteilbaren Funktion zusammenfließen. Oder: Der Dichter beherrscht die Sprache ebenso, wie der Photograph seinen Apparat beherrscht, und zwar insofern, als er die Realitätsbezüge bzw. Bedeutungssphären der Sprache kontrolliert, und er wird (wie der Photograph von seinem Apparat) gleichzeitig von der Sprache beherrscht dank der Opazität ihres Innern. Anders gesagt: Funktionäre – ob Photographen oder Dichter – beherrschen ein Spiel, für das sie nicht kompetent sein können. Und nochmals anders: Nicht die Welt dort draußen ist wirklich, und auch nicht der Begriff hier drinnen im konventionellen Gebrauchs- oder Bedeutungsfeld der Sprache, sondern wirklich ist immer erst das sprachliche Kunstwerk als solches. Beim Gedicht wie bei der Photographie wird der Bedeutungsvektor umgekehrt: nicht das Bedeutete (die Information), vielmehr das Bedeutende (das Symbolische) ist das Wirkliche. Dem wäre nachzugehen, und darauf hin wären Flussers Texte kritisch zu befragen.“ Flusser Studies 40
Andreas Müller-Pohle stellt ein Bild her, das Cristo Redentor heißt. Es ist das Foto einer der oben erwähnten Ansichtskarten, nur ist es 120 x 160 cm groß, Silbergelatine auf PE-Papier, und es „manipuliert“ die Ansichtskarte. Damit stellt es diese Ansichtskarte (und alle übrigen) auf verschiedene Methoden in Frage. Vilém Flusser, 1990
Ian James — Vilém Flusser's »Towards a Philosophy of Photography« as performed by Ian James Originally produced as a three cassette audiobook edition of unabridged book read by Ian James alongside binaural brainwave patterns, field recordings, product unboxings and other treats. Headphones preferred. Presented at REDCAT, Los Angeles in the exhibition Hotel Theory curated by Sohrab Mohebbi in collaboration with Ruth Estévez. October 3 - December 12, 2015

