Jona Jakob

Texte von Jona Jakob

heuteHeute, als du anriefst, als deine Stimme den Tag klar machte, da fuhr ein Zug vorbei. Und heute, als das Eigene, Arbeit am Menschen, wirkte, da schwebten Gedanken im Blick auf mich. Lang ist's her als ich schrieb: Eis bewegt sich. Und nun all diese Veränderungen. Als würden für eine nächste Partie die Figuren aufgestellt. Wir waren erst noch wenige, die einfach nur noch leben wollten. Wohin daher des Weges?

Egal. Was könnte ich schon wissen, wohin, wohin? Jetzt, jetzt gerade wäre es einfach und gut und warm. Es wäre frei und leicht und es wäre Pause, wenn du magst. Setz dich hin, erzähl, lass weich werden. Lass dich sein in deinem Kissen und den angezogenen Beinen, deinem Glas in der Hand, Geschichten erzählend und während gefrorene Gräser dampfen, wo ein Hund sich trollt. Ein Zug, ein nächster, rollt. ©JJ Februar/2008


schwerkraft

Schwerkraft -
wölbt den Boden
Laub klebt am Gesicht
Wer weiss schon,
dass geboren,
der Wald nur
mit dir spricht.




Denn -
Nachtstrombreiten,
Fluten ohne Licht,
gleiten
Schicht für Schicht.
©JJ 2006 und 2008

 

dusche
"Und wie wäre es mit einem kleinen Kuss, nachdem ich frisch aus der Dusche komme?"

Es wäre in einem gewissen Sinn hygienisch ... aber die guten, delikaten, von Kennern erstrebten Köstlichkeiten sind nicht wirklich aus abgeseifter Hygiene zu gewinnen. Sie sollen nicht verdorben sein oder gar unhygienisch, aber z.B. Reife kann so eine Qualität sein, die einem Liebhaber mehr zuträgt, als jede Frische.
 
©JJ August 2007





Ein Tag für einen Dienst             

Es war an einem Dienstag,
als er für sich akzeptierte,
dass es Herbst würde.
Grau der Himmel,
kälter schon seit Tagen.
So war er eingestellt.

Er wusste, dass es nicht möglich war,
Anderes anderen mitzugeben.
Sie würden es einzig nehmen.
Aber sich geben lassen, tun sie nicht.

Doch weil der Inhalt ernst war,
arbeitete in ihm das Denken,
in der Sache selber
vom Vater angenommen zu haben,
dass die Haltung,
ein Ende zu kennen,
eine Freiheit ist.

Er möchte an diesem Tag,
an dem er für sich akzeptierte,
dass es Herbst würde,
nicht weiter (er)leben,
dass gerade die Andern,
die diese Haltung der 'Freiheit im Ende', 
nicht annehmen konnten,
- was nur verziehen werden kann,
nicht angemahnt, einzig feststellend -
daraus das Gegenteil verursachten,
jenes, der 'ohne-Macht' .. Ohnmacht,
einem gänzlichen Verlust von Freiheit,
einem 'Keine-Freiheit-da-kein-eigenes-Ende'.

Also, dass 'die Andern' darüber entschieden,
dass es doch noch nicht der richtige Tag wäre,
und - um dieser Haltung gegenüber,
dass es ein Ende gäbe, mit einer
Angeblichkeit von Liebe zu antworten,
monierend, jedoch einzig eigen -
jedenfalls nicht das annehmend,
womit sie meiner Liebe ihnen gegenüber,
im Gehen, als meine letzte Erinnerung
mir mitgeben würden,
als ein Gefühl von 'verstanden'
und darin von Annahme
und damit verbundenem Respekt,
das wäre zum Schluss der Verlust,
mich selber gewesen zu sein,
frei und eigen und schön.

Und so bleibt, was erst spät erkannt,
damit aber noch nicht gleich verstanden wurde:
'Vergib, denn sie wissen nicht, was sie tun.'

'Jener' damals gab.
Sein Einverständnis. Dazu.
Dass wir nehmen.
Dafür starb er.
Frei.
Selbst als Gefangener.
Frei.
Und daher seine Grösse,
in der Wegnahme seines Lebens
noch etwas zu geben.

Und daher seine Möglichkeit,
aus diesem Geben,
uns nehmen zu lassen.
Ein Nehmenlassen, das uns jedoch zeigen will:

'Gebt!'

Da heraus würde dann losgelassen
und mir mich zurückgegeben
und mir das geschenkt
was des Seins höchstes Gut ist,
die Freiheit.

In Liebe.
Und für die Freiheit.
Heute, an diesem Tag für einen Dienst,
wo ich akzeptierte, dass es Herbst würde.      

©JJ September 2005


Bei mir gibt es eine Aussicht
.

Es liegt da der Main zwischen den Ufern blattloser Büsche. Seine schlammtönerne Kälte wirkt. Gegenüber ist Bayern, was ich stets komisch finde. Dort liegen Felder, da kein Baum die Sicht darauf verdeckt. Schwemmland. Erst weiter hinten folgt etwas Industrie und dahinter erheben sich am Horizont die Weinberge des Spessart. Heute liegt Schnee und über allem steht in Grau der Himmel.

Der Blick ist jener auf ein historisches Landschaftsbild, gemalt in tristem Öl und schwer gerahmt, fast bürgerlich und etwas aus der Zeit. Über die Felder ziehen, je nach Jahreszeit, Tiere. Ein Rehpaar und ein Fuchs heben sich im Winter gut gegen das Weiss des Schnees ab. Kormorane balzen. Und Rammler prügeln sich die Pfoten um ihre langen Ohren, wenn es Frühjahr wird. Hunde und Pferde werden von Menschen getrieben. Die passen nicht wirklich ins Daliegende. Sie wirken zielstrebig und das strahlt die Landschaft nicht aus. Sie strahlt nichts Nennbares aus. Sie liegt einfach da und das scheint es zu sein, womit sie mich erreicht.

Ab und zu kreuzt ein Frachtkahn auf dem Main durch das Bild. Leise und stoisch fährt so ein Pott an den Rhein oder ins Schwarze Meer, was weiss ich. Die schiebende Bewegung des Kahns hebt dabei das Daliegende der Landschaft hervor - ein paar Wellen noch, dann scheint wieder alles wie zuvor.

Ich vergesse dann manchmal, dass jemand anrufen könnte und fahre zusammen.

©JJ Dezember 2010

Am Ende des Bahnsteigs
©JJ Februar 2012