Gedichtzyklus Liebe und Tod

Igor Pomerantsev

Igor Pomerantsev
Igor Pomerantsev

Seit zehn Jahren setze ich mich mit den Texten von Igor auseinander. Seine Muttersprache ist das Russische, für mich eine fremde Sprache. Wir diskutieren, reden miteinander in einer Sprache, die für uns beide nicht die Muttersprache ist: Englisch. So haben Igor und ich Gedichte von Tamar Radzyner - aus dem Deutschen ins Russische übertragen. Jede Zeile wurde ausführlich diskutiert. Einer der Gründe, warum Igor mich bat, mir die deutsche Übersetzung der nachfolgenden Gedichte anzusehen - aus dem Gedichtband "Liebe und Tod". Ich bin keine Übersetzerin, ich fühle die Intensität mit der Igor schreibt - jenseits der reinen Logik des Übersetzens.

Deshalb finden sie hier zwei Versionen: die Übersetzung von Chrystyna Nazarkewytsch sowie meine mit Igor diskutierte Interpretation*.

Milena Findeis
Prag, Oktober 2015

 

 

DIE BESTEN HERBSTE MEINES LEBENS
Die Geschichte des Herbstes in der Bukowina zählt gute fünfzig Monate meines Lebens.Meine Privatgeschichte: 16 Jahre lang habe ich in Tschernowitz gelebt, hinter mir liegen also 16 Tschernowitzer Herbste.

Ein weiteres Jahr lebte ich und arbeitete im Gebirge, in einer Karpatenschule. Da haben wir noch einen Herbst in der Bukowina.

In meinen Büchern gibt es Spuren von Lesezeichen, aus Rauch geflochten und mit Feuerfunken gestickt. Vor allem in meinen Jugendgedichten kann man den trockenen Oktoberhusten hören und den feuchten Geruch des Mantels am Rücken der in die Dämmerung weggehenden Sonne spüren.Wird einmal im Schulprogramm Geschichte des Herbstes in der Bukowina unterrichtet,werden vielleicht die Geschichtelehrer einige Zitate aus Rauch, Knistern und Husten gebrauchen,der Name des Autors muss nicht genannt werden.

Originalfassung: ЛУЧШИЕ ОСЕНИ МОЕЙ ЖИЗНИ
Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch

 

HerbstzeithöhenHERBSTzeitHÖHEN
Sechzehn mal atmete in mir
ganz Czernowitz im Herbst
mit allen Farben der Erntezeit,
den Tönen des leisen Vergehens.
Es folgte ein Herbst im Gebirge
mit Dorfkindern in einer Karpatenschule,
daran reihte sich mein
letzter Herbst in der Bukowina.

Rund fünfzig
Czernowitzer Herbstmonate
spuren sich durch
meine Erzählungen,
hinterließen Lesezeichen
aus Rauch geflochten
mit Feuerfunken bestickt.

Die Jugendgedichte
sind durchrungen
vom trockenen Oktoberhusten,
ummantelt von dem feuchten Geruch
der untergehenden Abendsonne,
rückwärts in mir dämmernd.

Vielleicht wird einmal
von einstigen Bukowinern Herbsten erzählt,
von diesem Rauch, dem Knistern und dem Husten

- ohne den Namen des Autors zu nennen.*

 

Als sie im Bett lagen,
flüsterte ihr Körper:
Ich liebe dich nicht, hör mal, ich liebe dich nicht.
Wie gut, dachte er, dass ich alt und taub bin
und nichts hören kann.

 

Originalfassung: Когда они были в постели …
Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch

 

 

Ich weiß noch, wann und wie er
dies sagtе:
„der Tod im besten Sinne des Wortes“.
Wir haben lange darüber gelacht.
Er war ein Witzbold.
Tja, wann war denn das?
Vor vierzig Jahren noch, oder?
Heute wurde ich angerufen und
die Stimme im Hörer sagte, er sei tot.
Morgen gebe es Feuerbestattung.
Ich erinnerte mich sofort an jenen Satz,
und meine Augen wurden
tränenfeucht.
Kurz davor war ich bei ihm im Spital und begriff,
dass die Lage mies ist. Er blickte nicht mal in meine Richtung.
„Wie ist die Stimmung?“ fragte ich ihn.
„Reisefieber“.
„Wirst du aus Spital entlassen?“
„Das kann man wohl so nennen. Ich ziehe um.
Hab‘ ‘ne andere Gepäckaufbewahrungskammer gefunden“.
„Kein schlechter Gedichtanfang“, sagte ich.
„Das wirst du ohne mich schreiben müssen.
Nur bitte keine dümmlichen Bezüge
Auf die antiken Gewässer, Ströme
Und deine geliebten schwarzen beflügelten Ratten.
Ich hab’ mit all dem nichts Gemeinsames“.
Ich schwieg.
„Was denn, wirst du das schreiben?“
Beim Abschied sagte er:
„Du vergisst es nicht, ja? Das Schlüsselwort soll „Reise“ sein“.
Wir sehen uns nie mehr wieder.

 

Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch
Originalfassung: Я помню, как и когда он сказал…

 

 

Tod im besten WortsinnIch erinnere mich, wann und wie er vom
„Tod im besten Wortsinn“, sprach.
Wir lachten darüber.
Ich liebte seinen jugendlichen Wortwitz.
Das war, wann?
So vor vierzig Jahren, oder?
Heute teilte mir
eine fremde Stimme am Hörer mit,
dass er verstorben ist.
Ich vernahm „Feuerbestattung, morgen.“
In Erinnerung an jenen Satz
tränten meine Augen.
Kurz davor hatte ich ihn im Krankenhaus besucht,
begriff seine miese Lage in einem Atemzug.
Er blickte mich nicht an.
„Wie ist deine Stimmung“ fragte ich ihn.
„Reisefieber“.
„Wann wirst du entlassen?“
„Es fühlt sich nach Umzug an.
Hab‘ ´ne neue Aufbewahrungskammer gefunden“.
„Kein schlechter Gedichtanfang“, sagte ich.
„Das wirst du ohne mich schreiben müssen.
Bitte ohne dumme Bezüge
auf antike Gewässer und Ströme
oder auf die von dir geliebten, schwarz geflügelten Ratten.
Mit all dem hab´ ich nichts gemein.“
Ich schwieg.
„Was wirst du schreiben?"
Beim Abschied sagte er:
„Vergiss es nicht, das Schlüsselwort `Reise`".
Wir sahen uns nicht wieder.*

 

Ich kannte ihn nicht schlecht, ja gut sogar.
Er war öfter Kunde in meiner Apotheke,
kaufte immer Auszug aus Löwenzahnwurzeln
(„die Leber ist täglich zu putzen, genauso wie die Zähne“),
Aspirintabletten („die helfen gegen meine geliebte Herzrhythmusstörung!“),
eine Packung trockener rotbrauner Weißdornfrüchte
(„für die Lebensaktivität!“).
Solche Kunden wie ihn
nannte ich „reaktionäre Romantiker“.
Er erzählte gerne, wie seine Mutter,
als er klein war, ihm Senfpflaster auf die Fersen legte.
Damals hat er begriffen, dass das Herz wohl wirklich in Fersen liegt.
Außerdem sprach er liebevoll über die Sauerstoffkissen
(„früher waren sie moosgrün und dick, heute aber blau und flach, wie Bettkissen“),
bereute es, dass er nie die Wunderkraft der blutsaugenden Egel erleben konnte,
auch nie den Aphrodisiak „Spanische Fliege“, trockenes Maulwurf- oder Fledermausblut ausprobierte.
Später war er lange Zeit weg, als er dann wieder erschien, habe ich ihn nicht gleich erkannt:
erloschene Augen, blassgraue Haut, auf dem Kopf eine Skimütze.
Er begrüßte mich matt und streckte ein medizinisches Rezept hin.
Als ich es erblickte, wurde mir alles klar.
Wir haben uns danach nie mehr gesehen.

 

Originalfassung: Я знал его неплохо, можно сказать хорошо…
Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch

 

TodNicht schlecht, sogar gut – kannte ich ihn.
Er war Kunde in meiner Apotheke,
kaufte Auszug aus Löwenzahnwurzeln
(„die Leber ist täglich genauso zu putzen wie die Zähne!“),
Aspirintabletten („die helfen gegen meine geliebte Herzrhythmusstörung! “),
eine Packung trockener, rotbrauner Weißdornfrüchte
(„für die Lebensaktivität!“).
Solche Kunden wie ihn
nannte ich „reaktionäre Romantiker“.
Er erzählte gerne, wie seine Mutter,
als er klein war, ihm Senfpflaster auf seine Fersen legte.
Damals hat er begriffen, dass der Sitz des Herzen in den Fersen liegt.
Liebevoll sprach er über Sauerstoffkissen
(„früher waren sie moosgrün und dick, heute sind sie blau und flach, wie Bettkissen“),
er bereute es, nie der Wunderkraft der blutsaugenden Egel begegnet zu sein,
nie Aphrodisiaka à la „Spanische Fliege“, trockenes Maulwurf- oder Fledermausblut ausprobiert zu haben.
Für lange Zeit blieb er weg, beim Wiedersehen, habe ich ihn nicht gleich erkannt:
erloschen die Augen, blassgrau die Haut,
auf dem Haupt die Skimütze.
Matt begrüßte er mich, legte mir ein Rezept vor.
Beim Lesen der ärztlichen Verschreibung
verschwand sein Leben hinter den Buchstaben.
Danach haben wir uns nicht mehr gesehen. *

 

Er fand es am Anfang schön,
dass sie fast jede seine Aussage,
auch eine kleinliche, mit der Frage
abschloss, wie mit einem Rahmen:
„nicht wahr?“
Er glaubte, er sei der einzige Mann
in ihrem Leben, der ihr die Wahrheit sagt,
während die anderen immer nur gelogen und gefälscht haben.
Mit der Zeit aber hat dieses „nicht wahr“
ihn zu ärgern begonnen,
umso mehr, dass auch in Gesprächen
mit anderen Menschen pflegte sie „nicht wahr“ zu sagen.
Dann stellte er ihr eine Falle.
Als sie eines kalten Wintermorgens aufwachten,
flüsterte er:
Ich liebe dich.
Und als sie ihm ihre Antwort gab,
erwiderte er: Nein, nicht wahr.

 

Originalfassung: Сначала ему нравилось…
Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch

 

AnfangAm Anfang empfand er es als schön,
dass sie fast jede seiner Aussagen,
auch kleinliche, mit der Frage
„nicht wahr?“ abschloss.
Er war der Meinung,
er sei der einzige Mann in ihrem Leben,
der ihr die Wahrheit zutraute,
wähend die anderen sie belogen, getäuscht hatten.
Mit der Zeit verärgerte ihn
ihr zu Floskel gwordenes
„nicht wahr“ –
umso mehr weil sie es in
jedem Gespräch, auch mit anderen Menschen, pflegte.
Darob erzürnt,
stellte er ihr eine Falle.
Als sie eines kalten Wintermorgens aufwachten,
flüsterte er:
„Ich liebe dich“.
Auf ihre übliche Antwort
Erwiderte er „Nein, nicht wahr.“ *

 

Sie stand da, die Hütte auf Bambusfüßen
bis zum Knie im Salzwasser.
Sie hieß Bar Barselona,
mit dem Rechtschreibungsfehler in der Mitte.
Wir kletterten die baufällige Leiter zu der Theke hoch,
an der nur zwei Barhocker standen.
Ein Jahr später ereignete sich im Indischen Ozean ein Unterseeerdbeben.
Gegen 300 Tsd. Menschen kamen ums Leben.
Die Tsunamiwelle zerstörte alles,
was auf dem Weg lag.
Geblieben ist nur die Bar Barselona
mit dem Rechtschreibungsfehler in der Mitte
und zwei Barhockern
für die Ausländer.

 

Originalfassung: Она стояла, избушка на бамбуковых ножках…
Aus dem Russischen: Chrystyna Nazarkewytsch

 

 

BarDie Hütte auf Bambusfüssen,
sie stand bis zu den Knien im Salzwasser.
Barselona hieß die Bar,
mit einem Rechtschreibfehler in der Mitte.
Wir kletterten die altersschwache Leiter zur Theke hoch,
dort standen zwei Barhocker, allein.
Ein Jahr danach rollte ein Erdbeben über den Indischen Ozean.
An die dreihunderttausend Menschen kamen ums Leben.
Die Tsunamiwelle zerstörte vieles, beinahe alles,
was entlang ihrem Weg lag.
Unter dem wenigen, was verschont worden ward,
die Barselona Bar,
mit dem Rechtschreibfehler in der Mitte
und den zwei Barhockern
für Ausländer. *

 


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