Jürgen Heimlich

Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser

Ein Auszug aus den Erzählungen: Blumfeld, ein älterer Arbeitsloser

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Nach fünf Jahren ist Blumfeld immer noch arbeitslos. Zwischendurch hatte er den einen oder anderen kurzfristigen Job. In erster Linie absolvierte er vier Bewerbungscoachings sowie fünf weitere Kurse. Irgendwie ist Blumfeld nach diesen fünf Jahren nahezu am Ende seiner Kräfte. Er glaubt, nichts mehr vom Leben erwarten zu können. Eine Verbesserung seiner Lage scheint unmöglich. An jedem Tag steht er zur gewohnten Zeit auf, genehmigt sich ein reichhaltiges Frühstück, schaut viel fern, isst eher Kleinigkeiten zu Mittag, geht dann spazieren oder hie und da in eine Ausstellung, isst zu Abend, schaut wieder viel fern und geht schlafen. Ein Tagesablauf, der so langweilig wie gleichgeschaltet ist. Überraschungen möchte Blumfeld nicht mehr erleben. Als seine Mutter vor zwei Jahren starb, ist sein letzter Kontakt zur Außenwelt zusammengebrochen. Die vom Arbeitsamt vorgeschriebenen Kurse besucht er, ohne sein Desinteresse zu heucheln. Manchmal sieht er eine Pistole ganz genau an, wenn er an einem Waffenladen vorbei geht. Er stellt sich vor, wie es wäre, sich mit der Pistole in den geöffneten Mund zu schießen. Mit Wasser im Mund wäre das Todesurteil mit Sicherheit zu vollstrecken, hat er einmal in einer Zeitung gelesen.

Um einem weiteren Bewerbungscoaching zu entgehen, hat sich Blumfeld entschlossen, den Vorschlag seiner Beraterin anzunehmen. Er befindet sich jetzt ganztägig für ein ganzes Jahr in einer Umschulungsphase zum Personalverrechner mit abschließendem Zertifikat. Angeblich bestehen mit einer solchen Ausbildung gute Jobchancen. Blumfeld glaubt nicht daran, dass die Unternehmen auf ihn warten. Aber er findet es angenehm, etwas zu tun zu haben. Zwar ist es vorbei mit der Langeweile und mit dem süßen Nichtstun, doch dagegen hat er nichts einzuwenden. Anfangs bleibt er nach dem Aufwachen noch lange in seinem Bett liegen. Mit der Zeit gewöhnt er sich an das Ritual, jene Straßenbahn zu erwischen, die ihn zum bestmöglichen Zeitpunkt der Schnellbahn nahebringt, sodass er um 7 Uhr 43 in nur zwölf Minuten samt drei Minuten Gehzeit den Kursort erreichen kann. Im zweiten Semester kommt die Schnellbahn häufig mit Verspätung, wodurch sich auch Blumfeld verspätet. Schon recht bald freundet er sich mit einem Kurskollegen an, der begeisterter Tischtennisspieler ist. Die Zeit der Selbstmordgedanken ist zumindest kurzfristig vorbei. Irgendwie sieht er nun einen neuen Sinn in seinem Leben und meldet sich in einem Tischtennisklub an. Zweimal in der Woche trainiert Blumfeld und kommt rasch in Form. Seinen Kurskollegen, der auf den Namen Franz hört, schießt er nach nur wenigen Trainingseinheiten von der Platte. Der Personalverrechnungskurs und die neu entflammte Tischtennisleidenschaft lassen Blumfeld die Arbeitslosigkeit vergessen. Er ist seiner Beraterin dankbar und schickt ihr aus diesem Grunde sogar eine nette E-Mail.

Blumfeld meldet sich zu einem Turnier des Klubs an, das an einem Sonntag stattfindet und das ihm sehr viel bedeutet. Schon drei Stunden vor seinem ersten Spiel ist er im Klub und muss eine Stunde warten, ehe die ersten Turnierteilnehmer eintreffen. Blumfeld hat eine Strategie: Er spielt mit einigen Konkurrenten ohne besonderen Einsatz und verschlägt absichtlich viele Bälle. Damit will er den Eindruck erzeugen, er sei kein besonders guter Spieler. Doch er hat mit der Wachsamkeit seiner Gegner nicht gerechnet. Zunächst hat er in seinen Gruppenspielen drei Gegner zu bekämpfen. Aus Vier mach Zwei ist das Motto dieser Gruppenphase. Karl und Peter sind kaum ernst zu nehmende Tischtennisspieler. Ihre Reaktionen lassen zu wünschen übrig. Mehr als ein paar Punkte sind für sie nicht drin. Von einem Satzgewinn ganz zu schweigen. Der dritte Gegner aber macht Blumfeld nervös. Es ist ein riesiger Mann, der den Tischtennisschläger wie einen Ziergegenstand in der Hand hält. Einmal regt sich Blumfeld sehr darüber auf, dass ein Kantenball von ihm nicht gutgegeben wird. Das Spiel geht über sieben Sätze, und obwohl Blumfeld auch als Gruppenzweiter aufsteigen würde, kämpft er mit absolutem Siegeswillen. Der Goliath hämmert mit voller Kraft auf den Ball. Blumfeld glaubt, dass kein Ball auf Dauer so malträtiert werden kann, ohne Schaden zu erleiden. Es ist ein ständiges Hin und Her. Sämtliche sonstigen Gruppenspiele sind ausgespielt worden. Nur Blumfeld und dieser erstaunliche Gegner hören nicht auf, sich die Bälle um die Ohren zu schlagen. Plötzlich stehen viele Menschen rund um das ungleiche Pärchen und schauen dem Spiel zu. Blumfeld schwitzt stark, während Goliath ihn von einer Ecke in die andere hetzt. Der siebte Satz hat unfassbare 73 Punkte hinter sich, als Goliath beim Stande von 37 zu 36 aufschlägt. Blumfeld ist hochkonzentriert. Bereits acht Matchbälle hat er abgewehrt und seinerseits fünf vergeben. Er hat nicht vor, sich vor dem Publikum zur Witzfigur machen zu lassen. Einen Rückhandball setzt er genau in die Ecke und jubelt bereits, als der Ball wie von Geisterhand gezogen mit voller Wucht auf ihn zugeschossen kommt. Das gibt’s nicht, denkt Blumfeld, als er den Ball gerade noch mit einer fast schon unmenschlichen Reaktion zurückschlagen kann. Doch der Ball gerät viel zu hoch, und Goliath holt aus, und schmettert den Ball genau in jene Ecke, wo Blumfeld nicht steht. Das Spiel ist zu Ende. Blumfeld hat verloren, kann es nicht fassen. Er schüttelt seinem Gegner die Hand, obzwar ihm zum Heulen zu Mute ist. Das Leben ist ungerecht, denkt sich Blumfeld. Er muß eine halbe Stunde warten, bevor er wieder ein Spiel bestreiten kann. Er sieht Franz einstweilen zu, der ausgerechnet gegen Goliath gelost wurde. Für Blumfeld steht von Anfang an fest, dass Franz keine Chance haben wird. Und die Sache ist noch viel dramatischer. Franz wird buchstäblich vorgeführt. Er macht in vier Sätzen gerade mal drei Punkte und verlässt dann, ohne sich von Blumfeld zu verabschieden, die Tischtennishalle.

In den nächsten Stunden finden viele spannende Spiele statt. Blumfeld hat keine großen Probleme, um ins Finale einzuziehen. Aber dann sieht er wieder in das Auge von Goliath und sein Herz scheint zu zerspringen. Er ist sehr nervös und nutzt die Einschlagphase, um seine Defensivtaktik zu trainieren. Dass er gegen diesen extrem starken Gegner eine Chance hat, weiß er. Aber er weiß auch, dass er es ihm nicht leicht machen wird. Das zweite Spiel zwischen David Blumfeld und Goliath dauert bei weitem nicht so lange wie jenes, das fast vier Stunden zuvor zu Ende ging. Blumfeld hat sich in der Turnierphase merklich verausgabt, wovon bei Goliath keine Spur zu sehen ist. Im vierten Satz spielt der riesige Mann mit Blumfeld Katz und Maus, jagt ihn auf der Platte hin und her, bis Blumfeld seinen Tischtennisschläger voller Wut auf den Boden schmettert. Er wird vom Schiedsrichter verwarnt und mit einem Punktabzug bedacht. Nun ändert er seine Taktik und geht in die Offensive. Davon ist Goliath zunächst total überrumpelt. Der vierte Satz geht unter dem Jubel des Publikums mit 13 zu 11 an Blumfeld. Goliath schmettert immer heftiger auf die Bälle, welche Blumfeld um die Ohren fliegen. Aber er kämpft sich zurück, spielt so begeistert Tischtennis wie zu seiner Jugendzeit. Er hat nur einen Gedanken: „Ich will Goliath besiegen.“ Alles andere ist egal in diesem Moment. Im siebten Satz aber ist Goliath wieder ganz in seinem Element und fegt diesmal seinen Gegner kompromisslos von der Platte. Blumfeld ist gebrochen, er fühlt sich vernichtet. 

Am nächsten Tag, einem verregneten Montag, erscheint Franz nicht im Personalverrechnungskurs. In all den Monaten hat er nie gefehlt. Blumfeld erkundigt sich bei der Kursleiterin, doch es bleibt unbekannt, warum Franz nicht da ist. Erst am späten Nachmittag erfährt es Blumfeld aus den Fernsehnachrichten. Franz Berger hat sich vor einen Bus geworfen und ist auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben. Er hinterlässt eine Frau und drei kleine Kinder.