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Milena Jesenská

Journalistin, Autorin (*10. August 1896 in Prag, †17. Mai 1944 im KZ Ravensbrück)

"Ich bin froh, dass auf meine Großmutter als Mensch, ihren Werken und ihr Wirken, so umfassend eingegangen wird - in zwei Sprachen. Mit Beiträgen von Lucyna Darowska, Insa Eschebach, Marie Jirásková, Marta Marková, Lenka Penkalová, Petr Pithart, Pavla Plachá, Birgit Sack, Alena Wagnerová." 
Jan Černý, Enkelsohn von Milena Jesenská

milena-jesenska26.1.2017 Im Österreichischen Kulturforum Prag wird das Buch Milena Jesenská herausgegeben vom Aula Verlag, editiert von Pavla Plachá und Věra Zemanová vorgestellt. In Anwesenheit von Jan Černý, dem Enkelsohn, und Alena Wagnerova, Schriftstellerin.

Auszüge aus dem zweisprachigen 280 Seiten umfassenden Buch:

Nachbemerkung von Pavla Plachá und Věra Zemenanová:

Die Journalistin Milena Jesenká (1896-1944) zieht unter verschiedenen Vorzeichen seit langem das Interesse der Wissenschaft wie auch einer breiteren Öffentlichkeit auf sich. Mit ihrem Leben und Werk befassen sich Literaturwissenschaftler, Historiker, Politologen, aber auch Journalisten, Publizisten und Künstler. Die Rezeption Milena Jesenskás überschreitet dabei die Grenzen ihrer tschechischen und tschechoslowakischen Heimat; Bücher über sie erschienen u.a. auf Deutsch, Englisch, Italienisch und Französisch.
Vor 1989 teilte und verstellte der Eiserne Vorhang in Europa auch den Blick auf Milena Jesenská. Im Westen richtete sich das Interesse lange nur auf die Beziehung zu Franz Kafka. In ihrer Heimat war Jesenská wegen ihrer politischen Ansichten über Jahrzehnte tabu. Erst der Sturz des kommunistischen Regimes 1989 ermöglichte die Wiederentdeckung von Milena Jesenská in ihrer tschechischen Heimat und die Würdigung ihrer Person und ihrer journalistischen Arbeit. Die ideologischen Barrieren sind inzwischen Vergangenheit, doch die Sprachbarrriere, die den Austausch zwischen tschechischer und ausländischer Jesenská-Forschung erschwert, besteht weiterhin.
Der vorliegende tschechisch-deutsche Sammelband führt erstmals die verschiedenen Rezeptionslinien Milena Jesenkás in Tschechien und im Ausland, hier konkret in den deutschsprachigen Ländern, zusammen. Der Band ist interdisziplinär angelegt; der multiperspektivsche Blick von Historikern, Literaturwissenschaftlern, Publizisten und Politologen zeigt Jesenská in einem neuen, breiten Kontext wie auch als Kristallisationspunkt der Reflexion über eine gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte, wie dies Insa Eschebach in ihrem Aufsatz herausarbeitet. Der Band will einen Beitrag dazu leisten, Milena Jesenská wieder in einen grenzüberschreitenden deutsch-tschechischen bzw. europäischen Kontext zu stellen, wo sie ihren Platz hat als engagierte, kritische Journalistin, als mutige Kämpferin gegen die nationalsozialistische Unterdrückung wie auch als aufrechter und standhafter Mensch in einer unmenschlichen Zeit.

Petr Pithart:

Milena Jesenská fährt Ende Mai 1938 in die tschechischen Grenzgebiete, in die Sudeten, und beschreibt auf ihre besondere Weise in zwei langen Fortsetzungen die mehr als schwere Lage der Deutschen, die auch weiterhin auf Seiten der Republik stehen... Die Reportagen aus den Grenzgebieten und aus dem Leben der Flüchtlinge, das alles sind für mich auch noch heute aufwühlende Texte. Und dabei zugleich sachlich, anleitend, konstruktiv, unsentimental. Es ist ihnen viel Gefühl und konkreter Sinn für Solidarität. Wenn ich all diese Texte über das eine große Thema - die Deutschen und wir - heute lese, dann entrollen sich vor die Etappen und Episoden des Lebens von Milena Jesenská: Jählings, als würde viele von ihnen erst jetzt einen verständlichen Sinn erhalten, als würde aus ihnen erst jetzt die Pointe von Jesenskás Leben hervortreten. Der Sinn, die Pointe, ist der gesunde politische Instinkt, das praktische, helfende Mitgefühl. Die wirksame Solidarität mit denen, denen es schlecht ergeht und ergehen wird.

Lucyna Darowska:

Jesenkás Anerkennung als "Gerechte unter den Völkern" war ein Meilenstein in der Aufarbeitung der Geschichte ihres Widerstandes. Ihr Sinn für Gerechtigkeit, ihre scharfen und im Denken und Handeln konsequenten Analysen sowie ihre kompromisslose Emphatie hatten die Kraft, die Todesangst auszuhöhlen. Für den Erhalt einer von ihr definierten Subjektivität scheinen die von ihr angenommene Haltung und die von ihr ausgeübten Handlungen unentbehrlich gewesen zu sein. Das Gefühl der Fremdheit bzw. Heimatlosigkeit bei Jesenská scheint mir der Preis für ihr selbstständiges politisches und empathisches Denken zu sein.

Lumír Čivrný:

Es gab keinen Unterschied in dem, wie sie schrieb und wie sie lebte. Willy Haas (dem sie klarsichtig und uneigennützig Kafkas Briefe anvertraute) nannte sie "einen Menschen fürs Unheil". Und wirklich, sie erstrahlte in dieser Zeit mit vielen Facetten diamantener Unbeugsamkeit. Sie schaffte es, gebrochene Menschen wieder aufzurichten und auf die Beine zu stellen und sie verteilte so viel lächelnde Zuversicht, als würde sie stellvertretend für alle in den sicheren Hafen schauen, den nur sie in der Ferne erahnt. Ihre Tage waren buchstäblich angefüllt mit fiebriger Tätigkeit und Sorge, und dennoch, wer auch immer aus heiterem Himmel in dieses zum Bersten gespannte Gewebe aus Tätigkeiten trat, durfte ihre Aufmerksamkeit erwarten. Wie sie es schaffte mitzufühlen ohne zu verletzen! Noch in der Nacht, schon am Rande ihrer Kräfte, nahm sie das Telefon zur Hand und rief dort an, wo sie Niedergeschlagenheit erahnte, und dann hörte sie zu und reichte Trost und Aufmunterung in die Dunkelheit. Als ob sie einen unerschöpflichen Vorrat an Kraft in sich hätte. In Wirklichkeit dürstete sie selbst nach Ermutigung, nach Anteilnahme. Doch sie war nicht fähig, sie für sich mit Tränen einzufordern, sie schöpfte ihre teilnehmende Zärtlichkeit aus Ironie und Sarkasmus.


Man konnte sich Milena anvertrauen, sich vor ihr öffnen, sie gehörte zu den raren Menschen, die verstehen.

Der Begriff der Korrektheit hatte in ihrem Moralkodex keinen besonderen Wert; die bürokratische Kälte jener Menschen, die "alle mit dem gleichen Maß messen" und die keine Unterschiede machen, erklärte, warum diese nicht verstehen können.
Sie hielt sich nicht für einen fehlerlosen Menschen, sie gestand ein, dass sie unter dem Druck der Bedürfnisse die Grenzen des gesellschaftlichen Kodexes überschritten hatte. Sie war aufrichtig, etwas sein bedeutete ihr viel mehr als etwas scheinen, für etwas gelten. Sie verachtete Eigentum und äußeren Putz, sie brachte es fertig, einen ganzen Monat lang Tag für Tag das gleiche Kleid zu tragen, doch sie "liebte Dinge". Sie sah, was andere nicht sahen. Sie war ein Mensch "ohne Bekenntnis", doch im Inneren war sie ein religöser Mensch, im Sinne der großen Dichter.

Alena Wagnerová, Jan Černý
Alena Wagnerová, Jan Černý

Es war 1986  in Frankfurt als ich "Briefe an Milena" von Franz Kafka las, danach folgte die von Margarete Buber-Neumann verfasste Biografie und alle weiteren angeführte Publikationen. Aus einer spontanen Stimmung heraus, fasste ich damals den Entschluß, den Namen "Milena" anzunehmen. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass mir Prag - ab dem Jahre 1991 - zur neuen Heimat werden würde. Am 26.1.2017, an dem Tag, wo in Österreich Alexander van der Bellen als österreichischer Bundespräsident angelobt wird, stellt Natascha GRILJ vom Österreichische Kulturforum in Prag die zweisprachige umfassende Biografie Milena Jesenská vor - in Anwesenheit des Enkels von Milena Jesenská Jan Černý und der Jesenská Biografin Alena Wagnerová.
Milena Findeis

Link zum Beitrag über die Buchpräsentation "Milena Jesenská" - Radio Praha, von Annette Kraus, 3.2.2017


 


 

Milena war ein lebendiges Feuer

Von ©Helga Mena-Bohdal
Salzburger Nachrichten 6. August 1990


Die glühenden Liebesbriefe Franz Kafkas an die tschechische Journalistin Milena Jesenská beschäftigen seit langem Literaturwissenschaftler und Psychologen. In ihnen offenbart der große Schriftsteller seine seelischen Konflikte und Gefühle im Umgang mit Frauen: bald hofft er hingebungsvoll und beglückt auf eine erfüllte Liebesbeziehung, auf die Erlösung von der Einsamkeit, bald zweifelt er, von Selbstvorwürfen gepeinigt, an seiner Liebesfähigkeit, bis er sich resigniert und voller Schuldgefühle damit abfindet, daß seine Sehnsucht wohl für immer ungestillt bleiben wird.

Als die 24jährige Milena im Jahr 1920 den 13 Jahre älteren Kafka kennenlernt, lebt die geborene Pragerin in Wien in unglücklicher Ehe mit dem Literaturkenner und Frauenliebhaber Ernst Polak. Sie fühlt sich in der fremden Stadt verlassen und sehnt sich nach dem Leben in Prag, wo die extravagante, exzentrische Tschechin in den Literaturcafés alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

Als Absolventin des berühmten Minerva-Gymnasiums, das Ende des 19. Jahrhunderts als erstes humanistisches Mädchengymnasium Mitteleuropas gegründet wurde, gehört sie zu einer nach Emanzipation strebenden Frauengeneration. Ihre Eskapaden sind in Prag stadtbekannt: als junges Mädchen schwimmt sie bekleidet durch die Moldau, um rechtzeitig zu einem Rendezvous zu kommen. Sie wird im Prager Stadtpark verhaftet, als sie für ihren Freund dessen Lieblingsblumen Magnolien pflückt. Die impulsive, warmherzige und großzügige Frau ist in ihrer Heimatstadt begehrter Mittelpunkt der Intellektuellenzirkel.

Vater ließ sie wegen ihrer ersten Liebe in Nervenklinik einsperren

In Wien leidet sie unter der ständigen Untreue ihres leidenschaftlich geliebten Mannes. Das Zerwürfnis mit ihrem Vater, einem vermögenden Prager Kieferchirurgen, der an der Karls-Universität lehrt, bedrückt sie so sehr, daß sie im Kokain Trost sucht und in höchster Verzweiflung einen Selbstmordversuch begeht.

Eine schmerzliche Haßliebe verbindet sie mit dem cholerischen, egoistischen Vater, der viele Liebschaften hat und ihr als Kind die Pflege der todkranken Mutter überläßt. Mit Milenas erster Liebe, dem deutschen Juden Pollak, kann sich der konservative tschechische Nationalist nicht abfinden. Er läßt seine Tochter in eine Nervenheilanstalt einsperren, um sie von Polak zu trennen. Als Milena gegen den Willen ihres Vaters heiratet, ist der Bruch perfekt.

Milena JesenskaIn ihrer finanziellen und psychischen Not kämpft Milena für Unabhängigkeit und Anerkennung. Die Tochter des angesehenen Prager Bürgers, die wie so viele Frauen keinen Beruf erlernt hat, schleppt auf Wiener Bahnhöfen Koffer, gibt Tschechisch-Unterricht und versucht sich schließlich als Journalistin.

In der kleinen liberalen tschechischen Zeitung "Tribuna" erscheint im Dezember 1919 ihre erste Wien-Reportage, aus einer Stadt am Rande des Abgrunds, wo Überfluß und bittere Armut dicht nebeneinander bestehen, wo die Massen das Elend, das "anderswo Demonstrationen, Geschrei, Proteste und vielleicht sogar eine Revolutionär ausüben würde " ... "in völliger Ruhe, mit halb stumpfer, halb humorvoller Resignation" ertragen, wo sich viele am blühenden Schleichhandel bereichern, wo "in den Lokalen und Spielbanken Hunderttausende verdient werden" und "15 Theater trotz enormer Preise täglich ausverkauft sind".

Bald wird Milena ständige Wien-Korrespondentin der "Tribuna", die auch auch Jaroslav Hasek und Egon Erwin Kisch zu ihren Feuilleton-Schreibern zählt. Die junge Journalistin entdeckt damals den deutschsprachigen Prager Schriftsteller Franz Kafka, der bis dahin den tschechischen Lesern kein Begriff ist. Die erste Übersetzung eines seiner Werke stammt aus ihrer Feder: "Der Heizer" erscheint im April 1920 in einer tschechischen Literaturzeitschrift.

Kafka vergleicht ihre Artikel mit Fontanes Reiseberichten

In den folgenden Jahren veröffentlicht Milena in der "Tribuna" Beiträge über das Leben in Wien, gesellschaftliche Plaudereien, Artikel über die Tagesereignisse, über Bücher, über Damenmode und ironische Betrachtungen über die Schwächen ihrer Zeitgenossen, die ihren Witz und ihre scharfe Beobachtungsgabe zeigen.

Kafka ist von ihren Feuilletons und Reportagen beeindruckt und kann ihre lebendige Sprache nicht genug loben. Er vergleicht ihre Artikel mit den Briefen und Reiseberichten Fontanes, der zu seinen Lieblingsschriftstellern gehört. Kafkas Freund, der Schriftsteller und Literaturkritiker Max Brod, erinnert sich, wie Kafka zum Zeitungsstand läuft, weil er es schon nicht mehr erwarten kann, in der neuesten Nummer der "Tribuna" einen Beitrag von Milena zu lesen.

milena-jesenskaIn einem Brief an Max Brod läßt Kafka seiner Bewunderung und seinen Ängsten freien Lauf: "Milena ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe, ein Feuer übrigens, das trotz allem nur für ihn brennt (Kafka meint damit Milenas Mann Ernst Polak). Dabei ist sie äußerst zart, mutig, klug und alles wirft sie in das Opfer hinein oder hat es, wenn man will, durch das Opfer erworben. Was für ein Mann allerdings auch er, der das erregen konnte."

Die Liebesbeziehung, die lange nur in dem Austausch von Briefen besteht, scheitert an der Angst Kafkas vor der sinnlichen und tatkräftigen Milena, an der Angst vor der Konkurrenz mit dem übermächtig scheinenden Polak. Er traut sich nicht zu, die energische, selbständige Frau ganz für sich zu gewinnen. Was er an ihr liebt, wird ihm zur Bedrohung und zum Verhängnis.

Milena kann sich nicht für Kafka entscheiden, weil sie von ihrem Mann nicht loskommt und sich dem Leben in strenger Askese, das sie an der Seite Kafkas erwartet, nicht unterwerfen will. In einem Brief vertraut sie sich Max Brod an: "In mir ... ist eine unbezwingbare, ja rasende Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben, als ich es führe und als ich es je führen werde, nach einem Leben mit einem Kinde, nach einem Leben, das der Erde sehr nahe wäre. Und das wohl in mir über alles gesiegt, über die Liebe, über die Liebe zum Flug, über die Bewunderung und nochmals die Liebe."

Tiefes Verständnis sprechen noch 1924, lange Zeit nach der Trennung, aus Milenas Nachruf auf Kafka. Sie bezeichnet den großen Schriftsteller als einen Menschen von "wunderbarer Zartheit und erschreckender kompromißloser geistiger Subtilität ... Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, schrieb aber grausame und schmerzhafte Bücher. Die Welt sah er voller unsichtbarer Dämonen, die den ungeschützten Menschen vernichten und zerreißen ... Alle seine Bücher schildern das Grauen heimlicher Mißverständnisse und unverschuldeter Schuld zwischen den Menschen. Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andre, die nicht so empfindlich waren, ungefährdet fühlten."

Während ihres siebenjährigen Wien-Aufenthalts macht sich Milena als Journalistin einen Namen und kehrt nach Prag zurück, nachdem sie sich endlich von ihrem Mann getrennt hat. Sie schreibt weiter Feuilletons für "Tribuna" und "Národní Listy" und übersetzt Guillaume Apollinaire, Henri Barbusse, Paul Claudel, Romain Rolland und Jules Laforgue aus dem Französischen, G.K. Chesterton, R.L. Stevenson und Jonathan Swift aus dem Russischen, Maxim Gorki aus dem Russischen und Heinrich Mann, Franz Werfel und Rosa Luxemburg aus dem Deutschen.




Mit immer mehr Morphium lindert sie ihre Schmerzen

Sie schließt sich einer Gruppe linker avantgardistischer Intellektueller, Dichter, Architekten, Maler, Filmregisseure, Musiker und Soziologen, an, die nach einer radikalen Erneuerung des geistigen Lebens streben. Endlich vom Provinzialismus der K.-u.K.-Monarchie befreit, soll sich die Tschechoslowakei der Welt öffnen und sich mit den zeitgenössischen Strömungen, vor allem aus Frankreich und der Sowjetunion, auseinandersetzen. Als Leiterin der Frauenseite von "Národní Listy" zieht Milena gegen das Diktat der Mode und alles Überflüssige zu Felde. Die neuen Ideale sind Einfachheit und Bescheidenheit, gesunde Lebensführung, richtige Ernährung und Sport.

milena-jesenskaIhre zweite Ehe mit dem Architekten Jaromír Krejcar scheint glücklich, bis Milena bei der so lange ersehnten Geburt ihrer Tochter schwer erkrankt. Mit immer größeren Dosis Morphium lindert sie ihre quälenden Schmerzen, so daß sie schließlich vom Rauschgift nicht mehr loskommt. Die Beziehung mit Krejcar zerbricht, "Národní Listy" setzt sie auf die Straße und ihre Freunde wenden sich von ihr ab. In großer finanzieller Not, entwurzelt, verlassen, leidend und drogensüchtig klammert sie sich an eine neue Hoffnung: Sie wird Mitglied der Kommunistischen Partei und propagiert in der Parteipresse die Losungen der Kommunistischen Internationale.

Mit der Zeit kommt die Ernüchterung. Sie spürt, daß die dogmatische, sektiererische Partei ihre Phantasie fesselt und ihr journalistisches Interesse lähmt. Unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs und der Moskauer Schauprozesse bröckelt ihr Glaube an die Politik der Kommunisten langsam ab.

Nach dem Bruch mit der Kommunistischen Partei kann sich Milena beruflich und persönlich voll entfalten. Durch einen Kraftakt befreit sie sich von ihrer Morphiumsucht und stürzt sich in neue journalistische Aufgaben. Der Chefredakteur der liberal-demokratischen Wochenzeitschrift "Přítomnost", die mit Präsident Masaryks finanzieller Hilfe gegründet wurde, erinnert sich an Milena, und mit seiner Hilfe wird sie zu einer anerkannten Kommentatorin des tschechoslowaksichen politischen Geschehens.

Als politisch engagierte Journalistin erhebt sie ihre Stimme, um in die Ereignisse einzugreifen und die Menschen aufzurütteln. "Das Tageswerk des Reporters ähnelt häufig dem einer Hyäne. Mit dem Notizbuch in der Hand zieht er umher und notiert sich menschliches Elend, um in den Zeitungen davon zu berichten. Wenn er dies ohne ein Fünkchen Hoffnung tut, daß seine gedruckten Worte helfen können, ist er nicht einmal einen Händedruck wert".

Sie recherchiert in den Flüchtingslagern über die Schicksale der deutschen Emigranten, die in immer größerer Zahl in der Tschechoslowakei stranden, mit seelischen und körperlichen Narben, die Leid und Erniedrigungen zurückgelassen haben, und ruft zur Solidarität mit allen Gegnern des Hakenkreuzes auf. Sie prangert die Zustände in der Sowjetunion an, die den verfolgten Antifaschisten das erhoffte Asyl verweigert. Sie reist wiederholt ins Sudetenland, schildert das Spitzelunwesen, die Bedrohung und Verfolgung der Demokraten und die Indoktrination der Schulkinder durch die Naziideologie. Sie deckt auch schonungslos die Fehler der Vergangenheit auf, durch die Antifaschisten entzweit wurden.

Ihre Wohnung wird der Treffpunkt politisch Verfolgter

milena-jesenskaEnttäuschung, Trauer, Verzweiflung und Zorn sprechen aus ihren Artikeln nach der Abtretung des Sudetenlandes und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag. Die Tage der freien Presse sind gezählt, und so nimmt sie Kontakt zu einer Widerstandsgruppe auf, die eine illegale Zeitung herausbringt. Ihre Wohnung wird Treffpunkt und Zuflucht politisch Verfolgter, die von dort aus über die Grenze nach Polen gebracht werden, um im Ausland den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu führen.

Viele rettet sie vor der Gefahr. Auch ihr Lebensgefährte Evžen Klinger, der als Jude besonders bedroht ist, verläßt mit ihrer Hilfe das Land. Sie selbst kann sich nicht zur Flucht entschließen, weil sie gebraucht wird und nicht in der Fremde leben will. "Milena, die immer ein blaues Kleid trug und jeden Neuankommenden mit einladender, großzügiger Geste ins Zimmer bat, beruhigte uns alle. Sie wirkte einfach dadurch, daß sie da war", schilderte ein Mitglied der Widerstandsgruppe ihre unerschütterliche Ruhe.

Nach dem Verbot der "Přítomnost" und der Verhaftung des Chefredakteurs zieht die Gestapo ihr Netz um Milena. Sie wird immer wieder verhört, dann ins Prager Gefängnis und von dort in ein Lager gebracht. Beim Prozeß in Dresden wird sie mangels an Beweisen freigesprochen. Aber die Nazi-Schergen lassen von, dieser unversöhnlichen Gegnerin nicht ab. Sie wird zur "Umerziehung" in das Frauen-KZ-Ravensbrück verschleppt. Mit einem schmerzhaften Rheumatismus kommt die unterernährte Milena in das Lager, in dem 1940 bereits 5000 Frauen hausen, von denen viele an Typhus, Scharlach, Diphtherie, Hunger und Kälte sterben.

Sie  beherrschte perfekt die heikle Kunst des Fragens


Milenas Lust an der journalistischen Recherche kann auch das unmenschliche Lagerleben und die Krankheit nicht ersticken. Sie interessiert sich für den Lebensweg der Häftlinge und lernt dabei die ehemalige Kommunistin Margarete Buber-Neumann kennen, die man im sowjetischen Exil verhaftet, verurteilt und später an die Gestapo ausgeliefert hat. "Schon die ersten Fragen, die sie stellte, verrieten mir etwas über ihre beruflichen Fähigkeiten", schildert Buber-Neumann. "Ich habe weder vorher oder nachher einen Journalisten getroffen, der die heikle Kunst des Befragens so vollkommen beherrscht hätte wie sie."

Die beiden Frauen schmieden Pläne: Sollten sie aus der Hölle des Lagers entkommen, werden sie ein Buch über das Leben in sowjetischen und deutschen Lagern schreiben. Das ist Milena nicht mehr vergönnt. Sie stirbt im Mai 1944 im Alter von 48 Jahren an einer eitrigen Nierenentzündung, geschwächt durch den Hunger, die Kälte und die Sehnsucht nach ihrer Tochter und ihrem Vater, mit dem sie endlich Frieden geschlossen hat. Um sie trauern unzählige Häftlinge, für die sich in der Schreibstube des Krankenvereins unerschrocken eingesetzt hat.


 




Bücher von und über Milena Jesenská

Milena Jesenská1963 "Milena, Kafkas Freundin" von Margarete Buber-Neumann, Albert Langen-Georg Müller Verlags Gmbh, München/Wien
1984 Milena Jesenská "Alles ist Leben", Feuilletons und Reportagen 1919 - 1939, Verlag Neue Kritik
1990 "Clarissa a jiné texty", Jana Krejcarová*, Concordia
1991 Jana Černá* "Adresát Milena Jesenská",  Martin Černý
1991 Kolem Mileny Jesenské, Jarosláva Vondráčková, Nakladelství Torst
1993 Mýtus Milena, Marta Marková-Kotyková
1994 Milena Jesenská, Biografie, Alena Wagnerová, Bollmann Verlag
1996 "Alle meine Artikel sind Liebesbriefe", Alena Wagnerová, Bollmann Verlag
1996 "Kurzer Bericht über drei Entscheidungen: Die Gestapo-Akte Milena Jesenská,  von Marie Jirásková, Verlag Neue Kritik
1996 erscheint von Marie Jiráková "Kurzer Bericht über drei Entscheidungen - Die Gestapo-Akte Milena Jesenská"


2013 wurde Milena Jesenská ein Stolperstein gewidmet: In der Kouřímská-Straße 6 im Stadtviertel Vinohrady liegt ein Pflasterstein, der mit einer goldenen Plakette besetzt ist. Die Inschrift lautet: „Hier lebte Milena Jesenská. Geboren 1896, verhaftet 1939, ermordet am 17. Mai 1944 in Ravensbrück.”

Neue Rundschau 2015/2

Briefe von Milena Jesenská aus dem Gefängnis

»Ich glaube, wenn ich einmal frei sein werde, ertrage ich die Freiheit gar nicht.« Milena Jesenská

Durch einen überraschenden Fund in Prag wurden vierzehn Briefe entdeckt, die Milena Jesenská, die frühere Freundin und Geliebte Franz Kafkas, in der Gefangenschaft geschrieben hat. Nach ihrer Festnahme im November1939 durch die Gestapo waren die Gefängnisse in Dresden und Prag und schließlich das Konzentrationslager Ravensbrück ihre Stationen.

Die bewegenden Briefe an ihren Vater und an die Tochter Honza sind ein erschütterndes Zeugnis, in dem Milena Jesenská auch überraschende Töne anschlägt und das ihr, die fast ausschließlich im Kafka-Kontext wahrgenommen wird, eine authentische Stimme verleiht. Die Briefe werden hier von Alena Wagnerová zum ersten Mal ediert und erläutert.


 


Milena Jesenská & Zeitzug

Milena Jesenská, Prag, am Morgen des 15. März 1939
Milena Jesenská, Wien - Tribuna, Prag, 4. April 1922  

*Jana Krejcarová *, Jana Černá* (1928 - 1981) Tochter von Milena Jesenská
Feuer an bloßer Haut, Hörspiel
Milena Jesenská - A Journalist