UMKEHRSCHWUNG

©Milena Findeis

Bis hinauf in den Hals schlägt das Herz. Brechende Nägel, ergrautes Haar, trockene Haut. Zwischen den Falten die Tränen näher am Fluss. Selten ein Kuss, flüchtig gehaucht an die Wange. Denken gebremst vom Vergangenen. Im Zeitfenster zurück ein langer Blick. Nach vorne gerichtet verweilt er an Gräbern vorbei. Einmal das Sehen ohne das Wieder. Abschied. Stumm ist ein Lied verklungen hinaus in die Nacht. Das Alles wurde zum Nichts. Ein Meer aus Gesichtern. Augenpaare versinken. Quergestellt eine Wand. Von Gefühlen versengt die winkende Hand. Gelehnt an ein Blatt. Im Feuer verbrennen, am Tisch eine Flasche gefüllt mit Wein. Pur und rot. So tritt er näher, ist einsam der Tod. Wartet als letzter Gefährte, verläßlich, läßt zurück der Seele Atem. Dunkel die fliehenden Wolken, saftig und beinahe schwarz die aufgebrochene Erde. Die Sonne ein Meer gleissendes Licht.

Umkehrschwung der Nacht. Neben ihr ein Schlafender, dessen Schönheit den Abgrund des Alters in ihr aufreisst. Das Fallen im Lieben. Jetzt Wörter drehen? Von welcher Wirklichkeit wissen sie? Haben sie sich vorgestellt, wurden sie nachgestellt? Gleichmässig laufend wie die Zeiger eines Uhrwerks. Einssein mit der Stille eines unbeschwerten Körpers. Jede Faser schreit, leise im laut.
Denkgerüste entsorgen, schadlos. Im Fluss des Redeschwalls müssen Definitionen gesucht werden, über das Gefühlte hinweg. Ausruhen ist wortloses Einverständnis. Eine Nacht am Rücken geborgen holt die Wärme in den Körper zurück. Schmerz, ein Ziehen in Knochen und Geist. Abwesend das Ufer der Wörterbucht. Zeit lässt sich nicht sammeln, nur messen im jetzt oder nie. Wandlung ein erkennender Prozess in vom Alter geschichteten Stufen. Die verflossenen Jahre, manches eng, das eine oder andere weit. Erfahrung hat das Bewusstsein geschliffen. An den Schläfen grau. Was ist Heimat? Der blosse Schein oder ein Atem von strukturiertem Sein?

Vor dem Aufwachen. Den Atem bis zum Schwindel erschöpfen. Im Kopf ein Zusammenhalt. Dieser Spalt aus links- und rechtshaltigen Denkvorgängen. Das Herz, noch schlägt es. Der Körper? Lebt in Buchstaben. Knie und Hände sind vom Zittern befallen. Das Alter schält sich aus den Gedanken heraus. Die Nacht ein abgeschlossener Roman. Das Alter und der Tod sind in belanglosen Sätzen näher getreten.


Ein Montagmorgen, kurz nach fünf. Der Mai hat gerade begonnen, mit kalten Winden und Regen. Sie schlüpft in die Kleidung von gestern, schliesst die Wohnungstür hinter sich, geht die Treppen hinunter. Steinerne Treppen aus der Jahrhundertwende führen vom fünften Stock in das Erdgeschoss. Zuerst das Tor aus Gitterstängen. Ihr fällt Rilkes Panther ein, der vor lauter Stäben keine Welt mehr sieht. Dahinter eine schwere Holztür. Diese schnappt mit sonorem Klang hinter ihr zu. Jetzt ist sie auf der Strasse. In den Regenpfützen schwimmen weisse Blütenblätter, gelber Blütenstaub. Es nieselt. Ein Rettungswagen mit Blaulicht rast an ihr vorbei. Die Ampeln glänzen rot. Nur sekundenkurz das Grün für die Fussgänger. Straßenbahn Station. Warten auf Nummer 22. Ohne Brille kann sie erst beim Nahekommen die Zahlen erkennen. Eine Frau lenkt die Tram. Sie steigt ein, setzt sich nieder. Mittelgang, Einzelsitz. Eine Obdachlose, umgegeben von drei Plastiktaschen, sitzt ganz hinten. Ein Geruch von Urin, Schweiss, Bier. Ihr Magen rebelliert. Brechreiz steigt hoch. Sie konzentiert ihre Gedanken auf das Grün, öffnet ein Fenster, hält die Nase in die Richtung der von aussen einströmenden Frischluft.

jochen-rindt-jackie-stewartSie sollte ein Gefühl beschreiben, das der Liebe, am letzten Abend. Die Frage blieb unbeantwortet. Durch ein abruptes Abbremsen der Tram steigt in ihr eine Erinnerung hoch: September 1970: Zeltweg, ein früher Herbsttag. Autowäsche. Das Radio meldet "Jochen Rindt in Monza tödlich verunglückt". Der Garten, der Tag, das Auto, ihr Körper krümmte sich beim Anhören dieser Kurzmeldung. Führte automatenähnlich Bewegungen fort. Waschen. Polieren. Das Denken klinkte sich aus. Von der nahgelegenen Rennstrecke drang das Geräusch eines zu hoch drehenden Motors. Sie stieg aufs Fahrrad, trat in die Pedalen. In fünfzehn Minuten war sie an der Rennstrecke. Ein Transporter, zwei Rennwagen im Fahrerlager. Vor dem Transporter blieb sie stehen. Ein Werkstest. Sie kennt die Crew. Sie kennen auch schon ihre Frage. Sie muss nichts aussprechen. Das Nicken bedeutete, dass sie während der nächsten Testrunden mitfahren kann. Nicht auf einem Sitz, angeschnallt, sondern auf einem Brett, installiert neben dem Pilotensitz. Sie setzt den Helm auf. Legt sich ins Auto hinein. Auf der einen langen Gerade ansteigende Geschwindigkeit nahe der 250 km/h. Beim Einschlagen in die nächste Kurve schert das Heck aus, das Auto drehte sich vier, fünf, sechs Mal, wird vom Sandstreifen gebremst, ohne die Leitschiene zu touchieren, kommt in der frisch gemähten Wiese zum stehen. Jede Sekunde wurde durch die überdrehten Sinne gedehnt. Nachdem das Auto - ohne sich überschlagen zu haben - im Grasstreifen stoppte, öffnete der Pilot die Tür, steigt  aus. Öffnet von aussen die Beifahrertür, die von innen nicht zu öffnen war. Reicht ihr die Hand, hilft ihr beim Aussteigen. Die Helme werden abgestreift. Wortlos lehnen sie sich an die Motorhaube. Er zündet zwei Zigaretten an, reicht ihr eine der Gitanes. Filterlos. Das frischgemähte Gras, der Gummiabrieb, Benzingeruch. Sie schauen sich wortlos an. So intensiv war kein Gefühl zuvor.

Ihre erste Liebe: die Geschwindigkeit, ein Unfall, die Nähe des Todes. Vom Tod zurück zur Liebe. Ein fragile Gestalt. In seinem Windschatten, am Sozius an ihn gelehnt, auf Geraden, in engen Kurven hatte sie nie Angst. Die Angst zeigte sich im banalen Alltag. Beim Denken über die Sinnlosigkeit. Vorm Tod läuft sie nicht davon, nur von der Enge einer Beziehung. Wie das einem Dichter erklären? In einer fremden Sprache?

Dem eingeholten Wissen mit Gefühlen entgegentreten. Die abgelegten Erfahrungen, einige beschattet, andere besonnen. Mit jeder Begegnung wuchs das Wahrnehmen. Eine Stimmung, ein Satz, ein Lächeln, das sich so einprägt, dass es zum Leitmotiv wird. "Mit dem Moment Liebe, wurde der Tag Tag". Aus Peter Handkes "Das Gewicht der Welt". Ein Satz, der in sich leuchtet. "Wunschloses Unglück" Leitfaden für den eigenen Weg. Wunschlos wurde zu einem Ziel, abseits vom Unglück. Losgehen, Schritt für Schritt. Das Loslassen von Zielen.
 
Früh im November, lässt sie ein Schmerz erwachen. Vom unteren Rücken strahlt ein Stechen nach vorne in den Brustkorb. Beeinflusst das Atmen, das ganz flach wird. Wo befindet sie sich? In ihr Bewusstsein dringen die Vorkommnisse des letzten Abends: analytische Fragen, auf die sie keine Antworten wusste, sie verstummen liessen. Sie weigerte sich, Beziehungskategorien zu definieren. Daraufhin erhielt sie mit hervorragendem Fisch die These serviert "eine Frau, die in der Liebe blind ist". Blind und taub, aber kein Verrat an dem, was vergangen ist. Wie erkennen, ob ein Glauben ins Licht führt, nicht verführt? Eine Liebe wärmt, nicht verbrennt.

Sie kennt das Feuer. Ein kochend heisser Milchtopf  hat ihren Rücken verbrannt, sie landete im Krankenhaus. An einem milden Herbsttag, wurde sie am Schulweg von der Feuerwehr abgefangen, da der Wald brannte. Später wurde sie aus einem brennenden Auto in einen Stacheldraht geworfen. Manchmal entflammte Leidenschaft in ihr, beiseite geschoben war das Denken -  für kurze Stunden. Der Endlichkeit näher, fällt es ihr leicht, auf lodernde Gefühle zu verzichten. Keine alles in sich aufzehrende Zweisamkeit, wo der ganze Fokus auf den engen Zusammenhalt gerichtet ist. Sie braucht die Weite der Offenheit, mehr als alles andere.

Der Schmerz, ein Lehrmeister, der sie lehrte, Grenzen anzunehmen, sie vertraut machte, mit der Genügsamkeit und ihr Rückgrat stärkte. Rückgrat und Bauchgefühl, die Pole ihres Daseins. Ihr Widerstand gegen Leerformeln. Zum Davonlaufen ist sie zu langsam, sie bleibt stehen, kehrt um, schaut, schweift mit dem Blick, fragt, hinterfragt. Lebendig sind die Gesten, die ihren Alltag begleiten.

Das Staunen steht ihr nah. Eine dichte Nebeldecke leuchtend durch einen Sonnenstrahl. Ein Lächeln. Begegnungen glücken, frei von Erwartungen. In diesem Sommer landete ein Samen eines Löwenzahns im Topf des Weihnachtskaktus. Im November blüht eine graue Pusteblume einträchtig neben den roten Blüten des Kaktus: es hat sich so ergeben. Zufällig, wie alles in ihrem Leben. Nie geplant, einfach gelebt. Stachelig, strahlend. Tränen rühren sie, sie lässt sich von ihnen benetzen und trocknet sie mit einem Lächeln. Sie will in der Zeit sein, nicht über sie hinweg schweben. Kosten, das Maß einer Sekunde, einer Stunde.


Durch was weitet sich Enge? Ist es die bejahende Freude oder der abgelehnte Schmerz, der immer weiter bohrt, um sie an die Schwelle des Begreifens zu führen? Die Wechselwirkung eines einzelnen Wesen auf die Gesellschaft, ist die möglich? Sich dem Sog einer Gesellschaft entziehen, die "Ich-Aktien" predigt und den "gesunden Egoismus" zur neuen Religion macht. Kann ein Einzelwesen gesunden, wenn die Rahmenbedingungen alles Schwache eleminieren wollen?


Solange alles Innere sich unbewußt im Aussen entfaltet werden Turbulenzen intensiviert. Jeder in ruhendes Gewässer geworfene Gegenstand schafft neue Strömungen. Was wird aus dem Inneren hinausgeworfen: Wut, Rache, Strafe oder Verstehen? Alles unterliegt der Änderung, geleitet von welchem Sinn? Solange aus einem nur Rache ertönt, ist Rückzug angesagt, bis die Energie des Zorns sich in Verstehen gewandelt hat. Statt Angriff - Rückzug.  Es gibt viele Prediger, was steht hinter ihren Botschaften?

Vor Mitternacht. Es knallt, ein in vielen Farben aufleuchtender Himmel. Ein Jahr verglüht. Sie dreht die Lichter ab. Eine Freundin meldet das Ableben eines Nahestehenden. Sie hält inne, hat vor Augen, exemplarisch, einen der in ihr vollzogenen Abschiede. Zuhören mit ganzer Konzentration. In ihrem Kopf  entflammen mitten im Schauspiel Bilder aus Israel, Afghanistan, Irak, der Ukraine. Das Telefon läutete lange. London. Kurzes Drama in zehn Minuten, ohne Wetterbericht.  Sie vertieft  sich in Fernando Pessoa "Wenig kümmert mich. Wenig kümmert mich was? Ich weiß es nicht: wenig kümmert mich."

Zersplittert in der eigenen Zerrissenheit. Sie beginnt einen Satz ...  Aus ihrer Erinnerung  drängt das Wort "Verlust" hervor, der begonnene Satz bleibt stehen, setzt aus, verliert sich.  Eine schnelle Folge von Bildern stürmt auf sie ein. Sie schließt die Augen, um ihnen auszuweichen. Sie haften inwendig. Klebrig, schwer, bewegungslos. Eingerahmt von Verlassenheit. Wie oft wollte sie sich der Verlassenheit, bestehend aus inwendig, klebrig, schweren, bewegungslosen Bildern entledigen? Zuerst müsste sie es benennen und das so mit Namen Benannte loslassen. Die Nabelschnur zu den dumpfen Bildern mit einem klaren Schnitt durchtrennen. Sie spürt, vieles in ihr schreit nach Anerkennung. Dieses Gefühl durchschaut zu werden, dabei in keiner Weise erkannt zu werden. Alleinsein, ja. Anerkennung, von wem? Fragen gehen den Antworten voraus. Fragen so formulieren, um Raum fürs Antworten zu lassen. "Leben:" -  "leb ich in dir, oder an dir vorbei?" Der Dichter schrieb  "With you, I learned how to explain haiku - and from now on will always do it that way". Sie hatte zugehört, nachgefragt.

Der Klang im Inneren, ein Echo der Vergangenheit, ein unterdrückter Schmerz, jetzt in diesem Augenblick. Selbst kann sie sich nicht definieren mit einem Wort, einem Satz. Sie ertrinkt in der Flut der Wörter, er verdurstet im wortfreien Raum.

Umkehrschwung wurde von Peter Rychlo ins Ukrainische übersetzt und auf Alarum veröffentlicht