Ingeborg Kaiser

"Roza und die Wölfe"

 

Auszug aus dem Buch, ~~~ Seite 148, 149 ~~~, ISBN 23 7185 0188 9, Janus e-nova

roza-und-die-woelfe~~~~~~Die Bahnschienen, die in A.-Birkenau endeten, liefen aus allen Richtungen auf dieses Ende zu. Du hast früh gewarnt, Roza, dich mit allen Kräften gegen die Urkatastrophe Krieg gestellt, die Schutzhaft ertragen, weitergekämpft und dein Golgotha erlitten. Die Blutschnur lief durch die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, über die Schlachtfelder Europas, Materialschlachten um Dörfer und Hügel, Menschenschlachten. Menschen wurden zum strategischen Kriegsmaterial, die Person entmenschlicht zur Masse, die ein Sammelschicksal erlitt, vier Jahre dem Befehl zu töten nachkam, lieber tötete, als getötet zu werden, und zu Tätern geworden verrohte. Die Blutschnur war gelegt und verödete nicht mehr im Jahrhundert der Kriege. Der Einsatz von Senfgas 1918, durch den ein Gefreiter Hitler zeitweilig erblindete, setzte sich in den Vernichtungslagern mit Zyklon B. fort. Der Krieg machte den Freiwilligen H. mit österreichischem Pass zum Meldegänger im Regiment List, befreite den Strassenmaler von seiner Aussteigerrolle, seinem gescheiterten Künstlertum. Aufsteigerjahre für den späteren Diktator, dem ein verlorener Krieg und die Wirren der Revolution den Schritt in die politische Arena ermöglichte. Den Bierkellerdemagogen, der mit Hasstiraden gegen die jüdische Bevölkerung einen Sündenbock erfand. Vom Deutschland der Niederlagen zum Reichskanzler gewählt, das Dritte Reich in Krieg und Untergang führte.

Die Einzelne in der Zelle hatte die Gefahr klargesichtig erkannt und ausgesprochen. Sie nahm zeitlebens die Gegenposition ein, wusste, wohin Patriotismus und Militarismus der Rechten führten, dass ein Krieg die starke sozialistische Bewegung im Land brechen und den Regierenden dienen würde ihre Macht zu festigen. Für Kaiser Wilhelm gab es 1914 keine Parteien mehr, nur noch Deutsche, gehorsame Untertanen, die kriegsberauscht für Volk und Kaiser ins Morden zogen.

A.-Birkenau ein Reservat gegen das Vergessen, Roza, ein Blutort, Leidensort, der die Vorstellung sprengt. Dennoch die Bilder, der Schrecken festgehalten, gefilmt. Auf der Leinwand im Plüschkino des Museums der weissbemantelte Täter und der kleine nackte Junge mit der Nummer auf dem Arm, zum Versuchsobjekt mit Todesfolge bestimmt. Ich schloss die Augen, aber war dabei, die Zeit durch das Bilddokument aufgehoben, was geschah, war jetzt. Die Zusehenden wie Mittäter im Bann des Schweigens, schattenhaft die Umrisse ihrer Köpfe, namenlose Zeugen der Gewalt. Es war tröstlich an die Einzelne zu denken, mich an das Nachwort ihres Briefes zu erinnern, den sie Mai 1917 aus der Festung Wronke an Mathilde Jakob schrieb: Noch eins! Wir haben hier ein Kind von zwei Monaten, das keine Hemdchen und Windeln besitzt. Sagen Sie der Luise (Kautsky) sie soll Ihnen welche mitgeben, wenn Sie herkommen.

Mathilde Jakob wurde 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt gebracht, wo sie neunundsechzigjährig umkam. Luise Kautsky, die Sommer 1944 in Holland verhaftet wurde, starb achtzig Jahre alt in A.-Birkenau. Beide Frauen nahe Gefährtinnen von Rosa L. Und was wäre mit ihr, der jüdischen Marxistin, geschehen, wer hätte sie wohl zuerst zum Schweigen gebracht, Lenin, Stalin, Hitler?

Den Geleisesträngen von A.-Birkenau entlang, weggelaufen, Roza, weg von den Barackenstrassen, den Baracken, auf gestampfte Erde gestellt, den dreistöckigen Schlaflöchern mit fauligem Stroh. Den gesprengten Krematorien, Gaskammern, Hinrichtungsplätzen, Verbrennungsgruben. Der Mensch mehr zum Töten begabt als zum Leben. Und weg vom Aschenteich, dem stillen Teich mit Menschenasche, den Aschenwegen, im Rücken der quere Bau mit Wachturm, der die Züge abzuwehren schien, das Ende der Reise mauerte. ~~~~~~

©Ingeborg Kaiser wuchs in Augsburg auf und lebt heute als Autorin (Prosa, Lyrik, Stücke und Hörspiele) in Basel. In den biografischen Recherchen zu Rosa Luxemburg "Roza und die Wölfe" zeichnet Ingeborg Kaiser das Bild der vielgehassten und heftig bewunderten Revolutionärin Rosa Luxemburg aus der heutigen Perspektive. Begegnet bin ich Ingeborg Kaiser 2010 in Czernowitz anläßlich des Lyrikfestivals Meridianz Czernowitz. Milena Findeis