Bewusstsein

 

Manuskript "Zufall, Chaos, Sinn"
Nachdenken über Gott und die Welt

©Rupert Riedl, 1999

So bescheiden sich das Bewusstsein auch in die Gehirne der Primaten und Frühmenschen eingeschlichen hat; es zählt zu den großen Errungenschaft der Evolution und schließt an das Entstehen von Materie mit ihren Strukturen im Kosmos an sowie an jenes des Lebendigen auf unseren Planeten. Es führt dazu, dass sich in Milliarden von Gehirnen die Nachbildungen ganzer Welten von Wirklichkeiten strukturieren und als handhabbar erweisen. Milliarden neuer, selbstmanipulierender Welten auf kleinstem Raum. Nichts Vergleichbares ist ihm zur Seite zu stellen. Dennoch wird es mit jedem Leben wieder weggeworfen.

Was ist Bewusstsein?

bewusstsein

Noch als Schüler fand ich im Vorwort eines alten Lehrbuchs der Biologie den Satz: "Was das Leben ist, wissen wir nicht." Das kam mir seltsam vor, weil  darauf achthundert Seiten der Beschreibung des Lebens folgten; mit mehr Inhalt, als ich damals fassen konnte. Ich vermeide darum zu sagen: "Was das Bewusstsein ist, wissen wir nicht." Nur über dieses scheinbar so bescheidene Wörtchen "ist", sei noch reflektiert. Grammatikalisch handelt es sich um die copula. Näher beschäftigen soll sie uns erst im Zusammenhang mit Sprache und Logik. Aber schon hier ist daran zu erinnern, dass sie im Aussagesatz die Erwartung einschließt, die Zugehörigkeit eines Gegenstands zu einer definierbaren Klasse von Gegenständen eindeutig angeben zu können. Ich sollte nicht vergessen anzufügen, dass das im starren Weltbild des Aritstoteles noch konsistent war.



In unserer dynamischen Weltbetrachtung, und sogar umgangssprachlich, ist das anders. Das klassische Beispiel: "Sokrates ist ein Mensch." Die Frage, ob er nicht doch ein Halbgott gewesen sei, lass ich hier beiseite, frage aber, was er sonst hätte noch gewesen sein können: Gott, Titan, Untermensch, nackter Affe? Oder: Philosoph, Ehemann, Vegetarier, Herumlungerer? Wenn wir sagen: "Das ist eine Meise", ist die Sache ja griffiger. Denn nicht nur haben Inhalte: Bart- und Schwanzmeisen. Wir haben auch Gegenstücke: Meisen sind weder Habichte noch Enten. Und wir haben Oberbegriffe: Vögel, Wirbeltiere, Tiere. Vieles davon geht uns schon bei der Bestimmung von "Leben" ab. Es zwar noch eine Überfülle wohl zu bezeichnender Inhalte, aber nur die Negation "unbelebt" als Gegenstück und keine Oberbegriffe. Noch extremer ist das beim Begriff "Bewusstsein: nur "unbewusst" als Gegenstück, und keine Oberbegriffe. Und was haben wir schon an Inhalten? Dennoch müssen wir uns, wie man sagt, an Inhalte halten, um einen Halt zu finden.

Wohin in dieser Welt gehört das Bewusstsein?


Nach meiner Meinung begegnen wir hier dem bislang phantastischsten Produkt der Evolution. War schon das Werden des Lebendigen seltsam genug, das des Bewusstseins ist es noch mehr. Vergleichen wir nur die beiden Errungenschaften. Die Entstehung des Lebens brachte es dazu, dass sich Systeme von Molekülen so organisieren, dass sie, in großer Ferne vom physikalischen Äquilibrium, einen Balanceakt vollbringen, der auch den ihnen beschiedenen Zerfall, den Tod, dadurch umgeht, dass sie sich fortgesetzt reproduzieren. Schon das ist, zugeben, in einem Kosmos der Quanten und Weltraumkälte, mit eingestreuten Nuklearbrennern (den Sonnen), merkwürdig genug. Es ist auch merkwürdig, dass diese Balanceakte, die Organismen, jeweils zu vielen Millionen fast identischer Exemplaren zu produzieren sind, um all jene, die fortgesetzt vom "Seil des Lebens" in den Tod stürzen, zu ersetzen. Und es ist merkwürdig, dass auf diesem Seil auf mindestens zwei Millionen verschiedenen Weisen - die Anzahl der Arten - getanzt werden kann.

Das ist der Punkt, auf welchen mein Vergleich zusteuert. Natürlich existieren Organismen nur unter der Bedingung, dass sie ihrem Milieu entsprechen, dass sie in einer Art kenntnisgewinnendem Prozess die Bedingungen ihrer Außenwelt erlernen; dass ein Pantoffeltier ebenso verlässlich zur nächsten Bakterienkolonie rudert, wie sich ein Schimpanse zum nächsten Ast zu schwingen hat. Wer der Welt in wenigstens diesen Maßen nicht entspricht, zählt, wie der Paläontologe G.G. Simpson sagte, nicht zu unseren Vorfahren. Er wurde eliminiert. Die Welt wird, wenn auch nicht abgebildet, doch in diesem Maß wahrgenommen, zu jener Wirklichkeit, in der, um zu überleben, zutreffend "gewirkt" werden muss. Gewiss: Das geschieht auf zwei Millionen verschiedene, vielfach sogar widersprüchliche Weisen und über zwei Millionen höchst relativer Wirklichkeiten. Wie also wirkte dem gegenüber das Bewusstsein? Produzierte das Bewusstsein des Menschen hingegen eine einzige, absolute und widerspruchsfreie Wirklichkeit? Etwa in dem Sinn, dass Stein, Baum und Mensch für alle Menschen gleiche Gegenstände bezeichnen? Diese Frage wird uns in der Adaptionismus/Konstruktivismus-Debatte noch beschäftigen. Einschlägiger ist in diesem Kontext die Wahrnehmung, dass sich nun im Bewusstsein vieler Millionen solcher Balanceakte der ganze Kosmos in nahezu identischer Weise wiederbildet; selbst bei geschlossenen Sinnen und in Blinden, wenn wir ihnen berichten: von den Ästchen der Schneeflocke oder der Milchstraße. Wieder haben wir viele Millionen Replika am Seil? Warum? Damit wieder viele, die abstürzen, ersetzt werden können? Darauf scheint nichts hinzuweisen.

Woher das Bewusstsein kommt

Woraus entwickelt sich Bewusstsein?


Soweit wir über die Herkunft des Bewusstseins eine Theorie bilden können, ist anzunehmen, dass es sich ins Lebendige allmählich dort aufgebaut hat, wo die Anzahl der automatischen Regulative zu groß wurde: Das mag zunächst widersprüchlich klingen, lässt sich aber deutlich machen. Man denke etwa an die differenzierten Fluchtreflexe, wie sie bei hochentwickelten Arten, Säugern und Vögeln, mit der alternativen Automatik, anzugreifen oder zuzuschnappen, in Konflikt geraten können. Man bedenke auch, dass für beide Lösungen zudem weitere Alternativen gegeben sein werden: nämlich wie und wohin zu flüchten, wie und ich welcher Weise anzugreifen wäre. Auf welche Instanz könnte man sich in solch einem Konflikt verlassen? Wohl auf die bisher selbst gemachte Erfahrung.

Das aber ist ein hoher Anspruch. Um das zu verdeutlichen, gehe ich in der Organisationshöhe etwas zurück zum Werden der so genannten "Intermodalität". Darunter versteht man die Wechselverrechnung der Daten verschiedener Sinne. Uns Menschen ist dieselbe fast selbstverständlich; beispielsweise zwischen jenen der Optik und des Gleichgewichts. Mancher Spaß im Lachkabinett beruht auf optisch-statischen Widersprüchen. Wir scheinen gegen solche Passungsmängel sogar ein Warnsignal eingebaut zu haben. Es wird uns übel. Manch einer wird das von der Seekrankheit kennen. Bei Schlangen beispielsweise ist die Intermodalität zwischen Auge, Tastsinn und Geruch noch nicht eingerichtet. Um eine Maus zu verschlingen, muss sie dieselbe, und zwar in dieser Reihenfolge, zuerst sehen, dann fühlen und zuletzt züngelnd riechen können. Kommt die Reihenfolge aus dem Takt, kann die Schlange die Maus gewissermaßen schon "unter dem Arm" haben und sie immer noch züngelnd suchen. Die Wahrnehmung "hier habe ich eine Maus" wird dem Suchvorgang nicht weitergemeldet.

Bei den Vorbedingungen des Bewusstseins dreht sich zunächst alles um zweckmäßige Kommunikation von Wahrgenommenem. Intermodalität einzurichten muss also selektiv sehr gefördert worden sein. War sie aber erreicht, kann die Entwicklung weiterer intermodaler Reaktionen möglich geworden und auf Grund ihrer Vorteile sehr gefördert worden sein. Aber bei vielen angebotenen alternativen Lösungen, angeborenen Reaktionen, werden nicht nur Konflikte zwischen ihnen entstehen, es wird auch zu einer Verringerung der Erfolgschance kommen. Errungenschaften in der Evolution ziehen Nachteile mit sich.

Braucht Bewusstsein Gedächtnis?


Will man sich vom Phänomen des Gedächtnisses "ein Bild" machen, so schließe man die Augen und führe sich, wie man sagt, diese Buchseite "vor Augen", die Türe, durch die man ins Haus kam, und den Antritt seiner letzten Urlaubsreise. Tatsächlich tritt das alles auf. Etwas blasser wohl, aber unverwechselbar. Was hier interessiert, ist unsere Fähigkeit, Gedächtnisinhalte willentlich abzurufen. Aber nochmals müssen wir, um das Werden dieser Leistung mitzuverfolgen, einen wenn auch kleineren Schritt in der Entwicklung zurück. Denn wir haben einen guten Grund zur Annahme, dass das auch viele höhere Tiere noch nicht können. Wir müssen zwischen Erinnern und Wiedererkennen unterscheiden. Letzteres ist offenbar das Ältere und Einfachere.

Wenn, wie ich annehmen muss, eine Maus nicht in der Lage ist, sich, fern von ihrem Schlupfwinkel, das Bild des Eingangs desselben abzurufen, so kann man wohl fragen, wie sie dann nach Hause findet. Die gespeicherten Bilder ihres Hinwegs werden durch Wiedererkennen ihren Rückweg lenken. Das Wiederkehren einer Wahrnehmung ruft den entsprechenden Gedächtnisinhalt auf. Wir erleben das selbst. Manch einen gemachten Weg durch eine fremde Stadt könnten wir einem Zweiten kaum mehr verlässlich beschreiben. Selbst aber machen wir den Weg getrost wieder, denn wir verlassen uns darauf, dass die gesehenen Szenen von damals, wiedererkannt, unsere Schritte lenken werden. Gewiss kennt man das Erlebnis, seinen Arbeitsplatz mit einer bestimmten Absicht zu verlassen, um im Nebenzimmer zu bemerken, dass man den Inhalt der Absicht vergessen hat. Man macht kehrt und erwartet zu Recht, dass einem das Bild des verlassenen Platzes "sagt", was man wollte.


Das Sicherinnern ist die höhere Leistung. Davon sind wir ausgegangen. Sie besteht darin, den gesuchten Gedächtnisinhalt gezielt aufzufinden. Das hat oberflächlich Ähnlichkeit mit dem Speicher meines Computers, der mir bestimmte Wege vorschreibt, um einen gewünschten Inhalt auf den Bildschirm zu bringen. Diese höhere Leistung besteht gewissermaßen darin, diesen Weg zu kennen. Das fällt uns erst dann auf, wenn wir darin unsicher sind. Und vielfach sieht das dann so aus, als ob wir diesen Wog, fast wie durch jene fremde Stadt, tastend zurückverfolgen würden. Mit dieser Leistung, Gedächtnisinhalte absichtsvoll abrufen zu können, ist Bewusstsein gekennzeichnet. Wir sagen ja auch: uns solche Inhalte wieder bewusst zu machen. Ob es ohne diese Leistung Bewusstsein geben kann, ist kaum zu sagen. Das gilt für jene Maus auf dem Heimweg wie auch für unseren Weg durch die erwähnte Stadt. Auch da konnte uns die Automatik des Wiedererkennens weitgehend unbewusst gelenkt haben. Gedächtnis ist für das Werden des Bewusstseins eine Voraussetzung, aber erst mit seiner Handhabbarkeit wird seine Funktion voll ausgeschöpft.

Was ist Denken?


Gedächtnisinhalte absichtsvoll handhaben zu können, ist kein Selbstzweck. Hier findet sich nur die Disposition für das Neue. Denn wo immer eine neue Leistung von der Evolution durchgesetzt wird, muss ein starker Antrieb, ein Selektionsdruck auf erreichbare Lebensvorteile, vorausgesetzt werden. Diese Handhabbarkeit, dieses Umgehen mit Gedächtnisinhalten, leitet das ein, was wir Denken nennen. Sein Vorteil ist enorm. Man kann auf dieser Weise nicht nur seine Entscheidungen nach gemachten Erfahrungen wählen, man kann darüber hinaus Erfahrungsinhalte, die einander in bisherigen Erfahrungssituationen noch nicht begegneten, kombinieren. Damit wird es möglich, gewissermaßen durch Experimentieren im gedachten Raum, Ergebnisse von Handlungen auch für Situationen vorherzusehen, die einem noch nicht untergekommen sind.

Das gedachte Experiment kann aufgegeben werden, ohne dafür seine Haut riskiert zu haben. Es ist schwer, abzuschätzen, wie viel an Unheil, Verletzungen und Zerstörung von Kreaturen dadurch vermeidbar wurde. Man kann sich vom Ausmaß dieses Vorteils eine nahezu quantitative Vorstellung machen, wenn man die Langsamkeit von Denkprozessen mit der Geschwindigkeit automatischer Reaktionen vergleicht. Der "unbedingte" Reflex beispielsweise, der bei der geringsten, auch nur befürchteten, Störung das Auge schließt, reagiert in Bruchteilen einer Sekunde. Eine Bremse, die durchs Dickicht, eine Meise, die durch Astwerk schwirrt, muss nicht minder in Sekundenbruchteilen steuern. Setzt man für solche Reaktionszeiten eine Zehntelsekunde, für die einfachste Überlegung auch nur eineinhalb Minuten, beträgt die Zeitdifferenz das Tausendfache. Mindestens in diesem Ausmaß muss die denkende Lösung der automatischen überlegen sein, sonst hätte sie gegenüber der Automatik keinen evolutiven Vorteil und hätte sich auch nicht durchgesetzt.

Das Bewusstsein als Produkt


Wo liegen seine Grenzen?


Es ist ein beredtes Zeichen für unsere geringen Kenntnisse von den Formen des Bewusstseins, dass es zwischen "bewusst" und "unbewusst" so wenig begrifflich Fassbares gibt. Das Wenige ist es umso mehr wert, bedacht zu sein. Mit einer solchen Form befasst sich Konrad Lorenz, indem er fragt: "Haben Tiere ein subjektives Erleben?" Auf den ersten Seiten seiner Studie räumt er zwar ein, dass, wenn er das wüsste, er das Leib-Seele-Problem gelöst hätte. Aber auf den folgenden wird klar, dass man bei höheren Säugern, etwa Hunden und Affen, ein subjektives Erleben annehmen muss, denn sonst verstünde man sie nicht. Und nicht nur verliebte Hundebesitzer werden zugeben, dass einem Hund Freude, Angst, Trauer und Ratlosigkeit "anzusehen" ist.

Ist subjektives Erleben eine Vorbedingung, ein Begleiter bewusster Vorgänge? Wir wissen es nicht. Es steht irgendwo dazwischen. Aus derselben Schule kommt der Begriff der "Repräsentation im gedachten Raum" und des Operierens im gedachten  Raum. Bei Schimpansen muss das angenommen werden. Wenn ein Tier eine Banane, die von der Käfigdecke hängt, nur erreichen kann, wenn es eine Kiste darunter stellt, und diese mit einem ebenso vorbereiteten Stock besteigt, kann sich Folgendes abspielen: Sind die Versuche mit jeweils dem Stock oder der Kiste allein erfolglos, kann sich das Tier abwenden oder, still sitzend, seinen Blick zwischen den drei Gegenständen wandern lassen, um dann spontan die zusammengesetzte Operation mit Erfolg abwickeln. Die Einstellung der Bewegung erinnert bereits an denken, und das Gegenüberstehen von erfolglosen Versuchen und spontaner Lösung sprich für eine, die erdacht worden ist. Aber vielleicht geschieht das noch im Feld zwischen automatischer und absichtsvoller Abrufung, denn auch da muss mit Übergängen gerechnet werden.

Wie erfolgen Übergänge vom Bewussten zum Unbewussten?


Manche Übergänge zwischen bewussten und nichtbewusten Vorgängen hat jeder schon erlebt: Fängt man mit dem Radfahren an, so wird viel wache Aufmerksamkeit den Pedalen, der Lenkstange, der Koordination der Bewegungen gewidmet. Man mag sogar das Prinzip bedenken, den Schwerpunkt des Körpers, die Auflage der Räder und den Mittelpunkt der Erde in einer Geraden zu halten. Aber man wird zugeben, dass man mit all solcher Bedachtnahme noch nicht Rad fahren kann. Können tut man es erst, wenn es automatisch, also nichtbewusst gesteuert wird. Der Übergang aber ist schwer zu verfolgen. Irgendwie geht es dann eben. Eher nimmt man den umgekehrten Vorgang wahr. Radelt man geübt im Verkehr, so wird diesem, oft nur mitbewusst, die Aufmerksamkeit gelten, eher den vielerlei Gedanken, die einen gerade beschäftigen. Und sicher nicht der Lenkung und den Pedalen. Gerät aber das Vorderrad in die tiefe Rille einer Straßenbahnschiene, so wird einen diese Situation sofort wachen machen. Man fühlt sofort, dass die Automatismen allein ein Problem nicht lösen, erkennt die Ursache und steuert sich höchst bewusst über eine ganze Folge zielführender Bewegungen aus dem möglichen Sturz.




Tatsächlich begleiten uns solche Übergänge durch alle Tage. Nur werden wir ihrer, entgegen meinem eher didaktisch gewählten Beispiel, meist überhaupt nicht gewahr. Wir können dabei getrost annehmen, dass eine Fülle kleiner Entscheidungen und ganzer Handlungsabläufe unbewusst vonstatten gehen. Eine zweite Art von Übergängen hängt mit dem Schlafen und seinen Grenzen zusammen: Eines der Fenster ins Unbewusste ist der Traum. Freilich wissen wir nicht, wie viel von unseren Traumerinnerungen durch die Bedingungen des Bewusstseins beim Erwachen schon wieder verändert ist. Einiges scheint aber verlässlich erkennbar. Viele Traumsituationen sind von einer Art, als wäre die Ordnung einer Erwachsenenwelt durch ein ungezogenes Kind durcheinander gebracht worden; so, als könne mit ihr ungestraft Schabernack getrieben werden. Merkwürdig dabei ist der Umstand, dass dasselbe Gehirn, das sich in erstaunliche Schwierigkeiten manövriert hat, im Anschluss versucht, aus diesen wieder herauszukommen. Nicht, das das gelingt, aber die Bemühung, selbst die Chancenlosigkeit solcher Bemühungen, wird deutlich erlebt. Es könnte sein, dass es die rechte Hemisphäre ist, die das Theater aufführt, und die linke, welche die Lösung sucht. Aber das ist vorerst nur meine Vermutung.

Die längsten Einblicke des Bewusstseins ins Unbewusste scheinen bisher der Tagtraum und der Klartraum zu geben. Ersterer begleitet den Wachzustand, auch bis in die Vorstadien des Schlafes. Letzterer lässt einen einige Augenblicke lang bewusst sein, dass man träumt. Nun kann man auch fragen, ob in Hypose oder Trance, unter Einfluss von Narkose oder Drogen, wie LSD, geträumt wird. In all diesen Fällen, ob beabsichtigt oder erlitten, handelt es sich um Veränderungen, die, mit der Veränderung von Bewusstheitszuständen und abhängig von den Substanzen, auch mit Traumerlebnissen verbunden sind.

Ist die Fähigkeit, bewusst zu werden, erblich angelegt?



Wenn es sich also zeigt, dass es so viele Übergänge zum Bewussten und vielerlei Bewustseinszustände gibt, fragt man sich, wie viel an Anlage und wie viel an Milieuwirkung zum Bewusstsein einer Kreatur beitragen. Tatsächlich erweisen sich die beiden Wirkungen aber als stärker miteinander verbunden, als man früher dachte. Viele Anlagen müssen geübt werden, um überhaupt ausgebildet zu werden. Lorenz hat den Begriff der "angeborenen Lehrmeister" verwendet, der sich noch dazu als treffender erwies, als man erwartet hatte. Schon der Embryo muss zappeln, damit sich die Gelenke richtig ausbilden. Jungtiere müssen in ihrem Milieu Helligkeitsgrenzen wahrnehmen, damit sich die angeborene Fähigkeit der Netzhaut, diese verschärft zu sehen, ausbilden kann und so fort. "Was du ererbt von deinen Vätern", wie  Goethe erkannte, "erwirb es, um es zu besitzen." Spielen und exploratives Verhalten, das bei  den Jungtieren der Vögel und noch mehr der höheren Säugetiere, den Menschen eingeschlossen, fast zwanghaft vorgesehen ist, ist als Übungsprogramm zu verstehen. Es ist angelegt, um möglichst viele der angeborenen Lehrmeister zum Lehren zu bewegen. Man wird Hassensteins Annahme zustimmen, dass in vielen Menschen mehr angelegt sein dürfte, als durch das Milieu, Elternhaus, Freunde und Schule herausgeholt wird. Was die Entstehung des Bewusstseins beim Kind betrifft, so scheint man keinen Fall zu kennen, wo Bewusstsein, durch ein auch noch so miserables Milieu, nicht entstanden wäre. Wie allerdings ein solches Bewusstsein aussieht, ist eine andere Frage.

Was ist das "Ich" im Bewusstsein?



Man sollte also wissen, welche Formen das Bewusstsein annehmen kann. Da sind Neurologen, Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten aufgerufen. Aber schon wenn man sich selbst beobachtet, wird man gewiss manche Zustände unterscheiden können: wie zum Beispiel ein Gläschen Rebensaft die Seele die Welt umarmen, oder ein hohler Zahn sie in dessen Höhe schrumpfen lässt. Auch spricht man von vorbewusst und von mitbewusst, ohne dass man genau bestimmen könnte, ob es sich hier um Vorahnungen und da um Dinge handelt, die das Bewusstsein bloß begleiten.

Man kann auch Unterschiede finden, die man als "Helle" des Bewusstseins empfindet: wache Konzentration gegenüber ganz unbestimmten Nebenbei-Hören. Erschöpfte Mütter schlafen bei beträchtlichen Lärm, werden aber des geringsten Weinens ihres Babys sofort gewahr. Auch im Partygelärme tritt sogleich eine Stimme heraus, wenn sie unseren Namen nennt. Es muss darum geraten sein, sich auch das stammesgeschichtliche Werden des menschlichen Bewusstseins gleitend, aus Spuren heraus, vorzustellen. Ich will zwei Positionen referieren, wie sie früh und spät ein Licht auf das Werden unseres Bewusstseins werfen können.

Die erste der Positionen liegt 40 bis 60 Jahrtausende zurück und betrifft die Neandertaler. Natürlich können wir über deren Bewusstseinszustände nichts wissen, aber es gibt Indikationen aus deren Handeln. Sie haben, wie die Pollenanalyse zeigte, in Höhlen Nordwestpersiens Tote mit Mengen an Blumenbeigaben bestattet. Das bedeutet: Es muss sie die Frage beschäftigt haben, was mit den Toten geschieht. Das halte ich für den Beginn der metaphysischen Frage, und diese muss mit dem Bewusstsein entstanden sein. Ob es aber schon absichtsvolles Umgang mit Gedächtnisinhalten gegeben haben muss, ist völlig ungewiss. Ihr ganzer Gedächtnisapparat kann noch immer durch bloßes Wiedererkennen passiv gesteuert worden sein.



Die zweite Position reicht dagegen nur ein Jahrtausend vor der Zeitenwende zurück. Julian Jaynes hat aus einer Vielzahl von Disziplinen, von der Kunstgeschichte bis zu den frühen Mythen und Epen, Dokumente gesammelt, die zusammen darauf hinweisen, dass das Ich-Bewusstsein erst in dieser Zeit entstanden sein kann. Keines der Dokumente trägt viel; alle zusammen aber machen diese Annahme, auf welche auch schon Kunsthistoriker und Archäologen aufmerksam machten, sehr wahrscheinlich. Es erscheint mir möglich, dass selbst die Helden der Ilias noch kaum von Entscheidungen gelenkt wurden, die sie als ihr "Ich" erlebten, als vielmehr von "inneren Stimmen" kommend, die sie für die Stimmen der Götter hielten. In der Zeit aber, in welcher das Epos vom listenreichen Odysseus verfasst worden ist, konnte die Wandlung aber schon eingeleitet worden sein. Bekanntlich haben auch gesunde Menschen unserer Zeit noch Eingebungen, pflegen derlei aber rational abzutun. Ich denke, wir werden gut beraten sein, für die Entwicklung unseres "hellen" Bewusstseins eine lange Zeitspanne anzunehmen.


Sind Geist und Seele Teile des Bewusstseins?


So kommen
wir auch um eine Bestimmung dessen, was wir unter Geist und Seele verstehen können, und deren Beziehung zum Bewusstsein, nicht herum. Im Griechischen sind Seele - "psyche" - und Geist - "pneuma" - sehr verwandt. Beide haben mit Hauch, Atem und Leben zu tun, und sind fast austauschbar, werden mit dem Tod, wie auch wir uns noch ausdrücken, "ausgehaucht", mit welchem auch das Bewusstsein erlischt. Insofern sind die Begriffe verflochten und verwandt. In unserer Geistesgeschichte haben sich deren Inhalte aber differenziert. Schon das lateinische "spiritus" (Geist) und "anima" (Seele) meint zweierlei. Und mit der heutigen Dominanz einer wissenschaftlichen Sicht liegen drei Begriffsinhalte vor: Bewusstsein, Geist und Seele. Letztere unterscheiden sich in zweifacher Weise. Wenn wir Bewusstsein als eine allgemeine Kontrollinstanz betrachten, die uns uns selbst beobachten und unser Handeln in der "Wirklichkeit" dieses Bewusstseins mitverfolgen lässt, stellen sich Geist und Seele als Begriffe für zweierlei spezielle Zentralfunktionen dar.



Geist und Seele wiederum unterscheiden sich annähernd nach ihrer Zugehörigkeit zum kulturellen oder aber vitalen Lebensbereich. Ist Geist etwas, das das Individuum in seiner Lebensspanne mit und in seiner Kultur entwickelt, so ist uns die Seele gewissermaßen mitgegeben und braucht nur geweckt zu werden. So mag man sich selbst mit dem Begriff einer Tierseele anfreunden; unabhängig davon, ob der seelenvolle Blick eines Hundes aus diesem heraussieht oder in diesen hineingesehen wird. Und natürlich sind diese Begriffe, wie der des Bewusstseins selbst, mit dem Bewusstsein entstanden. Das ist trivial. Weniger trivial ist es, was uns das Bewusstsein eröffnet und eingetragen hat.

Die Folgen des Bewusstseins

Macht oder löst das Bewusstsein Probleme?


Wenn Karl Popper mit seiner Behauptung "Leben ist Problemlösen" Recht hat, so ist Leben wohl auch Problemschaffen. Das Evolutionsprinzip: jeder neuen Errungenschaft folgen auch neue Probleme. Von den Vorteilen des Bewusstseins war schon die Rede. Sehen wir uns aber auch seine Grenzen an und die Probleme, die es uns appliziert. Ein Zentralproblem, das uns unser Bewusstsein eingetragen hat, ist das widerstrebende Erleben unserer Ratlosigkeit an den Rändern des Begreiflichen. Das hat mit Metaphysik zu tun, von der, aus guten Gründen, auszugehen war. Im Grunde ist es das metaphysische Dilemma, weil es weder lösbar, noch vom Menschen ablösbar ist und man sich herausgefordert fühlt, Lösungen zu konzipieren. Es ist unser neues Zugeständnis an das kreatürliche Schicksal. Das soll freilich nicht heißen, dass wir keine unmittelbaren Probleme hätten, aber es steht wie ein Gespenst auch hinter jeder Tagesproblematik.

Ich hatte eben die Höhlen im Nordwestpersien zu erwähnen, deren Neandertaler-Gräber uns darauf hinweisen, dass schon damals das metaphysische
Problem mit der Frage: "Was geschieht nach dem Tod?" aufgetreten sein muss. Und haben wir die Frage gelöst? Wir ersetzen sie entweder durch religiöse Glaubenssätze, die keine Erfahrung begründen kann, oder wir haben sie verlagert. Denn, wenn Materialisten behaupten, dass nach dem Tod, außer Zerfall, nichts mehr geschieht, dass ist ja wohl zu fragen, warum es die Evolution nicht geschafft hat, auch die psychischen Gewinne eines Individuums fortzupflanzen. Und wenn auch diese Frage von unserem Tagesproblem abgehoben zu sein scheint, werden wir doch noch sehen, wie sie weiter in Vernunft und Gesellschaft hineinwirkt. Etwa in die Fragen, ob alles Leben den gleichen Wert hat, ob es manipuliert werden darf, und über wessen Leben, und mit welcher Legitimation, der Stab gebrochen (heute: die Todesspritze gegeben) werden darf.

Selbst die Frage, was das Setzen von Recht legitimiert, ist offen. Kein Wunder, dass sich frühe Herrscher zu Göttern stilisierten und die späten es zum Mindesten "von Gottes Gnaden" gewesen waren. Und da nun die Masse der Bürger zum Souverän wurde, auf wessen Gnaden beziehen sich diese? Wir greifen vor. Ich erinnere nur daran, dass dem Problem nicht zu entkommen ist.

Wie hängen Leib und Seele zusammen?


Eine zweite, ebenso gründliche Unsicherheit wird als das Leib-Seele-Programm bezeichnet. Man kann es ontologisch betrachten, nämlich mit der Frage, von welcher "Art" die beiden eigentlich seien, oder aber psychologisch. Damit will ich beginnen. Wie könnte begründet werden, dass wir lange Wellenlängen als rot, kurze als blau empfinden? Wie wäre meiner Behauptung zu begegnen, dass meine Töchter Rot in Wahrheit als Blau erleben und Blau nur deshalb als Rot bezeichnen, weil wir Blau immer Rot genannt haben? Spaß beiseite: Mit welcher Differenzierung einer die Welt erlebt, ist nicht zu bestimmen, selbst wenn man ihn auffordert, sie aus dem Malkasten zusammenzusetzen.



Natürlich ist uns
auch diese Unsicherheit durch das reflektierende Bewusstsein eingetragen worden. Es ist nicht zu erwarten, dass eine Katze die Frage verunsichert, wieso sie diese Maus als weiß ansieht. Nun zur ontologischen Seite. Es ist unserer Geistesgeschichte geschehen, dass wir über eine Fülle widersprechenden Theorien verfügen. Es gäbe zum Beispiel nur die Seele, der Leib sei deren Vorstellung, oder nur den stofflichen Leib, die Seele sie nur eine Funktion der Materie, oder aber es gäbe, drittens, beide, in dem Sinn einer dualistisch, in Stoffliches und Unstoffliches geteilten Welt, mit dem Folgeproblem, wie diese wohl zusammenhängen. Ich rate dazu, die Unsicherheit zu akzeptieren, und vielmehr über die Symbole und unsere kognitiven Grenzen nachzudenken. Man bedenke, dass es in unseren Gehirnen still und völlig finster ist. Denn dort gibt es weder Hör- noch Sehzellen. Und dennoch erleben wir eine klangvolle und bunte Welt. Nun kann die Außenwelt kaum in uns herein, und wenn, dann nur über Nervenimpulse. So muss es kommen, dass alles, was uns sinnlich erlebbar ist, nur in Symbolen repräsentiert werden kann. Dabei ist es der Evolution nicht eingefallen, akustische und elektromagnetische Schwingungen wie auf einem Oszillographen abzubilden. Denn zum einen sind auch die Wellen am Bildschirm wieder nur Symbole für das, was in der Außenwelt ganz andere Zustände hat; zum andren wäre das eine für das Lebendige zu technische Lösung, die keinen leichten Zugang zum Jubel einer Symphonie oder dem Farbenrausch einer Abendstimmung böte. Um Symbolisierung ist nicht herumzukommen. Akzeptieren wir zunächst Farben und Töne einfach als Symbole für zwei Arten von Wellenlängen.

Zum Zweiten bleibt zu erkennen, dass auch unsere Begrifflichkeit symbolisierend zweigeteilt ist, in Gestalt- und Funktions-Verstehen. Es erscheinen uns Form und Funktion als zweierlei, obwohl wir wissen, dass es keine Funktion ohne geformten Träger gibt und keine Form, die nicht Funktionen ausübt. Dieser kognitive Dualismus, der sich in der uns gewohnten Wahrnehmung noch bescheiden wie eine Eigentümlichkeit unserer Sprachen ausnimmt, wird aber gegen den Mega- und den Mikrokosmos als eine Art Zwangs-Alternative unseres Verstandes deutlich. Wir besitzen weder ein Sensorium, um in kosmischer Dimension Raum und Zeit als Kontinuum zu denken, noch, um dem mikrophysikalischen Welle-Teilchen-Dualismus zu entgehen. Denn auch in all unseren Messungen treten Quanten entweder mit den Eigenschaften von Teilchen oder aber von Wellen auf.

 
Können wir uns alles denken?


Begegnet man nach dieser Erfahrung der Behauptung, der Homo sapiens sapiens, wie wir unsere Art bescheidenerweise nennen könne alles denken, muss man besorgt sein. Es ist nicht nur absurd zu meinen, dass ein Evolutionsprodukt, das bis dato gerade überlebt hat, dazu gemacht worden wäre, den Kosmos zu erfassen. Es ist unsinnig zu glauben, dass es das,was wir nicht denken, nicht geben könnte. Und es nicht nur überheblich, es ist gefährlich, weil es dazu verleitet, fortgesetzt auch dort in die Welt einzugreifen, wo man sie sicher noch gar nicht versteht. Wissenschaftstheoretisch kann in solcher Auffassung zweierlei verkappt sein: entweder die idealistische Philosophie von einer zweckgerichteten Weltordnung, deren höchster, materialisierter Zweck der gläubige Mensch sein soll oder die materialistische mit jener Form des Reduktionismus, in der so gehandelt wird, als ob das, was sich nicht handhaben lässt, in der Welt ohne Bedeutung wäre. Das ist die Position des "ontologischen Reduktionismus".

In Wahrheit steckt unser Vermögen voll der Beschränkungen, und ignoriert man diese, voll Beschränktheit. Obwohl man das, was wir nicht zu fassen vermögen, auch nicht leicht fasslich machen kann,gibt es dafür doch Indikationen. Ich gebe Beispiele aus drei Ebenen:

Schon unser Bewusstsein ist auf einen schmalen Fokus beschränkt. So, als ginge man mit einer Handlampe nachts allein durch ein großes Museum. Freilich kann man sich den Kosmos denken, dann aber verschwindet Europa; denkt man Europa, verschwindet der Kosmos. Das gilt auch rein technisch. So sind wird nicht in der Lage, auch nur zwei Zahlenreihen gedanklich zu verfolgen, zum Beispiel links die Passanten, rechts vorbeiziehende Autos zu zählen. Unsere Lösungsstrategen suchen stets nach regelhaft deterministischen und hinweisabhängigen Zusammenhängen von positiv linearer Funktionalität. Alle nicht regelhaft probabilistischen und hinweisunabhängigen Zusammenhänge negativer und rekursiver Wechselbeziehungen fallen zunächst durch den Rost. Das ist den Psychologen längst bekannt. Heute wissen wir, dass das mit unserer Ausstattung zusammenhängt, die an sehr einfachen Phänomenen getestet worden ist. Heute, wo wir tief ins Getriebe der Welt eingreifen, stören wir mehr als ordnen.  Das zeigt sich darin, dass wir alle weiter reichenden Zusammenhänge, wie in den Ökosystemen, erst an den Schäden erkennen, die wir selbst angerichtet haben. Wer hätte vorhergesehen, dass eine Erhöhung der Schlote in England die Rentierflechte und damit schon die jungen Rentiere im Norden Skandinaviens gefährden würde. Wer hätte gedacht, dass DDT, in Texas abgesprüht, die Pinguine in der Antarktis dezimieren muss. Die sechsgliedrige Nahrungskette durch die Ozeane konzentriert die Substanz auf das Millionenfache. Das verträgt eine Drüse der Weibchen nicht, die Eischalen werden zu dünn, die Eier brechen. Und noch eins: Wer hat das Ozonloch vorhergesehen? Man wird nicht einmal in der Annahme fehlgeschlagen, dass selbst unsere politischen Systeme, ob Feudalsystem, Marxismus oder Kapitalismus an ihrer Aufgabe, eine harmonische, humane Ökumene zu schaffen, vorbeigehen.


Hat das Bewusstsein die Ökumene geplant?


Ohne Frage ist mithilfe des Bewusstseins Außerordentliches geplant worden. Von den Pyramiden zum Empire State Building und von den Römerstraßen zum internationalen Flugnetz. Das festzustellen, ist trivial. Es ist enorm, was an Planung in einem gotischen Dom oder in einem modernen Automobil steckt. Und dennoch hätte man nicht vorherzusehen vermocht, dass die Kultur von der Romanik zur Gotik und von der Renaissance zum Barock führen werde, geschweige denn, was zu solch einem Weg führen musste. Was die Kultur wandelt, wissen wir noch immer nicht. Nur dass sie sich wandelt, ist evident.

Voraussicht ist kaum gegeben.
Weder konnte Napoléon die Restaurierung Europas vorhersehen, noch Gottlieb Daimler die Massenkarambolagen auf den Autobahnen. Vieles muss, wie in den innovativen Phasen der Evolution des Organischen, mit Zufallsbegegnungen von Trends zusammenhängen, was man in der englischen Literatur "contingencies" nennt: das Zusammentreffen voneinander unabhängiger Ereignisketten, die dann, wie man in einer anderen Wissenschaftssprache sagt, "synergetische Effekte", also Zusammenwirkungen, auslösen. In unserer sprachdominierten Kultur werden, nach einer dritten Wissenschaftssprache, die dort so genannten "Meme" eine Rolle spielen: Begriffe, Images, Konzepte, von welchen man annimmt, dass sie sich, wie die Gene, nun durch Tradierung in der Kultur fortpflanzen und in geeignetem Milieu vermehren. Und sie selbst werden wieder einen hierarchischen Bau aufweisen, und zwar dergestalt, dass auch die ganze Theorie der Meme nochmals als Super-Mem aufzufassen ist.

Natürlich hat das Bewusstsein
die Entwicklung von Kulturen angeführt. Aber wieder ist das Ergebnis nicht destabilisiert, vielmehr poststabilisiert. "Harmonie" möchte ich nicht mehr sagen, zu kurz sind die Zeitspannen, zu schwankend die erreichten, semistabilen Zustände. Wir schieben und werden geschoben und müssen uns mit dem arrangieren, worin wir hineingeboren sind und in ihm unsere Zwecke finden.

Steuert Bewusstsein Gefühle und Glauben?


denkenWenn wir von den kollektiven Wirkungen des Bewusstseins zu den individuellen übergehen, bietet sich die Frage an, welcher Zusammenhang mit den Gefühlen, Emotionen und Glaubenssätzen besteht. Landläufig wird man im Bewusstsein ein steuerndes Regulativ erblicken, da wir uns, wie man sich ausdrückt, all diese Dinge bewusst machen können. Wir steuern Gefühle, dämpfen Emotionen und betrachten Glaubenssätze nüchtern. Wir wären aber schlecht beraten wenn wir diese 'älteren Schwestern' nicht auch als Gegenspieler, Souffleure, Animateure, Erinnyien und Aufwiegler in Betracht ziehen würden. Aus der modernen Psychologie und Psychotherapie ist es fachlich erhärtet, dass diese Geister bis in unsere Wahrnehmung hinein wirken, und zwar nicht nur hinsichtlich dessen, wie wir etwas wahrnehmen, sondern sogar, was wir wahrnehmen.

Hierher gehören nicht nur die "sich selbst erfüllenden Prophezeiungen" und alles verdrehenden Vorurteile, Narreteien und Utopien. Unser ganz gewöhnlicher Alltag ist mithilfe des Bewusstseins von selbst entstandenen Gewichtungen und Fernzielen durchtränkt, von hypothetischen und ungreifbaren Belohnungen. Ich halte dies für eines der einschneidendsten Ergebnisse des Bewusstseins, dass einer Bemühung die Belohnung nicht auf dem Fuß folgen muss, sondern in dämmrige Fernen verlegt werden kann.

Freilich wird diese Anleitung durch das Bewusstsein auch die großen Schritte in der Kulturentwicklung beflügelt haben. Aber wir alle nehmen die erstaunlichsten Mühen auf uns, selbsterdachte Ziele wegen, deren Erreichbarkeit durchaus nicht gewiss sein muss. Dabei habe ich die kleinen Dimensionen vor Augen, nicht den Traum von der egalitären Gesellschaft, vielmehr all unsere kleinen Phantastereien und Mikro-Utopien. In diesem Sektor ist das Denken wirklich frei, fast wie im Traum, nachgerade ungesteuert - wodurch wir uns nochmals, und in einer ganz eigenen Weise, von unseren nichtmenschlichen Verwandten abheben. Diese können wahrscheinlich nur relativen Unsinn glauben. Reinen Unsinn zu glauben, wie Lorenz sagt, ist ein Privileg des Menschen.

Um den Unterschied vom Tier zum Menschen wirklich schätzen zu können, muss man, sagt Lorenz, viel von Tieren verstehen. Das Hellwerden des Bewusstseins beim Menschen ist der bedeutendste Schritt. Es ist wunderbar, es zu gewinnen und zu erweitern, und es trifft uns tief, wenn es einen geliebten, in seiner Bewusstseinswelt immer einmaligen Menschen auf ewig verlässt. Es ist des Menschen große Erhebung - wie sein Dilemma. Das Bewusstsein hat uns, was noch angehen mag, unsere Unsicherheiten erkennen lassen und die Götter und das Rätselraten um den Sinn unseres Daseins eingetragen. Es suggeriert uns aber auch - was nicht angehen kann -, uns über die Welt zu setzen: nicht bedenkend, dass es in der kleinen Welt des Menschen entstanden ist.



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