Anna-Halja Horbatsch

 

Anna-Halja Horbatsch (geb. Lutziak; * 2. März 1924 in Brodina, Süd-Bukowina; † 11. Juni 2011 in Wald-Michelbach) war eine ukrainische Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin, Verlegerin und Bürgerrechtsaktivistin. Sie gilt als Pionierin bei der Vermittlung ukrainischer Literatur im deutschsprachigen Raum.

Gemini Generated Image - Stus und HorbatschGemini Generated Image - Stus und Horbatsch

Anna-Halja Horbatsch, geb. Lutziak, wurde in der Südbukowina geboren. Sie besuchte eine rumänische Volksschule und nach dem Umzug nach Czernowitz ein rumänisches Gymnasium. In der Familie wurde Ukrainisch gesprochen und in Czernowitz auch Deutsch, denn die Stadt gehörte bis 1918 zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Dank der österreichischen Vorfahren ihrer Mutter konnte die Familie im Zuge des Programms „Heim ins Reich“ nach Deutschland übersiedeln. Sie lebte zuerst in Aufnahmelagern, dann kurze Zeit in Berlin und Paderborn, wo sie 1943 Abitur machte. Von hier aus wurde sie als FLAK-Helferin einberufen.
Sie begann ein Medizinstudium, wechselte aber nach dem Krieg und studierte Slavistik, Romanistik und osteuropäische Geschichte an der Universität Göttingen. Schon als Studentin begann Anna-Halja mit Übersetzungen aus dem Ukrainischen. 1948 heiratete sie den Slavisten Olexa Horbatsch. 1950 promovierte sie in München mit dem Thema „Epische Stilmittel der Kosaken-Dumen“.
Horbatsch übersetzte seit Ende 1940er Jahre Texte ukrainischer Schriftsteller ins Deutsche und engagierte sich für die Verbreitung ukrainischer Literatur in Westdeutschland. Sie machte sich einen Namen als Übersetzerin, nachdem von ihr zwei große Anthologien ukrainischer Literatur vorbereitet und herausgegeben wurden: Blauer November. Ukrainische Erzähler unseres Jahrhunderts (1959) und Ein Brunnen für Durstige und andere ukrainische Erzählungen (1970).
Sie übersetzte zwanzig Bücher aus dem Ukrainischen, darunter Prosa von Mychajlo Kocjubyns’kyj, Hnat Chotkevyč, Andrij Tschajkowskyj, Lyrik von Iwan Switlytschnyj, Jewhen Swerstjuk, Wasyl Stus, Kinderbücher, Essays, Kosakengeschichten, womit sie zur produktivsten Ukrainisch-Übersetzerin in der Bundesrepublik wurde.
Zur Verbreiterung der ukrainischen Literatur und Kultur trug sie bei durch Teilnahme an wissenschaftlichen Tagungen, Vorträgen, Gesprächen mit Slawisten, literaturwissenschaftlichen Publikationen zu Ukraine-relevanten Themen. 

Brodina

1995 gründete Horbatsch, von der Familie unterstützt, ihren eigenen Verlag für die Vermittlung ukrainischer Literatur, den sie nach ihrem Geburtsort Brodina-Verlag nannte. In diesem Verlag erschienen weitere Übersetzungen zeitgenössischer ukrainischer Schriftsteller (Juri Andruchowytsch, Lina Kostenko, Viktor Kordun, Wassyl Herassymjuk u.a.) sowie thematische Anthologien. Sie publizierte das deutsch-ukrainische Lesebuch mit kultur- und literaturhistorischen Prosatexten: Die ukrainische Literatur entdecken (2001), und eine literaturwissenschaftliche Sammlung Die Ukraine im Spiegel ihrer Literatur. Dichtung als Überlebensweg eines Volkes (2002).

Anna-Halja Harbotsch, Foto: http://www.foto-kunst-tschernow.de/ka0801d1.html, 2007Anna-Halja Harbotsch, 2007
Foto: http://www.foto-kunst-tschernow.de/ka0801d1.html
Aktiv unterstützte Horbatsch auch die ukrainische griechisch-katholische Kirche, die in der Sowjetunion verboten war, setzte sich für ukrainische Geistliche ein und publizierte zur Situation der Kirche in der Ukraine.

Bis zu ihrem Tode 2011 blieb Horbatsch als Übersetzerin und Kulturmittlerin aktiv, knüpfte Kontakte zwischen der Ukraine und deutschsprachigen Slawisten, setzte sich für den Ausbau der Ukrainistik an der Universität Greifswald ein, arbeitete mit dem Nachlass ihres Mannes, publizierte Bücher, aber in erster Linie engagierte sie sich dafür, ukrainische Literatur deutschsprachigen Lesern als eine reiche, eigenständige Literatur mit langer Tradition vorzustellen. Als Kulturmittlerin hat sie 2006 das Bundesverdienstkreuz sowie mehrere ukrainische Auszeichnungen erhalten.

Seit Ende 1960er war sie als Bürgerrechts-Aktivistin tätig und versuchte u.a. durch Amnesty International der Weltöffentlichkeit über die prekäre Situation und die Verfolgungen von ukrainischen Kulturschaffenden in der Sowjetunion zu berichten, diese zu unterstützen und ihre Texte ins Deutsche zu übertragen. Sie organisierte und verschickte Hilfepakete an ukrainische Schriftsteller, die in sowjetischen Lagern waren, und kümmerte sich um die Publikation ihrer Manuskripte.
Dank Horbatsch wurden mehrere Zeugnisse über die sowjetische Diktatur veröffentlicht, darunter Politische Gefangene in der Sowjetunion. Dokumente (1976), Jurij Badzio, Walerij Martschenko, Wassyl Stus, drei ukrainische Gewissensgefangene (1985), Dokumente zur Lage in der Ukraine (1991).

Der Nachlass von Anna-Halja Horbatsch befindet sich zusammen mit dem ihres Mannes in der Lwiwer Nationalen wissenschaftlichen Stefanyk-Bibliothek.

 

 

Quellen

Ivanytska, Maria (2014): Die Entwicklung der deutsch-ukrainischen Literatur-Beziehungen und der Beitrag von Anna-Halja Horbatsch. In: Die Welt der Slawen Jg. 59 (2014), H.2, S. 268–292.

Wissenschaftlicher Aufsatz „Die Entwicklung der deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen und der Beitrag von Anna-Halja Horbatsch“ von Prof. Dr. Maria Ivanytska (Die Welt der Slaven, 2014).
Die_Entwicklung_der_deutsch-ukrainischen_Literaturbeziehungen.pdf

»Als Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin hat Anna-Halja Horbatsch dazu beigetragen, dass die ukrainische Literatur als eigenständiges kulturelles Phänomen wahrgenommen und nicht von der „sowjetischen Literatur“ aufgesogen wurde. Ihre Tätigkeit ist jedoch nur einem engen Kreise Interessierter bekannt. Es gibt ein in Lwiw erschienenes bibliographisches Verzeichnis ihrer Werke und Übersetzungen mit einem Vorwort von Zakrevs’ka (1999) sowie einige Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet über ihr Engagement für die deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen. Dabei kann gerade die Analyse ihres Lebenswerkes veranschaulichen, wie viel eine einzige Persönlichkeit für die Annäherung von Literaturen bewirken kann. So wurden von 23 Anthologien, die in der Wikipedia als deutschsprachige Anthologien der ukrainischen Literatur aufgelistet sind, zehn von A.-H. Horbatsch herausgegeben.«

    Maria Ivanytska: Übersetzung und Imagologie: Das Bild ukrainischer Literatur im Spiegel ihrer Übersetzungen ins Deutsche.
    Im Artikel wird der Beitrag von Anna-Halja Horbatsch zum Image der ukrainischen Literatur in Deutschland thematisiert.  Zum einen wird Horbatsch als eine engagierte Kulturmittlerin und Literaturwissenschaftlerin, die produktivste ukrainisch-deutsche Übersetzerin der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dargestellt, die sich um ein Ukraine-Bild in Westdeutschland bemühte. Zum anderen wird die Frage aufgedeckt, wie ihre Tätigkeit aufgenommen und wie die ukrainische Literatur in Deutschland rezipiert wurde. Horbatschs Werk wird anhand des Models der Übersetzerbiographie von Renata Makarska beschrieben. Es wird erörtert, wie sich Horbatschs Ukraine-Bild von dem in der DDR entwickelten Bild der ukrainischen Literatur unterscheidet. 


      Die Beziehung zwischen Petro Rychlo, Anna-Halja Horbatsch und Maria Ivanytska lässt sich als ein eng geflochtenes Netz aus praktischer Übersetzungsarbeit, regionaler Identität (Bukowina) und wissenschaftlicher Aufarbeitung im Bereich der deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen beschreiben.

      Petro Rychlo und Anna-Halja Horbatsch: Zwei Generationen von Brückenbauern

      Petro Rychlo (geb. 1950) und Anna-Halja Horbatsch (1924–2011) verkörpern die beiden zentralen Achsen des literarischen Transfers zwischen der Ukraine und dem deutschsprachigen Raum:

      Herkunft und Bezug zur Bukowina: Beide verbindet eine tiefe biografische Wurzel in der Bukowina. Horbatsch wuchs in der Süd-Bukowina auf und besuchte das Gymnasium in Czernowitz; Rychlo wirkt als Germanist und Literaturwissenschaftler an der Universität Czernowitz.

      Komplementäre Übersetzungspraxis:

      Anna-Halja Horbatsch arbeitete primär in die Richtung Ukrainisch → Deutsch. Sie vermittelte verfemte, sowjetukrainische sowie moderne ukrainische Autoren an ein deutschsprachiges Publikum.

      Petro Rychlo arbeitet intensiv in die Richtung Deutsch → Ukrainisch. Er machte vor allem die deutschsprachige Literatur der Bukowina (u. a. Paul Celan, Rose Ausländer, Karl Emil Franzos) in der Ukraine zugänglich und förderte den Dialog vor Ort.

        Wo Horbatsch in der Nachkriegszeit im westdeutschen Exil gegen das Vergessen der ukrainischen Kultur kämpfte, knüpfte Rychlo nach dem Zerfall der Sowjetunion von Czernowitz aus an diese Vermittlerrolle an.

          Maria Ivanytska: Die wissenschaftliche Chronistin und Analystin

          Prof. Dr. Maria Ivanytska (Germanistin und Translationswissenschaftlerin) bildet das wissenschaftliche Fundament, das das Schaffen von Horbatsch und Rychlo erforscht, dokumentiert und konzeptionell einordnet:

          Erforschung von Horbatschs Lebenswerk: Ivanytska widmete dem Beitrag von Anna-Halja Horbatsch grundlegende wissenschaftliche Arbeiten (u. a. „Die Entwicklung der deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen und der Beitrag von Anna-Halja Horbatsch“). Sie prägte die Einordnung Horbatschs als „Vorreiterin einer neuen Periode in den deutsch-ukrainischen Literaturbeziehungen“.

          Systematisierung der Übersetzerforschung: In ihren translationswissenschaftlichen Publikationen analysiert Ivanytska die Akteure des literarischen Transfers – darunter sowohl die Pionierarbeit von Emigranten wie Horbatsch als auch die neuere Rezeptionswelle, an der Germanisten und Übersetzer wie Petro Rychlo maßgeblich beteiligt sind.

           

          Prag, 19. September 2026, Milena Findeis
          NS:  Igor Pomerantsev erzählte dem Zeitzug, dass ihn Horbatsch 1978 in Lahnstein besuchte.

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