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Mit immer mehr Morphium lindert sie ihre Schmerzen

Sie schließt sich einer Gruppe linker avantgardistischer Intellektueller, Dichter, Architekten, Maler, Filmregisseure, Musiker und Soziologen, an, die nach einer radikalen Erneuerung des geistigen Lebens streben. Endlich vom Provinzialismus der K.-u.K.-Monarchie befreit, soll sich die Tschechoslowakei der Welt öffnen und sich mit den zeitgenössischen Strömungen, vor allem aus Frankreich und der Sowjetunion, auseinandersetzen. Als Leiterin der Frauenseite von "Národní Listy" zieht Milena gegen das Diktat der Mode und alles Überflüssige zu Felde. Die neuen Ideale sind Einfachheit und Bescheidenheit, gesunde Lebensführung, richtige Ernährung und Sport.

milena-jesenskaIhre zweite Ehe mit dem Architekten Jaromír Krejcar scheint glücklich, bis Milena bei der so lange ersehnten Geburt ihrer Tochter schwer erkrankt. Mit immer größeren Dosis Morphium lindert sie ihre quälenden Schmerzen, so daß sie schließlich vom Rauschgift nicht mehr loskommt. Die Beziehung mit Krejcar zerbricht, "Národní Listy" setzt sie auf die Straße und ihre Freunde wenden sich von ihr ab. In großer finanzieller Not, entwurzelt, verlassen, leidend und drogensüchtig klammert sie sich an eine neue Hoffnung: Sie wird Mitglied der Kommunistischen Partei und propagiert in der Parteipresse die Losungen der Kommunistischen Internationale.

Mit der Zeit kommt die Ernüchterung. Sie spürt, daß die dogmatische, sektiererische Partei ihre Phantasie fesselt und ihr journalistisches Interesse lähmt. Unter dem Eindruck des Spanischen Bürgerkriegs und der Moskauer Schauprozesse bröckelt ihr Glaube an die Politik der Kommunisten langsam ab.

Nach dem Bruch mit der Kommunistischen Partei kann sich Milena beruflich und persönlich voll entfalten. Durch einen Kraftakt befreit sie sich von ihrer Morphiumsucht und stürzt sich in neue journalistische Aufgaben. Der Chefredakteur der liberal-demokratischen Wochenzeitschrift "Přítomnost", die mit Präsident Masaryks finanzieller Hilfe gegründet wurde, erinnert sich an Milena, und mit seiner Hilfe wird sie zu einer anerkannten Kommentatorin des tschechoslowaksichen politischen Geschehens.

Als politisch engagierte Journalistin erhebt sie ihre Stimme, um in die Ereignisse einzugreifen und die Menschen aufzurütteln. "Das Tageswerk des Reporters ähnelt häufig dem einer Hyäne. Mit dem Notizbuch in der Hand zieht er umher und notiert sich menschliches Elend, um in den Zeitungen davon zu berichten. Wenn er dies ohne ein Fünkchen Hoffnung tut, daß seine gedruckten Worte helfen können, ist er nicht einmal einen Händedruck wert".

Sie recherchiert in den Flüchtingslagern über die Schicksale der deutschen Emigranten, die in immer größerer Zahl in der Tschechoslowakei stranden, mit seelischen und körperlichen Narben, die Leid und Erniedrigungen zurückgelassen haben, und ruft zur Solidarität mit allen Gegnern des Hakenkreuzes auf. Sie prangert die Zustände in der Sowjetunion an, die den verfolgten Antifaschisten das erhoffte Asyl verweigert. Sie reist wiederholt ins Sudetenland, schildert das Spitzelunwesen, die Bedrohung und Verfolgung der Demokraten und die Indoktrination der Schulkinder durch die Naziideologie. Sie deckt auch schonungslos die Fehler der Vergangenheit auf, durch die Antifaschisten entzweit wurden.

Ihre Wohnung wird der Treffpunkt politisch Verfolgter

milena-jesenskaEnttäuschung, Trauer, Verzweiflung und Zorn sprechen aus ihren Artikeln nach der Abtretung des Sudetenlandes und dem Einmarsch der deutschen Truppen in Prag. Die Tage der freien Presse sind gezählt, und so nimmt sie Kontakt zu einer Widerstandsgruppe auf, die eine illegale Zeitung herausbringt. Ihre Wohnung wird Treffpunkt und Zuflucht politisch Verfolgter, die von dort aus über die Grenze nach Polen gebracht werden, um im Ausland den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu führen.

Viele rettet sie vor der Gefahr. Auch ihr Lebensgefährte Evžen Klinger, der als Jude besonders bedroht ist, verläßt mit ihrer Hilfe das Land. Sie selbst kann sich nicht zur Flucht entschließen, weil sie gebraucht wird und nicht in der Fremde leben will. "Milena, die immer ein blaues Kleid trug und jeden Neuankommenden mit einladender, großzügiger Geste ins Zimmer bat, beruhigte uns alle. Sie wirkte einfach dadurch, daß sie da war", schilderte ein Mitglied der Widerstandsgruppe ihre unerschütterliche Ruhe.

Nach dem Verbot der "Přítomnost" und der Verhaftung des Chefredakteurs zieht die Gestapo ihr Netz um Milena. Sie wird immer wieder verhört, dann ins Prager Gefängnis und von dort in ein Lager gebracht. Beim Prozeß in Dresden wird sie mangels an Beweisen freigesprochen. Aber die Nazi-Schergen lassen von, dieser unversöhnlichen Gegnerin nicht ab. Sie wird zur "Umerziehung" in das Frauen-KZ-Ravensbrück verschleppt. Mit einem schmerzhaften Rheumatismus kommt die unterernährte Milena in das Lager, in dem 1940 bereits 5000 Frauen hausen, von denen viele an Typhus, Scharlach, Diphtherie, Hunger und Kälte sterben.

Sie  beherrschte perfekt die heikle Kunst des Fragens


Milenas Lust an der journalistischen Recherche kann auch das unmenschliche Lagerleben und die Krankheit nicht ersticken. Sie interessiert sich für den Lebensweg der Häftlinge und lernt dabei die ehemalige Kommunistin Margarete Buber-Neumann kennen, die man im sowjetischen Exil verhaftet, verurteilt und später an die Gestapo ausgeliefert hat. "Schon die ersten Fragen, die sie stellte, verrieten mir etwas über ihre beruflichen Fähigkeiten", schildert Buber-Neumann. "Ich habe weder vorher oder nachher einen Journalisten getroffen, der die heikle Kunst des Befragens so vollkommen beherrscht hätte wie sie."

Die beiden Frauen schmieden Pläne: Sollten sie aus der Hölle des Lagers entkommen, werden sie ein Buch über das Leben in sowjetischen und deutschen Lagern schreiben. Das ist Milena nicht mehr vergönnt. Sie stirbt im Mai 1944 im Alter von 48 Jahren an einer eitrigen Nierenentzündung, geschwächt durch den Hunger, die Kälte und die Sehnsucht nach ihrer Tochter und ihrem Vater, mit dem sie endlich Frieden geschlossen hat. Um sie trauern unzählige Häftlinge, für die sich in der Schreibstube des Krankenvereins unerschrocken eingesetzt hat.