RADIO LYRIK

Igor Pomerantsev

radio-lyrik  

 

Mit dem Blut ein Interview machen.
Seine Stimme vernehmen.
„Sich lautlos regen“ ist ein Oxymoron.
Alles, was sich regt, erzeugt einen Ton.
Blutes Stimme… Ist ein Rascheln? Ein Flüstern?
Ein sonores Überfließen?
Oder ein leichter Seufzer,
der an eine Vokalreduktion erinnert?
Es braucht beharrliche Arbeit
mit Phonographen und Kardiographen.
„Sagen Sie bitte, gnädiges Blut,
halten Sie sich für den Träger
des rhythmischen Gedächtnisses beim Menschen?“
Ich möchte Ihre Stimme vernehmen,
Blut!

 
Der Maler W.P. sagte live im Radio,
man müsse in Europa einen jüdischen Staat errichten
mit der Hauptstadt in Czernowitz.
Warum in Czernowitz?
Dort gebe heilige Steine,
jüdische Gräber.
Ich antwortete (live im Radio),
an diesem Gedanke könnten
der jetzige iranische Präsident
und die palästinensischen Liberalen Gefallen finden.
Der Maler W.P. sagte,
ein jüdischer Staat
mit der Hauptstadt in Czernowitz
würde die Existenz des Staates Israel
keineswegs ausschließen.
Ich wusste nichts zu antworten.
Ob W.P. vielleicht
I.P.’s frühe Gedichte kannte
(„Meine Stadt, aus den Schloten kein Rauch, sondern Rauchmann“…)?
Mir gefällt W.’s Idee ziemlich gut.
Das wäre ein Thema
für eine Livesendung.



Im Archiv fand ich die Stimme eines Kollegen.
Eine vierzig Jahre alte Aufnahme.
Die Stimme unerschrocken, kraftvoll.
Keine Stimme, sondern ein „das-ganze-Leben-noch-vor-sich“.
Fragte die Sekretärin nach seiner Nummer,
telefonierte über den Teich, stellte mich vor, sagte,
ich arbeite an einer Sendung über das Stimmgewebe,
wie es knittert, sich abnutzt, verfällt.
Wollte wissen, ob er ein paar Fragen beantworten könne.
Aus dem Hörer kam ein Zischen.
„Lauter“, rief ich.
Es zischte lauter.
„Wa-a-a-s? Was für Fra-gen?“
„Über die Stimme. Wie sie knittert, bricht,
ihren Geist aushaucht.“
„Ihren Geist … aushaucht?“
„Lauter!“
„Was?...“
Im Hörer kochte förmlich das Wasser, es brodelte.
Und riss ab.
Dann war Stille.
Eben diese
Totenstille.



Ich sage Ihnen –
kommen Sie näher, noch näher –
meine Radiogeheimnisse ins Ohr.
Ich weiß, wie man Altern und Sterben vertont
(nicht aber den Tod! Todeserfahrung lässt sich nicht wiedergeben!).
Zudem weiß ich, mit welcher Stimme die Liebe heult
(im Zoo habe ich einen Wildhund interviewt).
Hören Sie, mit welchen Gewürzen, Spezereien
und Wurzeln ich in meiner Radioküche arbeite.
Spüren Sie das? Da ist die Stimme eines Menschen,
aufgezeichnet mit einem Abstand von vierzig Jahren.
Klar jetzt,
wie man Altern wiedergibt?
Und Sterben?
In der Hitze liegt ein Alter im Garten,
von Insekten übersäet.
Insekten sind chtonische Lebewesen.
Wer, wenn nicht sie, führt einen Sterbenden unter die Erde?
Geben Sie einen Step mit Flamenco zu dem Gezirp,
und es wird ein Tanz auf dem Grab.
Wieso Flamenco?
Weil er
von Liebe und Schmerz handelt.
Aber zu niemandem ein Wort!




Träumen wir doch mal.
Nehmen wir an, ich sterbe,
und jemand sagt:
„Der Himmel sei ihm gnädig!“
Da wäre er zu spät gekommen.
In diesem Himmel bin ich schon ein Viertel Jahrhundert lang.
Habe ihn mit der Stimme durchwühlt
wie Bakterien den Käse.
Und ich kann sagen:
Er liegt in meiner Seele.
Anders als das Irdische.


Was fehlt in der Sendung über Venedig?
Die Achseln der Kanäle,
ihre fauligen Zähne,
ihre Magen- und Darmentzündungen,
eitrige Senfpflaster,
Druckgeschwüre.
Was noch?
Habe mich noch nicht umgehört,
wie sie hier verhaften.
Die Straßen morsch, die Plätze beschränkt.
Eine Stadt ohne Autos.
Keine grüne Minna, die vorfährt,
kein Lieferwagen, in den man sie steckt.
Vielleicht führt man sie in einer Gondel ab
mit einem Canzone?
Eine herrliche Verhaftung:
Sa-a-a-nta Lucia, Santa Lu-u-ci-a.



Wieder wühlte ich auf dem Radiofriedhof.
Hörte Gasdanows Husten,
Adamowitschs Schniefen.
Ihre Aufnahmen wurden im Pariser Studio gemacht.
Die dortige Isolierung war miserabel.
Und wen kümmerte schon die Reinheit des Tons
im Zeitalter der Abschaltung?
Mir schien es, als
hörte ich durch das akustische Periskop
in das jenseitige Leben
hinein.
Die Stimme der Kollegen holte ich
aus dem Jenseits ins Diesseits.
Führte sie fünfzehneinhalb Minuten aus
und brachte sie an ihren Platz zurück.
Das Radio versöhnt mit dem Tod.
Ich kann ihn einschalten oder ausschalten.
Er ist greifbar nah -
und überhaupt nicht schrecklich.




Zensur?
Selbstzensur?
Niemals habe ich mir erlaubt, bei einer Direktübertragung zu weinen.
Loszuheulen. Wieso?
Sind denn Tränen nicht genauso natürlich wie Lachen?
Von Herzen gelacht. Sogar gewiehert.
Aber niemals geweint. Was soll das heißen?
Was ist das für eine Kultur, die das laute Weinen verbietet?
Ist es etwa peinlich? Aber wieso?
Unbedingt, unbedingt muss ich es machen!



Aus dem Russischen von Claudia Dathe

 

 

 

 

 

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