Michael Augustin

Michael AugustinMichael Augustin geboren 1953 in Lübeck. Rundfunkredakteur und Autor bei Radio Bremen, u.a. für die Sendung "Fundsachen".  Desweiteren ist er als  freier Autor, Übersetzer und Zeichner tätig. Er schreibt Gedichte und Kurzprosa, Kurzgeschichten, sowie Dramolette:  u.a. Kleines Brimborium,  Das perfekte Glück. Seine Werke sind ins Italienische, Polnische, Spanische, Irische und Englische übersetzt worden.

Michael Augustin was born in Lübeck, Germany, in 1953. A poet, translator and radio commentator, he works with Radio Bremen, where he conducts a poetry radio program and works as an editor of the weekly radio documentaries. He is the author of a number of poetry books, dramas and short stories, including: Kleines Brimborium and Das perfekte Glück. Some of his work has been translated into English, Italian, Polish, Gaelic and Dutch.

 


 

Mauersplitter

©Michael Augustin, August 2011

1
Als die Mauer plötzlich da war, spielten wir Kinder statt Cowboy und Indianer Vopo* und Flüchtling.
2
Einmal, als ich gerade Flüchtling war, verletzte ich mich am Stacheldraht. Es blutete ein bisschen. Für einen Moment unterbrachen wir das Spiel und alle durften mal gucken. Dann spielten wir weiter und es fühlte sich gleich viel echter an.
3
Nach dem Mauerbau wurden alle Westdeutschen aufgefordert, brennende Kerzen ins Fenster zu stellen, als Zeichen der Verbundenheit mit den Brüdern und Schwestern im Osten. Es gab zahlreiche Wohnungsbrände.
4
Es kam vor, dass nachts ein Wildschwein auf eine Mine trat und im Todesstreifen verreckte. An seinem Schreien konnte man erkennen, dass es kein Reh war. Rehe schreien anders als Wildschweine, sterben aber genauso.
5
Einmal schmuggelten wir ein Buch von Gorbatschow über die Grenze nach Ostberlin. Wie Eulen nach Athen. Obwohl das natürlich genau das falsche Bild ist.
6
Mein ganzes Leben lang war die DDR immer vier Jahre älter als ich. Heute bin ich achtzehn Jahre älter als sie.
7
Auf gerade mal vierzig Jahre hat es die DDR gebracht. Das ist kein Alter. Forever young. Man muss fast ein bisschen an James Dean denken.
8
A
m Tag nach der Maueröffnung auf dem Kurfürstendamm war ich dabei, als sich die Ostberliner an den Schaufenstern ihre Nasen plattdrückten. Für die kleine Gruppe Westberliner Demonstranten hatten sie natürlich kein Auge. Ich weiß aber noch, was auf einem der Plakate stand, mit denen man die Landsleute warnen wollte: Die Freiheit, die sie meinen, ist die Freiheit der Deutschen Bank.
9
Whisky und Freiheit gehen zusammen, sagt Robert Burns. Aber von Coca-Cola war nicht die Rede.
10
Von umstürzenden Mauern sind schon Leute erschlagen worden.
11
Als die Mauer verschwand, wollten auf einmal alle ein Stück davon abhaben. Was jetzt noch von ihr übrig ist, muss durch einen Zaun geschützt werden.
12
Die unsichtbare Mauer, mit der sich Europa heutzutage umgibt, ist um ein Vielfaches länger als jene, die einst Europa teilte.
13
Die Große Mauer von China und die kleine von Berlin haben viele Kinder.
14
Immer wenn irgendwo eine Mauer eingerissen wird, schießt an anderer Stelle eine empor.

*Vopo = Volkspolizei der DDR


Prosagedichte / Prose Poems

Translated by Sujata Bhatt


Brillen

alt

Im Haus des toten Dichters werden seine sechsunddreißig Brillen zur Schau gestellt. Richtig sehen konnte er durch keine. Aber das wusste nicht einmal er, der noch heute gerühmt wird für seinen Weitblick.

Spectacles

In the dead writer’s house, his thirty-six pairs of spectacles are displayed.  He couldn’t see properly through any of them. But even he didn’t know that, the man who is still famous, till this very day, for all the breadth of his vision.

 

Schreiben

schreibenSchreiben bedeutet natürlich nicht, daß man neue Wörter aufs Papier bringt. Es geht darum, aus der fürchterlichen Masse der bereits vorhandenen genau so viele wegzustreichen, daß unter dem Strich noch etwas übrigbleibt.

Writing

Writing doesn’t mean, of course, that one puts new words on paper. The challenge is to cross out as much as possible of the horrible mass of existing words, so that something remains to be seen between the lines.

 

Zeitig

zeitigEs gibt einen Mann, der steht morgens zeitig auf und legt sich abends zeitig hin. Morgen für Morgen und Abend für Abend: Aufstehen, hinlegen, aufstehen, hinlegen! So hält er es jetzt schon seit viereinhalb Jahrzehnten. Was aus dem wohl mal wird!

Early

There’s a man who gets out of bed early every morning, and who goes to bed early every evening. Morning after morning, and evening after evening: out of bed, into bed, out of bed, into bed! He’s been doing this for the past four and a half decades. One wonders, what will ever become of him!

 

 

Hund

dogDieser angeblich so selbstlose kleine Hund, der wochen-, ja, monatelang am Grabe seines toten Herrchens ausharrt und keinen Fressnapf anrühren mag: Ein gerissenes Viech, ein eiskalt auf seinen alleinigen Vorteil bedachter, heuchelnder Köter, der einfach nur ganz genau weiß, wo die besten Knochen verscharrt sind.

Dog

This supposedly selfless little dog, who for weeks, yes, even for months, holds out by the grave of his master and doesn’t even feel like touching any bowl of food: a shrewd beast, cold-bloodedly seeking nothing but his own advantage, a hypocritical mutt who simply knows exactly where the best bones are hidden.

 

©Michael Augustin,Mickle Makes Muckle, Dedalus Press, Dublin 2007, ISBN: 978-1-904556-71-8

 

Meine Wege mit Michael Augustin haben sich bis dato dreimal gekreuzt: in Wien, in Prag und in Czernowitz. Seine aktuellen Posts sind unter diesem Link zu finden. Milena Findeis