Peter Handke "Was ich nicht sagte"

Eine Entgegnung auf die Kritik am Heinrich-Heine-Preis

Tage und Werke, Begleitschreiben Suhrkamp, Seite 32-34, Mai 2006

Den Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 27. Mai 2006 zur Verleihung des Heinrich-Heine-Preises benutze ich, einige Richtigstellungen zu den der Zeitung unterlaufenen Irrtümern zu versuchen – im Bewußtsein (und aus der Erfahrung), daß jede einzelne meiner Berichtigungen wieder eine Mehr- oder Unzahl neuer und anderweitiger Irrtümer (hm) auslösen wird.

1. Ich habe nie eines der Massaker in den Jugoslawienkriegen 1991-95 geleugnet, oder abgeschwächt, oder verharmlost, oder gar gebilligt.

2. Nirgendwo bei mir kann man lesen, ich hätte Slobodan Milošević als "ein" oder "das Opfer" bezeichnet.

3. Richtig ist: Anläßlich des okzidentalen Diktats gegegen Jugoslawien von Rambouillet, im Februar 1999, habe ich mich mich, wie die Welt seit damals weiß, vor der Kamera des Belgrader Fernsehens, verhaspelt, wobei herauskam, in meinem Französisch, die Serben seien noch größere Opfer als die Juden – was ich dann, nachdem ich ungläubig, das Band mit dem produzierten Un-Sinn angehört hatte, schleunigst korrigierte: Text, seinerzeit von Focus veröffentlicht und von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Wort für Wort, einmal ohne Kommentar, umgehend nachgedruckt.


Ein P.S. noch für eine mir und vielleicht auch diesem oder jenem Leser wichtige letzte (versuchte) Berichtigung: Vor kurzem, wiederum in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in einer der wie gewohnt geistvollen, hochherzigen und einfühlsamen Glossen des Theatersachverständigen der Zeitung, die meine Person oder meinen Phantom-Titel "Der wilde Mann" zum Vorwurf nahm (P.H., borniert, Kitschier, Befürworter von Kriminellen et cetera), war auch von meinem Stück Die Fahrt im Einbaum die Rede, worin ich angeblich das serbische Volk als eines schildere oder gar preise, welches Europa das Essen mit Messer und Gabel beigebracht habe, und überhaupt die Kultur. Richtig ist wieder, daß in dem Stück (Seite 65) eine Figur sagt: "Dabei waren wir es, die euch jahrhundertelang die asiatischen Horden ferngehalten haben. Und ohne uns würdet ihr immer noch mit den Fingern fressen. Wer war es, der in die westliche Welt Messer und Gabel eingeführt hat?" Nur: ist es nötig zu sagen, daß es sich hier um eine Parodie handelt? Nötig anzuführen jedenfalls der Rollenname jener kleinen Figur: "IRRER".

Und in diesem Sinne wünsche ich, daß alle meine (6) Aufzeichnungen, Erzählungen, Berichte, Stücke der letzten fünzehn Jahre zu Jugoslawien Wort für Wort gelesen würden, und anders sachverständig:
Abschied des Träumers vom Neunten Land (1991) 
Eine winterliche Reise zu den Flüssen der Donau, Save, Morawa und Drina (1996)
Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise (1996)
Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg (1999)
Unter Tränen fragend (1999) und zuletzt
Die Tablas von Daimiel (2006) (alle bei Suhrkamp).
Mir dünkt, mich bedünkt, für diese Schriften ist der Heinrich-Heine-Preis. Es gibt noch Bücher zu lesen jenseits der Zeitungen.
"Ah, die alte Frau dort, meine Leserin,
die einzige, die mich noch grüßt?
Und wenn sie mich nicht grüßt?
Was für ein Abenteuer!
Und sie grüßte.
Und ein zweiter grüßte, ein Unbekannter.
Und ein Dritter dann"
(Gedicht für H.H, am 27. Mai 2006)

  

Peter Handke - Ein Brief 

9.6.2006 Tage und Werke, Begleitschreiben Suhrkamp

Ihre freundliche Stimme noch im Ohr, möchte ich Ihnen sagen, welch gute Überraschung dieser Heinrich-Heine-Preis war, erst einmal für mich, der sich überhaupt keinen Preis erwartet hatte, und wie er solch eine Überraschung weiterhin ist, gut vielleicht weniger für mich persönlich als für ein endliches allgemeines Auftauen, so scheint es inzwischen zumindest, der gefrorenen Blicke und Sprache in Hinsicht auf das jugoslawische Problem, einschließlich des Prozesses gegen Slobodan Milošević, wie das ja wohl auch Sie sich gewünscht haben. Doch ich schreibe Ihnen heute zusätzlich, um Ihnen (und der Welt) die Sitzung des Düsseldorfer Stadtrats (heißt das so?) zu ersparen, womit der Preis an mich für nichtig erklärt werden soll, zu ersparen auch meiner Person, nein, eher dem durch die Öffentlichkeit (?) geisternden Phantom meiner Person, und insbesondere zu ersparen meinem Werk oder meinetwegen Zeug, welches ich nicht wieder Pöbeleien solcher wie solcher Parteipolitiker ausgesetzt sehen möchte. Ich bitte Sie – so das in Ihrer Macht steht –, die Sitzung oder Veranstaltung auf den Nimmerleinstag zu verschieben und statt dessen die Stadträte an die frische Luft zu entlassen, z.B. zu einem Picknick an den Rhein. Schade ist vielleicht nur, daß ich im Dezember einiges hätte darlegen können zum Unterschied zwischen journalistischer und literarischer Sprache und daß ich nun in Düsseldorf-Rath sowie in der Gartenstraße beim Hofgarten meine Streunereien vor 35, 40 Jahren nicht wiederholen kann. Aber dafür werde ich bald wieder einmal vor dem Grab Heinrich Heines auf dem Friedhof von Montmartre stehen - der Friedhof ist nicht weit von meinem Kaff hier. Und seien Sie nochmals bedankt, lieber Joachim Erwin, für Ihre Aufgeschlossenheit – die Sie sich für Ihr Tun und Lassen bewahren mögen.

Herzlich
Ihr
Peter Handke

 

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