Milena Jesenská

Journalistin, Autorin (*10. August 1896 in Prag, †17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück)

"Ich bin froh, dass auf meine Großmutter als Mensch, ihren Werken und ihr Wirken, so umfassend eingegangen wird - in zwei Sprachen. Mit Beiträgen von Lucyna Darowska, Insa Eschebach, Marie Jirásková, Marta Marková, Lenka Penkalová, Petr Pithart, Pavla Plachá, Birgit Sack, Alena Wagnerová." 
Jan Černý, Enkelsohn von Milena Jesenská

milena-jesenska26.1.2017 Im Österreichischen Kulturforum Prag wird das Buch Milena Jesenská herausgegeben vom Aula Verlag, editiert von Pavla Plachá und Věra Zemanová vorgestellt. In Anwesenheit von Jan Černý, dem Enkelsohn, und Alena Wagnerova, Schriftstellerin.

Auszüge aus dem zweisprachigen 280 Seiten umfassenden Buch:

Nachbemerkung von Pavla Plachá und Věra Zemenanová:

Die Journalistin Milena Jesenká (1896-1944) zieht unter verschiedenen Vorzeichen seit langem das Interesse der Wissenschaft wie auch einer breiteren Öffentlichkeit auf sich. Mit ihrem Leben und Werk befassen sich Literaturwissenschaftler, Historiker, Politologen, aber auch Journalisten, Publizisten und Künstler. Die Rezeption Milena Jesenskás überschreitet dabei die Grenzen ihrer tschechischen und tschechoslowakischen Heimat; Bücher über sie erschienen u.a. auf Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch.
Vor 1989 teilte und verstellte der Eiserne Vorhang in Europa auch den Blick auf Milena Jesenská. Im Westen richtete sich das Interesse lange nur auf die Beziehung zu Franz Kafka. In ihrer Heimat war Jesenská wegen ihrer politischen Ansichten über Jahrzehnte tabu. Erst der Sturz des kommunistischen Regimes 1989 ermöglichte die Wiederentdeckung von Milena Jesenská in ihrer tschechischen Heimat und die Würdigung ihrer Person und ihrer journalistischen Arbeit. Die ideologischen Barrieren sind inzwischen Vergangenheit, doch die Sprachbarrriere, die den Austausch zwischen tschechischer und ausländischer Jesenská-Forschung erschwert, besteht weiterhin.
Der vorliegende tschechisch-deutsche Sammelband führt erstmals die verschiedenen Rezeptionslinien Milena Jesenkás in Tschechien und im Ausland, hier konkret in den deutschsprachigen Ländern, zusammen. Der Band ist interdisziplinär angelegt; der multiperspektivsche Blick von Historikern, Literaturwissenschaftlern, Publizisten und Politologen zeigt Jesenská in einem neuen, breiten Kontext wie auch als Kristallisationspunkt der Reflexion über eine gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte, wie dies Insa Eschebach in ihrem Aufsatz herausarbeitet. Der Band will einen Beitrag dazu leisten, Milena Jesenská wieder in einen grenzüberschreitenden deutsch-tschechischen bzw. europäischen Kontext zu stellen, wo sie ihren Platz hat als engagierte, kritische Journalistin, als mutige Kämpferin gegen die nationalsozialistische Unterdrückung wie auch als aufrechter und standhafter Mensch in einer unmenschlichen Zeit.

Petr Pithart:

Milena Jesenská fährt Ende Mai 1938 in die tschechischen Grenzgebiete, in die Sudeten, und beschreibt auf ihre besondere Weise in zwei langen Fortsetzungen die mehr als schwere Lage der Deutschen, die auch weiterhin auf Seiten der Republik stehen... Die Reportagen aus den Grenzgebieten und aus dem Leben der Flüchtlinge, das alles sind für mich auch noch heute aufwühlende Texte. Und dabei zugleich sachlich, anleitend, konstruktiv, unsentimental. Es ist ihnen viel Gefühl und konkreter Sinn für Solidarität. Wenn ich all diese Texte über das eine große Thema - die Deutschen und wir - heute lese, dann entrollen sich vor die Etappen und Episoden des Lebens von Milena Jesenská: Jählings, als würde viele von ihnen erst jetzt einen verständlichen Sinn erhalten, als würde aus ihnen erst jetzt die Pointe von Jesenskás Leben hervortreten. Der Sinn, die Pointe, ist der gesunde politische Instinkt, das praktische, helfende Mitgefühl. Die wirksame Solidarität mit denen, denen es schlecht ergeht und ergehen wird.

Lucyna Darowska:

Jesenkás Anerkennung als "Gerechte unter den Völkern" war ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Geschichte ihres Widerstandes. Ihr Sinn für Gerechtigkeit, ihre scharfen und im Denken und Handeln konsequenten Analysen sowie ihre kompromisslose Emphatie hatten die Kraft, die Todesangst auszuhöhlen. Für den Erhalt einer von ihr definierten Subjektivität scheinen die von ihr angenommene Haltung und die von ihr ausgeübten Handlungen unentbehrlich gewesen zu sein. Das Gefühl der Fremdheit bzw. Heimatlosigkeit bei Jesenská scheint mir der Preis für ihr selbstständiges politisches und empathisches Denken zu sein.

Lumír Čivrný:

Es gab keinen Unterschied in dem, wie sie schrieb und wie sie lebte. Willy Haas (dem sie klarsichtig und uneigennützig Kafkas Briefe anvertraute) nannte sie "einen Menschen fürs Unheil". Und wirklich, sie erstrahlte in dieser Zeit mit vielen Facetten diamantener Unbeugsamkeit. Sie schaffte es, gebrochene Menschen wieder aufzurichten und auf die Beine zu stellen und sie verteilte so viel lächelnde Zuversicht, als würde sie stellvertretend für alle in den sicheren Hafen schauen, den nur sie in der Ferne erahnt. Ihre Tage waren buchstäblich angefüllt mit fiebriger Tätigkeit und Sorge, und dennoch, wer auch immer aus heiterem Himmel in dieses zum Bersten gespannte Gewebe aus Tätigkeiten trat, durfte ihre Aufmerksamkeit erwarten. Wie sie es schaffte mitzufühlen ohne zu verletzen! Noch in der Nacht, schon am Rande ihrer Kräfte, nahm sie das Telefon zur Hand und rief dort an, wo sie Niedergeschlagenheit erahnte, und dann hörte sie zu und reichte Trost und Aufmunterung in die Dunkelheit. Als ob sie einen unerschöpflichen Vorrat an Kraft in sich hätte. In Wirklichkeit dürstete sie selbst nach Ermutigung, nach Anteilnahme. Doch sie war nicht fähig, sie für sich mit Tränen einzufordern, sie schöpfte ihre teilnehmende Zärtlichkeit aus Ironie und Sarkasmus.


Man konnte sich Milena anvertrauen, sich vor ihr öffnen, sie gehörte zu den raren Menschen, die verstehen.

Der Begriff der Korrektheit hatte in ihrem Moralkodex keinen besonderen Wert; die bürokratische Kälte jener Menschen, die "alle mit dem gleichen Maß messen" und die keine Unterschiede machen, erklärte, warum diese nicht verstehen können.
Sie hielt sich nicht für einen fehlerlosen Menschen, sie gestand ein, dass sie unter dem Druck der Bedürfnisse die Grenzen des gesellschaftlichen Kodexes überschritten hatte. Sie war aufrichtig, etwas sein bedeutete ihr viel mehr als etwas scheinen, für etwas gelten. Sie verachtete Eigentum und äußeren Putz, sie brachte es fertig, einen ganzen Monat lang Tag für Tag das gleiche Kleid zu tragen, doch sie "liebte Dinge". Sie sah, was andere nicht sahen. Sie war ein Mensch "ohne Bekenntnis", doch im Inneren war sie ein religöser Mensch, im Sinne der großen Dichter.

Alena Wagnerová, Jan Černý
Alena Wagnerová, Jan Černý

Es war 1986  in Frankfurt als ich "Briefe an Milena" von Franz Kafka las, danach folgte die von Margarete Buber-Neumann verfasste Biografie und alle weiteren angeführte Publikationen. Aus einer spontanen Stimmung heraus, fasste ich damals den Entschluß, den Namen "Milena" anzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mir Prag - ab dem Jahre 1991 - zur neuen Heimat werden würde. Am 26.1.2017, an dem Tag, wo in Österreich Alexander van der Bellen als österreichischer Bundespräsident angelobt wird, stellt Natascha GRILJ vom Österreichische Kulturforum in Prag die zweisprachige umfassende Biografie Milena Jesenská vor - in Anwesenheit des Enkels von Milena Jesenská Jan Černý und der Jesenská Biografin Alena Wagnerová.
Milena Findeis

Link zum Beitrag über die Buchpräsentation "Milena Jesenská" - Radio Praha, von Annette Kraus, 3.2.2017