Joana Radzyner im Gespräch mit 

Bahaa Taher

Die erste literarische Auszeichnung in seiner Heimat Ägypten  erhielt er erst mit dreiundsechzig Jahren. Unter Anwar Sadat wegen seiner Kritik am Zustand der Demokratie am Nil politisch  mundtot gemacht und mit Berufsverbot belegt , hatte der vorlaute Kulturjournalist Bahaa Taher bis Mitte der Neunzehn neunziger  Jahre als Übersetzer  im Schweizer Exil gelebt. Seine Romane entstanden nächtens, wenn ihn das Heimweh plagte. Joana Radzyner hat den inzwischen international anerkannten , fließend französisch und englisch sprechenden Schriftsteller am Rande des diesjährigen  „Prague Writers Festival“  in der tschechischen Hauptstadt getroffen.

bahaa-taherTag für Tag ein Schock

 Von Joana Radzyner (Erstveröffentlichung "Die Presse"), 15.08.2010

„Mittlerweile passieren Dinge, von denen man vor zehn Jahren nicht einmal albträumen konnte.“ Der ägyptische Autor Bahaa Taher über die politische Lage in seiner Heimat, den Islamismus, Nasser, Sadat und seine Jahre im Exil.

Mit dem ägyptischen Staatspreis für Literatur 1998 hat sich Ihr Leben schlagartig verändert. Aus dem politisch mundtot gemachten, 1975 mit Berufsverbot belegten Exilschriftsteller wurde nach 20 Jahren über Nacht ein gefeierter Nationaldichter. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass Sie sich noch immer verfolgt fühlen. Stimmt dieser Eindruck?

Das mag schon sein. Aber das spielt sich nur im Kopf ab. Ein alter Reflex. Es gibt heute ja gar keinen logischen Grund mehr für das Aufkommen solcher Gefühle. Ich kann heute ganz offen sprechen und meine Regierung kritisieren, wie es mir beliebt. Im Übrigen habe ich mir schon immer das Recht genommen, meine Meinung zu äußern, und wäre auch heute noch bereit, alle Konsequenzen in Kauf zu nehmen. Ich bin wahrscheinlich zu alt, um mich noch zu ändern, und es wäre auch zwecklos. Ich war schon bei so vielen oppositionellen Bewegungen und Demonstrationen in Ägypten dabei, dass mich jeder Polizist auf der Straße kennt.

In Ihrer Kindheit war Ägypten noch eine Monarchie, das Sagen hatten die britischen Kolonialherren. Der Staatsstreich der „freien Offiziere“ vom Juli 1952, der dem Militär und namentlich dem jungen Oberst Gamal Abdel Nasser den Weg an die Macht ebnete und Ägypten zur Republik machte, hat Sie als damals 17-Jährigen begeistert. Versprochen wurden nationale Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit und freier Zugang zur Bildung, was auch Ihnen als Lehrersohn ein Geschichtsstudium ermöglichte. Trotzdem fielen Sie später als angesehener Kulturredakteur beim ägyptischen Radio politisch in Ungnade. Wieso?

Zu dieser Entwicklung kam es erst unter Präsident Nassers Nachfolger, Anwar Sadat, für dessen Leute ich ein gefährlicher Linker war, der im Radio kommunistisches Gedankengut propagierte. Das stimmte freilich nicht. Wahr ist vielmehr, dass ich Nassers Idealen treu geblieben war. Ich wollte Demokratie, nationale Unabhängigkeit, soziale Gerechtigkeit, die Gleichstellung von Mann und Frau und so weiter. Aber schon Nasser distanzierte sich im Lauf der Zeit immer mehr von diesen Idealen. Vom wichtigsten Ziel der Revolution, der Einführung der Demokratie, war in der Praxis sehr schnell keine Rede mehr. Unter Sadat hat sich die Lage noch verschlimmert.

Aber die Verstaatlichung als Mittel der Umverteilung wurde doch im großen Stil durchgeführt?

Das lässt sich nicht abstreiten. Meine Kritik betraf die praktische Umsetzung, die korrupten Bürokraten überlassen wurde und das Vertrauen der Bevölkerung in die junge Demokratie erschütterte.

1975 haben Sie Ihre Heimat verlassen. Freiwillig?

Wenn man es genau nimmt, hat mich niemand ausdrücklich zur Ausreise gezwungen. Die Machthaber wären umgekehrt sogar froh gewesen zu sehen, wie ich allmählich verhungere, denn unter Sadat wurde das Regime perfider als unter Nasser, wo unliebsame Leute noch ins Gefängnis gesteckt wurden. Sadats Leute haben mir nicht einmal gekündigt. Aber es reichte schon, dass sie mich beim ägyptischen Staatsrundfunk auf ein Drittel meines früheren Gehalts reduzierten und mich mit Schreibverbot in Zeitungen und Magazinen belegten. Noch perfider war es, mir anzudeuten, dass es für mich noch eine Chance gebe: Ich hätte vor ihnen in die Knie gehen sollen. Einige meiner Schicksalsgenossen haben sich aus Angst, verhungern zu müssen, auf diese Art brechen lassen. Ich aber habe es nicht über mich gebracht und beschloss nach acht Monaten, meinen Englischkenntnissen zu vertrauen und mich bei der UNO als Übersetzer zu bewerben. Ich ging in die Schweiz und machte als Dolmetscher Karriere. Das Schreiben ging nebenher.

Gab es keine Solidaritätsaktionen?


Ich erhielt große Unterstützung von den Schriftstellerkollegen. Aber was hätten diese Proteste schon ausrichten können?

Ist das nicht eine sehr entmutigende Feststellung, wo Sie doch immerzu betonen, dass die Schriftsteller das „Gewissen der Gesellschaft“ sind?


Für Ägypten gilt diese Behauptung zweifellos. Hier sind die Intellektuellen und Schriftsteller schon seit zwei Jahrhunderten die Träger des politischen Wandels, und diese Tradition setzte sich auch bei allen Protestbewegungen der jüngsten Zeit fort. So bin ich beispielsweise Gründungsmitglied der liberalen, für demokratischen Pluralismus kämpfenden Bewegung „Kifaya“. Die Frage ist nur, warum dieser und anderen Oppositionsbewegungen der vergangenen Jahre kein Erfolg mehr beschieden war. Die Antwort ist sehr einfach. In den vergangenen 40, 50 Jahren ist es den Machthabern gelungen, uns Schriftsteller und Intellektuelle zu marginalisieren und von der Gesellschaft zu isolieren. Die Methode war simpel, aber perfid. Es reichte, erlogene Anschuldigungen in die Welt zu setzen und Verleumdungskampagnen zu starten, um unliebsame Kritiker zu diffamieren und ihrer Glaubwürdigkeit zu berauben. Diese Politik erwies sich als sehr erfolgreich, zumal sich ein paar Intellektuelle wirklich kompromittieren ließen. Sie waren einfach zu schwach, um das Zuckerbrot, das die Machthaber ihnen reichten, nicht anzunehmen. Vor diesem Hintergrund ist es freilich kein Wunder, dass die Gesellschaft von allen Intellektuellen enttäuscht war und ihnen das Vertrauen entzog.

Der Konflikt des Intellektuellen mit der Macht und der unvermeidliche Verlust seiner Illusionen sind auch immer wiederkehrende Themen in Ihren Romanen, die oft in früheren Jahrhunderten der ägyptischen Geschichte angesiedelt sind. Aber spätestens in Ihrem auch ins Deutsche übersetzten Roman „Tante Safija und das Kloster“ wird auch eine weitere Konstante in Ihrem Werk sichtbar – das schwierige Verhältnis zwischen der arabischen Welt und dem Westen. Sie selber pendeln ja seit Langem zwischen der Schweiz und Ägypten, Ihre zweite Frau stammt aus Bulgarien. Fühlen Sie sich von Ihren Schriftstellerkollegen im Westen verstanden?

Ich frage mich oft, ob meine westlichen Kollegen sich selber verstehen . . . Aber Spaß beiseite: Selbstverständlich sind auch wir Schriftsteller sehr verschieden, und das ist gut so, sonst hätten wir ja Diktatur. Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass sie sich von der Gesellschaft, in der sie leben, auch dann nicht abkapseln können, wenn sie sich wie manche westliche Kollegen darum bemühen. Meiner Ansicht nach ist es gar nicht möglich, im luftleeren Raum zu schreiben. Deshalb halte ich es für unsere universelle Verpflichtung, gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen. Wir könnten doch beispielsweise gemeinsam gegen die „Kleptokratie“ anschreiben, eine Plage, die schon die alten Griechen kannten und die heute bei Weitem nicht nur Regierungen der Dritten Welt auszeichnet. Auch in den ältesten westlichen Demokratien sitzen Leute an den Hebeln der Macht, die das Blut des Volkes aussaugen. Und die Korruption erleichtert diesen Dieben noch das Geschäft . . .

In Ägypten ist man von demokratischen Spielregeln noch sehr weit entfernt. Könnte die Präsidentenwahl 2011 einen politischen Durchbruch herbeiführen und eine sechste Amtsperiode des allmächtigen, seit 1981 autoritär regierenden Präsidenten, Hosni Mubarak, verhindern? Der frühere Präsident der Internationalen Atomenergiebehörde und Friedensnobelpreisträger El Baradei, der anfänglich mit einer Kandidatur liebäugelte, scheint ja bereits zurückgezogen zu haben.

Er begründete seine Entscheidung damit, dass die jüngsten Senatswahlen gefälscht wurden und deshalb auch die Präsidentenwahl nicht fair ablaufen würde. Nun ja, El Baradei ist ein grundehrlicher, anständiger Mann, aber er ist zu idealistisch. Die Freiheit bekommt man nicht auf dem silbernen Tablett serviert. Um die Freiheit muss man kämpfen.

Kampferprobt ist sicherlich der erst 46-jährige studierte Jurist und Historiker Aiman Nour, der 2004 die oppositionelle Partei al-Ghad gründete und bei der vergangenen Präsidentenwahl mit immerhin sieben Prozent der Stimmen das beste Ergebnis von allen Oppositionskandidaten erzielte. Unter fadenscheinigen Gründen brachten ihn kurze Zeit später Mubaraks Leute hinter Schloss und Riegel, er ist seit anderthalb Jahren allerdings wieder in Freiheit. Wie sehen Sie denn Nours Chancen, Mubarak zu beerben?

Nour hat nicht das Zeug für einen politischen Leader. Er ist zu bescheiden und allzu besonnen. Ich bin grundsätzlich ein Optimist, aber ich habe nur wenig Hoffnung, dass es in nächster Zeit gelingt, das Regime zu stürzen. Einerseits denken sich die Menschen bei uns, dass jede Alternative besser wäre als Mubarak. Aber wenn sie daran denken, dass die fundamentalistische Muslimbruderschaft an die Macht kommen könnte, die Mubarak seit Jahren mit aller Macht unterdrückt, ist ihnen das Mubarakregime doch noch lieber. Das ist ein furchtbares Dilemma, denn unsere Gesellschaft hat sich doch gerade in Mubaraks Amtszeit politisch radikalisiert. Niemand kann voraussehen, wie sich die Geschichte entwickeln wird.

Wo bleibt hier die Jugend Ägyptens? Wo sind die Studenten
?

In meiner Jugend gab es noch die Strahlkraft von Marxismus und Nationalismus. Heute sind beide Ideologien diskreditiert. Woran sollen die jungen Menschen noch glauben? Wer den Status quo ändern will, sieht heute nur noch im Islam und in einer religiösen Erneuerung Sinn – eine logische Reaktion auf die Enttäuschung über alle anderen politischen und ideologischen Optionen.

Wie gefährlich ist der Vormarsch des Islam für die alteingesessene christliche Minderheit im Land?


Über lange Jahrhunderte war ein friedliches Zusammenleben möglich, warum sollte sich das über Nacht ändern? Wenn nicht Kräfte von außen Hass zu säen beginnen, sehe ich keinen Grund für eine Eskalation. Aber selbstverständlich kann Armut irrationale Entwicklungen lostreten. Wo keine Hoffnung mehr ist, da können die Menschen auch für Fanatismus empfänglich werden.

Sie bezeichnen sich selbst als optimistisch. Aber das spiegelt sich weder in Ihren Romanen wider noch in unserem Gespräch.


Fast täglich erlebe ich einen Schock, wenn ich die Zeitung lese. Mittlerweile passieren Dinge, von denen man vor zehn Jahren nicht einmal albträumen konnte. Für mich ist das allerdings nur ein weiteres Argument für die Notwendigkeit, den Kampf gegen die etablierte Ordnung fortzusetzen.

 

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