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Milena war ein lebendiges Feuer

Von ©Helga Mena-Bohdal
Salzburger Nachrichten 6. August 1990


Die glühenden Liebesbriefe Franz Kafkas an die tschechische Journalistin Milena Jesenská beschäftigen seit langem Literaturwissenschaftler und Psychologen. In ihnen offenbart der große Schriftsteller seine seelischen Konflikte und Gefühle im Umgang mit Frauen: bald hofft er hingebungsvoll und beglückt auf eine erfüllte Liebesbeziehung, auf die Erlösung von der Einsamkeit, bald zweifelt er, von Selbstvorwürfen gepeinigt, an seiner Liebesfähigkeit, bis er sich resigniert und voller Schuldgefühle damit abfindet, daß seine Sehnsucht wohl für immer ungestillt bleiben wird.

Als die 24jährige Milena im Jahr 1920 den 13 Jahre älteren Kafka kennenlernt, lebt die geborene Pragerin in Wien in unglücklicher Ehe mit dem Literaturkenner und Frauenliebhaber Ernst Polak. Sie fühlt sich in der fremden Stadt verlassen und sehnt sich nach dem Leben in Prag, wo die extravagante, exzentrische Tschechin in den Literaturcafés alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte.

Als Absolventin des berühmten Minerva-Gymnasiums, das Ende des 19. Jahrhunderts als erstes humanistisches Mädchengymnasium Mitteleuropas gegründet wurde, gehört sie zu einer nach Emanzipation strebenden Frauengeneration. Ihre Eskapaden sind in Prag stadtbekannt: als junges Mädchen schwimmt sie bekleidet durch die Moldau, um rechtzeitig zu einem Rendezvous zu kommen. Sie wird im Prager Stadtpark verhaftet, als sie für ihren Freund dessen Lieblingsblumen Magnolien pflückt. Die impulsive, warmherzige und großzügige Frau ist in ihrer Heimatstadt begehrter Mittelpunkt der Intellektuellenzirkel.

Vater ließ sie wegen ihrer ersten Liebe in Nervenklinik einsperren

In Wien leidet sie unter der ständigen Untreue ihres leidenschaftlich geliebten Mannes. Das Zerwürfnis mit ihrem Vater, einem vermögenden Prager Kieferchirurgen, der an der Karls-Universität lehrt, bedrückt sie so sehr, daß sie im Kokain Trost sucht und in höchster Verzweiflung einen Selbstmordversuch begeht.

Eine schmerzliche Haßliebe verbindet sie mit dem cholerischen, egoistischen Vater, der viele Liebschaften hat und ihr als Kind die Pflege der todkranken Mutter überläßt. Mit Milenas erster Liebe, dem deutschen Juden Pollak, kann sich der konservative tschechische Nationalist nicht abfinden. Er läßt seine Tochter in eine Nervenheilanstalt einsperren, um sie von Polak zu trennen. Als Milena gegen den Willen ihres Vaters heiratet, ist der Bruch perfekt.

Milena JesenskaIn ihrer finanziellen und psychischen Not kämpft Milena für Unabhängigkeit und Anerkennung. Die Tochter des angesehenen Prager Bürgers, die wie so viele Frauen keinen Beruf erlernt hat, schleppt auf Wiener Bahnhöfen Koffer, gibt Tschechisch-Unterricht und versucht sich schließlich als Journalistin.

In der kleinen liberalen tschechischen Zeitung "Tribuna" erscheint im Dezember 1919 ihre erste Wien-Reportage, aus einer Stadt am Rande des Abgrunds, wo Überfluß und bittere Armut dicht nebeneinander bestehen, wo die Massen das Elend, das "anderswo Demonstrationen, Geschrei, Proteste und vielleicht sogar eine Revolutionär ausüben würde " ... "in völliger Ruhe, mit halb stumpfer, halb humorvoller Resignation" ertragen, wo sich viele am blühenden Schleichhandel bereichern, wo "in den Lokalen und Spielbanken Hunderttausende verdient werden" und "15 Theater trotz enormer Preise täglich ausverkauft sind".

Bald wird Milena ständige Wien-Korrespondentin der "Tribuna", die auch auch Jaroslav Hasek und Egon Erwin Kisch zu ihren Feuilleton-Schreibern zählt. Die junge Journalistin entdeckt damals den deutschsprachigen Prager Schriftsteller Franz Kafka, der bis dahin den tschechischen Lesern kein Begriff ist. Die erste Übersetzung eines seiner Werke stammt aus ihrer Feder: "Der Heizer" erscheint im April 1920 in einer tschechischen Literaturzeitschrift.

Kafka vergleicht ihre Artikel mit Fontanes Reiseberichten

In den folgenden Jahren veröffentlicht Milena in der "Tribuna" Beiträge über das Leben in Wien, gesellschaftliche Plaudereien, Artikel über die Tagesereignisse, über Bücher, über Damenmode und ironische Betrachtungen über die Schwächen ihrer Zeitgenossen, die ihren Witz und ihre scharfe Beobachtungsgabe zeigen.

Kafka ist von ihren Feuilletons und Reportagen beeindruckt und kann ihre lebendige Sprache nicht genug loben. Er vergleicht ihre Artikel mit den Briefen und Reiseberichten Fontanes, der zu seinen Lieblingsschriftstellern gehört. Kafkas Freund, der Schriftsteller und Literaturkritiker Max Brod, erinnert sich, wie Kafka zum Zeitungsstand läuft, weil er es schon nicht mehr erwarten kann, in der neuesten Nummer der "Tribuna" einen Beitrag von Milena zu lesen.

milena-jesenskaIn einem Brief an Max Brod läßt Kafka seiner Bewunderung und seinen Ängsten freien Lauf: "Milena ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe, ein Feuer übrigens, das trotz allem nur für ihn brennt (Kafka meint damit Milenas Mann Ernst Polak). Dabei ist sie äußerst zart, mutig, klug und alles wirft sie in das Opfer hinein oder hat es, wenn man will, durch das Opfer erworben. Was für ein Mann allerdings auch er, der das erregen konnte."

Die Liebesbeziehung, die lange nur in dem Austausch von Briefen besteht, scheitert an der Angst Kafkas vor der sinnlichen und tatkräftigen Milena, an der Angst vor der Konkurrenz mit dem übermächtig scheinenden Polak. Er traut sich nicht zu, die energische, selbständige Frau ganz für sich zu gewinnen. Was er an ihr liebt, wird ihm zur Bedrohung und zum Verhängnis.

Milena kann sich nicht für Kafka entscheiden, weil sie von ihrem Mann nicht loskommt und sich dem Leben in strenger Askese, das sie an der Seite Kafkas erwartet, nicht unterwerfen will. In einem Brief vertraut sie sich Max Brod an: "In mir ... ist eine unbezwingbare, ja rasende Sehnsucht nach einem ganz anderen Leben, als ich es führe und als ich es je führen werde, nach einem Leben mit einem Kinde, nach einem Leben, das der Erde sehr nahe wäre. Und das wohl in mir über alles gesiegt, über die Liebe, über die Liebe zum Flug, über die Bewunderung und nochmals die Liebe."

Tiefes Verständnis sprechen noch 1924, lange Zeit nach der Trennung, aus Milenas Nachruf auf Kafka. Sie bezeichnet den großen Schriftsteller als einen Menschen von "wunderbarer Zartheit und erschreckender kompromißloser geistiger Subtilität ... Er war scheu, ängstlich, sanft und gut, schrieb aber grausame und schmerzhafte Bücher. Die Welt sah er voller unsichtbarer Dämonen, die den ungeschützten Menschen vernichten und zerreißen ... Alle seine Bücher schildern das Grauen heimlicher Mißverständnisse und unverschuldeter Schuld zwischen den Menschen. Er war ein Mensch und Künstler von so feinem Gewissen, daß er auch dort etwas spürte, wo sich andre, die nicht so empfindlich waren, ungefährdet fühlten."

Während ihres siebenjährigen Wien-Aufenthalts macht sich Milena als Journalistin einen Namen und kehrt nach Prag zurück, nachdem sie sich endlich von ihrem Mann getrennt hat. Sie schreibt weiter Feuilletons für "Tribuna" und "Národní Listy" und übersetzt Guillaume Apollinaire, Henri Barbusse, Paul Claudel, Romain Rolland und Jules Laforgue aus dem Französischen, G.K. Chesterton, R.L. Stevenson und Jonathan Swift aus dem Russischen, Maxim Gorki aus dem Russischen und Heinrich Mann, Franz Werfel und Rosa Luxemburg aus dem Deutschen.

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