Milena Jesenská, Prager Hinterhöfe im FrühlingAdieu, Jules Romains!

Essay von Milena Jesenská

Přítomnost, 1.2.1939, ins Deutsche übersetzt von Kristina Kallert (aus dem Buch Prager Hinterhöfe im Frühling, Feuilletons und Reportagen 1919-1939, herausgegeben von Alena Wagnerová, Wallstein Verlag 2020, Seite 378 - 382)

 

Ich fühle mich berufen, Ihnen zu schreiben, und gerade weil ich unter meinem Brief nur einen unbekannen Namen setzen kann. Von den Politikern, Dichtern  und Vertretern unserer kulturellen Öffentlichkeit, mit denen sie im vergangenen Frühjahr auf die französisch-tschechische Allianz anstießen, sind Ihnen, wie Sie schreiben, viele Polemiken, Artikel, Memoranden, ja auch Gedichte zugegangen. Ich bin kein Politiker, ich kann Ihnen nur einen rein persönlichen Brief schreiben. Vor einem halben Jahr hätte ich das wohl kaum gewagt. Ich dachte immer, Politik sei ein Geschäft für gelernte Politiker, und wir Übrigen tun gut daran, uns in diese komplizierte Sache, die wir so wenig verstehen, nicht einzumischen. Tage kamen, die, wie Sie schreiben, Frankreich Milliarden gekostet haben – und seinen Verbündeten, die Tschechoslowakeit, noch einiges mehr. In diesen Tagen ist mir bewusst geworden, dass Politik in einem Menschenleben ebenso wichtig ist wie die Liebe. Sie reicht bis an die Haut, legt sich wie ein Hemd um den Körper, greift dir ans Herz wie deine innersten Gefühle. In diesen Tagen dachte ich an meinen besten Freund, der stehts behauptete, politische Artikel müsse man schreiben wie Liebesbriefe  – mit der gleichen inbrünstigen Intimität, dem gleichen Ernst und einer ebenso fiebernden Ungeduld. Sonst wären es keine politischen Artikel, sondern Papier, das kaltlässt. Und solange die ganz und gar Unpolitischen die »Politik« – also das, was geschieht – nicht als ebenso wichtig für sich erachten wie die Angelegenheit ihres Privatlebens, so lang wird sich die große Masse gleichgültig zwischen den Ereignissen dahinwälzen und sich nicht klarmachen, dass diese Ereignisse bis unter ihr Dach reichen, bis an die Schüsseln, in die sie mittags ihre Suppe gießen. So sei es mir gestattet, Ihnen zu schreiben, mir, einer namenlosen Angehörigen des tschechischen Volkes und einer Ihrer Leserinnen, in deren Leben Sie – der Schriftsteller – eine große Rolle gespielt haben.

 

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Ich gehöre der Generation an, die in ihren Jugendjahren die Jahrhundertwende erlebt hat. Mein Gott, was waren wir für eine Generation! »Schöngeister« hat man uns genannt, in der Tat zu Recht. Wir haben von und mit der Kultur gelebt, haben sie verschlungen, haben uns damit geradezu gemästet. Auf den Spaziergängen am Ufer flüsterten wir uns Březinas Verse zu. Kannten jeden Takt jeder klassischen Sinfonie und der Kammermusik. Lasen Dostojevskij,  Čechov, Turgenev, Flaubert mit derselben Begeisterung wie die heutige Jugend Kriminialromane liest. Wir lasen nächtelang, hörten abendlang Musik und kamen aus dieser Art Verzauberung nicht mehr heraus. Das gewöhnliche Leben fanden wir allzu und rau für unsere empfindsamen, hehren Seelen. Sorgsam mieden wir, was nach Schweiß roch, nach menschlicher Schinderei und überhaupt nach Mensch. Ein Mensch war für uns die ein oder andere Figur aus einem berühmten Roman und dann natürlich: wir, die Auserwählten. Wir lebten in einem nebolösen Rausch kultureller Schönheit. Die ersten Schläge des Krieges krachten störend in unsere Träume. Wir waren Ausländer gewohnt, die durch Prag spazierten und sagten: Hübsches Mädel, Busserl, das war alles, was sie auf Tschechisch zustande brachten. In den ersten Kriegstagen lernten wir Ausländer kennen, die nur ein einziges tschechisches Wörtchen kannten: bolí – es tut weh. In den Wartesälen der Bahnhöfe lagen Verletzte, die Krankenhäuser waren voll mit zerschossenen Leibern, jämmerliche, eiternde Elementarteilchen menschlichen Lebens. Wir erwachten in eine entsetzliche Wirklichkeit.

   Und in diesem ersten klaren Erwachen der so empfindsamen Menschen erreichte uns Ihr Buch: »Sur le quais de la Villette«. Pariser Vorstädte, Streik. Angriff der Autobusse. Anders als in der Literatur, die wir kannten, ging es dort nicht um die Seele des Menschen, hier setzte sich die Straße in Bewegung. Generalstreik, in geordneter Formation fuhren Autobusse gegen einen Polizeiabsperrung, und der Mensch, der das vorantrieb, war ein Chaffeur. Nicht einer, Hunderte. Die Straße, die Busse und das Volk – das haben Sie uns gebracht. Von da an haben wir nicht nur die Ausnahmemenschen, sondern auch das gewöhnliche Volk gesehen. Sie haben uns gelehrt, dass jeder Mensch eine Ausnahme ist und dass die Scharen dieser Ausnahmemenschen das Volk sind. Sie haben den Schleier der Schöngeistigkeit zerrissen, haben ein mächtiges Loch hineingehauen, und vor uns weiteten sich Horizonte. Ich sage nicht, dass Sie mehr getan haben. Aber für uns war das unendlich viel. Wir waren empfänglich und liebten die Wahrheit. Wir haben uns auf die Suche nach ihr gemacht.

   Ich hatte schon immer eine große Liebe für die Gesichter von Menschen. Es ist etwas Staunenswertes darin, und versteht man in einem Gesicht zu lesen, ist es ein kleines Wunder.  An die Wand meines Studentenzimmers habe ich mir oft Fotografien von Menschen gehängt, die ich nicht kannte: ihre Gesichter gefielen mir. Auch Ihr Bild, Meister. Ein grob modelliertes Gesicht und eine große Höckernase, kühner Blick und dichtes schwarzes Haar. Hinter Ihnen eine Unmenge Bücher und vor Ihnen ein Schrebitisch. So ein Bild an der Wand ist für den Zimmerbewohner fast wie ein Freund – oder Kumpan, wenn Sie so wollen. Sie freuen sich und schauen es an. Sie weinen und schauen es an. Es ist ein Stück von Ihnen, es drückt etwas von Ihnen aus – zumindest meinen Sie, dass es so ist. Bei mir war es die ungemein schmerzhafte und schwere Rückkehr aus einem fünfzehnjährigen Traum auf den Boden der Erde. Und außerdem waren Sie für mich – wie für viele – Mut, Glaubwürdigkeit und Kühnheit in Person. Ihr Bild hing an besagter Stelle, bis –

 

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Vor einigen Tagen las ich in der Přítomnost Ihre Verteidigung. Wäre ich Politiker, würde ich – sofern bekannt – alle Fakten im Zusammenhang mit den Septemberereignissen auflisten, in der Hoffnung, dass eine so glasklare Sache dann auch Ihnen deutlich wird. Aber ich bin kein Politiker. Ich bin Angehörige einer kleinen Nation, die von der Politik betroffen ist. Ich kann Ihnen nicht politisch, sondern nur privat antworten und kann Ihnen das sagen, was Ihnen jeder andere dieser Nation auch sagen würde. Wir sind eine tapfere und hochentwickelte Nation – jedoch eine kleine. Kleine Nationen haben viele Katastrophen überstanden, einfach und allein deswegen, weil sie klein sind. Jeder von uns nimmt das als selbstverständlichste Sache des Lebens. Und gerade weil wir uns dessen bewusst sind, ließe sich keinem von uns einreden, dass eine Großmacht aus Liebe zu uns ein Bündnis mit uns schließt. Es mag Sympathien zwischen einzelnen Staaten geben und vielleicht auch Verbindendes. Aber weder das eine noch das andere reicht für eine militärische Allianz. Dazu bedarf es gemeinsamer Interessen und einer gemeinsamen Sache. Wenn Frankreich bereit war, ein Bündnis mit uns zu schließen, so hatte Frankreich Interesse an diesem Bündnis mit uns. Jeder Bauersmann und jeder Flickschuster bei uns wird Ihnen das sagen. Wenn Frankreich uns dann im entscheidenden Augenblick nicht zur Seite stand, hat es uns verraten. Das heißt: vor allem sich selbst. Wenn das französische Volk nämlich behauptet, dass es nicht nötig wäre, wegen drei Millionen Deutschen, die in ihr Vaterland zurückwollen, Krieg zu führen, so ist das ein Irrtum, denn vielleicht wäre es ja nötig, für viele Millionen Franzosen und für ganz Frankreich in den Krieg zu ziehen. Solange Sie, Meister, die Septembertage als Katastrophe bezeichnen, die Frankreich ereilt hat – so lange bleibt Ihre Verteidigung gegenstandslos.

   Das Politische mögen andere mit Ihnen erörtern. Aber die Wahrheit dieses ganzen Geschehens ist zu teuer bezahlt, als dass wir sie nicht klar und deutlich sehen und nicht die persönliche Notwendigkeit einer Entgegnung verspürten.

   Sie sprechen von der Moral unseres und von der Moral des französischen Volks. Kein Volk auf der Welt liebt den Krieg. Jeder Mensch auf Erden hat Angst vor ihm. Lebendige lieben das Leben – nicht das Sterben. In diesen Septembertagen sind wir, und teilweise auch die Franzosen eingerückt: Keiner von uns wollte sterben. Und doch sind wir beide mit Selbstverständlichkeit tapfer eingerückt. Während wir aber kampflos wieder abzogen, habt ihr gelacht und gejubelt – und wir haben geweint. Ihr habt gejubelt, weil man euch erlaubt hat zu leben. Das mag verstehen, wer will. Wir jedenfalls nicht – wir haben geweint, weil es uns verwehrt war zu sterben – für unsere gemeinsame tschechisch-französische Sache, Meister.

   Inzwischen hat sich bei uns vieles verändert. Das Volk ist sensibel und hat ein erstaunliches Gespür. Es verzeiht viel leichter offene Feindschaft als beschönigten Verrat. Unser Mann vom Dorf oder in der Farbrik sagt heute über die Deutschen: Die haben den Bogen raus, bei allem, was recht ist. Und über die Franzosen: Ach, ich sage es lieber nicht. Ich weiß nicht, ob diese Nachricht sie freuen wird.

   Adieu, Jules Romains.

 

 

 

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