INGEBORG KAISER

stromab das fell
alt deine blösse
zu erfrieren keine
schmach rüttle
dich wach das
lumpenkostüm
als zweite haut

 

galgenmut

dem henker den
strick geliefert
galgenselig
dem galgen das
genick gebrochen

 

 

mir das bein
gestellt feinde
gewonnen auf
davon mein hölzernes
pferd müde des
endlosen schindens
grenzwechsel zu
den umgekommenen

 

 

kettenkarussell

es dreht dich
dreht ohne
stopp blindlings
der absprung


   

strudel in wien

vielleicht wien und
sicher januar im
fenster des trödlers der
dezember ohne nadeln auf
dem gerippe ein vogel sein
silberlied mischt sich
in das kratzen der
schneeschaufeln vor sechs
vielleicht umarmt mich ein
traum ecke strozzigasse wartet
der doppelstöckige bus
ich warte auf meine
schritte sie sind durch
den torbogen verschwunden im
trüben licht nummerierter
stiegenschluchten verhallt der
portier rostet verbeult aus
seinem mund ragt ein draht die
augen sind lochkarten ohne
daten gibt es mich nicht
ohne namen adresse küss die
hand vielleicht bin ich in
dem wintergedicht gleich kommen
schritte treffen andere schritte gleich
fährt ein bus zum südbahnhof oder
westbahnhof vielleicht in wien
monarchisch
der himmel spiegelt den
frost schattenlos über
morgenhäusern ecke strozzigasse
josefstädterstrasse hängt die
fleischersfrau im schaufenster und
blutet aus bekleidet mit
einer lammfellmütze vielleicht
hat sie mit dem
hackbeil geschäkert sie kann nicht
mehr verraten wie viel
vom rosenpaprika wie viele esterhazy wo
fände ich meine zeit gegenüber
das hotel weisser hahn eine
grille narrt die gäste knabbert an
rosentapeten und zirpt gleich
kommt der kammerjäger erschiesst
die grille vielleicht auch
die rosen
noch einmal schritte der
verschlag des portiers ist
verwaist sind es
meine schritte die
steintreppen ohne spuren das
parkett im appartement dreizehn
liegt faltenlos jetzt
wünschte ich ein grillenlied für
blosse füsse die
zeit verweigert sich vielleicht
in wien liege ich ordentlich
gefaltet in einer lade
appartement dreizehn das
sofa in der farbe von mohn die
kerze sonnenhell die rose
irgendwo zuhause sein
einen dreivierteltakt lang
zuhause die
frostschaufeln kratzen ecke strozzigasse
ich habe ein schneegesicht im
burggarten narbt es die krähe die
barocken paläste geben sich maskiert
die menschen im
kaffeehaus quillt verwesung
unter rahmperücken vor wie
war gleich der hübsche name
liebe oder tod
die steinfrau lächelt ihre
blossen brüste von stimmen
liebkost kann es
mitternacht sein wo
finde ich meine zeit splittert sie
der frost in kleine münzen zu
wenig um eine rose zum
blühen zu bringen vielleicht in
wien umarmt die liebe den
tod endlich ein schneereigen der
kammerjäger tanzt mit
einer fleischersfrau im
wienerwald soll ein
knusperhaus stehen vielleicht
sitzt hänsel noch immer
im käfig der hans gibt es
kein ende muss es sich
weiterdrehn
 

©INGEBORG KAISER

 

 

Ingeborg Kaiser, geboren in Neuburg/Donau. Nach dem Abitur und Berufsjahren in Augsburg übersiedelte sie 1960 nach Basel. Ab 1968 Veröffentlichungen von dramatischen Texten, Prosa und Lyrik. 1984/85 Hausautorin am Stadttheater Chur. Ingeborg Kaisers Arbeit wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Internationalen Kurzgeschichtenpreis 1984 und dem Schweizer Dramatikerperis 1984.
 

 

 

 

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Wortgedrungen

10.12.2019 In der Dämmerung ähnelt das Weidenblatt einer Vogelfeder. Im Kalender-Dezemberblatt fehlen Einträge: die Tinte ist eingetocknet, die Feder kratzt. 

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