Das elektrische Herz

Peter Stephan Jungk legt mit dem Roman “Das elektrische Herz” sein erstes Prosawerk seit “Die Reise über den Hudson” (2005) vor.

Max David Villanders, ein erfolgreicher Dramatiker, dessen Werke international aufgeführt werden, hat seit Jahren kein neues Stück mehr verfasst. Er leidet seit seiner Jugend unter Herzproblemen: ein Geburtsfehler verursacht Herzrasen und Rhythmusstörungen, er muss sich Operationen am offenen Herzen unterziehen. Villanders spricht mit seinem Herzen und sein Herz spricht mit ihm. Die beiden beschließen, gemeinsam ein Buch zu verfassen - Max lässt sich von seinem Herzen die gemeinsame Lebensgeschichte diktieren, zeichnet dabei zugleich die Saga eines langsamen Heilungsprozesses nach. Das elektrische Herz wird in all seinen Facetten lebendig: es ist nicht zuletzt der Liebeshort, der Ort aller Verwirrungen und Verirrungen. Nicht Max ist schuld, dass er sich immer wieder neu verlieben muss, sein Herz verführt ihn stets und lenkt ihn ab. Als es sich während der Arbeit an ihrem gemeinsamen Buch in eine kabylische Briefträgerin verliebt, erhält die gemeinsame Arbeit eine neue Dimension: die junge Frau ist nur dann bereit, sich jemals mit ihnen einzulassen, wenn sie ihr ausnahmslos alle bisherigen Liebesabenteuer gestehen. Erst nach Abschluss der Bucharbeit, so der Pakt, und erst nachdem Farah das Werk gelesen und studiert haben wird, erhält das Herz vielleicht eine Chance, die Briefträgerin seiner Träume zu erobern.



Das elektrische Herz“DAS ELEKTRISCHE HERZ”
VON PETER STEPHAN JUNGK

(Buchauszug)
Wir haben Japan geliebt, du und ich, obwohl wir mit unseren nervenaufreibenden Eltern und der weinenden, hungrigen, durstigen, schon damals ewig unzufriedenen Vivien reisten. Die Weltausstellung, und Tokyo, Kyoto, Hiroshima, Kobe. Das kleine Landgasthaus in den Bergen, nahe Koguchi, wo die alte Wirtin im durchlöcherten Kimono das Fleisch mit Tannennadeln abgebraten hat, auf einem winzigen Gasbrenner - neben den Tatamis, auf dem Schlafzimmerboden hockend. Ich spüre den Duft noch heute um mich, wie einen Gedankenmantel.

Weiterflug nach Amerika, Vater nahm in Santa Barbara an Tagen des politischen Films teil. Wir wohnten unter hohen Palmen, am hellen Strand. Als du am ersten Abend das Restaurant des Luxushotels “Biltmore” betratest, in deinem Bluejeans-Anzug und mit den schulterlangen, wenn auch seidig gewaschenen Haaren, deiner Freakflag, wurdest du vom Maitre d’Hôtel sofort abgewiesen: “No way!” Du bliebst stumm. Warst du feige, oder nur eingeschüchtert? Deine Stille hat mich enttäuscht, das weiß ich noch. Die Eltern hingegen stritten mit dem Personal. Festivalteilnehmer umringten uns, wollten wissen, was denn geschehen sei? Ich schlug mit voller Kraft gegen dein Brustbein, ich raubte dir den Atem. Ich zwang deinen Oberkörper in die für dich so typische Haltung des Gebeugten, des Geschwächten. Der Disput eskalierte. Eine ältere Frau mischte sich ein, ihre Stimme gefiel mir sofort.

- Daran hatte ich ganz vergessen.

- Alles, was wir jemals erlebt haben, du und ich, bleibt in mich eingeschrieben, wird dort aufbewahrt bis zum Tag unseres Todes.

- Und die Dame? Wer war sie?

- Elisabeth Mann Borgese, Meeresforscherin, Umweltschützerin der ersten Stunde. Thomas Manns Lieblingstochter lebte seit Jahrzehnten in Santa Barbara, sie verlangte den Hoteldirektor zu sprechen. Er ließ sich verleugnen.

- Was hat das mit unserer Geschichte zu tun?

- Nicht alle Wege führen zum Ziel. Ungeduld macht krank.

- Ich gedulde mich.

 

Madame Borgese meinte: “Einfach an einen der Tische setzen und kühl lächelnd zu Essen bestellen.” Unter der Bedienung herrschte Unruhe, keiner wusste, wie er sich zu verhalten habe, alle wandten sich zum Oberkellner und zum Maître d’H. um. Du wurdest satt, an jenem Abend. Von den Nebentischen kamen die Leute und brachten dir, was du nur wünschtest. Am nächsten Morgen Übersiedlung in eine Ranch hoch über der Bucht von Santa Barbara. Ein paradiesischer Ort. Die Mehrzahl der Festivalteilnehmer verließ aus Protest gegen deinen Beinahe-Hinauswurf das Hotel, einige brachte Elisabeth in ihrem Haus unter, andere zogen zu dir und deinen Eltern, nach Montecito, in die San Ysidro Ranch. Der Duft nach Orangen- und Zitronenblüten auf dem Hügel dort!

Ein Freiluftkonzert in Montecito, auch hier warst du eingeraucht - während Jethro Tull live spielten. Du hast immer nach Gras- und Hasch-Rauchern gesucht, erinnerst du dich? Überall, auf Schritt und Tritt. Und hast sie immer gefunden, die damaligen Deinesgleichen. Du teiltest ein kleines Stück vom Haschisch-Eck, das du in der Jackentasche trugst, bist im Schneidersitz in der Wiese gesessen und warst selig. Nicht zuletzt, weil ich dir ausnahmsweise Ruhe gab. Der Rauch der Purpfeife hat dich zu permanentem Gelächter verführt. Ein Wunder, dass unsere Eltern dich gewähren, dich je aus den Augen ließen, in der Zeit meiner so häufigen Attacken.

Der Besuch im Haus Stefan Lackners, am weißen Strand von Santa Barbara. Vaters Freund besaß die größte Sammlung der Gemälde Max Beckmanns, den er als Halbgott beschrieb, als Teufel zugleich. Du bist dort im Wohnsalon gesessen, Beckmanns Werke umringten, umzingelten dich, du wusstest oben und unten nicht mehr zu unterscheiden.

 

- Du verzettelst dich, mein Herz. Gibst jeder Regung nach. Du ähnelst meiner Mutter. Du ähnelst meiner Schwester. Du ähnelst den Frauen.

- Ich bin das Weibliche in dir, an dir, natürlich bin ich das.

- Du bist ein Dybbuk, der mir innewohnt, der mich beißt, der mich quält und ängstigt, der mir niemals Frieden lassen wird.

- Erst seit ich begonnen habe, dir unsere Geschichte zuzumurmeln, begreife ich, warum wir bis heute so selten im Einklang waren, du und ich.

- Wir sind Feinde und Verbündete zugleich.

- Nein: ich bin dein Doppelgänger.

 


Roman

Das elektrische Herz
Erscheinungsdatum: 07.02.2011
Fester Einband, 192 Seiten

ISBN 978-3-552-05527-8
Zsolnay