Iryna Vikyrchak

 

Iryna Vikyrchak geboren 1988 in Galizien. Absolventin der Fakultät für Fremdsprachen der Czernowitzer Nationalen Universität. Autorin der Poesiesammlung „Gespräch mit Engel“ (2005). Veröffentlichte ihre Gedichte in verschiedensten Almanachen, Zeitschriften. Ich lernte Iryna kennen, bevor das Lyrik Festival Meridian Czernowitz aus der Taufe gehoben wurde, wir sind uns einige Male in Prag und in Czernowitz begegnet. 2012 ist unser gemeinsamer Gedicht-Foto-Band Zeitzug von Meridian Czernowitz herausgegeben worden, daraus drei Gedichte von Iryna Vikyrchak, die von Claudia Dathe aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Milena Findeis

 

Stadt

Weinend fliegen die Vögel nach Süden,
weil sie nicht wissen, was sie hier sollen.
Eine auf den Schmerz erschöpfte Stadt.
Wie laut, schmutzig, eng…

Ein Leben wie in Zeitungsspalten:
Schwarz, weiß, grau…
Straße, Vogelknöterich, Asphalt…
Wenn es wenigstens ein bisschen Traum gäbe…

Schwer atmet die Stadt im Staub.
Der grauen Dächer Spitzen ragen in den Himmel.
Und herber Geruch wie auf dem Feld.
Erschöpft.Angewidert.
Luft, bitte.

 

Vor dem Nichtschlafen,

Kommen dir blind Wünsche in Erinnerung
Küsst du fremde Wangen
Vergisst du einen Moment lang die Hast.
Du schließt die Augen, spürst die Kälte,
Legst deinen Handlungsplan für morgen zurecht.
Und statt in den Nebel zu tauchen,
legst du Zauberkarten aus.
Du zählst nicht die Schäfchen, sondern die Löcher
Nicht in der Seele, sondern in deiner Kasse.
Für die Haut eine unangenehme
Berührung von Stahl an deiner Manschette.
Du atmest nicht, eher ringst du nach Luft.
Die Nacht hat eine abgewetzte Decke
Über die Stadt gebreitet, und du bleibst da
Seit kurzem, gerade so, noch eben…
Vor Müdigkeit kannst du die Augen nicht schließen,
Sie ist es eher, die sie dir schließt.
Und du bemerkst nicht, wie im Nachtlaken
Der Winter als etwas Weißes auf deine Wimpern fällt…

 

 

Ich halte durch

Wie jeden Winter
Die Fäuste zusammengepresst
Die Zähne zusammengebissen
Male ich Räume auf die Beugen
Der erfrorenen Wörter
(verdammt zum Verderben)
Während
Der Schnee die Straßen verweht
Wenn die die Erde halbnackt ist
Unter die Decke kriecht
Halte ich
Durch. 

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Claudia Dathe

Foto-Gedichtband Zeitzug - Czernowitz, Prag, Wien. in Deutsch und Ukrainisch, erschienen 2011.

 

 Im Jänner 2017 erhielt ich per Mail nachstehend Gedichte von Iryna Vikyrchak, die wieder von Claudia Dathe aus dem Ukrainischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Inspiriert zu diesem neuen Zyklus wurde Iryna von der aus Czernowitz stammenden Dichterin Rosa Ausländer (* 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; † 3. Januar 1988 in Düsseldorf; geborene Rosalie Beatrice Scherzer) Milena Findeis

 

 

R.A.

Rose,
du hast gewusst
wie man Gott im Herzen von Manhattan hört
die Spiralfedern aus Aluminium
die aus dem Himmel hingen
wolltest du mit Händen greifen

dann bist du auf sicheren Abstand
zum einzigen Apfelbaum
im Central Park gegangen
hast Worte gewählt
sie statt der Kerne in den Apfel gelegt
und mit einer Feder ins All geschossen
losgelassen

Rose,
ich weiß, du hast
die Stimmen der Generationen gehört, die in der Luft
zwischen der 34. und 35. Avenue feststeckten,
sie sortiert nach besetzten Büros,
Telefonkabeln und Fernschreiben für Europa,

und auch in den Funkleitungen der New Yorker Taxifirmen;
die Fahrer, die flotten und die gleichgültigen,
nahmen ihre Aufträge entgegen
steuerten fiktive Adressen an
irrten herum
fuhren fort
setzten ab.


SAD
Autumn cannot bereave us.
Rose Ausländer

Um Gott zu erkennen –
und auf der Startbahn denkst du
jedes Mal daran –
musst du in ferne Feuer schauen,
die Gravitation kennen,
die Physik lernen.

Für Passanten Fotos machen,
ihnen in Herz und Augen schauen.
Jedes halbe Jahr umziehen,
um Luft in die Lungen zu pumpen,
wenn du auftauchst.

Um SAD zu überwinden,
den Ängsten ins Auge schauen,
der Psychosomatik vertrauen,
den Tod bedenken und Frieden schließen,
mit seiner Unausweichlichkeit, später
oder gleich heute.

Fliehen, um sich nicht zu verlieren,
auf die Landung da drüben warten,
wo Liebe in Buchhandlungen und bei Starbucks
verkauft wird.
Ohne hinzusehen, ohne die gelernte
Physik zu würdigen,
das Axiom der Jahreszeiten hinnehmen:
Dass in jedem Herbst
jeder von uns
ein bisschen
New York ist
und in jedem von uns
ein bisschen
New York.

 

Die Harfenistin in der Subway

Wie viele Städte passen in dich hinein?
Brücken in den Lungen,
Tramschienen in den Adern.
Ausfallstraßen ums Herz,
Schlafbezirke unterm Gaumen.
Übergänge zwischen Stockwerken nach unten und oben.
Bahnhöfe – raus und weiter nach der Erinnerung.

Wie viel Raum passt in dich hinein,
Unterführungen, Stationen,
Straßenmusikanten, unvergesslich manchmal …
Weißt du noch, die Harfenistin in der Subway?
Halt dich an die reinen Töne,
Such sie in dir,
Halt dich an das innere Licht,
sei Teil der Weltmetropole.

Meditiere jeden Morgen, trinke jeden Abend,
bleib irgendwann stehen, lern gleichmäßig zu atmen,
lern nicht in die Welt zu fliehen vor dir selbst,
lern zu verweilen, und sei’s auf dem Gipfel,
denk an die innere Harfe,
abstrahiere vom Äußeren,
wiederhole leise vor dich hin
Rosas Mantra
und sprich mit der Stadt:
deine schluchzenden Sirenen
unsere Musik
deine Schienen unsere Venen
deine U-Bahn
unser Haus

 

M.D.

Die dich beten gelehrt hat, geht nicht mehr von dir fort.
Die Gott und die Welt zu lieben gelehrt hat, erscheint nicht im Traum.
Wohl bleibt dein Haus ohne sie nicht leer, heult der Hund nicht den Mond an.
Niemand trägt schwarz und die Sonne geht auf, als wäre nichts gewesen.
Eine Woche später kommt der Frühling, und die Lilien, die weißen und die Tigerlilien, die Hyazinthen,
selbst der vertrocknete Pfirsich und die alte Rose, die klettige Klematis und die Päonien –
Alles wächst und schießt auf, und wenn’s Mai wird, blüht es, sieh mal, und der doldenständige
Dill erstickt die Unkräuter und Quecken, verschattet die Ritzen und Nischen.
Und was kommt dann, nach dem Mai? Buchsbaum und Blauregen füllen den Raum,
rankende Stängel sprengen den Stein: die Kraft kommt von ihr. Bloß keine Angst,
beim Beten ein Wort zu vergessen, ein falsches unzeitiges zu wählen,
Bloß die frühen kindlichen Erfahrungen suchen, Gott und die Welt weiter lieben. Wie früher
Den Mond betrachten, Jahr für Jahr Dill säen und die Klematis gießen.
Und wenn sich im Sommer ein Schmetterling zum Trinken auf dein feuchtes Haar setzt oder eine
Rosa Wolke überm Dach steht, wo auch immer dein Haus ist. Wirst du wohl genau wissen,
Wer sie dorthin geführt hat.


Ich weiß, du bist hier.


Ich habe den Ton gehört: als er den Metallknopf zufällig berührte,
sang der Kommodengriff hell und lange ein vibrierendes G.
Du bist hier in den Wänden, in der Schublade, im Boden oder im Leuchter an der Decke
schlägst als hilfloser Dschinn
wie ein Vogel an der Scheibe,
wie ein Fisch unterm Eis
gegen die Struktur der festen Materie.
Sechs Wochen sind vergangen,
Und noch immer bist unsichtbar und unfühlbar
Bist gegenwärtig zwischen Wäschestapeln im Schrank,
Zwischen aufgereihten Schnapsgläsern in der Kredenz,
Die wie immer klirren,
Wenn draußen ein Laster vorbei fährt.
Sechs Wochen sind vergangen, und gestern
hat plötzlich ein Windstoß
die alten und neuen Fotos vom Tisch gefegt,
und zum ersten Mal ist die Ähnlichkeit zwischen dir und mir aufgefallen,
Ich weiß, du bist hier.

 

Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe