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Namen sind Schall und Rauch

(c) Lojze Wieser 2013

Kaum, dass ich auf der Welt war, haben sie mir im Taufschein den Namen Alois verpasst. Gerufen haben sie mich Lojzi, "loiszi" mit einem stimmhaften s. So steht es bis heute in allen Dokumenten. Schriftlich. Bis zur Volksschule war ich der Lojzi. Als der Direktor dann in der Volksschule mit mir brüllte, weil mir die Eltern den Zylinderhut für ein Theaterstück nicht kaufen konnten und auch den Frack nicht, war ich der Windische Alois. Dabei hat die Mutter des Direktors bis zum eigenen Tod kein Deutsch sprechen können. Dem Direktor sein Sohn kannte damals nur mehr Deutsch. Beim Fußballspielen im Verein des Dorfes war ich sowohl Alois, auch Lojzi oder Lojz. Je nachdem, wie wir spielten: „Alois, heute hast Du gut gehalten!“ „ Lojzi, Lojzi, was war denn das für ein Dreck!“ Unter den Dorfjugendlichen wurde ich auch zuweilen Aloisius gerufen. In der Klasse meines Bruders wurde am ersten Tag jeder nach seinem Namen und Nachnamen gefragt. Sein Schulkollege musste sich mit dem gleichen Problem herumschlagen, als Alois getauft zu sein und doch allseits als Lojzi gerufen zu werden. Auf die Frage wie er hieß, sagt er dann auch spontan: Alois Lojzi. Die Schüler lachten, der Lehrer brüllte, und Alois Lojzi ist ihm bis heut geblieben.

Später, als ich in Wien meine Lehre abschloss und in der studentisch bewegten Zeit aktiv war, haben sie mich Lojzi gerufen. Lojz, wenn ich älter erscheinen sollte, Lojzi, wenn wir uns mit den Brüdern (oder Freunden aus Kärnten) in Wien, in den Gasthäusern und bei Versammlungen unterhielten.

Dann kam die Rückkehr nach Kärnten. Ich habe die Leitung des Drau Verlages, den ich am zweiten Tag zum DRAVA Verlag umbenannte, und der Buchhandlung Naša knjiga/Unser Buch übernommen. Bei öffentlichen Auftritten – auch außerhalb des Kreises, in dem sich Slowenischsprechende bewegten, wollte ich meine Herkunft nicht immer von Neuem erklären müssen, und entschied mich von da an, in der deutschsprachigen Öffentlichkeit als Lojz Wieser aufzutreten. (In der slowenischen wurde ich schon immer als Lojze angekündigt.) Damit war ich erstmals konfrontiert, als in der legendären Zeitschrift von Ernst Gayer „Die Brücke“ mein erster Artikel auf Deutsch von mir erschien. Es war die Beschreibung des Schindelmacherhandwerkes.

Diese Namenswandlung von Lojz auf Lojze setzte sich mit der Zeit auch in der deutschsprachigen Öffentlichkeit durch. Die slowenische Schreibweise wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Aussprache bis heute nicht. Gerne wird ein Hatschek gesprochen, wo keiner steht. So kommt dann ein Loische heraus.

Lojze wurde allseite üblich. Fast. So hatte der/die Eine oder der/die Andere so ihre Schwierigkeit mit dem Schriftlichen meines Namens. Es kamen Briefe, in denen mich – wie z. B. Bundeskanzler Schüssel – als Frau Lojze W. ansprachen. Staatliche Ehrenurkunden wurden wiederum problemlos auf Lojze W. ausgestellt, wiewohl die eigene Hausbank mein Konto nach meiner gesetzlichen Verurkundung angelegt hat. Mein Konto lautet auf Alois W. (Dieser Hinweis für jene, die gewillt sind, auf mein Konto bei der Zveza Bank Liquidmittel zu überweisen!). Immer öfter erhielt ich auch Post, wo ich als Losche, Lože, Loijze,  Louiese oder auch Lojsa, Loisse, Loice oder Luize angeredet werde. Lojza ruft mich der albanische Dichter Ali Podrimja, ohne zu wissen, dass so meine Tante hieß und er mich vom Mann zur Frau macht. Als mich in den Neunzigern des letzten Jahrhunderts die Ministerin mit dem Staatspreis für Österreichische Verleger auszeichnete, wurde ich von ihr Losche und vom Laudator Loische gerufen.

Der Sohn einer Freundin aus Frankfurt nannte mich bei seinen 13 Jahren einfach Läuse. Vor kurzem hat mich ein alter Sozi Loi Che gerufen. Mehr Wandlung geht wohl nicht mehr.

Aber es kamen auch Telegramme an, die auf „Lojze Wieser, Cafe Salzgries, Wien“ adressiert waren. Zwar kam in den 1970ern eine Postkarte, die ich nachhause schickte, erst nach 18 Monaten an, da die zweisprachige Benennung des Dorfes wohl das Verteilersystem der Post überfordert hatte. Erst nach einer Reise, die sie bis nach Norwegen führte und von wo sie dann, problemlos, das heimische Dorf Tschachoritsch/?ahor?e fand.

In jüngster Zeit finden sogar Briefe, die in Kyrillisch geschrieben werden und als Adresse einfach Lojze Wieser Celovec angeben, ihren Weg zu mir.

Ohne der vielen heimischen und wirklichen Fremden, die auch die slawische heimische und/oder andere Fremdsprachen, wie Serbisch oder Russisch, beherrschen, könnte sich die Post solcher Fortschritte wohl nicht rühmen. Da soll noch einer sagen, die Post bringt nicht allen was? Haben nicht schon Curd Jürgens und Harald Juhnke immer wieder betont, es sei egal, wie man in der Zeitung steht, hauptsache man steht drin und der Name ist richtig geschrieben

Namen haben einen Klang. Meist wird er von anderen augesprochen. Ein Resonanzbogen die Stimme, das gesprochene Wort. Bücher, besonders jene aus dem Wieser Verlag, sprechen für sich. Anläßlich der Leipziger Buchmesse fiel in der Fülle des Gedruckten der Blick auf diese Broschüre. Und daran fand ich die Geschichte “Schall und Rauch”. Mit Genehmigung von Lojze Wieser, dem Verleger par excellence, steht sie auf dem Zeitzug.

Stimme mit Peter Handke überein: Lesen Sie gefälligst!

Milena Findeis

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