JÜRGEN HEIMLICH



1971 in Wien geboren, und in der Leopoldstadt nahe dem Prater aufgewachsen. Zahlreiche Spaziergänge mit den Großeltern und Eltern auf diesem wunderschönen Gelände. Eines Tages wurde ihm ein Stoffaffe übergeben, den einige Familienmitglieder bei einem Geschicklichkeitsspiel gewonnen hatten. Dieser Stoffaffe blieb lange in seinem Besitz. Besuch des Kindergartens, und die immerwährende Verweigerung, mittags zu schlafen. Den Einsturz der Reichsbrücke 1976 hat er als Erdbeben aufgefasst. Die elterliche Wohnung befand sich nur wenige hundert Meter von der Reichsbrücke entfernt. 
Bereits im Alter von etwa acht Jahren Niederschrift der Geschichten-Sammlung „Das Skelett Bingo“, die leider aus mysteriösen Gründen verschwunden ist. Dann einige Jahre Rückzug in Comic-Klausuren. Schließlich Verlagsausbildung beim Österreichischen Bundesverlag, die täglichen Kontakt mit Büchern mit sich brachte. Entwicklung als Leser zunächst eher langsam, was sich auch in einer Vorliebe für Romane von Stephen King äußerte. Mit 18 Jahren an einer Abendschule (Handelsakademie) das Zusammentreffen mit einem wunderbaren Menschen, der als Deutsch-Lehrer fungierte, jedoch leider nur wenige Wochen die Möglichkeit hatte, den ihm anvertrauten jungen Menschen seine Schreibbegabung bewusst zu machen, und zu verstärktem literarischem Schreiben zu motivieren. Der Lehrer stirbt kein Jahr später an Leukämie. Die wenigen Wochen inniger Lehrer-Schüler-Beziehung werden das Leben des späteren Autors auf eklatante Weise in positiver Hinsicht verändern. Er empfindet eine tiefe Dankbarkeit, diesem außergewöhnlichen Lehrer begegnet zu sein, der die Saat des literarischen Schreibens in ihn gesetzt hat.

Das Schreiben ist anfangs für ihn Therapie, doch im Laufe der Jahre wird die übertriebene Selbstreflexion überwunden und er setzt nicht mehr ausschließlich das Ich in den Fokus. Längst wurde als Domizil die Leopoldstadt mit der Donaustadt getauscht, und im Jahre 1993 folgt dann der Umzug nach Simmering. 1998 schließlich wird er in unmittelbarer Nähe des Wiener Zentralfriedhofes wohnhaft. Er beginnt sich nicht sofort für diesen zweitgrößten Friedhof Europas zu interessieren, doch als er Feuer gefangen hat nimmt eine große Verbundenheit ihren Anfang, die im Jahre 2007 den Entschluss wachsen lässt, über diese individuelle Beziehung zu einem Friedhof zu schreiben. Er schreibt also über wichtige Plätze, und fünf Routen, welche der Friedhofsgänger gehen kann, um hierbei den Friedhof von einer ungewöhnlichen Seite kennen zu lernen.



AUSZUG AUS DEM ZENTRALFRIEDHOFS-FÜHRER: Russisch-orthodoxe Abteilung



Vom Ausgang des Parks der Ruhe und Kraft können Sie nach rechts ausscheren, und dann geradlinig Ihren Weg fortsetzen, bis Sie sich bei der Ehrengräberzeile gleich bei der Friedhofsmauer befinden. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als links abzubiegen, und bei dieser Gelegenheit können Sie einige interessante Ehrengräber betrachten. Gleich am Anfang wird Ihnen das Grabmal für Adolf Loos auffallen, am bekanntesten ist in dieser Gegend des Friedhofs zweifellos das Ehrengrab des Antoni Salieri, der im Zusammenhang zu Mozart bekannt wurde, aber durchaus auch als Komponist hochbegabt gewesen ist.

Schon von weitem wird Ihnen die Lazaruskirche auffallen, welche inmitten der russisch-orthodoxen Abteilung thront. Bislang war es mir erst einmal vergönnt, die Kirche von innen zu betrachten. Die Kirche ist dementsprechend meist geschlossen. Wer das Glück hat, ausgerechnet dann die russisch-orthodoxe Abteilung des Zentralfriedhofs zu besuchen, wenn die Kirche geöffnet hat, sollte die Gelegenheit nicht auslassen, einen oder mehrere Blicke ins Innere zu wagen.

Bereits seit dem Jahre 1894 befindet sich in der Gruppe 21 des Wiener Zentralfriedhofs das Areal, welches als letzte Ruhestätte für verstorbene Unterthanen russisch-orthodoxer Confession dient, und im Übrigen von einer lebenden Gesträuchhecke eingefriedet ist. Es sind hier eine Prinzessin und eine Gräfin sowie eine Fürstenfamilie begraben. Prunkgräber gibt es keine, dafür einige originelle Grabstätten, wovon Sie sich unbedingt überzeugen sollten.

Ich habe eine starke Affinität zur russischen Kultur, insbesondere zur russischen Literatur, und mein Lieblingsautor ist Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Wenn ich dieses eigenständige Areal betrete, dann verweile ich gerne, und bin auf diese Weise mit der russischen Kultur verbunden. Nur in Ausnahmefällen scheint es hierher Menschen zu verschlagen, die der russisch-orthodoxen Konfession nicht angehören. Ein Grund mehr, auf dieses wunderschöne Areal hinzuweisen, das sehr leicht über den beschriebenen Weg erreicht werden kann.

Eine weitere Möglichkeit, zur russisch-orthodoxen Abteilung zu gelangen, sei nunmehr beschrieben. Wenn Sie durch das Hauptportal des Zentralfriedhofes, also das zweite Tor gehen, halten Sie sich ein Weilchen geradeaus, wobei Sie schon nach wenigen Metern links und rechts die beiden größeren Aufbahrungshallen erblicken können. Schließlich tauchen die alten Arkaden auf, die im Neo-Renaissancestil erbaut wurden. Wenn Sie hier ab durch die Mitte gehen, kommen Sie überall möglich hin, nicht aber zur russisch-orthodoxen Abteilung. Also, halten Sie sich gleich mal nach links, wenn Sie die Arkaden bemerken. An dieser Stelle befindet sich auch ein Parkplatz, und Sie können diesen Weg verfolgen, und ruhig mal einen Blick nach rechts riskieren. Recht bald können Sie nämlich ein Grab sehen, das den Opfern des Ringtheaterbrandes gewidmet ist. Ein Grab in Form eines Kirchleins ist einige Zeit später dann ein guter Anhaltspunkt; denn hier können Sie wiederum links einbiegen, und werden schon bald die Lazaruskirche sehen.

Falls Sie sich wundern, dass ich nicht auf das Bauwerk eingehe, welches sofort sichtbar wird, wenn das Tor zwei durchschritten ist, nämlich die Friedhofskirche, die im Jugendstil erbaut wurde, so kann ich nur darauf hinweisen, dass ich auf diesen Faktor später sicher noch eingehen werde. Dieser Friedhofsführer soll insbesondere dazu dienen, weniger bekannte Aspekte des Zentralfriedhofes darzustellen. Die Friedhofskirche ist wohl neben den Ehrengräbern, die sich ja in relativer Nähe der Kirche befinden, wichtigste Station für Touristen, und es wäre nicht angebracht, ausgerechnet auf die Besichtigung dieses Bauwerkes zu verzichten. Verzeihen Sie den Exkurs; wahrscheinlich sind Sie längst schon in Gedanken oder sogar in der Realität den Weg abgegangen, der zur russisch-orthodoxen Abteilung führt.
Bald gelangen Sie wieder zur Friedhofsmauer, und können sich an den Ehrengräbern erfreuen oder sie zumindest etwas genauer in Augenschein nehmen.

Welcher der beiden Wege für Sie geeigneter scheint, bleibt natürlich Ihnen überlassen. Es ist aber gar nicht so einfach, zur russisch-orthodoxen Abteilung zu gelangen, wenn man nicht die Koordinaten kennt. Obzwar: Mit der Straßenbahn kommend (Linie 71) ist die Kuppel der Lazaruskirche nicht zu übersehen, doch dorthin gelangen ist keineswegs ein Kinderspiel. Sind Sie nur für wenige Tage in Wien, habe ich dann bei meinen Routenbeschreibungen ohnehin einen besonderen Spaziergang in petto, der Sie entzücken mag.

Der Weg über den Park der Ruhe und Kraft zur russisch-orthodoxen Abteilung (ausgehend von Tor 3, wie beschrieben) dauert selbst bei besinnlichem Gehen kaum länger als eine halbe Stunde. Natürlich kann nur empfohlen werden, sowohl im Park der Ruhe und Kraft als auch im Areal der russisch-orthodoxen Abteilung länger als nur ein paar Sekunden zu verweilen. Außer Sie gehören zu jenen Menschen, die bei Kunstausstellungen die Angewohnheit haben, im Eilzugstempo durch die Räume zu jagen. Nun gut; weder bei Ausstellungen und noch weniger bei Friedhofsspaziergängen ist es angebracht, wie einst Nurmi – und am besten nicht links und nicht rechts schauend – ein Rekordtempo an den Tag zu legen. Aber ich bin ohnehin davon überzeugt, dass Sie zu jenen Menschen gehören, die das Unkonventionelle lieben, und somit am Müßiggang Gefallen finden, der keinesfalls aus dem Leben ausgeklammert sein soll.

Verweilen Sie ruhig an den Orten, die Sie besonders interessieren. Machen Sie sich einen Eindruck, und lassen Sie den Gedanken freien Lauf. Das kann durchaus befreiend sein.
Ein einmaliger Besuch des Wiener Zentralfriedhofs vermittelt kaum einen Eindruck von der Besonderheit dieses weit gestreckten Areals. Also, es ist nur zu empfehlen, immer wieder zu kommen. Sie müssen ja nicht zum Dauergast werden wie ich, wobei es sich freilich nicht so verhält, dass ich mich nur innerhalb der Friedhofsmauern bewege, aber das wäre eine andere Geschichte.

Aus Zentralfriedhofs-Führer, ©Jürgen Heimlich

Neben dem Prater ist der Zentralfriedhof der Lieblingsort des Autors in seiner Heimatstadt Wien, den er in regelmäßigen Abständen besucht.


Blumfeld, ein älterer ArbeitsloserErzählung von Jürgen Heimlich