Es ist nicht gut,
sich auf etwas zu freuen

 Vorfreude

Milena Jesenská

Aus dem Tschechischen Reinhard Fischer
Národní Listy, 22. August 1926

 

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass wir eigentlich nichts anderes tun, als unser Leben in Vorfreude zu verbringen, und dass wir nicht leben können, ohne uns auf etwas zu freuen? Im Winter freuen wir uns auf den Frühling, und wir zaubern uns die Schönheit warmer Abende und die Herrlichkeiten der Sommersonne am Wasser vor Augen. Im Sommer schmieden wir Pläne für einen Skiausflug, stellen uns mit heimlicher Wonne einen geheizten Kachelofen, eine Stehlampe und ein liebes Buch vor, denken an Winterstimmungen im Schnee und an den Reiz eines grauen, verhangenen Himmels.

 Schnee

Wir freuen uns auf ein Kleid, das wir bekommen werden, auf ein Konzert, das wir besuchen werden, auf eine Stadt, die wir sehen werden und auf ein Wiedersehen, das vor uns liegt. Als ich ein kleines Mädchen war, freute ich mich unbändig – »auf das Leben«. Ich erwartete, dass auf einmal, ganz plötzlich, ganz unversehens das Leben beginnen würde. Ein Vorhang öffnet sich, und nun kommt das Leben. Es kam nichts, und es kamen viele Dinge, aber es war nicht das Richtige, irgendwie war es nicht das Leben, ich merkte nicht einmal, dass ich kein kleines Mädchen mehr war und mich immer noch auf das Leben freute, immer noch darauf wartete.

Dagegen war es längst das Leben, auch damals schon, als ich klein war und mich darauf freute. Dinge und Ereignisse, auf die ich mich freute, zogen nacheinander vorüber und waren bei weitem nicht so schön wie die Freude darauf und wurden erst in der Erinnerung wieder schön und in der neuen Freude auf ihre Wiederholung. Manchmal scheint mir, wir leben am Rande einer Versenkung, in die unsere Gegenwart fällt. Wir sind über die Vergangenheit unterrichtet und befassen uns überflüssigerweise mit ihr, ohne sie je erraten oder lenken zu können. Das Einzige, worüber wir nichts wissen, ist die Gegenwart, der heutige Nachmittag, die Stunde, in der wir uns befinden.

Stunde

Wir hüten die Vergangenheit als Schatz und berechnen die Zukunft, aber vergeuden die Gegenwart auf hoffnungslose Weise. Es dringt kaum bis in unser Bewusstsein, dass sie das Leben ist, und allein sie. Wir kochen Tee und meinen, das sei nur ein Zwischenspiel zwischen etwas, was war und was sein wird. In Wahrheit ist es nicht so, sondern das ist das Leben. Etwas anderes ist das Leben nicht. Es ist ruhmlos, gewöhnlich und voller Enttäuschungen, es ist nämlich eine einzige große Enttäuschung, ist das ewige Sitzen im Wartesaal, das Warten auf einen Schnellzug, der nie kommt. Aber diese Waldlichtung mit Heidekraut, Sand und spärlichen Kiefern, durch deren Kronen die Sonne scheint, ist wunderbar schön, dummes Herz, denke jetzt nicht an einen Mann, der dich entweder zu wenig oder zu sehr liebt, denke nicht an einen neuen Mantel mit gebrauchtem Futterstoff und die Notwendigkeit, ans Steueramt zu schreiben, denke an das, was du siehst.

Jetzt

Denke einzig und allein daran, erfasse es gänzlich, vergiss alles andere, sei weder traurig noch fröhlich, auch nicht glücklich oder sehnsüchtig, das ist alles Unsinn, sei jetzt gegenwärtig und sei fähig, mein Gott, sei fähig, nur diese Stunde zu sehen und alles auszukosten, was sie in sich birgt. Sei fähig, die Kette aus Angst, Unsicherheit, Schmerz, Unzufriedenheit und Sehnsucht zu zerreißen, ganz einfach: sei. Niemand wird dir je ersetzen, was dir gerade entflogen ist, aber über den heutigen Schmerz wirst du morgen lachen. Du hast noch nie etwas erlebt, was du tags darauf nicht in anderem Lichte gesehen hättest und am nächsten Tag wieder in anderem, man kann sich also darauf verlassen: Was dir alles so todwichtig vorkommt, ist es nicht. Wenn du deine Sorgen so ernst nimmst, vergisst du leichtsinnig die gegenwärtige Stunde, und sie allein ist in deinem Leben todwichtig, unwiederbringlich verloren und unersetzlich vertan.

 

Ich las diesen Artikel von Milena Jesenská, der in dem Buch »Křižovatky, Výbor z díla«, Torst, unter »Není dobře těšiti se na něco« angeführt, jedoch nicht abgedruckt ist in dem Buch "Alles ist Leben, Feuilletons und Reportagen 1919 - 1939" Verlag Neue Kritik, Herausgegeben von Dorothea Rein, Fünfte veränderte Auflage 2008, © Jan R. Černý, 10. August 2025, Milena Findeis 

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