Igor Pomeranzev: Hommage zum 70. Geburtstag 

Palimpsest CzernowitzPalimpsest

Im Paß, ausgestellt vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland, zu lesen:
Igor Pomeranzev
Britischer Staatsbürger
Geboren am 11. Jänner 1948
in Saratow (Russland)
Nach seiner Identität befragt, antwortet der russischsprachige, seit 1995 in Prag lebende Radio-Kulturproduzent: „Ungereimte Lyrik“. Mit ironischem Augenzwinkern fügt er hinzu “der einzige Dichter der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, der russisch schreibt und in Prag lebt.”

Die Asche seiner Mutter Raissa Pomeranzev, geborene Pogorelova, am 26.12.1919 in der Ukraine, wurde dem Sohn am 29. März 2010 in London überreicht. Er hat ihre Urne, mit Zwischenstation in seinem Prager Wohnzimmer, nach Czernowitz gebracht. Selbstverständlich. Vom dortigen Bürgermeister wurde ihm gesagt, dass eine Straße einmal seinen Namen tragen wird. Von einer russischen Medienagentur wurde 2009 sein Ableben gemeldet. Seine lebensfrohe Mama, raunt herzverwurzelt, die Schwerhörigkeit durchdringend, „lass dir Zeit“ durch den Äther. Für Sendungen auf kurzen und langen Frequenzen ist ihr Sohn prädestiniert.

Igor Pomeranzev 1964
1964 Czernowitz, privates Archiv

Die Kindheit und Jugendjahre, in der ehemaligen Kronstadt der Habsburger Monarchie haben den Dichter geprägt. Wie tief, nachzulesen in dem in November 2017 in deutscher Sprache erschienenen Essayband “Czernowitz - Erinnerungen eines Ertrunkenen”. Nach abgeschlossenem Studium englischer Philologie und Pädagogik arbeitete er als Lehrer in einem Dorf in den Karpaten. 1971 zog er nach Kiew, um als technischer Übersetzer Geld zu verdienen; erste Lyrik Veröffentlichungen folgten. Der Kontakt zur ukrainischen Bürgerrechtsbewegung wurde 1978 vom KGB mit Ausweisung geahndet. Deutschland bot ihm und seiner Familie Asyl. 1979 zog die BBC ihn nach London, um Kultur- und Feature Sendungen zu produzieren. Dem Genre Kultur ist er treu geblieben, Mitte der 80er Jahre wechselte er zu Radio Liberty.

Igor PomeranzevCzernowitz erwies sich in vielem als Igors Lehrmeister. Ein Wechselspiel von Nationen und Regierungsformen, Sprachen, Religionen,  unterlegt mit dem Pathos der Schönheit, der Kunst des Erzählens an den Punkten, wo Tod und Leben sich kreuzen - davon handelt sein Werk. Immer geht es um das Überschreiten von Grenzen und Genres. Den Spuren von Dichtern, Philosophen, Komponisten, Malern folgend. Im Zwiegespräch mit Krankenschwestern, Bauern, Straßenkehrern, KGB-Offizieren und Managern werden Ecken und Rundungen sinnlich beschrieben, in einem Ton, der sich abhebt. Die Liebe zur mediterranen Küche im Gegensatz zur Abneigung von Curry und indischen Gerichten, bezeichnend für Igors Lebenskunst. Rotwein, aus dem Burgenland, dem Burgund und Rioja sind Lebenselixier für den Atheisten, der als Kind bei der Anmeldung in einem Buchklub “Jude” als Nationalität angab. Vieles ist von diesem ihm eigenen Humor - ironisch anspruchsvoll bis sarkastisch melancholisch - durchtränkt: die an mich «AUGnerin» gestellte Bedingung: “auf Fotos will ich besser aussehen, als im wirklichen Leben”.

Lebendiges Tun fordert und gibt Sinn. Igors Gabe, Kultur weiterzugeben, füllt ihn aus, so - dass es in seinem Leben keine Unterscheidung zwischen Arbeits- und Freizeit gibt. Ob in der Küche, im Aufnahmestudio, schreibend -  es wird ausgelesen, Hand bzw. Stimme angelegt mit feiner Würze. Im Laufe von Jahrzehnten hat Igor seinen eigenen Stil entwickelt: nicht fürs große Orchester, er produzierte Kammerstücke für den Äther von BBC und Radio Liberty, Gedichte, Essays, Erzählungen und Reportagen.

Hommage  PomeranzevDanke Igor für die Beiträge, in deutscher und englischer Sprache für den Zeitzug. Ich wünsche mir weitere. Beispielsweise über im Ofenrohr gebratene Knoblauchzehen um Vivaldis Vier Jahreszeiten zu entkommen; den amerikanischen Forensiker, der monatelang in Srebrenica gearbeitet hat, über die Stille des beredten Schweigen entlang der Massengräber; dem Fotoshooting mit Julia Calfee in einem Hotelzimmer ...  Rotwein möge als Medizin, die wachen Sinne gesund erhalten. Wie das Schwimmen im Meer, ein haftendes Bild, entsprungen einer Wirklichkeit, die erzählend weiter wirkt, nicht ausziehbar, wie ein zu eng gewordener Badeanzug.

 

Milena Findeis
AUGnerin, Zeitzug Herausgeberin
Prag, Jänner 2018

 

 

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