kurz geschrieben

 

Blickwinkel


Im  Morgengrauen ein langsames Erwachen. Der Himmel bleiern, das Grauen fühlbar. Nachwirkung des Traumes: Verfolgtsein. Das Bett leer. Die Küche kalt. Der Balkon kahl. In manchen Fenstern Licht. Vogelgesang. Die Nachrichten gebündelte Katastrophenmeldungen.  Unruhe in den Bewegungen, Gedanken. Das Wasser für den Kaffee kocht, im Badezimmer explodiert eine Lampe. Kurzschluss. Griffbereit die Taschenlampe. Der Gang zum Sicherungskasten, hantieren, praktische Erleuchtung. Das Innere aufgestappelt in den Büchern, die sich breitgemacht haben in allen Räumen, den inneren und äußeren. Süchtig nach Sprache, Strukturen. Das Aufstehen erinnert an die Erfordernissen des Alltages, dem Auskommen mit dem täglich zu erarbeitenden Einkommen. Freude, wo bliebst du? Antrieb,  um mühelos zu sein in den Niederungen. Liebe ist nicht machbar: Anstrengend als Attitüde, erfüllt wenn lebendig. Lebendige Augenblicke aneinandergereiht, ausserhalb der Dauer, weder einem Menschen, noch einen Moment gehörend. Wo ist das Innere noch fühlbar, ohne für einen Vorwand benutzt zu werden? Die Wände der Gleichgültigkeit schlagen um sich. Wie ihnen entkommen, ohne dem Hilfsmittel Sucht.  Aufmerksame Achtsamkeit den Gedanken gegenüber, die immer nur in die gewohnte Richtung tendieren. Auf-Begehren? Wo ist der unverschleierte Augenblick. Im Spiegel ein müder Kopf . Die Uhr zeigt die Zeit. Aufforderung, die Handlungen zu beschleunigen. Unter die Dusche. Weg mit den all den Gedanken, die die Unruhe im Kopf nur vergrößern. Warm. Heiß. Kalt. Mit einer Bewegung etwas bestimmen. Einen solchen Schalthebel für die widerspenstige Sehnsucht erfinden: mit Funktionsgarantie. Noch einen Kaffee. Das Überstülpen der Alltagsuniform. So gekleidet schaltet das Hirn auf die Frequenz des gehorsamen Funktionierens, beschleunigt den Schritt, verwirft die Träume. Der Gang, die Fahrt: in wievielen Gesichtern entfaltet sich ein menschliches Antlitz? Täglich passieren Gestalten, wieviele? vorbei an der Wahrnehmung. Der Filter der Berührbarkeit? Was wird abgelehnt, was aufgenommen. Besteht darin das Wesen des Lernens? Was und wem wird Aufmerksamkeit geschenkt. Kinderaugen die neugierig schauen, ohne Vor-Urteil. Die vom Leben geschulten Augen verfangen sich in Beurteilungen, in Begriffen. Am Ort der Arbeit angelangt, ist das Denken fixiert von den Rahmenbedingungen des vertraglich vereinbarten Zieles.

 

Mutter-Liebe


Die durch ihre Hilflosigkeit alles beherrschende Frau. Ihr Wille zur Dominanz steigert sich im gleichen Maße wie ihre Unbeweglichkeit. Sieben Jahre ist es her, dass sie das letzte Mal das Haus verlassen hat. Von einem Tag zum anderen weigerte sie sich zu gehen, blieb sitzen. Mit ihrer sesshaften Untätigkeit band sie die Tochter, die nie ein eigenes Leben hatte,  fester an sich.

Die Tochter-Frau und  ihr muttergebundenes Leben.  Aus dem sanft lächelnden Mädchen wurde eine vorzeitig ins Alter versunkene Frau, deren Arm nie von einen Mann berührt worden war. Braune Augen, gekrümmter Rücken, nach unten gesunkene Mundwinkeln,  behaarte Oberlippe,  Bartansatz am Kinn haben Muitter und Tochter gemeinsam. Gutes Benehmen eingeschlossen und das unterwürfig Bedingungslose. Das Licht wird erst nach dem Zuziehen der Vorhänge angemacht. Wünsche sind belanglos, die Gesundheit des Körpers ausgenommen. Wie kann der Körper gesunden, wenn die Gedanken krumm und krank sind, in keiner Weise je in Freiheit gebadet wurden?

Alles rein und unter Kontrolle zu halten das Streben der Mutter. Die einzige Gegenwehr zu dem sich die Tochter je aufraffen konnte: Unordnung. Die Mutter putzte, bügelte, kochte  bis zum Umfallen. Der stumme Protest der Tochter, der sich erst äußern konnte, als die Mutter sich weigerte, eigene Schiritte zu machen: die Wohnung in Staub und Unordnung versinken zu lassen. So lag oder sass die ordnungsliebende Mutter in ihrem Zimmer und sah in den ungebügelten Kleidern, dem auf allen lagernden Staub,  den Boden bedeckenden Zeitungen und Zeitschriften den nie ausgesprochenen Widerstand der Tochter.

Das überbehütete Einzelkind das nie den Käfig der strengen Mutterschaft verlassen hatte. Ihr eng verwobenes Leben - wirkt in den Alltag zum langsamen Absterben hinein.

Ortswechsel 


Kurz die  Nacht. Das Erwachen im ersten Grau. Vom offenen Fenster weht eine erfrischende Brise, reingewaschen vom Regen. In der Stille erwacht der ruhige Atem des Schlafenden. In Wellenlängen samtweicher Haut schwingt wortlose Intensität. Die Fingerspitzen lauschen und folgen den ungeschriebenen Linien. Aus jeder Pore erklingt eine Melodie, zum Verweilen einladend. Entlang der Wirbelsäule ein Erkennen. Wie Wolken am Himmel entlangziehen, der Windrichtung folgend. Musik, die aus dem Inneren vier Arme zu einem Kreis zusammenschließt. Die Welt da draußen, mit ihren Forderungen, hat aufgehört wichtig zu sein. Die stillen Bewegungen wissen mehr von der Liebe als die Wörter. In
einerliegende Fingerspitzen erzählen  vom Wesen der Berührung die dem anderen Raum lässt in der eigenen Bewegung in einem einsgewordenen Atmen. Der geahnte Himmel hat sich diese Nacht in einem Mann und einer Frau vereint.

 

©Milena Findeis

 

 

Tagesrandbild

Lichtstreifen

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