Vilém Flusser

"Für eine Philosophie der Fotografie"


vilem-flusser Vilém Flusser * 12. Mai 1920 in Prag; † 27. November 1991.
Kommunikations- und Medienphilosoph. Mittelpunkt seiner Welt-, Menschen-, und Gesellschaftssicht war die Kommunikation.
"Für eine Philosophie der Fotografie": Die Analyse der Fotografie in ihren ästhetischen, wissenschaftlichen und politischen Aspekten dient als Schlüssel zur Untersuchung der gegenwärtigen Kulturkrise und der sich in ihr herauskristallisierenden neuen Daseins- und Gesellschaftsform. Der Umbruch von der Text- in die Bildkultur - von der Linearität der Geschichte in die Zweidimensionalität der Magie - und der Umbruch von der industriellen Gesellschaft - von der Arbeit zum Spiel - geht Hand in Hand. Diese Mutation lässt sich an der Fotografie in besonderer Klarheit beobachten.
Aufmerksam wurde ich auf Vilém Flusser im Rahmen des Steirischen Herbstes in den 80er Jahren, damals ging es um das Nomadentum.
Milena Findeis

 

Vilém Flusser zum 25.Todestag. Der melancholische Visionär

Begriffslexikon

Entnommen dem Buch "Für eine Philosophie der Fotografie" IBN 3-923283-19-9, 1983, Ausgabe 1991

Apparat: ein das Denken simulierendes Spielzeug
Arbeit: die Tätigkeit, welche Gegenstände herstellt und informiert
Automat:ein Apparat, der einem sich zufällig abspielenden Programm gehorchen muß
Bedeutung
: das Ziel der Zeichen
Begriff: ein konstitutives Element eines Textes
Bild: eine bedeutende Fläche, auf der sich die Bildelemente magisch zueinander verhalten
Code: ein regelmäßig geordnetes Zeichensystem
Entropie
: die Tendenz zu immer wahrscheinlicheren Zuständen
Entziffern: die Bedeutung eines Symbols
Fotograf: ein Mensch, der sich bemüht, die im Programm des Fotoapparats nicht vorgesehenen Informationen ins Bild zu setzen
bildsprache Fotografie: ein von Apparaten erzeugtes und distribuiertes, flugblattartiges Bild
Funktionär: ein mit Apparaten spielender und in Funktion der Apparate handelnder Mensch
Gedächtnis: Informationsspeicher
Gegenstand: ein uns entgegenstehendes Ding
Geschichte: das linear fortschreitende Übersetzen von Vorstellungen in Begriffe
Herstellen: das Herübertragen eines Dings aus der Natur in die Kultur
Idolatrie: die Unfähigkeit, aus den Bildelementen Vorstellungen herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Bildelemente zu lesen; daher: Bilderanbetung
imagination Imagination: die spezifische Fähigkeit, Bilder herzustellen und zu entziffern
Industriegesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen an Maschinen arbeitet
Informatiion: eine unwahrscheinliche Kombination von Elementen
Informieren: 1. unwahrscheinliche Kombinationen von Elementen erzeugen; 2. sie in Gegenstände drücken
Konzeptualisation: die spezifische Fähigkeit, Texte zu erzeugen und sie zu entziffern
Kulturgegenstand: ein informierter Gegenstand
Magie: die der ewigen Wiederkehr des Gleichen entsprechende Daseinsform
Maschine: ein Werkzeug, das ein Körperorgan auf der Grundlage wissenschaftlicher Theorien simuliert
Nachgeschichte: die Rückübersetzung von Begriffen in Vorstellungen
Nachindustrielle Gesellschaft: eine Gesellschaft, in der die Mehrzahl der Menschen im tertiären Sektor beschäftigt ist
nachindustrielle-gesellschaft Primärer und sekundärer Sektor: die Tätigkeitsbereiche, in denen Gegenstände hergestellt und informiert werden
Programm: ein Kombinationsspiel mit klaren und distinkten Elementen
Redundanz: Wiederholung von Informationen, daher: Wahrscheinliches
Ritus: das der magischen Daseinsform entsprechendes Verhalten
Sachverhalt: eine Szene, in welcher die Verhältnisse zwischen den Sachen und nicht die Sachen selbst bedeutungsvoll sind
Spiel: eine Tätigkeit, die Selbszweck ist
Spielzeug: ein dem Spiel dienender Gegenstand
Symbol: ein bewußt oder unbewußt vereinbartes Zeichen
Symptom: ein von seiner Bedeutung verursachtes Zeichen
Technisches Bild: ein von Apparaten erzeugtes Bild
Teritärer Sektor: der Tätigkeitsbereich, in dem Informationen erzeugt werden
Text: Reihen von Schriftzeichen
textolatrie Textolatrie: die Unfähigkeit, aus den Schriftzeichen eines Texts Begriffe herauszulesen, trotz der Fähigkeit, diese Schriftzeichen zu lesen, daher: Textanbetung
Übersetzen: von einem Code in einen anderen hinüberwechseln, daher: von einem Universum in ein anderes springen
Universum: 1. die Gesamtheit der Kombination eines Codes; 2. die Gesamtheit der Bedeutungen eines Codes
Vorstellung: eine konstruktive Element eines Bildes
Werkzeug: eine der Arbeit dienende Simulation eines Körperorgans
Wertvoll: etwas, das so ist, wie es sein soll
Wirklichkeit: wogegen wir auf unserem Weg zum Tod stoßen, daher: woran wir interessiert sind
Zeichen: ein Phänomen, das ein anderes bedeutet

Der Fotoapparat

fotoapparat...
Grob gesprochen, lassen sich zwei Arten von Kulturgegenständen unterscheiden. Die einen sind gut, um verbraucht zu werden (Konsumgüter) die anderen sind gut zum Herstellen von Konsumgütern (Werkzeuge). Beiden ist gemeinsam, daß sie "gut" sind: Sie sind "wertvoll", sind so, wie sie sein sollen, das heißt, sie wurden absichtlich hergestellt. Dies ist der Unterschied zwischen Natur- und Kulturwissenschaften: Die Kulturwissenschaften suchen die sich hinter den Dingen verbergenden Absichten. Sie fragen nicht nur nach dem Warum, sondern auch nach dem Wozu, und entsprechend suchen sie auch hinter dem Fotoapparat eine Absicht. Nach diesem Kriterium beurteilt, ist der Fotoapparat ein Werkzeug, dessen Absicht es ist, Fotografien herzustellen. Aber sobald man Apparate als Werkzeuge definiert, entstehen Zweifel. Ist denn eine Fotografie ein Konsumgut wie ein Schuh oder Apfel? Und daher der Fotoapparat ein Werkzeug wie Nadel oder Schere?

Links:

Vilém Flusser Archiv: Das Vilém Flusser Archiv beherbergt und betreut den Nachlass des in Prag geborenen Kulturtheoretikers Vilém Flusser, der 1940 nach Brasilien emigrierte und Anfang der 70er Jahre nach Europa zurückkehrte
Flusser Studies
Vilém Flusser war einer der Vordenker des Internets und wollte, dass wir alle programmieren lernen. 2009 sind seine "Bochumer Vorlesungen" erschienen. Eine Würdigung des großen Philosophen in der Welt von Friedrich Kittler


Video und nachsstehender Text von Stefan Koch

Veröffentlicht am 18.03.2013

Flusser überlegte:
Bilder sind bedeutende Flächen, sie sind Vermittlungen zwischen der Welt und den Menschen. Wie man sie Ver - und Entschlüsselt hat starken Einfluss auf das Verarbeiten von Information. Jedes Abbild ist eine Abstraktion, denn zwei Dimensionen, Tiefe und Zeit verschwinden aus der Betrachtung und werden durch unterschiedliche Vorstellungen ersetzt.
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Bilder sind keine gefrorenen Ereignisse, sondern stellen eine magische Welt dar. Sie sind die ewige Wiederkehr des Gleichen.
Als diese Welt zum ersten Mal an ihre Grenzen stieß, so sagt Flusser, entwickelte sich die Schrift als Antwort auf diese Idolatrie, der Umkehrung der Bildfunktion, dem Verstellen der Bilder.
Indem er aus der ewigen Wiederholung die historische Linearität des Textes machte, entstand jedoch der nächste Widerspruch.
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Denn das begriffliche Denken des Textes steht dem magischen des Bildes gegenüber, doch immer, wenn dies beides aufeinandertrifft, reagieren die beiden Formen der Welterklärung miteinander.
Das Begriffliche Denken analysiert zwar das Bildliche, um es aus dem Weg zu räumen, aber das bildliche Denken schiebt sich in's Begriffliche, um ihm Bedeutung zu verleihen.
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Texte sind jedoch ebenfalls Metacodes für Bilder. Und tragen in sich die gleichen Probleme. Denn ein Text kann ebenfalls die Welt verstellen, Menschen können ebenfalls Funktionäre ihrer oder fremder Schriften werden.
Dieser Punkt ist erreicht, wenn man die Welt in Funktion seiner Texte bzw. Bilder erlebt, erkennt und wertet.
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Doch schon bald taten sich neue Dimensionen auf.
Zwischen der Welt und den Menschen schob sich ein Apparat, eine undurchschaubare Ansammlung von Programmen. Das Technische Bild wurde erfunden.
Es simuliert ein Fenster zur Welt, hat aber die gleichen Eigenschaften wie ein traditionielles Bild, mit dem Unterschied, dass noch weniger Menschen die Funktionsweise hinterfragen, da ihm mehr Kompetenzen zugemutet werden, der menschliche Makel scheinbar ausgeschaltet ist.
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Alles will ewig im Gedächtnis bleiben und ewig wiederholbar werden. Und zum ersten Mal in der Geschichte, war dies möglich.
Damit verlor jede Handlung ihren geschichtlichen Charakter. Das Ritual der ewig gleichen Bewegung läutete zum ersten Mal eine Massenkultur ein, deren apokalyptische Tragweite ob ihrer Größe nicht zu überschauen war.
Jede Handlung, jedes Leiden kreisten unablässig.
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Man war sich nicht im Klaren darüber, dass das Programm in der Blackbox, wie Flusser sich ausdrückt, unüberschaubar mächtig ist. 
Unbemerkt wurde der Mensch zum Funktionär seiner Apparate und statt die Welt mit seinem Denken zu verändern, suchte er nach immer neuen Möglichkeiten die Welt des begrenzten Fotouniversums zu erkunden.
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An und in Apparaten wurden Menschen tätig. 
Sie, die Apparate, wuchsen dabei ins unermesslich Große - Mächtige Verwaltungs oder Propagandaapparte seien hier als Beispiele genannt - Oder ins unermesslich Kleine. Beispiele aus der Computer und Nanotechnologie liegen hier auf der Hand.
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Diese Überlegungen von 1983, wenn hier auch nur ein Querschnitt dargelegt wurde, nannte Vilém Flusser "Für eine Philosophie der Fotographie". Der Titel des Essays impliziert, dass es ihm auch um eine Lösung des Problems ging.
Er identifizierte die Fotographie stellvertretend als erstes Schema, das man enttarnen müsse, um alle anderen Phantasmen, die dem Menschen in ihrer damaligen Funktionsweise entgegenstanden, blosszustellen.
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Dabei argumentierte er nicht technikfeindlich. Im Gegenteil. Der Apparat zeigte schließlich ja den Weg in die Freiheit.