Vom Baum zum Wald
Alte liebenswerte Bäume
Hans F. Krebs

Wir beschreiben und kennzeichnen den Baum, mit Begriffen die für Menschen bestimmt sind. Wir geraten schnell an die Grenze, die uns anzeigt, daß unsere sprachlichen Bezeichnungsfäigkeiten eingeschränkt sind. Doppeldeutigkeiten gefährden Sinnvermittlung. Persönlichkeit ist an Person gebunden. Dürfen wir deshalb doch von Baumpersönlichkeiten sprechen? Genügt es nicht, den Baum in seiner Funktion, seiner Form und seiner Geschichte zu beschreiben? Der Baum ist Spender für Leben. Der Baum ist Heimstatt und Nahrungsquelle der Vögel. Das Selbstverständliche ist nicht selbstverständlich; selbstverständlich heißt, daß sich etwas aus swich heraus verstehen läßt, es heißt nicht, daß es sich von selbst versteht. Der Städter hat eine Wahrnehmungsfähigkeit entwickelt, die von der des Menschen auf dem Lande unterschieden ist. Verarmungen gedeihen in der Stadt und auf dem Lande.
Die alten Bäume sind gezeichnet. Die alten Bäume sind schön. Das Gezeichnete fasziniert uns. Im Gezeichneten werden die Spuren sichtbar, die die Jahrhunderte und deren Jahreszeiten hinterlassen haben. Das Gezeichnete setzt Zeichen. Wir müssen lernen, diese Zeichen zu verstehen. Erinnern wir das Bildnis, das Albrecht Dürer (1471 – 1528) von seiner Mutter schuf. Alte Menschengesichter und steinalte Bäume haben Strukturen, die sich ähnlich sind. Hinschauen müssen wir. Der Baum ist ein Zeichen der Erinnerung, wie Menschen Anlaß sind, sich zu erinnern. Menschen und Bäume bieten Heimstätten für Leben. Anfänge sind auch in ihrer Winzigkeit auszumachen. Einzigartigkeit sagt, daß alles Lebendige von einander unterschieden ist. Alles Lebendige ist einzigartig.
Metaphern brauchen wir, wenn wir ein Sprachbild schaffen, um Sinn an- und aufzuzeigen. Der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis sind Metaphern mit denen eine poetische Wirkung erzielt wird. In der Realität gibt es den lebendigen Baum; den erkennenden Baum gibt es nicht, der Baum wird vom Menschen erkannt. Romantik ist versöhnlich. Romantik bekommt dann eine Schlagseite, wenn Gefühle stilisiert und gefälscht werden. Es genügt, wenn wir das Existenzrecht des Baumes anerkennen. Anerkennen kann ich nur reales; irreales ist anzuzweifeln. Jedem einzelnen Menschen soll es vorbehalten bleiben, Bäume zu respektieren; sie sind Teil unseres Lebens. Tiere und Pflanzen haben ein Recht und einen Anspruch auf Hege und Pflege; sie sind uns Menschen der Verantwortung anheimgegeben. Tiere und Pflanzen kennen keine Würde. Menschen dürfen Würde als Metapher, Tieren und Pflanzen zugestehen.
Für unsere Botschaft »Ohne Lebensfreude keine Taten/ Ohne Mut kein Vorwärtskommen/ Ohne Frohsinn keine Leistung/ Ohne Leistung keine Zukunft« brauchen wir Symbole, die Eindeutiges an- und aufzeigen. Symbole sind menschliche Schöpfungen; Symbole spiegeln und reflektieren Erscheinungen, die wir in unserer Sprache nicht darstellen können. Die Waage ist das Symbol für Gerechtigkeit. In unserem Sinne ist ein Symbol ein wahrnehmbares Sinnbild, das uns auf etwas nicht Wahrnehmbares hinweist und es uns verstehen läßt. Der Baum ist gleich-zeitig, der Baum ist in der Vergangenheit und in der Gegenwart, der Baum ist real und wirklich.
Wir sollten lernen zwischen Naturwelt und Kulturwelt zu unterscheiden. Wenn wir unterscheiden können, wissen wir, daß wir fähig sind, etwas wahrzunehmen; es wird uns etwas bewußt. Einfaches ist nicht unbedingt einfach. Der Baum ist ein Teil der Naturwelt Und der Mensch? Naturweltlich wie der Baum und Schöpfer der Kulturwelt. Viele der Konflikte, die Menschen auszuhalten haben, gründen in diesen Widersprüchen von Vorhandenem und Geschaffenem. Die Evolution ist eine brauchbare Theorie; wir haben einen engen Blickwinkel. Der Horizont, den wir durch unsere Sinne erfassen, ist schmal. Erst wenn wir die Fähigkeit erwerben, zwischen glauben, meinen und wissen zu unterscheiden, können wir uns wandeln. »Auch eine weite Reise beginnt mit dem ersten Schritt«, sagen dem Sinne nach die Chinesen in einem Sprichwort.
Bäume sollten wir nicht vereinzeln. Bäume sind Teil der Natur; sie sind Teil eines unendlichen Kreislaufes. Legenden, Märchen und Mythen mindern den Bezug zur Realität. Menschenwerk sollte naturkonform ausgerichtet werden. Auf Schwärmereien können wir verzichten. Wir müssen uns zu unserer Verantwortung bekennen, wir müssen handeln. Alte und neue Ideologien sind zu überwinden. Mißverständnisse sind durch Verständnis von Zusammenhängen aufzuhellen. Viele unserer Gewißheiten sind fragwürdig geworden. Fragwürdig heißt, daß das Erkannte zumindest einer Frage würdig ist. Wir müssen vorbehaltlos fragen. Wir werden dabei erschrecken. Das Sterben der Bäume und der Vögel, die Reaktorunfälle, das Gift in der Luft und im Wasser, die Geröll- und Schlammlawinen in der Bergtälern sind Zeichen, sind Hinweise, die wir der Natur zu danken haben. Die Mißachtung dieser Zeichen bleibt nicht straflos. Die Geduld, die die Natur mit uns Menschen hat, ist endlich.

Hans F. Krebs, Frankfurt, 31. Januar 1988
Die Bäume
Franz Kafka
Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.
"Betrachtung", Leipzig, Ernst Rowohlt, 1913
Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.