Mißglückte Heimat

PETER  HANDKE

Nachwort in "Alle heilige Zeiten" von Georg Pichler 

 

Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch gelesen, das mir dann nachgegangen ist und heute immer noch nachgeht. Nicht wenig anderes habe ich in der Zwischenzeit gelesen. Aber sehr wenig geht mir so nach, so stark, so bewegend, so still, so fordernd. Mir ist, als sei das meiste sonstige nur dem Anschein nach ein Buch gewesen, ein "Buch" allein von außen. Und mir ist, als habe es darin rein gar nichts zum Lesen gegeben. Von jenem einen Buch dagegen ist mir, schon sinnlich, das Ding, der Gegenstand, die Räumlichkeit, die Zeitlichkeit "Buch" im Gedächtnis geblieben, samt Gewicht, Geruch und Tönung der Seiten, Um- und Zurückblättern, Zurückgehen zum Anfang, Wind zwischen den Seiten, und vor allem Innehalten nicht nur von Kapitel zu Kapitel, sondern von Absatz zu Absatz, Satz zu Satz - Innehalten, Aufschauen, Nachsinnen, Weitergehen. Jenes Buch war etwas zum Lesen - kein "Leseerlebnis", sondern das umfassende Erlebnis Lesen.

Dabei, hm, habe ich den Titel des Buches vergessen. Ich könnte nun aufstehen und nachschauen gehen. Aber meine Vorstellung - zuerst Vorstellung, dann Plan - ist es, davon allein aus der Erinnerung zu erzählen. Was weiß ich derart noch, was habe ich behalten, und, vor allem was von dem Buch kommt mir beim Zurückdenken frisch in den Sinn? Georg Pichler ist der Verfasser, der Enkel von Jugoslawien - oder Balkandeutschen, die mit dem Ende des 2. Weltkriegs vor den siegreichen Tito-Partisanen aus ihrer jahrhundertalten Heimat am Fluß Save, im Grenzland zwischen Kroatien und Bosnien, nach Norden, in ihrem Fall nach Österreich, geflüchtet sind. In meiner Erinnerung ist es die Geschichte der Großeltern, vor allem des Großvaters, von dem das Buch - seine Frau längst tot, die Kinder fern - so etwas wie der Sterbetag erzählt, der zugleich, außen wie innen, ein letzter Wandertag des alten Mannes in der Obersteiermark, seiner zweiten Heimat - Heimat? -, ist, kreuz und quer im Niemandsland oben auf einer stillgelegten Zeche, wo der Vertriebene, einst auf dem Balkan ein Eisenbahner, Lokführer, als Kohlenbergmann nach dem Krieg seinen zweiten Beruf - Beruf? ausgeübt hat. Aber jetzt an seinem Sterbewandertag gibt die vorzeiten so hoffnungsvolle und selbstbewußte Zeche von Fohnsdorf bei Judenburg - das wirtschaftliche Zentrum der gesamten Region - schon lange keine Arbeit mehr her, für niemanden mehr.

Mißglückte HeimatWas ich von den Rückbesinnungen (nicht -blenden) des einsamen alten Flüchtlings behalten habe: die Momente der Nachbarschaflichkeit zwischen den verschiedenen Völkern am Ufer des breiten Flusses Save - wohl daher der Familienname Flusser? -, wirksam, wenn auch schwächer und schwächer, selbst im Krieg unter der Nazi-Besatzung, Nachbarschaftichkeit sogar zwischen serbokroatisch Sprechenden und den Deutschsprechenden, die, trotz der langen Dauer im anderen Sprachbereich, ihr angestammtes Idiom erhalten und gepflegt hatten - eine Nachbarschaftlichkeit, die sich nach der Ansiedlung im doch deutschsprachigen Österreich über all die Nachkriegsjahre nicht einmal in Ansätzen zeigte: keinerlei Ansässigkeits- oder gar Beheimatetsein-Gefühl; bis an sein Lebensende wurde der vom Eisenbahner zum Bergmann Gewordene, mit seiner Frau, aufgrund seines für die obersteirischen Ansässigen gar fremden Deutsch als Unzugehöriger behandelt, oder verhöhnt, oder schlicht übersehen (dabei wäre doch gerade in einer Bergwerksgegend, Schema: Solidarität, gar Verschworenheit der Untertagsarbeiter, zu erwarten gewesen, ein Wegfallen all der sonstigen kleinlichen Regional- und Sprachfärbungsgrenzen?). Was ich vom früheren Leben des Vertriebenen noch behalten habe: seine abenteuerliche Fahrt in der sozusagen eigenen Lokomotive bei Kriegsende, nordwärts auf der zum Teil zerstörten, zum Teil gesperrten, immer wieder bombardierten Schienenstrecke in einer Art Hasen-Zickzack über Grenzen und Dermarkationslinien, würdig der stoischen Geistesgegenwart eines Buster Keaton in dessen Film "Der General" (Name von Busters Lok) - nur daß der Lokführer in Georg Pichlers Ahnengeschichte so keine Heldentat zugunsten anderer, seiner Leute, seiner Partei, seiner Volksgruppe begeht, vielmehr gerade nur den eigenen Kopf rettet, und daß, was von solcher Flucht erzählt wird, nirgends eine Filmrasanz bekommt, geschweige denn eine Komik: die Lokirrfahrt erscheint als stilles, fast schwerfälliges Nachziehen einer panischen Episode aus einer unfaßbaren Vergangenheit, begleitet im Zurückdenken am Sterbetag höchstens von einem leisen Staunen; und schon gar nicht zum Staunen - so habe ich es jedenfalls behalten -, daß die Lok bei ihrem Stillstand zuletzt - war das irgendwo auf einem Hinternebengütergleis der steirischen Hauptstadt Graz? - dem Mann, samt Familie, eine Zeitlang als Unterkunft, als Flüchtlingswohnstätte gedient hat. Behalten habe ich auch, aber vielleicht täusche ich mich da, ein all die Jahrzehnte im fremden Österreich den zum Kohlenbergmann Umgeschulten zeitweise sacht anstupsendes Heimweh, weniger nach dem Lokführerberuf als nach seinem Stammland im Süden, an der breiten Save, mitten auf dem sogenannten Balkan - oder, wenn kein Heimweh, so doch ein stetes Rückbesinnen, verbunden mit Neugier, wie es inzwischen dort zugehe. (Solcherart Rückbesinnen bestimmt auch die Abfolge der Erzählsätze?) Andere Heimatlichkeit, flüchtige, zeitweise unten tief in den Braunkohlenschächten? Vielleicht - wenn auch die Stammarbeiter den Neuankömmling an dessen erstem Werktag mit gewaltiger Rohheit und Grausamkeit behandelten, etwa indem sie, nach meiner Erinnerung, den Ahnungslosen mit einem überschnellen, einem Blitz-Lift aus Hunderten Metern Tiefe zurück an die Erdoberfläche schießen ließen, wobei er zu sterben glaubte. Heimatlichkeit, eine gewisse, jedenfalls als Sportwart des zwischendurch sogar in der ersten österreichischen Liga spielenden Werksportvereins - in einem legendären, im Buch liebevoll mitgehend (nicht -reißend) geschilderten Match um Sieg und Klassenerhalt betrogen -, doch sogar da, im Ordnen der Schuhe, Trikots, der Bälle, das Beiseitegeschobenwerden durch das so gar nicht einheimische Deutsch ...

Mißglückte HeimatWas mir vom letzten Tag der Flusser-Lebenswanderung im Leser-Gedächtnis geblieben ist (wenn ich mich täusche, soll es mir genauso recht sein): der Rundgang des alten Menschen um und durch das einstige Werksgelände, das zu einer Art unfruchtbarer und vor allem nutzloser Steppe geworden ist - Rundgang, der ein Irrgang ist, aber ein freiwilliger, bedächtiger, Bilder erzeugender, ein Krebsgang rückwärts, der aber nicht nur rückwärts führt - die Vergangenheit mehr als bloße Vergangenheit. Und im nachhinein ist mir, als ob er auf diesem Gang keiner Menschenseele begegnet, insbesondere mit niemandem ins Gespräch kommt als mit sich selber und seinen Toten und/oder Entfernten. Die Oberfläche des ehemaligen Bergwerks, samt Ruinen, verrostetem Metall der Fördertürme usw. ist zu einem ganz anderen Labyrinth geworden, als es vorher die unterirdischen Stollen und Schächte waren. Selbst der Fluß - die Mur -, die Auen, die Wiesen, überhaupt die ganze savannenhafte Natur erscheint unter einem künstlichen Himmel als etwas Fragmentarisches, Unzusammengehöriges. Der Fußballplatz, wenn man ihn überhaupt so nennen kann, ist der typisch verschlammte, verwachsene, bucklige der untersten Spielklasse; die Wirtshäuser (oder das einzige) haben etwas Barackenhaftes, die paar Gäste etwas Geisterhaftes. Die Einheimischen sind sich und einander noch fremder geworden, und nicht bloß durch die Arbeitslosigkeit, als der alte Dazugeschneite da auf seiner Sterberund: alle haben sie verloren. Alles. Alle sind sie, obwohl zu Hause, heimatlos. Aber er umspinnt das Verlorene wenigstens mit der Erinnerung, während die Einheimischen gar nichts mehr haben, auch nicht die Kriegserzählungen, mit denen sie einst das Terrain behaupteten und die Grenzen markierten. Im Vergleich zu ihnen - und auch ohne Vergleich - ist Flusser,  der Staatenlose, ein Held. Ein Held warum? Ein Held, weil er etwas zu erzählen hat. Er ist  "der Held der Erzählung", und das genügt für das Buch als Heldentum.


Nachgehen, über die Jahre, tut mir das Buch Georg Pichlers freilich vor allem durch die Art, wie darin von dem letzten Gang des Ahnherren erzählt wird. Die Folge der Sätze und Absätze ist mir als eine wuchtige im Gedächtnis, stellenweise auch als schleppende, schwerfällige, von Erzählschritt zu Erzählschritt sich verlangsamende, triftig auch holpernde, stolpernde, für Momente fast "hinfällige". Ohne besonderes Nachahmen wird so die tapsende, immer wieder zum Atemholen innehaltende, vom Aus-sich-Herausgehen ins In-sich-Hineingehen usw. wechselnde Schrittweise des siechenden Helden spürbar. Der den Großvater erzählende Enkel - so sehe ich ihn jedenfalls - liest jenem (ja, es ist ein Schreiben, das, wenn nur je eines, aus einem Lesen einspringt) lange nach dessen Ableben etwas wie eine stille Messe; ein tonloses Toten-Requiem. Ans Düster-Licht gekommen ist dabei ein Buch, das zunächst mehr aus Körper zu bestehen scheint denn aus Text, und das zuletzt, gerade duch das Nachbilden des müden, schweren, dabei hellwachen Alten-Körpers reiner Text, pure Textur eines (des) Lebens wird so unendlich fern von jener Flapsigkeit - "Postmoderne" - genannt? - in gar vielen Heute-Büchern, die, indem sie den Raum verflapsen und das Dasein zur Conférence erniedrigen, Un-Bücher heißen müssen.

Mit dem Requiem von der mißglückten Heimat schien mir die Geschichte von Georg Pichler jedoch noch nicht zu Ende erzählt. Und auch jetzt fehlt mir - nicht etwa eine Fortsetzung, vielmehr etwas wie ein Zurückgehen, ein weitausholendes, vielgliedriges, vielstimmiges, heraus aus dem Sterbe-Labyrinth und hinaus in ein Land, ein ganz anderes. Und es muß dabei nicht unbedingt, nach der düsteren Totenmesse, um eine Auferstehung, gehen. Oder doch?

Fürs erste bleibt: dieses Buch da, mir unvergessen, möge auch noch dem und jenem unvergeßlich werden.

 

NS: Ich, entdeckte das Buch - dank meines Sohnes - zufällig. Wir waren wieder einmal auf Besuch in der Obersteiermark, im Sommer 2008 in der Buchhandlung Styria. Ich auf der Suche nach Lesestoff, mein Sohn auf der Suche nach gedruckten Fahrplänen und Literartur über Züge. Er schwenkte das Buch und sagte "das ist was für dich". Das war es.  Milena Findeis