Igor Pomerantsev

Das Recht zu lesen

Das Recht zu lesenErstveröffentlichung "Das Recht zu lesen" in SPUREN, Zeitschrift für Kunst und Gesellschaft, Heft 2/1980. Anläßlich des 65. Geburtstages von Igor Pomerantsev tippte ich das ins Deutsche übersetzte Manuskript ab. Igor Pomerantsev konnte mir den Übersetzer nicht nennen bzw. wollte dieser anonym bleiben. 
1948 in Saratow, UdSSR geboren, verbrachte Igor Pomerantsev seine Kindheit und Jugend in Czernowitz, er studierte englische Philologie und Pädagogik. Erste Lyrik-Veröffentlichung 1972 in der Moskauer Zeitschrift "Smena". Kontaktaufnahme zur ukrainischen Bürgerrechtsbewegung. 1976 wurde Pomerantsev vom KGB wegen des Besitzes und der Verbreitung von "schädlicher politischer Literatur" verhaftet. 1977 wurde ihm nahegelegt, zu emigrieren, um einer neuen Verhaftung zu entgehen.
 1978 Ausreise nach Deutschland.  1979 Umzug nach London, Arbeit für BBC.  1987 wechselte  er nach München, seit diesem Zeitpunkt  ist er als Kultur-Produzent für Radio Free Europe, Russland (RFE/RL) tätig. Seit 1995 arbeitet der britische Staatsbürger Pomerantsev in Prag. Im September 2010 fand das durch ihn initiierte Lyrik-Festival "Meridian Czernowitz" erstmals statt. 
Milena Findeis, Prag, 11.1.2013

 

Vom Umgang mit Büchern unter Gulag-Bedingungen

Es ist heiß im Sommer in Kiev. Ich hob mir den Urlaub bis Ende August auf. Je länger man wartet, um so größer ist die Freude aufs Meer.  Nach der Abreise meiner Cousine in Odessa, sie verfügte dort über eine Datscha, konnte ich diese nutzen. Ich kam kurz vor dem Ende der Badesaison an und wollte keine Minute verlieren: direkt vom Bahnhof aus holte ich mir die bei Bekannten hinterlegten Datscha-Schlüssel. Den Koffer packte ich gar nicht erst aus, Badehose und Handtuch fand ich schnell und rannte zum Strand. Ich schwamm lange - in Brustlage kraulend und auf dem Rücken. Ich versuchte mich auf den Wellenbrechern zu halten. Landete bei einer Boje. Die Wange preßte ich gegen die nasse, rostige Boje, während ich mit den Füßen unter Wasser das gedrehte Metalltau fand. Ich ruhte fünf Minuten aus, dann arbeitete ich mich - unter vollem Körpereinsatz - zurück an den Strand. Dort fiel ich in den Sand - erschöpft und ermüdet. In diesem Zustand wurde ich verhaftet.

Wir fuhren in einem PKW vom elften Bezirk zum Zentrum. Rechts und links von mir saßen zwei junge, stämmige KGB-Leute, vorn ihr Kollege, ein Mann von knapp fünfzig Jahren. Meine feuchte Badehose spannte und verfärbte die Hose. Vor mir zitterte der Plastikhebel der Gangschaltung. Ich dachte: nur nicht zittern wie dieser Hebel ... An beiden Seiten der Chaussee gingen Menschen. Einige, die nicht merkten, daß der Wagen voll besetzt war, versuchten uns durch Handzeichen zu stoppen, um mitzufahren. Wie gern hätte ich mit jedem von ihnen getauscht. Gerne wäre ich auf dem von der Schwarzmeersonne erhitzten Asphalt zu Fuß gelaufen, anstatt mit dem komfortablen Wolga in eine beängstigende, düstere Ungewißheit zu fahren. Wie sollte ich Ian Fleming nicht lieben, trotzdem bevorzuge ich Marcel Proust. Was sollte der Verehrer von Marcel Proust tun, als ihn am letzten Augusttag des Jahres 1976 drei Knochenbrecher vom Strand des Schwarzen Meeres wegschleppten, ohne die neugierigen Blicke der Strandbesucher zu beachten, und ihn mit 100 km/h Geschwindigkeit zur Karl-Liebknecht-Straße zum Komitee des Staatssicherheitsdienstes beim Ministerrat der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik in Odessa brachten?

Der Artikel 62 des Strafgesetzbuches der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik beinhaltet unter anderem das Verbrechen der "Aufbewahrung und Verbreitung antisowjetischer Literatur". Mir scheint, daß viele Menschen die im Westen leben, sich diese "Aufbewahrung und Verbreitung" so erklären: Mitglieder einer Untergrundbewegung, die mit Hilfe von Druckerschwärze im Schweiße ihres Angesichts Flugblätter mit dem Aufruf "Nieder mit der Sowjetmacht" herstellen, oder zumindest einen geheimnisvollen Unbekannten, der an einem Vervielfältigungs- oder Photokopierapparat steht und zu Hunderten Broschüren mit einem ebenso brisanten Inhalt vervielfältigt. Ich möchte erläutern: unter "Aufbewahrung" versteht man das Vorhandensein eines Buches oder einer Zeitschrift zu Hause auf dem Nachttisch oder in einem Bücherschrank, die nicht von einem offiziellen Verlag in der UdSSR herausgegeben wurden und durch die Verfolgungsorgane nach Belieben als antisowjetisch bezeichnet werden können. Nehmen wir an, dir sei es durch ein Wunder gelungen, den weltbekannten Doktor Schiwago von Pasternak zu bekommen. Nehmen wir weiter an, du hättest den Roman nicht an zwei Tagen gelesen, wie mit dem Eigentümer des Buches ausgemacht, sondern an einem Tag, und dich hätten weder das Sujet noch die schülerhaften Versuche der Gestaltung von Helden und Charakteren des Romans eingenommen, wohl aber der naive Glaube des Autors an die Stärke des Sujets und die Ausdruckskraft seiner Gestalten ergriffen, nein - einfach entzückt, wie seine endlosen lyrischen, religiös-philosophischen und historischen Abschweifungen vom Sujet, jene Ströme von Freiheit und Begeisterung, die in Pasternaks Stimme fast geschluchzten Rezitative, von denen du benommen bist. Und - nehmen wir an - du eilst, mit diesen gewichtigen unwägbaren Band unter den Arm genommen hast, zu deinem besten Freund oder zu deiner Geliebten, um mit ihnen in den gewonnen 24 Stunden dein Glück zu teilen. Diese deine Behändigkeit, deine unvorsichtige Selbstlosigkeit wird durch den Artikel 62 ohne weiteres als "Verbreitung antisowjetischer Literatur" bezeichnet. Druckerschwärze haftet und verhaftet. Wenn du - was Gott verhüte - zwei Kameraden hast, die beim KGB-Verhör einhellig eingestehen, du hättest ihnen den unglückseligen Doktor Schiwago zum Lesen weiter gegeben, so ist jeder Staatsanwalt berechtigt, einen Haftbefehl auszustellen. Aber wenn du nicht gewußt hast, daß dieser nicht in der UdSSR erschienene Roman von Pasternak antisowjetische Literatur sei? Diese Frage ist müßig. Tatsächlich gibt es kein offizielles Verzeichnis antisowjetischer Bücher. Seinerzeit waren die Gedichte eines der Klassiker der sowjetischen Lyrik, Sergej Jesnin, verboten. Seinerzeit versuchte man, den jetzt anerkannten Nobelpreisträger Ivan Bunin, dessen Gesammelte Werke nunmehr in einer mehrbändigen Ausgabe erschienen sind, aus der russischen Literatur zu tilgen. Seine Bücher galten als verbrecherisch.

Ich erinnere mich, wie mein Vater, ein Journalist bei der Parteipresse, Anfang der Fünfzigerjahre einen Band des Satirikers Michail Soschtschenko mit nach Hause brachte, der vom obersten Stalinschen Kulturfunktionär Andrei Zhdanov drakonisch bestraft wurde. Soschtschenko galt damals als Verbrecher. Eines späten Abends − man hatte meinen Bruder und mich zu Bett gebracht – las mein Vater meiner Mutter die Erzählungen dieses erst nach dem XX. Parteitag wieder zugelassenen Satirikers vor, und beide lachten aus vollem Halse, aber mir, der sich schlafend gestellt hatte, kam es nicht in den Sinn, warum sie so lauthals lachten. Heute scheint es mir, daß ihnen nicht nur die Prosa als solche gefiel, sondern sie sich an etwas Verbotenem labten, an etwas, wozu die Mehrheit ihrer Landsleute keinen Zugang hatte und diesen Zugang auch nicht wagte.

Nun sind zusammen mit den gefolterten und in Lagern und Gefängnissen gequälten Schriftstellern auch ihre Bücher rehabilitiert worden. Natürlich wurden nicht alle, die umgebracht worden waren, rehabilitiert. Hinzu kommt, daß es irgendwie schandbar ist, rehabilitiert worden zu sein. Geradezu schamhaft - mit Auslassungen und Kürzungen - werden ihre Bücher in kleinen Auflagen herausgebracht. Jahrzehnte wartete der russische Leser auf die Veröffentlichungen der Gedichte, Prosa und Essays von Ossip Mandelstam. Nur unbedeutende Bruchstücke des Nachlasses von Mandelstam konnte der russische Leser sammeln und dabei riskieren, der "Aufbewahrung und Verbreitung" beschuldigt zu werden. Mandelstams Lyrik habe ich zuerst gehört und erst im nachhinein gelesen. Sie wurde unter Gleichgesinnten wie eine Parole für den geistigen Widerstand weitergegeben. Wenn das Regime die russische Lyrik einäschern würde, würden sich einige Hundert finden, die sie aus dem Gedächtnis rezitieren könnten. Nirgends kennt man so viele Gedichte auswendig wie in Rußland.

Bücher waren für mich mehr als Erzählungen, sie waren "Lebensmittel": intensiv, pulsierend und nährend. Manchmal hat mir meine Mutter Alexandre Dumas, Jules Verne oder Henry Rider Haggard aus der Hand genommen und mich auf die Straße geschickt,  damit ich etwas frische Luft atme. Ich habe sie überlistet: und das Buch wurde unter dem Hemd versteckt. Erstaunlich war, daß mein Vater die gleichen Bücher wie ich las. Mit 45 Jahren inhalierte er die gesamte Abenteuerliteratur - wahrscheinlich, um sich bei deren Lektüre von den eintönig-plumpen, offiziellen Artikeln zu erholen, die er  zu redigieren oder selbst zu schreiben hatte. Gemeinsam stürzten wir uns auf Hemingway, Salinger und Faulkner. Ende 60 war er − mit seinem von einigen Infarkten angegriffenen Herz − gierig auf die von mir mitgebrachten Schreibmaschinenseiten mit dem verbotenen Traktat Sacharows über die Freiheit der Intellektuellen. Der wie  ein Galeerensklave an den Redaktionstisch gekettete Vater, hat nie versucht,  wenigstens ein Wort der Wahrheit zu schreiben, und vielleicht gerade deswegen liebte er Tolstoj und Faulkner für ihrer Gabe, die Wahrheit zu sagen.

Mir fällt kein anderes Wort als "Verrat" zu, wenn ich an die denke, die erwachsen waren, als ich heranwuchs. Um der eigenen Kinder willen, hätten sie manchmal, zumindest zu Hause, ihre Menschen- und Bürgerwürde finden sollen. Daß mein Großvater mütterlicherseits in Stalins Lagern bei Rybinsk gequält worden war, erfuhr ich erst, als ich älter war; über die Verhaftung meines Onkels im Jahre 1937 erzählte man mir erst, als ich die Schule beendet hatt. Erinnerlich ist mir ein zaghafter Versuch meines Vaters, Rückgrat zu zeigen. Ende der Fünfzigerjahre erhielt er von der Partei eine strenge Rüge, weil er in einem Leitartikel "absichtlich das reaktionäre Verhalten des Titoregimes in Jugoslawien" nicht aufgezeigt habe. Als die Parteiversammlung einheitlich der Rüge zustimmte, verletzte mein Vater das Parteistatut und schrieb an die Zeitung "Pravda" einen Brief, in welchem er seinen "liberalen" Leitartikel zu rechtfertigen suchte. Eine Antwort hat er nicht erhalten.

Verraten fühlte ich ich auch von meinen Lehrern. In den zehn Jahren, in denen ich auf der Schule war, hörte ich nie die Wahrheit über die wichtigste Frage, über die Tragödie meiner Heimat. Sie, die Pädagogen, die ihre Schüler ausschließlich nach dem Vorbild der legendären Helden des Großen Vaterländischen Krieges und deren Mut und Tapferkeit erzogen, duldeten als Feiglinge ihrer eigenen Tyrannei und lehrten uns das klägliche Handwerk kleiner Konformisten.

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Igor Pomerantsev, privates Jugendfoto

Vor allem fühlte ich den Verrat in mir. Warum glaubte ich den Lehrern und Zeitungen aufs Wort? Warum erwarb ich in der Schule den Ruf des besten Politinformators? Warum kam ich erst nach neunundzwanzig langen Jahren dazu, offen für meine Landsleute einzutreten, die dafür, daß sie laut dachten und ihre Gedanken äußerten, hinter Stacheldraht, hinter Schloß und Riegel und in den hohen, stummen Mauern psychatrischer Krankenhäuser eingesperrt und versteckt gehalten wurden. Nur die Bücher haben mich nicht verraten. Ich spreche von Euch, den Gedichten Pasternaks. Ich spreche von Dir, Salingers Prosa, von Deinem Helden Seymore Glass, der mich Geistigkeit, Sinnlichkeit und Feingefühl lehrte. Gemeinsam mit Seymore Glass folgte ich der japanischen Haiku-Kunst: einzelne Worte auszuwählen, der Kunst zu schweigen, der Kunst zu leben. Ich rede von Euch, Bücher von Heinrich Böll. Seine Romane Billard um halb zehn  und Mit den Augen eines Clowns sind meisterhaft verfasste Bücher. Mir nahe ist Bölls frühe Prosa Und sagte kein einziges Wort und Brot der frühen Jahre. In den ruhelosen, einsamen, jungen hungrigen, schlecht gekleideten, nachdenklich Sehnsüchtigen, die verwaist durch zerstörte, leere Städte ziehen, in ihrer Bedürftigkeit den Menschen ähnelten, die nach langer, schwerer Kranheit wieder ins Leben entlassen wurden, in ihnen erkannte ich meine alten Gesinnungsgenossen und ein Stück von mir selbst wieder. Diese Böllschen Helden wohnen jetzt draußen am Stadtrand unter Betonbrücken, von deren grauen, schmutzigen Wänden übel riechende Feuchtigkeit abbröckelt. Der Idiot aus Und sagte kein einziges Wort ist mir unvergeßlich. Er hat gelallt, unverständlich gemurmelt und war nicht in der Lage sich klar auszudrücken. Jetzt gestehe ich mir ein, warum dieser Idiot mich berührte und aufwühlte: Sein Unvermögen sich auszudrücken −das war ein Teil von mir. Ihm war ich ähnlich und nicht jenen hungrigen, feschen Burschen, die vor ihrer Zeit zu Männern wurden ...
Den genialen Idioten Benjy lernte ich später kennen: Schall und Wahn von William Faulkner, Ende der Zwanzigerjahre geschrieben, wurde 1973 oder 1974 in russischer Sprache herausgegeben. In den Bibliotheken staubten noch die Folianten der Stalin- und Zhdanov Ära vor sich, in denen Faulkner als Beweis für den Marasmus und die Entartung des bürgerlichen Modernismus verleumdet wurde. Viele bemerkenswerte Bücher, unzählige wertvolle Filme, die im Westen epocheprägend waren, blieben uns vorenthalten. Es ist geradezu unmoralisch, wenn russische Literaturkritiker und Filmwissenschaftler in ihren Artikeln und Büchern, Aufsätzen und Dissertationen über Franz Kafka, Robert Musil, D.C. Lawrence, Nathalie Sarraute, Jorge Luis Borges, Samuel Beckett, Eugène Ionesco, Luis Buñuel, Alain Renais, Ingmar Bergmann, Federico Fellini, Peter Brook schreiben, deren Bücher und Filme nahezu allen Sowjetmenschen unzugänglich sind. Ich empfand es als sadistisch, daß man uns nur zwei frühe Fellini-Filme (La Strada und Die Nächte der Cabiria) zeigte und daß in dem riesigen Rußland, das chronisch an geistigem Hunger leidet, erst Mitte der Sechzigerjahre  Kafkas "Prozeß"  in der Auflage von lediglich 10 000 Exemplaren erschien.

Es ergab sich, daß das Wesentliche meines Lebens in engem Bezug mit Büchern stand und steht. Bereits am zweiten Tag in der Grundschule wurde ich gemeinsam mit zwei Kameraden Mitglied der städtischen Kinderbibliothek. Dort hatten wir eine Lesekarte auszufüllen. Ich konnte schon schreiben. Vollgeschmiert mit Tinte, mit durchschwitzter Hand streckte ich – das Ergebnis einer Stunde – unsere Karten der Bibliothekarin entgegen. Wie auf allen sowjetischen Fragebögen war auch auf der Lesekarte die Frage nach der Nationalität zu beantworten – damals habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Daß jedem Menschen eine Nationalität eigen war, davon wußte ich nichts  − abgesehen von dem Spiel "Deutsche und Unsere", bekannt auch als "Räuber und Gendarm", das wir im Hof spielten. Meine Klassenkameraden, die noch nicht schreiben konnten, wußten aber Bescheid.  Bei der Rubrik "Nationalität" fingen sie an zu tuscheln, wechselten flüchtige Blicke und flüsterten nacheinander "Schreib Jude".  Ich tat, wie mir geheißen, und schrieb auf meine Lesekarte "Jude". Die Bibliothekarin schaute mich lange an und sagte mir "Hör zu, Igor, Du bist sicher Russe. Du hast einen russischen Familiennamen und ein russisches Äußeres ...". Ich suchte nach Unterstützung bei den beiden, aber sie schauten weg und wichen meinem Blick aus. Sie machten den Eindruck, als hörten sie nichts, als sähen sie nichts. Rot vor Verlegenheit, spürte eine diesem Gespräch zugrundeliegende Verlogenheit, auch wenn ich es nicht verstand und meine Klassenkameraden zu weinen anfingen. Da antwortete ich der Bibliothekarin: "Nein, ich bin Jude. Wenn sie Juden sind, bin ich auch Jude."

Kindheit und Jugend verbrachte ich in der Westukraine, in Czernowitz, das bis zum Ersten Weltkrieg der österreichisch-ungarischen Monarchie angehörte und danach bis 1940 rumänisch war. Ich liebte diese Stadt und fühlte mich stolz, wenn ich sie in Büchern erwähnt fand. Ich kann die Bücher aufzählen, in denen über meine Stadt erzählt wird. In einem Theaterstück von Friedrich Dürrenmatt wird als Hotelgast der Erzbischof von Czernowitz genannt. Dürrenmatt sah meine Stadt als Synonym für einen Ort, wo sich die Füchse Gute Nacht sagen, ein Provinznest am Rande Europas. Böll erwähnte meine Stadt in der Novelle Der Zug war pünktlich, und zwar nicht nur mit einem Wort sondern mit einem ganzen Absatz. Böll erwähnt in dieser Novelle noch andere westukrainische Städte, die mir durch Besuche gut bekannt waren: Kolomyja, Stryj, Stanislav. Der Böllsche Held erzählt und denkt wie hypnotisiert ständig daran, daß er irgendwo zwischen Stryj und Kolomyja umgebracht werde. Mich haben die Namen elektrisiert, und in meiner jugendlichen Ich-Bezogenheit unterstellte ich Böll, er habe seine Novelle meinetwegen geschrieben. Den Tod stellte ich mir in der Gestalt der Stadt Stryj vor. Bei Viktor Sklovskij, einem bedeutenden sowjetischen Literaturwissenschaftler, gibt es einen Satz über das staubige Czernowitz. Unlängst sagte der achtzigjährige Sklovskij im Fernsehen "Kunst darf nicht leicht sein, Kunst muß schwer und kompliziert sein, damit Ihr versteht, wie schwer Ihr lebt ..."  Das steht natürlich in keinem Zusammenhang mit meiner Stadt. Czernowitz ist der Geburtsort von Paul Celan. 
Ich bin der Meinung, wenn man in Czernowitz lebt, muß man Bücher lieben. Wahrscheinlich gibt es ansonsten nirgends in der UdSSR eine Goethestraße oder einen Schiller-Park.

Freundschaften begannen mit Büchern. In meinem ersten Studienjahr hatten die Studenten der unteren Semester im Stadion Tage lang kollektive Sportübungen zum Jahrestag der Oktoberrevolution vorzubereiten. Unter Hunderten von Altersgenossen − wir trugen alle die gleiche blaue Sportkleidung − fanden meine Adleraugen einen Studenten des ersten Studienjahres. Zuerst fiel der Blick auf einen unter den Arm geklemmten Band von Nikolai Sabolotski. Den Nachhauseweg aus dem Stadion bestritten wir gemeinsam. In der Universitätsbibliothek fand ich weitere Freunde. Mit ihnen grub ich die Zeitschrift  "Internationale Literatur" aus dem Jahre 1935 aus, in der  Bruchstücke aus Ulysses von James Joyce abgedruckt waren. Verschimmelte Bände von Marcel Proust, die Anfang der Dreißigerjahre erschienen waren belebten unseren Atem. Mit solchen Altersgenossen läßt es sich nicht nur Stunden, sondern ein ganzes Leben lang, reden. Und wie wir redeten! Wir liefen Kilometer ...

Solange das Auto fuhr, fiel kein Wort. Schweigend stiegen wir aus dem Wagen und kamen in das grauen KGB-Gebäude hinein. Ich - eingeklemmt - in der Mitte. Auf der Straße waren nahezu keine Passanten. Langsam stiegen wir zum zweiten Stock hinauf. Der Ermittlungsbeamte erwartete uns. Ich sollte Platz nehmen. Nach einem langen Blick sagte er in Stakkato: "Nun, Igor Jakovlevic, was brachte Sie dazu, Verbrechen zu begehen?" Photokopien lagen in Fächerform aufgebreitet vor mir auf dem Tisch. Archipel Gulag,  Unter der Scholle - ein Sammelband mit gesellschaftspolitischen und philsophisch-religiösen Artikeln, die in Paris herausgegeben wurden, Vladimir Nabokovs Einladung zur Enthauptung. "Sollen wir die Stummen spielen? Berichten Sie!" lautete die Aufforderung. 
Sechs Tage, hintereinander, verhörte man mich. Nächtens wurde ich − unter Bewachung − in ein Hotel gebracht. Vom Fenster des Hotels aus, im Zentrum von Odessa, sah ich fröhliche Einheimische und Kurgäste, hörte sie lachen, ausgelassen die Stimmen der Frauen, entschlossen die der Männer.
Ständig wiederholte ich: "Ich habe nichts gesehen, nichts weitergegeben, nichts gelesen". Ich lehnte es ab, über Bücher zu sprechen. "Es geht Euch einen Dreck an, was ich lese! Ich frage Euch auch nicht, welche Bücher ihr lest! Ich sage Euch nicht, was was ich lese, ihr sollt Euch von meinem Leben fern halten. Ich stelle ohne Euch fest, wer talentiert ist oder nicht, wer die Wahrheit schreibt oder lügt." Man las mir den Artikel 62 des Strafgesetzbuches der Ukrainischen Sozialisitschen Sowjetrepublik vor. Man drohte mir mit sieben Jahre Lager und anschließend fünf Jahre Verbannung. Das war keine leere Drohung. Für eines bei der Hausdurchsuchung gefundenes "verbotenes" Buch wurde 1972 in Kiev der Literaturkritiker Ivan Svetlitschij zu dieser Strafe verurteilt. Das gleiche harte Urteil ereilte einen anderen Literaturkritiker aus Kiev: Jewgen Svestjuk. Für lange Jahre kamen 1972 die Dichter Igor Kalynez und Vasyl Stus hinter Stacheldraht, ein Jahr später der Journalist Martschenko. Die Vergeltung für ihre berufliche Gewissenhaftigkeit, für ihre Liebe zu Büchern und für die Treue zu Lieblingsschriftstellern! Mir glückte es: ich wurde entlassen und ein Jahr später, nachdem meine Freunde und Bekannten und meine Mutter durch Verhöre gejagt worden sind, wurde mir nahe gelegt, aus der UdSSR auszureisen ...
Wie gerne, allzu gerne möchte ich mit meinen Augen das Bücherdepot des KGB durchwandern! Diese Bücher sind unsere besten, unsere wertvollsten Bibliotheken, sie sind unser nationaler Stolz und zugleich unsere nationale Schande.  Als Junge hatte ich Jahre lang  Kellerfeuchtigkeit eingeatmet, dem Nagen der Mäuse getrotzt und in den abgetippten oder abgezogenen Seiten mit geprägten Zeichen, in  den Seiten von Wahrheit,  Verwirrung, Leidenschaft, Verzweiflung, Hoffnung  Enttäuschung, Freiheit immer wieder geblättert und geblättert und gelesen.

Ich erinnere mich an die qualvoll gerunzelte Stirn des mich verhörenden Majors, der in den Fundsachen des Verrats, den Roman des erfindungsreichen und zugleich sehr feinen und rührenden Mystifikators und Lügners Vladimir Nabokov durchblätterte. Die zerfurchte Stirn des Majors hat sich mir eingeprägt und er tut mir leid. Nichts konnte er verstehen. Was ist das für ein Held mit dem verrückten Namen Zinzinnat Z.? Was für ein Verbrechen? Überhaupt: wo spielt das alles: in Rußland, in Amerika, auf dem Mars? Trotzdem witterte er mit seiner feinen Nasen eines Spürhundes, daß da etwas in den Schriftzeichen verborgen war, was nicht sein durfte und wovon kein Sowjetmensch etwas wissen sollte.
Hand aufs Herz, jede mit Talent geschriebene Literatur ist tatsächlich antisowjetisch. Es gibt soziologische, politische, publizistische Bücher, die totalitäre Regime offen kritisieren und angreifen und sich mit kommunistischen Losungen bedecken. Solche Bücher verheimlichen ihre antisowjetische Tendenz nicht. Ich bin der Meinung, daß jedes Buch, das den einzelnen Menschen - nicht das Kollektiv - verteidigt, seine Individualität und Einmaligkeit, sein Recht auf eigene Gedanken und eigenständige Gefühle verteidigt, antisowjetisch ist − weil die Staatsdiktatur gegen den Menschen als Individuum gerichtet ist.  Das Protokoll der Hausdurchsuchung, die bei dem 22jährigen Mitglied der Ukrainischen Helsinki-Gruppe Pjotr Vins durchgeführt wurde, führt die Bibel auf: beschlagnahmt und als "broschürte antisowjetische Literatur" bezeichnet. William Shakespear haben sie nicht requiriert. Erzählt Macbeth weniger über meine Heimat als Archipel Gulag?

Im Unterschied zu Deutschland gab es in Rußland keine reine Philosophie. Es gab in Rußland viele Hegelianer, aber Hegel selbst hätte in Rußland nie groß werden können. Reine Philosophie in einer versklavten Tyrannerei ist ein dem Geist nicht zumutbarer Luxus. Die Bücher von russischen Philosophen ist ein Gemisch von Philosophie, Theologie, Ethik und Belletristik. Ich meine das ist ihre Stärke, nicht ihre Schwäche.
Die Einmaligkeit der russischen Literatur besteht darin, daß die Ethik − die qualvolle Selbsterkenntnis der russischen Klassiker, ihr schlechtes Gewissen, ihr Mitleiden mit dem Nächsten − zur Quelle des poetischen Erzählens wurde. Paradox ist: die surrealistischen Erscheinungen Gogols und Dostojewskis sind keine Formenschöpfung, keine Überwindung einer künstlerischen Technik, sondern die leidenschaftliche Suche nach den geistigen und sittlichen Ursprüngen menschlicher Existenz. Für die russischen Klassiker ist Ethik Ästhetik.

In einer der ersten Nummern der "Literaturzeitung" des Jahres 1978 las ich ein Gedicht des bekannten sowjetischen Dichters und Mitglieds der Amerikanischen Akademie der Künste, Andrei Wosnessenski, in dem er seine Verehrung für Sirin (Nabokovs Pseudonym) bekundete. Warum wurde mir, als man mich vom Morgen bis zum späten Abend verhörte, mit zwölf Jahren Haft gedroht, während der Moskauer Dichter Andrei Wosnessenski seinem geliebten Schriftsteller Sirin sogar einen Vers widmete? An diesen Vers glaube ich nicht! Ich habe einen nicht in den Rahmen des "Erlaubten" passenden Auftritt Wosnessenskis in Erinnerung: einen zornigen Brief an den Schriftstellerverband der UdSSR, weil man ihm verwehrte, wie geplant nach Amerika zu reisen. Ich kehre zurück zu dem Gedanken der besonderen Verknüpfung von Ethik und Tat unter einer Diktatur zurück: Wieso schämt sich ein Mensch nicht, der sich nationaler Dichter Rußlands nennt, so beleidigt ein Visum zu verlangen, wenn neunundneunzig Prozent seiner Landsleute es nicht einmal wagen würden, von einer Tagesreise in den Westen zu träumen. Krampfhaft schluchzt Wosnessenski in einem Gedicht zum Gedenken an den von rechten Reaktionären ermordeten lateinamerikanischen Dichter Obregón Morales! Ich mag sie nicht, die Mörder von Morales und bedauere seinen Tod. Wosnessenskis Tränen werden für mich erst dann glaubhaft, wenn er auch nur ein Wort zur Verteidigung seines Landsmanns, des ukrainischen Dichters Igor Kalynec verlauten läßt, der wegen seiner Liebe zu Büchern und die Aufrichtigkeit seines Gewissens im Lager sitzt, und sich darüber entrüstet, daß Lageraufseher, ebenfalls Wosnessenskis Landsleute, einige hundert Gedichte von Vasyl Stus sowie dessen Übersetzungen von Rilke beschlagnahmten und vernichteten, die  während Stus‘ siebenjährigen Haftzeit entstanden sind. Wer soll das Recht zu lesen und zu schreiben verteidigen, wenn nicht die Schriftsteller?

igor-pomerantsev

 

Zum Abschluß ein noch in Kiev geschriebenes Gedicht:
 

Nachts

Am Morgen der Verhaftung
ließ der KGB-Major Cernov
Serjoscha zwei Bände
"Krieg und Frieden" in die Zelle bringen,
damit er wußte,
es wird Zeit in rauhen Mengen geben

Ein Glück ist das nur morgens:
"Krieg und Frieden" - vetwandte Stimmen
Französisch mit Russich vermischt,
Pierres kurzer Atem, Nataschas Kuß.
Der Major, der Trottel, fand etwas zum Drohen,
doch - wie gesgt - es wirkt nur morgens,
aber sonst ...

 

 

 

 

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