ES IST DAS MEER

Esther Hebein (auf facebook)

esther-hebeines ist das meer
das sich in meine sinne liebt

in rabenschwarzen nächten träum’ ich
mir eine wiege auf die wellen
die schlafend mich ans ufer schaukelt

es ist das ufer
das mir den blick aufs meer erlaubt

in tagen aus azur erkenn’ ich
wie weite sich ins lieben schmiegt
mich mündend in ein uferloses meer

es ist das meer

©esther hebein


ZEIT • PUNKT

wann bildet zeit einen •punkt
ist es im zentrum des maßes
von licht und schatten
ist es nicht •punkt zeit
wenn ein •punkt die zeit zeigt
wann bildet zeit einen •punkt

                      ist das leben ein zeit •punkt
                      ist die liebe ein zeit  •punkt
                      ist der hass ein zeit •punkt
                      ist der tod ein zeit •punkt

                                       oder lässt der •punkt
                                       fürchten
                                       hoffen
                                       dass die zeit
                                                    vor ihm
                                       ein ende findet

wann findet zeit einen •punkt zum verweilen

©esther hebein


VENEZIA GRIGIA königin aller dramen

ich komme zu dir
ohne gedanken
an vergleichliche schau spiele
die hier oder an anderen dramatischen plätzen
zum drama geworden wären
ich sehe das ist
ich glaube nicht an den nimbus
ich steige in dich ein venezia
wie neues leben aus dem mutterleib in die welt steigt
kein neugeborenes muss sehen lernen
wir alten die zeiten durchlebenden
sollten es wieder wagen zu sehen
mit den augen des kindes
die sehen ohne zu fragen
nach geschehenem
nach verwehenem
nach geschichte und geschichten

plattgedrückt
mein gesicht an deinen fenstern
mein auge dein vielschichtiges grau durchdringend
mein sein
aus deinen gründelnden wassern
den daraus geborenen schleiersanften dämpfen
dein vielfarbengewittriges funkeln atmend

venezia grigia
königin aller dramen
die je der welt den atem nahmen
deine hand liegt als weisse feder am puls meines herzschlags und
mein fuss schwebt schwerelos
von stätte zu stätte deines gewesenen
jetzt gesellen sich deine geschichten zu mir
jetzt erst auf deiner wassererde
jetzt erst im richtigen augen blick

das meer hast du dir zum regisseur erkoren
deine marionetten sind
die architekten die baumeister
die künstler
die dogen das volk
und napoleon

venezia
du hast die ultima ratio vor langer zeit schon gefunden
und feierst sie einmal im jahr
unnachahmlich pompös mit deiner grandezza
du rufst carne val
fleisch gehe
und inszenierst das ver gehen
über jahrhunderte hinweg
fleisch lasse los deine schwere
gehe ins nichts
wechsle gestalt und an sehen
um dich neu zu gebären
fleisch sei
sei das chamäleon
im meerwassertrunkenen atem dieser stadt

traumschöne lagune
trägst das alpha weib unter den städten
wo die wasser kreise ziehen
wo die wasser sich finden
wo den wassern flügel wachsen
wo die wasser sich küssen
wo die wasser ent fließen
aus deinem nachgiebigen weichen schoß
denn du venezia gibst dich hin
gibst dich immer wieder
dem fließen willig hin

ich schaue und denke
irgendwann
in der stunde null ohne namen
wirst du nur mehr fließen sein
wird die sonne deine zinnen und kuppeln
nicht mehr erreichen
wird es dich ganz genommen haben
das wasser

venezia grigia
geflügelte winter wasser queen
dem sehenden schenkst du im grau die ahnung
von vergänglichkeit
carne vale
acqua vieni

©esther hebein


SIE FÜHLEN SICH WIE PRINZEN

sie fühlen sich wie prinzen der stadt
mit ihrem staksigen gang
ziehen sie
kreisen sie
suchen sie
die strassen hinauf und hinab
manchmal mit hunden als gefolge
manchmal mit ein paar frauen an ihrer seite

es gibt den bettler
es gibt den herrscher
was sollten sie sonst schon tun
wenn sie die bettler verachten
denn die bettler sind träumer
knieen da und warten
dass ihnen ein wunder geschehe

sie aber gehen
die strassen hinauf und hinab
markieren und festigen ihr terrain
wie herrscher
so willkürlich in güte und gewalt
stadt nomaden
herrscher über die täglich sich wiederholenden wege
beherrscher ihres selbst ernannten standes

weil sie gehen
fühlen sie sich wie prinzen

©esther hebein


LIEBE oder die rote armee

in grünen nächten
laufen die fragen in roten stiefeln übers land
landkrebse

landkrebse
          auf dem weg zum meer

wenn der monsun fällt
einmal im jahr
strömt die rote armee
aus dem schutz des regenwaldes

entgegen
den senkrechten klippen
       den messerscharfen schwarzen felsen
             den meterhohen wellen
                   den liebeshöhlen tief im sand

bereit zu lieben
bereit zu sterben
einmal im jahr
hochzeit auf christmas island

in grünen nächten
laufe ich nackt
in roten stiefeln
auf meiner schwarzen insel umher
und ziehe rote spuren durch die duldsamkeit der steine
meine armata rossa be zeichnet das land
mit wegen

mit wegen zum meer

wer sucht
       ist ein nomade

ein nomade
stellt nicht nur fragen

ein nomade wird
        weiter gehen
        spuren ziehen
        wissen
        dass die suche nie endet
                die reise von den bergen zum meer

ein nomade trägt in sich
liebe
gräbt sie in die erde mit jedem schritt
streut sie in die lüfte
strömt sie ins meer
brennt sie in die stationen
ein nomade sperrt nicht ein
warum           wann             was
           l i e b e          i s t
ein nomade ist bereit

landkrebse
auf christmas island
einmal im jahr
wenn der monsun fällt
rote armee bereit
für die liebe zu sterben

ich, nomade
einmal im jahr
wenn die grüne nacht sich öffnet
reite nackt
in roten stiefeln auf einem schwarzen ross
in schwarzen stiefeln auf einem roten ross
über die brennenden wege im schwarzen stein
zu der höhle am meer
und beschütze die liebe

©esther hebein

 


WEIL DU IN MEINE TRÄUME PASST

ich habe dich gefunden
im kleinen dorf auf den hügeln liguriens
in den ruinen
im efeu umrankten stein haus
in deinen gedichten und in deinem dunklen blick
in den untiefen deines lebens
ich habe dich gefunden, pionier siziliens
weil du in meine träume passt
einmal im jahr vielleicht

ich habe dich gefunden
beim wandern durch den wein berg
beim komponieren
beim leben meiner quellenden lust
beim finden meines rhythmus
beim lieben wollen
beim anblick deines körpers
knabe, ich habe dich gefunden
weil du in meine träume passt
genau in diesem augen blick

ich habe dich gefunden, matrose
im winzigen hafen unter dem dorf
mit den 365 stufen
im meer, das zerschellt an den felsen
auch wenn du ein gestrandeter bist
habe ich dich gefunden
ich finde dich immer wieder
weil du in meine träume passt
in die träume
vom meer
von weite
von freiheit

©esther hebein

ZEIT IST EINE GLEICHUNG

zeit ist auch
das wesen deines schattens
die stunde die dein schatten zeigt
die stunde schlägt auch dir

versuche nicht
deinen schatten zu fangen
du holst deinen schatten niemals ein
und ohne schatten fängt dich die zeit
ehe du anfängst, um ihn zu trauern

du bist aus licht und schatten
bist
anfang        

          wiederholung      

                              umkehrschluss

kommst
aus dem zentrum allen seins

lasse den schatten an deiner seite
dein leben messen
lebe
mit einem guten schatten

©esther hebein

 

Esther Hebein, Dichterin und Malerin in Klagenfurt, hat mit "Es ist das Meer" den dritten Preis im Jubiläums-Gedichtwettbewerb 2007 der "Bibliothek deutschsprachiger Gedichte" gewonnen. Ein weiterer Beitrag auf dem Zeitzug: Ligurische Impressionen.