An einem Mittwoch,

wo man den Müll abholt

 

Vasyl’  Machno

 

Vasyl’  Machno, ein ukrainischer Autor, Dichter, Essayist wurde am 8. Oktober 1964 in Ternopil geboren, lebt seit 2000 mit seiner Familie in New York.  Dem Dichter  aus der Westukraine fasziniert Brighton Beach, eine ukrainische Gemeinde im Südosten New Yorks. 2006 hat er ein Theaterstück über das Viertel geschrieben, dort leben will er nicht. "Wenn ich nach Brighton Beach komme, denke ich, ich bin in der Sowjetunion. Es ist so anders als Amerika. Ich sehe nicht, dass Brighton Beach irgendwie in die amerikanische Gesellschaft eingegliedert ist. Es wirkt festgefahren. Ich habe das Leben in der Sowjetunion nie gemocht." äußerte er sich 2016 in einem Interview mit dem deutschen Nachrichtensender n-tv.

Der Konflikt in der Ukraine beschäftigt Machno. "Die russische Sprache und Kultur sind keine Feinde der Ukrainer. Es ist das Putin-Regime, das Propaganda betreibt."

Machno hat mehrere Gedichte über den Krieg in seinem Heimatland geschrieben. "In einem davon sage ich: Auch wenn du in New York lebst, lebst du in der Ukraine, in deiner Stadt, in deiner Militäreinheit. Viele von meinen Freunden sind gerade an der Front. Das sind meine Freunde aus der Schule, aus dem Studium. Mit einem spreche ich öfter auf Skype oder per E-Mail. Viele Ukrainer, die in Amerika leben, versuchen, der ukrainischen Armee, den ukrainischen Soldaten zu helfen."

Die dem Zeitzug zur Verfügung gestellte Erzählung "An einem Mittwoch, wo man den Müll abholt" wurde von Christian Weise ins Deutsche übersetzt, führt nach Manhattan - in die Nähe eines Friedhofs -  und handelt von Engeln und dem Verschwinden.

 

Erzählung - Aus dem Ukrainischen über setzt von Christian Weise

 

Selbst als undurchdringliche weiße Schneefäden herabhingen, die den Himmel mit der Erde verknüpften, und auch, als der Frühlingsregen den Schmutz von seinen Fenstern abwusch, ja und sogar als die Eichhörnchen die Fensterrahmen anknabberten, abrutschten und nach unten fielen, – niemals fühlte Eugene solch eine Erregung wie an diesem Mittwoch.

Er lebte im fünften Stock, von wo aus er das kleine grüne Viereck des Marmorfriedhofs sehen konnte. Als man die Haltestelle East Village ausbaute, wurde er nicht angerührt. Jeden Morgen, wenn er Haferflocken auf dem schwachen Feuer des Gasherdes rührte, trat der Alte an das Fenster und blickte nach unten. Auf den Einfassungsmauern waren in Stein gehauen die Namen von Schiffseignern, Kaufleuten, Handwerkern geblieben, die die ihnen bemessene Zeit gelebt hatten, und die ihrer Kinder, die an Scharlach, Masern oder Keuchhusten gestorben waren.

Im Laufe der 50 Jahre, die Eugene in seinem Haus lebte, hatte er hier auf Partys, Hochzeiten und Dichterlesungen geschaut. Man nutzte den von Backsteinhäusern umgebenen Rasen auf unterschiedliche Weise.

Aber was Eugene heute sah, überraschte, ja alarmierte sogar: auf der noch grünen Wiese saßen Engel. Es waren so viele, dass von den weißen mit Schnee bedeckten Leibern der Engel ein Licht ausging. Sie standen so eng wie in einem morgendlichen Wagon der Subway. Eugene dachte, er erlebe nun das Ende der Welt.

„Warum habe ich die Trompeten von Jericho noch nicht gehört?“ – fragte er sich, und beobachtete mit Interesse, was als nächstes passieren würde.

Die Engel saßen reglos da. Eugene bekam vor Erregung Hunger. Er nahm aus dem Kühlschrank ein Erdbeer-Joghurt und begann zu essen.

„Ich werde José fragen“, – beruhigte sich Eugene. 

Er kleidete sich an und ging die gewundenen Treppen hinunter.

Auf der Straße war alles wie immer: zwei Besucher gingen zum Copy-Center, ein gelbes Taxi fuhr langsam die Straße hinunter, aus der Waschmaschine aber duftete es nun nach Jasmin. Und José gab sich wie üblich mit Plastiksäcken ab, die er zuband und an den Rand des Gehsteigs stellte.

„Was für ein Tag ist heute, José?“ – erkundigte sich Eugene.

„Mittwoch, Señor“. „Mittwoch?“ – wiederholte Eugene. „Mittwoch, Mittwoch“, – bekräftigte José den letzten Sack zubindend. – „Heute holen sie doch den Müll ab.“

Eugene verstummte.

„Und, hast Du die Engel gesehen?“ – setzte Eugene das Gespräch fort, um sich irgendwie zu klar zu machen, dass auch nach dem Ende der Welt jemand den Müll aus dem Haus aufsammeln muss.

„Hab ich“, – sagte José. – „schon seit gestern. In der Nacht kam ein Filmtrupp. Sie nehmen etwas auf, Señor. Haben Sie ihretwegen etwa nicht schlafen können?“

„Ach was“, – sagte Eugene. „Genau das Gegenteil.“

„Schönen Tag noch, Señor.“

„Dir auch“, – sagte Eugene.

Einen Augenblick lang behielt José den Alten noch im Blick, Eugene aber, der auf die Sonnenseite der Straße hinüberwechselte, näherte sich bereits der Second Avenue. Ein Postauto von FedEx hielt an der Ampel und verdeckte den Alten vollständig.

Seitdem man José für die Arbeit in diesem Gebäude angeheuert hatte, lief Eugene jeden Tag aus dem Hauseingang, und wenn José dem Alten über den Weg lief, dann begann Eugene als erster das Gespräch. José hielt Eugene für verrückt im Kopf. Das einzige, was ihn interessierte, war, wo der Alte den ganzen Tag herumwanderte.

Ungefähr so sagte José es auch zu seiner Frau, als sie sich gerade schlafen legten:

„Ich würde gerne wissen, wo er herumstrolcht?“

„Wer?“ – erkundigte sich, Bonita.

„Na dieser Alte aus dem fünften Stock,“ - sagte José.

„A-ah“, – gähnte Bonita – mir hat er gesagt, dass er Bücher kaufen geht.“

„Glaube ich nicht“, – bestand José. – „Den ganzen Tag stöbert er nach Büchern?“

„Ich weiß es nicht“ – gähnte Bonita wieder. – „Warum beschäftigt Dich das?“

„Neugier“, – sagte José, und Bonitas warmes Ohr liebkosend schlief er sofort ein.

Vom einen Fuß auf den anderen watschelnd ging Eugene East Village entlang.

„Wie gut, dass an diesem Mittwoch nicht das Weltende stattgefunden hat“, sagte mir später Eugene. Wir hatten schon einige Male verabredet, uns das Haus an der Ecke First Avenue und St. Mark Street anzuschauen, wo Trotzki lebte.

„Ich möchte Ihnen das Haus zu zeigen, in dem Trotzki gelebt hat“ – bestand Eugene, als wir uns in der Kneipe an der Ninth Street trafen. Ich hatte mich hier an diese Kneipe schon seit langem gewöhnt. Jeden Freitag trank ich dort belgisches Bier, mit dem Computer in einer dunklen Ecke im zweiten Stock versunken. Auf dem Tisch leuchtete eine gelbe Lampe, das langte mir. Von der Existenz des Raums im zweiten Stock ahnten nur wenige Besucher. Er war das Vorrecht von Dauerkunden.

Eugene, der wusste, wo man mich treffen konnte, war ebenfalls am Freitag hierhergekommen.

„Aus diesem Haus“, erzählte mir Eugene – „lief Trotzki mit einem Koffer Geld, das für die Erfordernisse der russischen Revolution bestimmt war.“

„Ach was, das ist eine Erfindung.“

„Was für eine Erfindung? Darüber haben damals alle amerikanischen Zeitungen geschrieben.“

„Und, was ist mit diesem Koffer passiert?“

„Ich weiß es nicht. Sie schrieben, man habe ihn in Halifax konfisziert, und dann habe Woodrow Wilson selber eingegriffen. Und den Koffer voller Geld habe man Trotzki zurückgegeben. Aber er hat es von hier mitgenommen“ – schwor Eugene – „aus dem Haus an der St. Mark Street.“

„Und der heilige Markus stand dem Genossen Trotzki bei, als er das Geld für die Revolution aushändigte?“

„Was bist du naiv“ – wunderte sich Eugene. „Niemand hat irgendetwas übergeben. Deutsche Bankiers haben das Geld an die amerikanischen Banken überwiesen, um die Spuren zu verwischen. Ist das nicht einleuchtend?“

Ich überredete Eugene, es sei für mich doch einfacher, Trotzkis Haus morgen zu besichtigen, also an diesem Mittwoch. Und ich hörte nur Eugenes unzufriedenes „Wie Sie wollen.“ Unser Telefongespräch fand am späten Abend des Dienstag statt. Und ich stimmte dem Treffen nur zu, damit der Alte Ruhe gab. Wir verabredeten, uns an der Kneipe zu treffen.

Am Mittwochmorgen hatte Eugene noch eine andere Sache, deren Erledigung er die ganze Zeit hinausgezögert hatte: Er musste endlich nach Morristown fahren. Aber das erfuhr ich erst, nachdem Eugene von Morristown zurückgekehrt war und sich beklagte, dass sein marineblauer Portiermantel verschwunden sei.

Der Asphalt auf der Second Avenue war an vielen Orten aufgebuddelt. ConEdison verlegte Kabel. Die drei Fahrbahnstreifen verengten sich zu einem. Zur Absicherung hatten sie rund um den Platz der Baustelle Plastikhütchen aufgestellt. „Schon über eine Woche können sie nicht einfädeln“, überlegte Eugene, als er zusah, wie die Autofahrer einander behinderten. Einige von ihnen ließen das Fenster runter und zeigten den Mittelfinger.

Eugene hielt an um zu entscheiden, wo er weitergehen solle.

In den kleinen Bistros war man am Frühstücken.

Für vier hatte Eugene das Treffen mit mir festgelegt.

Der Alte beeilte sich nach Morristown loszufahren und zurückzukommen.

„Strand!“, – sagte Eugene zu sich.

Er musste nur hinübergehen zur Twelfth Street und die Third mit der Fourth Avenue tauschen, um den Broadway zu erreichen. Der „Strand“ befand sich an der Ecke Twelfth und Broadway. Dort fühlte Eugene sich glücklich, da aus allen Regalen Bücher auf ihn einfielen. Er legte sie in einen Korb, rief den Lift und fuhr nach unten in das unterste Stockwerk. Dort fand er zwischen den Regalen einen stillen Platz. Er setzte sich und las. Er notierte sich etwas. Dann verließ er die Buchhandlung, nicht ohne sich von dem müden Wachmann an der Tür zu verabschieden.

„Good Night!“

„Good Night, Sir! See you tomorrow.“

„Maybe.“

Auf die Schultern Eugenes fielen lange Schatten.

Er bog vom Broadway ab und ging um in irgendeinem Bistro herumzuhängen.

In Gedanken an den „Strand“ betrat Eugene den Zebrastreifen und hörte das scharfe Quietschen von Bremsen – ein kleiner Transporter rammte einen Motorradfahrer, der, die Geschwindigkeitsregeln übertretend, von dem einen auf den anderen Fahrbahnstreifen wechselte. Der Lieferwagen aber zog gleichfalls mit Geschwindigkeit auf die Fahrbahn, auf die der Motorradfahrer wechselte. Den Unfall selber sah Eugene nicht, aber während der Menschenauflauf die Polizei erwartete, diskutierten einige zufällige Passanten, die den Moment der Kollision des Lieferwagens mit dem Motorrad gesehen hatten, den Unfall. Von allen Seiten ertönten Sirenen. Polizei, Feuerwehr und Erste Hilfe aus dem Lutheran Hospital und dem Beth Israel Hospital näherten sich.

Eugene wartete auf die Feuerwehrleute, lief aber nicht zum „Strand“.

Im Oktober gab es noch Tage mit schönem Wetter.

Heute war es warm.

Auf den Bänken in der Nähe der St. Mark Church sonnten sich ältere New Yorker. Manche kamen her, um Tauben zu füttern. Jene flogen von den benachbarten Häusern herbei, gerade fing jemand ein französisches Baguette herausziehend an es zu brechen und um sich zu streuen.

Die Vögel umschwirrten dichtgedrängt ihre Fütterer.

Eugene nahm sein Barrett ab und wischte sich mit ihm das verschwitzte Gesicht.

Hemd, warmer Pullover und Jacke waren bei dem jetzigen schönen Wetter überflüssig. Er hatte sich in Eile angezogen, um möglichst schnell auf die Straße zu kommen. Die schneebepuderten Engel saßen Eugene so lange im Kopf, bis José dem Alten erläutert hatte, was es damit auf sich habe.

Eugene sah einen leeren Platz. Er hätte sich sogar dort hinsetzen können, dann wäre aber Jeff sein Nachbar gewesen, den alle als Krakeeler kannten, der mit seinem Geschrei Tauben und Passanten verscheuchte. Jeff nahm eine ganze Bank ein.

„Sie sehen müde aus, Sir“, wandte sich an Eugene die Mulattin, die gekommen war, um mit dem fünfjährigen Jungen, auf den sie aufpasste, die Tauben zu füttern.

„Nein, Ma’am, ich habe gut geschlafen.“

„Setzen Sie sich neben uns“, schlug sie vor, und nachdem sie ein Stückchen Brot abgebrochen hatte, gab sie es dem Jungen.

Eugene dankte.

Dieser Morgen mit den weißen Engeln auf dem grünen Rasen des ehemaligen Friedhofs glich anderen Morgen und Tagen Eugenes.

„Und wenn die Engel sich als echt erwiesen? –, sinnierte unter der warm gewordenen Luft leidend Eugene.

Neben Jeff, dem Obdachlosen und Herumkrakeeler, saß ein Touristenpärchen aus Italien. Das Pärchen machte sich daran zu gehen. Und Eugen wollte ihren Platz einnehmen. So geschah es auch. Er nahm auf der Bank Platz, während die Sonne die Straße und den kleinen Platz herbstlich erwärmte. Jeff, der am anderen Ende der Bank saß, beobachtete gleichgültig die Tauben, während er in den Händen die zerfetzten Ärmel des Hemdes hielt. Er warf es sich alsbald um den Hals und machte eine Schlinge.

Es wurde langsam 11 Uhr. Nahe der St. Mark’s Church konnte Eugen nicht entscheiden, was er weiter machen solle. „José konnte nicht lügen, dass heute Mittwoch ist und die Engel Ausstaffierung sind“ – überlegte Eugene. „Wäre nicht das Abenteuer mit den Engeln gewesen, würde ich schon lange mit dem Autobus von Port Authority nach Morristown fahren.“ Am Montag hatte Magda aus Morristown bei Eugene angerufen, seit kurzem Witwe seines Freundes Myroslav Temnyckyj. In der Garage der befreundeten Temnyckyjs bewahrte Eugene einige seiner Sachen auf. Nun stellte sich heraus, dass die Temnyckyj-Kinder, als Magda im Krankenhaus war, einen Garagenverkauf zu machen beschlossen hatten. Und sie war besorgt, dass sie irrtümlicherweise Eugenes Sachen verschleudern könnten. Am meisten wäre schade, wenn diese Temnyckys beim Garagenverkauf wirklich auch den guten Stoffmantel weggeben würden, in dem Eugen 17 Jahre als Portier in einem Haus in der 93. Straße stand. Der Mantel war bestickt mit zwei Streifen goldener Monogramme an den Ärmeln, dazu liefen vom Kragen an zwei Reihen goldener Knöpfe. Zu diesem gab es eine Schirmmütze der Firma, die entlang des lackierten Augenschirms mit goldenen Streifen verziert war. Als Eugen in Pension ging und zum letzten Mal an den Haustüren des Luxusgebäudes erschien, da übergab man ihm in einem Papierpaket den Mantel und die Schirmmütze. Der alte Homo aus dem 12. Stockwerk, mit dem Eugen immer das eine oder andere Wort über Musik wechselte, reichte ihm eine Videokassette mit dem Film „Der magische Bogen“. Seit jener Zeit war Eugen dort nicht mehr aufgetaucht und er unterhielt auch mit niemandem außer jenem Homo-Meloman besondere Freundschaften.

Das Auftauchen der Engel auf dem Marmorfriedhof durchkreuzte beinahe die für Mittwoch geplante Fahrt nach Morristown. „Nun, wenn die Welt tatsächlich unterginge, dann wäre es nicht mehr notwendig, irgendwohin zu gehen“, überlegte Eugene, und er beobachtete Jeff. Und José würde nicht den Müll aufsammeln, und die Kinder von Temnyckyj würden nicht meine Sachen vertickern.“ Und Eugene bedauerte es, dass die Engel sich als Requisiten herausstellten. „Man bringt allen möglichen Trödelkram hierher“, schalt er die Filmmacher, „und ständig nehmen sie hier etwas auf.“

Nach einigem Zögern entschied sich Eugene dennoch nach Morristown zu fahren.

An der Station „Eighth Street“ zwängte er sich in den überfüllten Wagon der Subway.

Er hatte es zur nächsten Fahrt geschafft und war, nachdem er ein Ticket an der Tageskasse gekauft hatte, auf seinen Bahnsteig geeilt.

Auf dem Weg nach Morristown quälte Eugene eine schlimme Vorahnung: „Wenn sie beschlossen haben, in der Garage aufzuräumen, dann sind ihnen die Pakete, die am Rande in den Regalen standen, als erstes in die Hände gefallen. Das heißt, dass sie sie entweder ohne zu öffnen weggeworfen oder zum Verkauf angeboten haben. Wenn Magda noch zuhause gewesen wäre, hätte sie ihren Kindern nicht erlaubt, die Garage auszuschlachten. Aber so gibt es kaum Hoffnung.“

Mit jeder Meile, die sich der Autobus Morristown näherte, machte Eugene sich Vorwürfe, dass er dem inneren Impuls nachgegeben hatte und aufgebrochen war.

Die Uhr am Turm in Morristown zeigte viertel vor drei an.

Zum Haus der Temnycki fuhr Eugene mit einem Taxi.

Mit Myron Temnyckyj war er aus Zeiten vor dem Krieg befreundet. Er besuchte ihn zu Thanksgiving und an Weihnachten. Heute aber war er wegen des marineblauen Mantels hingefahren.

„Tut mir leid“, entschuldigte sich Magda, sie haben alles weggeworfen. Und heute haben sie die Mülltonnen geleert.

„Leeren sie bei Euch ebenfalls den Müll am Mittwoch?“ erkundigte sich Eugene.

„Ja“, erwiderte Magda auf die seltsame Frage Eugenes, „mittwochs und freitags.“

„Und meinen Portiermantel haben sie auch weggeworfen?“, wiederholte Eugene schließlich mit wenig Hoffnung in der Stimme.

„Ich meine alles.“

„Ach, wenn ich doch am Montag oder noch Dienstag noch hergekommen wäre, dann hätte ich es noch geschafft...“

„Ja, wenn Du sogleich nach meinem Anruf...“

„Die Kinder haben eigens Sondermüll bestellt. Denn es gab einen ganzen Berg von Müll.“

„Ich hätte Montag oder Dienstag herkommen sollen“, wiederholte Eugene noch einmal.

Magda stimmt ihm zu.

Ich saß in der Kneipe an der Tenth Street bis zur Dämmerung: ich trank ein paar Glas Bier. Es war langweilig. Um zehn beschloss ich die Kneipe zu verlassen und nicht weiter auf Eugene zu warten.

„Okay“, tröstete ich mich, „was solls, das große Geheimnis der Russischen Revolution, mit dem sich der Alte wie mit einem aufgeschlagenen rohen Ei herumschleppte, wird ein Rätsel bleiben. Aber ehrlich, wohin ist er verschwunden?“

Ich wusste nicht, dass Eugene spät nach New York zurückkehrte.

Der Weg nach Morristown hatte ihn ermüdet. Um Mitternacht rief er mich an. Ich hörte in seiner Stimme ein Räuspern. Es war ein Gefühl von Schuld:

„Sie haben gewartet?“

„Wie immer in der Kneipe, im zweiten Stock.“

„Tut mir leid, ich habe es nicht geschafft, rechtzeitig aus Morristown zurückzukehren...“

„Aber Sie waren da?“

„Ich bin wegen des marineblauen Mantels hingefahren.“

„Ach was, Sie lassen sich in Morristown einen Mantel nähen?“

„Warum nähen?“, erwiderte Eugen mit erstickender Stimme. „Ich wollte ihn mitnehmen.“

„Und weiter?“

„Sie haben den Mantel in den Müll geworfen.“

„Wer?“

„Egal. Man kriegt den Mantel nicht wieder. Wissen Sie, seitdem ich pensioniert wurde, zog ich ihn nicht mehr an. Ja... Ein Erinnerungsstück“,

Eugene verstummte erneut und fuhr fort,

„Aber heute Morgen sah ich die Engel.“

„In Mänteln?“, ich versuchte, witzig zu sein.

„In was für Mänteln?“ fragte Eugene überrascht. – „Mit Flügeln. Weiß wie Schnee. Als ich Haferflocken kochte, sah ich sie aus der Küche. José sagte, sie seien Requisiten.“

„Und wer ist dieser José?“

„Ein Hausangestellter. Hören Sie, wir müssen uns treffen, ich muss Ihnen doch noch das Haus zeigen.“

„Welches?“ fragte ich wieder, ohne aufmerksam Eugenes Bewusstseinsstrom über die Engel und irgendeinen José zu folgen.

„Ja, Sie haben es vergessen“ – fuhr Eugene fort. „Das Haus, aus dem Trotzki eine Million Dollar für die Erfordernisse der Revolution mitgenommen hat.“

„A-ah, ja, ja.“

Am nächsten Tag, als er aufgewacht war, klebte Eugene am Fenster – es gab keine Engel unten. Alles schaute aus wie immer. Nur waren in der Nacht weitere Blätter gefallen.

Eugene verließ das Haus.

José trank Kaffee.

„Gibt schon keine Engel mehr“ – sagte Eugene statt zu grüßen.

„Nein, Señor“, – erwiderte José. In der Nacht hat der Filmtrupp die Kabel aufgewickelt und die Engel mitgenommen. Sie waren doch Requisite. Man wird sie noch brauchen.“

„Ich frage mich, was für einen Film sie gedreht haben?“, fuhr der Alte fort.

„Wer weiß?“

„Ich sehe, dass der Müll von gestern abgeholt wurde?“

„Ja, Señor.“

„Schönen Tag noch, José.“

„Ihnen auch, Señor.“

Eugene verließ José, der wie üblich die Erscheinung des Alten bis zur Second Avenue verfolgte. Aber der Mexikaner bemerkte nicht, dass Eugene sich nicht wie immer nach rechts wandte, sondern nach links abbog. Natürlich hätte José die Änderung der täglichen Richtung Eugenes interessiert, aber dieses Mal verdeckte Eugene ein LKW.

Der Alte erreichte den Marmorfriedhof von der Seite der Second Street. Das Tor war verschlossen. Er blickte einfach durch die Gitter und überzeugte sich, dass die Engel wirklich nicht da waren. Sie hatten alles mitgenommen, selbst den künstlichen Requisiten-Schnee, mit dem der grüne Rasen bedeckt war.

Eugene ging weiter Richtung Second Avenue.

Als ich mit Eugene das Treffen in der Kneipe in der Nineth Street verabredet hatte, um zum Haus von Trotzki zu gehen, hatte der Alte gesagt, er würde am Morgen irgendeine Sache zu erledigen haben.

„Kommen Sie nicht vor vier in die Kneipe“, warnte mich Eugene. „Sie werden warten müssen.“ Und er beschwerte sich über die Eichhörnchen, die die maroden Fensterläden durchknabberten.

„Eines“, erzählte er, „ist sogar in die Küche gekommen.“

„Was hat es da getan?“

„Ich weiß nicht, vielleicht hat es etwas zu essen gesucht. Sie können sich nicht vorstellen, wie die Eichhörnchen, von den Bäumen auf die elektrischen Leitungen springend, zu meinem Fenster gelangen.“

„Vielleicht gibt es einen Weg, sie zu vertreiben?“

„Vielleicht“, stimmte Eugene zu. „Aber ich glaube nicht, dass man sie irgendwie erschrecken kann. Sie fürchten sich vor gar nichts.“

„Nun, dann bestellen Sie einen Glaser oder Schreiner. Am besten beide.

„Ich habe José schon tausendmal gebeten, aber er hat nie Zeit.“

Wie sich herausstellte, ging es am Tag unseres Treffens nicht um die Eichhörnchen. Vielleicht klagte er über die Eichhörnchen nur scheinbar. In Wirklichkeit aber gefiel es ihm, sie zu beobachten. Ich weiß nicht. Denn als ich ihn fragte, was er den ganzen Morgen mache, lächelte Eugene und griff in die Tasche seines Jacketts. Man sah, dass er sich einige Tage nicht rasiert hatte. Unter dem umgewickelten Schal lugten lange graue Haare hervor.

Eugene zog einen zerknitterten Umschlag aus seiner Tasche und legte ihn auf den Tisch vor mir.

„Hat der Bürgermeister Ihnen geschrieben“, versuchte ich scherzen, „dass man alle Mäuse losgeschickt hat, um Ihre Eichhörnchen zu bekämpfen?“

„Nein, niemand hat mir geschrieben, entrüstete sich Eugene.

„Aber was ist das?“

„Eine Bestattungsverfügung.“

„Ihre?“

„Meine.“

„Und was haben Sie vorgesehen?“

Und Eugene las vor, was man mit seinem Leib nach seinem Tod machen solle.

„Und warum so?“, fragte ich ihn darauf.

„Aber was ist die beste Lösung?“, hörte ich zur Antwort.

„Weiß ich nicht.“

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Eugene.

Wir saßen noch etwas in der Kneipe. Selbst Eugene trank ein kleines Glas Bier. Und wir gingen los, das Haus Trotzkis anzusehen.

„Wissen Sie eigentlich, dass Trotzki in dieser Gegend als Kellner gearbeitet hat?“ – sagte Eugene, als wir an einem Haus mit Backsteinziegeln vorbeiliefen. „Oh“, rief er aus und blieb stehen, er schaute auf das letzte Fenster.

„Welches?“

„Dieses, links.“

„Ich sehe. Ich hoffe, dass Trotzki hier nicht hängengeblieben ist.“

„Und neben dem von Trotzki hier“, fuhr Eugene fort, „ist das Fenster der Wohnung von George Gershwin. Den Flügel konnte man überhaupt nicht durch die engen Korridore tragen, weshalb einige Männer auf dem Dach standen und das Instrument von außen bis zu jenem Fenster zogen, das ich Ihnen gezeigt habe.“

„Wenn wir uns hier das Fenster eines jeden Gebäudes ansehen, dann werden wir heute nie zu Trotzki gelangen“, erwiderte ich.

José lag mit Bonita im Bett. Bonita döste.

„Bonita“, flüsterte José.

„Ja, was?“, erwiderte sie unzufrieden, da sie die Hand Josés auf ihrem Hintern verspürte. „Komm, morgen.“

„Bonita“, flüsterte José noch einmal. „Dieser Alte, er ist verschwunden.“

„Quatsch keinen Unsinn, José.“

„Ich schwöre, bei der Jungfrau von Guadeloupe.“

„Wohin konnte er verschwinden?“, überlegte Bonita.

„Ich weiß nicht“, sagte José, und den Jasmingeruch von Bonitas Zöpfen einatmend fuhr er fort: „Der Alte ist drei Tage nicht aus dem Haus gegangen... Gut, dachte ich, er hat vielleicht einen Schwächeanfall. Aber dann rief ich Señor Martino an. Als wir mit der Polizei eintraten, da war niemand in der Wohnung. Wir sahen, dass das Fenster in der Küche nur angelehnt war. Wir dachten, der Alte habe sich aus dem Fenster gestürzt. Aber unten war ebenfalls niemand.“

„Vielleicht ist er irgendwohin gegangen?“

„Ich glaube nicht, Bonita“ gab José gähnend zur Antwort und drehte sich von ihr weg, „er hat uns einfach verlassen... so wie diese Engel.“

„Und außerdem“, sagte José, als Bonita bereits im ersten Schlaf war, „als wir eintraten, lagen auf dem Tisch die Schlüssel. Hätte er das Haus verlassen können ohne Schlüssel?“

Einige Tage nach dem Verschwinden von Eugene näherte sich dem Haus ein Auto mit Kennzeichen aus New Jersey. Der Fahrer bremste neben dem Hydranten und schaltete die Warnblinkleuchte an. Er nahm aus dem Laderaum ein Paket, hob den Kopf und schaute zu den Fenstern des Hauses.

José bemerkte den Unbekannten sofort.

„Sie suchen jemanden, Señor?“ – fragte er.

„Hier lebt angeblich so ein Alter ... Eugene ...“

„Lebte“

„Lebte? Wo ist er hin?“

„Weiß ich nicht. Verschwunden.“

„Verschwindet man bei Ihnen einfach so aus dem Haus?“ – versuchte der Gast aus New Jersey zu scherzen.

„Andere – nein, aber Eugene – ist verschwunden“ – antwortete José trocken und drehte sich um, um zu gehen.

„Entschuldigen Sie“ – der Unbekannte hielt José fest. „Könnten Sie ihm nicht dieses Paket geben?“ – und steckte José einen Zehner in die Tasche. Er lächelte und saß sogleich hinter dem Lenkrad.

Als Bonita das feste Packpapier aufriss, da sah sie den marineblauen Portiermantel.

Am nächsten Tag kürzten sie in der Änderungsschneiderei die Ärmel und stutzten die Rockschöße, um sie der Größe Josés anzupassen, die zwei Knöpfe aber, die fehlten, nähte Bonita selber an.

Und während die Knöpfe des marineblauen Mantels blinkten, überlegte José: „Wie kann man bloß einfach so verschwinden?“