Veredelter Wein in der Ukraine

Weinreben

Igor Pomerantsev

„Wein: Boden, Sonne und Menschen“ - Meridian Czernowitz 2026

Jede Kultur hat ihren Alkohol-Stammbaum. Schriftsteller, Künstler und Theaterleute sind sich dessen bewusst. Ihre Werke sich durchzogen mit Bächen und Strömen von Wein, Bier, Whiskey oder Wodka. Dank dieser Quellen ist es dem Publikum möglich ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.
Diese Flüsse und Quellen finden sich auch in der ukrainischen Literatur.
1839 verfasste der ukrainische Autor Grigori Kwitka-Osnowjanenko1 auf Russisch seine Romanburleske Pan Chaljawski: Der Memoirenschreiber Truschko Chaljawski, ein Vertreter des Kleinadels sowie seine Eltern, Hausgenossen, Freunde und Gäste widmen sich auf mehr als zweihundert Seiten der für sie wichtigen Tätigkeit des Essens und Trinkens. So verfasst Truschko seine Memoiren über erdrückende Mutterliebe, Geschwisterstreit, Gerichtsverfahren, Schwänke mit dem ihn eigenen Magensäften. Seine Seele ist im Magen-Darmtrakt beheimatet. Das Gedicht mit dem Truschko seiner Mutter zu Neujahr gratuliert, handelt davon:


Spazieren ging ich ohne Ziel
Da fiel ein Riesenkrokodil
Gigantisch groß mir in den Blick
In seinem Maul ein Schinkenstück …


Der Kritiker Wissarion Belinski schrieb, Kwitka-Osnowjanenkos Fressorgie habe die schwindsüchtige zeitgenössische Literatur zu neuem Leben erweckt.

Womit spülen seine Romanhelden ihre Speisen – Pampuschki, Gorofjanki, Haluschki, Bortsch, die Ente mit Rosinen und Pflaumen in roter Soße, die Rindshaxe mit Mandeln, die gebratenen Hühner, Ferkel, Hasen, Karpfen usw.  – hinunter? Manchmal mit klarem Brand, häufiger mit Kirschwasser, Zwetschgenschnaps, Schlehengeist, Calvados, Wodka aus roter Wildpistazie, Kardamom-Wodka mit Blattgold, braunem Ingwer-Wodka.

Wie steht es mit Wein? Er kommt kaum vor. Am Ende des Romans taucht er als Dekoration auf: „Mitten auf dem Tisch … was für ein Anblick! Dort ragte ein kleiner grüner Berg in die Höhe, mit Blumen geschmückt, auf der Spitze des Berges stand eine Schale, und aus der Schale sprudelte Rotwein empor, eine ganze Elle hoch.“ Im Roman wird ein anonymer Weinhändler erwähnt, der Gesöff abfüllte und die Flaschen mit Etiketten „Frankreich“, „Rheinwein“, „London“, „Pitesk“ versah. Aus meinen Erfahrungen weiß ich, dass Abklatsche dieses Weinhändlers noch heute ihr Unwesen treiben. Ohne sie wäre das Wort „Fusel“ ausgestorben und „Krätzer“ wäre nie erfunden worden. All die Farb- und Aromastoffe, gefälschte Etiketten ist dieser Art von Weinhandel zuzuschreiben.


Welche Form des Alkohols inhaliert wird, hängt von Geographie und Wetter ab. Die Ukraine ist reich an Weizen-, Kartoffel- und Rübenfelder. Daraus werden Branntweine gewonnen. Hinzu gesellt sich eine Weinkultur, deren Grenze fließend sind.


Italienische Weine kommen wunderbar mit Grappa aus – beide werden aus Trauben erzeugt, unterscheiden sich in ihrem Alkoholgehalt. In Frankreich gibt es neben hervorragendem Wein, Calvados und Cognac. In der Ukraine ist die klare Nummer Eins der Branntwein und der aus Weinreben vergorene Trunk? Er enthält Substanzen wie ukrainischen Tiefsinn vermengt mit Bedächtigkeit: „Weiser sind die Söhne langer Jahre denn die Söhne eines Tages“ Gregorius Skoworoda2.

Wein wird von den Elementen Boden und Sonne bestimmt und durch Menschenhand veredelt

Igor PomerantsevIgor PomerantsevIm Südwesten der Ukraine ist die Erde gut beschaffen und wird von der Sonne verwöhnt. Den Menschen fehlt es an  Weinkenntnissen, der feinen Nase und dem anspruchsvollen Gaumen. In der Ukraine mangelt es vielerorts noch an Weinkultur. Moderne Technologien und die Ausbildung von Fachleuten, sorgfältige Pflege von Weinbergen haben Australier, Amerikaner, Chilenen und Neuseeländer die Weinkarte der Welt bereichert. Die Namen dieser Weinhersteller sind bekannt, sie stehen auf dem Etikett. Auch das ist eines der Ingredienzien ihres Erfolgs. Wie viele Winzernamen finden sich auf ukrainischen Weinflaschen? Ich kenne insbesondere die Marke „Guliev“ aus Odessa. Dann kenne ich „Kolonist“, auch aus der Region Odessa. Ich würde auf den Etiketten gerne die Namen des Herstellers lesen: Iwan Platschkow3. Neue Weine sollten nicht anonym sein. Die „Autoren“ von Wein sollten namentlich die Verantwortung für die Qualität ihres Produkts übernehmen.

Um mit Gregorius Skoworda zu sprechen: „Die Wahrheit zu sagen ist einfach und leicht“. 


1Hryhorij Fedorowytsch Kwitka-Osnowjanenko (auch: Grigorij Fjodorowitsch Kwitka-Osnowjanenko,  * 29. November 1778 in Osnowa, Sloboda-Ukraine,  2026 ein Vorort von Charkiw in der Ukraine; † 20. August 1843, war ein ukrainisch-russischer Schriftsteller, Journalist und Dramatiker. Er verfasste zahlreiche Werke in ukrainischer und russischer Sprache und gilt als Begründer der ukrainischen Novellistik.

2Gregorius Scovoroda oder Skoworoda(lateinisch Gregorius Sabbae filius Scovoroda,  * 3. Dezember 1722 in Tschornuchy, † 9. November 1794 in Iwanowka, 2026 Skoworodyniwka bei Charkiw, war ein Philosoph und Laientheologe kosakischer Herkunft, der im Kaiserreich Russland lebte und wirkte. Ferner war er Pädagoge, Dichter, Sänger und Komponist. Man nannte ihn auch den „ersten originellen Philosophen der Ruß“ und „wandernden Philosophen“, weil er die letzten Jahrzehnte seines Lebens als umherreisender Pilger und Lehrer verbrachte. Dabei war er nicht nur in den Gebieten des Russischen Reichs tätig, die in der heutigen Ukraine liegen, sondern auch in solchen, die heute zu Russland gehören. Auch wenn sich Gelehrte aus beiden Ländern nach 2022 streiten, welcher Kultur er angehörte, hat er nachweisbar für die frühmoderne russische und ukrainische Tradition eine entscheidende Rolle gespielt.

3„Kolonist“ erhielt seinen Namen von den bulgarischen Kolonisten, die dieses Gebiet Anfang des 19. Jahrhunderts besiedelten. Der Gründer und Eigentümer des Weinguts, Iwan Platschkow, ist ein Nachkomme dieses Volkes, das die verbrannte Steppe in ein blühendes und fruchtbares Land verwandelte. Die Weine von „Kolonist“ werden aus Trauben hergestellt, die an den südwestlichen Hängen des größten Süßwassersees der Ukraine, dem Jalpuh-See, angebaut werden. Dank der geneigten Hänge erhalten die Weinberge doppelte Sonneneinstrahlung – direkt von der Sonne und reflektiert von der Wasseroberfläche des Sees – und sind gut durchlüftet. Die 30 Hektar Weinberge, die nach der Guyot- und Cordon-Methode beschnitten werden, wachsen auf lehmigen Böden, die reich an Mineralien sind und tiefe Kalkablagerungen aufweisen. Diese Schnittsysteme sorgen für geringe Erträge und ermöglichen in Kombination mit dem besonderen Terroir hochwertige Trauben. Jede Rebe trägt nur wenige Trauben, die ausschließlich von Hand geerntet werden und einen intensiven Geschmack und Duft haben, wodurch die Weine Kraft, Harmonie und Eleganz erhalten. Die geografische Lage auf derselben Breite wie Bordeaux (Frankreich) und Piemont (Italien) bietet hervorragende klimatische Bedingungen für den Anbau von Trauben. Die Kombination aus einzigartigem Terroir, modernster Technik aus Frankreich, Deutschland und Italien sowie traditionellem Barrique aus 100 Jahre alter französischer Eiche gibt „Kolonist“ das volle Recht, stolz auf die hohe Qualität seiner Weine zu sein. 

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