Kultur und Gesellschaft

 

©Rupert Riedl, 1999
Manuskript "Zufall, Chaos, Sinn"
Nachdenken über Gott und die Welt


Hinsichtlich des Differenzierungsgrades ist der Zusammenhang von Kultur und Gesellschaft das Komplexeste, das uns in dieser Welt bekannt ist. Das gilt auch für den Gehalt an Ordnung, dessen Umfang man ahnt, versucht man, allein die Differenzierung aller Kunst- und Druckwerke der Menschheit und Konstruktionsaufwand aller Bauten, Maschinen und Geräte zu summieren. Wir haben die Erfahrung gemacht, das Systeme unter dem Druck  neu zu schaffender Erhaltungsbedingungen zu höherer Komplexität gedrängt werden, die Dauer dieser Erhaltungsbedingungen aber in der Regel mit der Differenzierungshöhe sinkt. Nichts, außer Individuen, ist so dynamisch und kurzlebig wie Gesellschaften und deren Kulturen.

Was ist Kultur?

Der Begriff kommt von colere, "hegen, pflegen, bebauen, ausbilden", aber auch "tätig, verehren". Er hat als agricultura einen ersten, aber schon mit Cicero, als cultura animi, etwa den heutigen Sinn erhalten, breitete sich von der Freikörperkultur bis zur Bakterienkultur aus, und entfaltet in der Kulturphilosophie ein breites Thema. Aus der evolutiven Perspektive, kommen die Fragen nach ihrer Notwendigkeit, ihren Funktionen, Strukturen und Problemen in den Vordergrund. Ich gehe von der Ansicht aus, dass jede menschliche Gemeinschaft mit Tradition und einiger Größe Kultur entwickelt. Auch die Wildbeuter-Kulturen hegen, pflegen und verehren Dinge in ihrem Lebensbereich.

Es wird auch richtig sein, dass Sesshaftigkeit, mit den Auflagen der Verteilung von Land, Schutz und der Verteilung von Gütern, der Begründung von Rängen, Recht und Glaubenssätzen, die Entwicklung von Kultur gefördert hat. Und es ist von Interesse, dass alle so genannten Hochkulturen in einem früh angelegten und sehr einheitlichen Satz von Anliegen, Tätigkeiten und Niederschlägen kumulieren, die wir, in unserer europäischen Sprechweise Religion, Wissenschaft und Kunst nennen. Freilich trennt unsere Kultur dabei schärfer als die außereuropäischen, was, mit unserer Art von Sprache und Logik zusammenhängt.

Kann man Kulturen werten?

Eine andere Frage ist, ob man Kulturen hierarchisch ordnen kann. Die Bezeichnung "Hochkultur", die das andeutet, ist schon gefallen. Von "Niederkulturen" spricht man zwar nicht, dennoch ist schon eine Wertbarkeit angedeutet. Mit "hoch" oder Höherentwicklung wird man zunächst so etwas wie einen Differenzierungsgrad verstehen, dabei aber eher zivilisatorisch das Technisch-Organisatorische. Stärke oder Erfolg einer Kultur, wie das oft gedacht wird, würde ich als Maßstab nicht akzeptieren; wiewohl es nicht zu leugnen ist, dass fast immer die stärkeren Kulturen auf die schwächeren gewirkt haben: die griechische Städte auf das Mediterrane, Rom auf fast ganz Europa, die christliche Mission auf die halbe, und heute, die USA, fast auf die ganze Welt. Im Grunde ist das tragisch. Denn wenn man sich vor Augen hält, was die Ausbreitung und den Erfolg machte, sind es keine höheren Formen der Humanität, sondern blanke wirtschaftliche und militärische Macht.

Den Wert einer Kultur muss man gewiss anders bestimmen. Ich denke, dass man dabei an jene Differenzierung denken sollte, die eine Kultur ihren Mitgliedern für die Entfaltung dessen anbietet, was wir, etwas unbestimmt, als "innere Reife", als "Weisheit" (gegenüber Wissen) bezeichnen, und als eine Vertiefung von Humanität erleben. Wieder finden wir uns nahe der Metaphysik oder Ideologie. Denn was, konkret, sollte das alles denn sein? Woher sollten die Maße genommen werden? Aus der Entfernung vom Tier, aus Entwicklungsbedingungen, die dem Bau des Menschen noch eine Fortentwicklung von Hand, Kehlkopf und Hirn in Aussicht lassen, also von Geschick, Sprache, Verstand und Vernunft? Und dennoch haben wir ein eingeborenes Gefühl dafür, was zum Besseren der Menschheit sein müsste.

 

Über die Funktionen

Woraus und wozu entsteht Kultur?


kulturgesellschaftOrganismen sind, physikalisch besehen, Strukturen von hohen Ordnungsgraden, und so kann, will man die Metapher akzeptieren, auch Ordnung aus ihnen ausfließen. Wo immer es die Lebensumstände veranlassen, werden kunstvolle Waben, Netze und Nester gebaut - die Männchen der Laubenvögel füllen ihre Lauben mit was immer sie an glitzerndem Krimskrams finden. Auch unsere Kleinkinder, sich selbst überlassen, können hingebungsvoll Stunden damit verbringen, Hölzchen, Fichtenzapfen und Kiesel in immer neue Ordnungen zu legen.

Sprache
, Tradierung, Mythos und die Gruppe werden dies beim frühen Menschen gefördert, Bewegung zum Tanz, Erdfarben zur Körperbemalung geführt haben. Und es ist bekannt, wie früh Höhlen bemalt, Figurinen geformt und Geräte verziert worden sind. Wie all das von Sprache, Magie und Lebensregeln begleitet wurde, lassen schon die Artefakte ahnen; und wir entnehmen auch den verbliebenen Naturvölkern Kanons von erstaunlicher Differenzierung. Das ist der Punkt. Ich glaube zu verstehen, dass die Grundfunktion von Kultur in der Etablierung von Regeln, Tabus und Selbstverständlichkeiten, uns zwar welcher Art auch immer, besteht, die dem Individuum Orientierung geben, Entscheidungen abnehmen, es vor Ratlosigkeit schützen und das Verbindende der Wechselverständigung sichern. Sogar das uns so wichtige Gefühl der Entscheidungs- und Gedankenfreiheit wird dadurch gegeben. Jeder Mensch, der einer solchen Orientierung entbehrt, würde sich, in zu vielen der von ihm geforderten Entscheidungen der Ungewissheit preisgegeben fühlen. Es wüsste nicht, wie man einander begegnet, sich zueinander verhält, was von ihm erwartet, und womit er, in welchen Fällen immer, in der Gruppe zu rechnen hätte. Er müsste sich in uferlosen Grübeleien ergehen, von welchen er ahnt, dass der Erfolg seiner Lösungen höchst ungewiss sein werde. Das Freiheitsgefühl wäre vom Erleben der Belastung verdeckt.

Geben oder nehmen Kulturen Freiheit?

Das ist merkwürdig und empfiehlt Betrachtung; denn Freiheit selbst ist schon ein schillernder Begriff, weil sogleich zu fragen ist; Freiheit wovon? An die Freiheit beispielsweise der Selbstauflösung, daran, sich vom Zwang seines Gerhins oder seiner Atmung zu befreien, wird man nicht gleich denken. Nicht einmal von aller Menschheit wird man sich befreien wollen; von aller Kleidung, allem Gespräch oder Komfort nur gelegentlich. Im Grunde ist es für uns auch kein Freiheitsverlust mehr, im Stadtverkehr auf die Toga zu verzichten, die rechte Hand zu geben und die Suppe mit dem Löffel zu essen. Man kann Freiheit wie ein uns verfügbares Volumen betrachten: Würde es nirgends begrenzt, breitete es sich beliebig aus und verdünnte sich zur Ungreifbarkeit. Wer sich ungewöhnliche Freiheiten nimmt, nimmt sich diese gewöhnlich in menschlichen Nebensächlichkeiten wie des Haarschnitts oder der Kostümierung, und auch das geschieht wieder abgesichert im Schutze und der Legitimation gleich gesinnter Gruppen. Man erlebt das Produkt selten als gefährdend; eher als komisch.

Damit nähern
wir uns dem anderen Extrem  unseres Erlebens von Freiheit. Das höchste Freiheitsgefühl finden Massen im "Hurra hinter der Fahne", in der völligen Unterwerfung unter welche straffe Doktrin einer Bewegung auch immer; am ehesten mit kriegerischen, oder doch umstürzlerischen, Zielen. Man empfindet den Mangel an kritischer Reflexion und den Vorgang selbst nur mehr als gefährdend. Gibt oder nimmt uns Kultur die Freiheit; Tatsächlich eröffnet sie uns Freiheiten, indem sie uns Freiheiten abnimmt. Das klingt paradox; es unterscheidet sich aber nicht von allem übrigen Pendeln menschlichen Bedürfnisses zwischen Unverwechselbarkeit und Zugehörigkeit, dem Bedürfnis, frei zu denken und doch verstanden zu werden, eben dem nach Freiheit durch Geborgenheit.




Haben Kulturen mit Stabilisierung zu tun?

Jene Kanons mit ihren kulturellen Tabus, Differenzierungen und Selbstverständlichkeiten haben gewiss stabilisierende Funktion. Man kann das schon an den kulturellen Umwälzungen und Revolutionen erkennen. Wenn man erfährt, dass Michelangelo in einem ungeheuren Kraftakt die Renaissance überwunden hat, bedarf es doch der feinen Kennerschaft, um den Wandel, den er setzte, überhaupt wahrzunehmen. Philosophen haben wahrgenommen, dass wir geistig alle auf den Schultern von Riesen stehen.  Auch die heroischsten Taten erweisen sich als kleine Diskontinuitäten im Strom einer Geistesgeschichte; eine jede noch dazu mit tiefreichenden Wurzeln. Das hat wohl mit der Fülligkeit kultureller Kanons zu tun, wenn man bedenkt, was der "Zeitgeist" einer Kultur alles an Differenzierung des Sprach-, Stil- und Glaubensgefühls, an Verkehrsart und Autoritätsverteilung enthält. Daher sind Revolutionen nur durch das Maßnehmen an diesen Vorgaben möglich; denn niemand vermöchte eine solche Struktur aus dem Nichts zu entwickeln, geschweige denn, sie in einer Kultur durchzusetzen. Man kann schon der "Revolution der Generationen" entnehmen, wie diese der differenzierten Vorgaben benötigen, um am Einzelnen Kritik üben zu können.

Wechselseitig stabilisieren Kulturen einander kaum. Das Bedürfnis nach Unverwechselbarkeit überwiegt das der Zugehörigkeit. So gering der Unterschied zwischen den Kulturen einzelner Alpentäler, deutschsprachiger Lande oder europäischer Nationen auch im Ganzen sein mag, jede Eigentümlichkeit besitzt Bedeutung. Unterminiert wird diese Pluralität durch die unterschiedlichen Stärke von Kulturen. Davon war schon die Rede. Am augenfälligsten sind es die Kulturen der Naturvölker, die über Missionierung, Forschung und Wirtschaftsinteressen, in Reservate abgedrängt, verkommen; und die gar nicht geschützt werden können, weil sie selbst zunächst auch eine moderne Axt, dann Blue Jeans und schließlich einen Traktor haben wollen. Gefolgt wird dies weltweit vom Verfall der Folklore zum Touristenzirkus; und, so weit das Selbstwertgefühl reicht, von der Bemühung, sich dem zu entziehen. Wie weit nivelliert sein wird, bis sich, wie man erwartet, Regionalisierung erneut durchsetzt, wissen wir nicht. Dass sie gefördert gehört, ist evident. Differenzierung ist eine Überlebensbedingung komplexer Systeme. Eine uniforme Menschheit wäre nicht nur eine grässliche Vorstellung; sie könnte auch an einem einzigen kulturellen Virus zu Grunde gehen.

Befriedigen Kulturen unsere Anliegen?

Die wesentlichste Frage bleibt es aber wohl, was Kulturen für uns Menschen leisten. Gewiss bieten sie die Möglichkeit zur Differenzierung; sie sind aus dem Bedürfnis nach Differenzierung entstanden, befriedigen es nun und geben der weiteren Entwicklung dieses Wechselbezugs von Bedürfnis und Befriedigung eine mögliche Struktur. Und unsere "hohen Werke" stellen gewiss das Differenzierste dar, was wir in diesem Kosmos bislang kennengelernt haben;und sollte es in diesem Kosmos darauf ankommen, Differenzierung fortgesetzt weiterzuführen, dann liegen wir im Trend. Wir erinnern uns aber auch daran, dass der Schub zu höherer Differenzierung über neue Erhaltunsbedingungen von Systemen durchgesetzt wird, ohne dass deren Erhaltungszeiten länger werden müssten. Ob Kulturen neben der Befriedigung jenes Bedürfnisses auch unsere Lebensprobleme lösen, ist eine andere Frage. Vielfach scheinen sie diese ebenso zu schaffen,um sie zu lösen, als auch umgekehrt. Man wird an Lebensqualität, Sicherheit und Bequemlichkeit denken. Aber freilich sind das relative Größen. Denn wer soll sagen, ob es bequemer und sicherer ist, die Milch über die U-Bahn zu besorgen, als zu Fuß vom Nachbarhof?

 

Über die Strukturen

Warum gerade Glaube, Kunst und Wissenschaft?

Schon eingangs war unter den Kulturen ein einheitlicher Satz von Anliegen aufgefallen; bei uns schärfer zerlegt als in Indien oder China. Auch in den vergangenen Kulturen, denen Babylons, Ägyptens, der Maya und Inka, selbst in der griechischen, dem Vorläufer der unseren, waren die Grenzen verwischter. Aber in allen Kulturen habe sich, vielfach unabhängig voneinander, jene drei Gebiete differenziert, die wir heute Glauben, Kunst und Wissenschaft nennen; so als ob dies dem Menschen vorgegeben gewesen wäre. Nun sind diese Anliegen für unsere Begriffe verschieden. Wir Modernen meinen ja, was unsere Verhandlungen mit der Welt betrifft, zwischen Glauben und Wissen, zwischen dem, was wir zu wissen glauben, beziehungsweise vom Glauben zu wissen meinen, wohl unterscheiden zu können. Und wir stellen diesem Handel mit unserem Schicksal, wie mit unseren physischen Lebensumständen, eine Beschäftigung mit unserer intuitionistischen Welt gegenüber: dem, was wir die Künste nennen.

Seltsamerweise scheinen damit die offenen Themen der Kulturbedürfnisse des Menschen abgedeckt zu sein; wie immer sich auch die Gewichte verschoben haben mögen. Körperbemalung hat sich auf Make-up reduziert, der Tanz als Kunst auf die Kunst des Balletts, die Dominanz der sakralen Kunst wich der profanen, dagegen entwickelten sich Texte, wie die der griechischen Sänger, zu ungeheuren Buchmessen, und die Volksmusik zu gigantischen "Performances". Auch die "Kunst der Erotik" sei nicht zu vergessen.

Was lenkt unsere Kulturentwicklung?

Die Institutionen dieser drei Säulen unserer Kultur sind verschieden. Am einheitlichsten ist die Glaubensgemeinschaft institutionalisiert - in den Kirchen. Sekten spielen eine geringe Rolle; und Grenzüberschreitungen zur Wissenschaft, wie bei der Scientology, verdienen unser Misstrauen. Die Lenkung unserer Kirchen ist konservativ, weltweit und hierarchisch organisiert, gesteuert von einem alten Text und einer Art weiser Exegeten. Die Wissenschaften findet man zu Universitäten und Forschungsinstituten gebündelt, aber sie verzweigen sich auch weit in die Industrien. Ihre Lenkung war lange von Geistes- und Zeitströmungen abhängig und ist, wie schon festzustellen war, heute von Wirtschafts- und staatlichen Machtinteressen beeinflusst. Die Künste dagegen besaßen nur Zünfte und Schulen, heute Akademien, sowie Orte, sich darzustellen: zunächst Theater, dann Buchmärkte, Opernhäuser und Konzertsäle, später noch öffentliche Museen, und jüngst zudem Galerien. Gelenkt wurden sie vom Zeitstil, der sich aus der Intuition der Künstler einerseits und dem Geschmack von Auftraggeber und Publikum andererseits entwickelt. Erst seitdem die Bildende Kunst zum Spekulationsobjekt wurde, dominiert ein eskalierender Kreislauf, der aus den Interessen von Kritikern, Medien, Galeristen und Künstlern in sich zurürckführt.

Allgemein schätzt man, wenn diese drei Säulen der Kultur das Dach in Einklang tragen und in Eintracht heben; wenn sie, wie in den "großen Epochen", einander etwas zu sagen haben. Das sind, neben den immer noch konservativen Kirchenkonzilen, vor allem die Künste und Wissenschaften gefragt. Vielfach mögen die Künste die Entwicklung angeführt haben; so, wie die Malerei der Meister des Trecento, oder wie Giotto das Lebensgefühl der Renaissance, oder eben Dostojevskij die Psychoanalyse vorweg genommen haben mögen.

Dominiert Zivilisation unsere Kultur?

Diese Tempelsäulen unserer Kultur stehen freilich nicht schwebend und allein. Sie stehen alle auf dem Substrat einer Zivilisation. Denn Kultur beginnt dort, wo das Notwendige der Existenz endet. Sie hat Züge der Luxurierung und entspringt dennoch menschlichem Bedürfnis. Vielleicht ist es überheblich, Kultur über Zivilisation zu stellen; und dennoch bleibt sie ein Überbau über allem materiell Technischen, allem organisatorischen Fundament. Vergeht das Fundament, dann bleiben von Kulturen nur mehr achtbare Fossilien: Pyramiden, Tempel und die Köpfe auf den Osterinseln.

Geschichte
ist nicht allein aus den Gedanken unserer Geistesheroen zu verstehen, auch nicht allein aus den Taten von Heerführern und Potentaten, worauf sie die Geschichtsbücher kondensieren. Es ist längst erkannt, dass Geschichtsverständnis "von oben" durch eine "Geschichte von unten" ergänzt werden muss: aus dem Lebensgefühl und dem Weltbild des "kleinen Mannes", wie er, in grauen Heeren das wahre Substrat aller Geschichte macht. "Wenn man erfährt", witzelt Brecht, "dass Alexander Indien erobert hat, muss man wohl annehmen, dass er wenigstens seinen Koch mitgehabt hat." Und er hat nicht nur seinen Koch mitgehabt hat, vielmehr eine Volksbewegung aller Griechen, den Erbfeind zu vertreiben: die Perser. Freilich wissen wir wenig vom "privaten Leben" der kleinen Leute, und umso weniger, je kleiner und privater es war. Natürlich wird dieses auch manipuliert: von Strömungen des Glaubens, des Stils und der Mächte dahingeführt. Aber Glauben, Stil und Macht strömen nicht; sie bedürfen der Strömungen. Wir alle schieben, wie wir geschoben werden. Es sind synergetische, systemische Effekte mit der Schaffung neuer Qualitäten, in deren Konstituenten auch nicht mehr zu finden ist als die Ausstattung unserer menschlicher Kreatur.

Schaffen Gesellschaft und Kultur Lebensqualität?

Nun kann man ja wohl erwarten, dass an der Basis dieser Antriebe eine Erhöhung der Lebensqualität stehen wird. Manch ein trübes, getretenes Leben rechtfertigt sein opfervolles Dasein, "damit es den Kindern einmal besser gehe". Aber was ist Lebensqualität? Nehmen wir uns ihren Kern vor Augen. Lebensqualität ist eine relative Größe. Erstens ist sie situationsabhängig. Als Soldat der Deutschen Wehrmacht, entdeckte ich, dass schon etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen zu finden, das Gefühl von Lebensqualität heben konnte. Zweitens wird sie von der Lebensqualität der Nachbarn bestimmt. In Santa Barbara ist ein Armer arm; in Neapel kann er König seiner Gasse sein.

Lebensqualität hängt  mit Prosperität zusammen; in seltsamen Grenzen.
Um das zu untersuchen, haben wir einmal an einhundert Gemeinden in Österreich einen detaillierten Fragebogen geschickt: Wie ist die Qualität des Wassers, der Luft, das Grün vor dem Fenster, wie steht es mit Lärm, Unrat und gestörter Sicherheit, mit Kindergärten, Geselligkeiten und Erholungsgebieten? Eine Frage dazwischen: Durchschnittseinkommen der Bevölkerung. Ergebnis: leicht negative Korrelation; je mehr man verdient, umso mieser das Milieu. Lebensqualität steigt mit Prosperität; aber nur bis zu einem bestimmbaren Punkt. Dann steigt nur mehr die Prosperität. Und die Lebensqualität kann wieder sinken. Wo erhoffen wir Entspannung und hohe Lebensqualität? Im Urlaub. Und den verbringen wir kaum in Industriezentren oder zwischen den Türmen von Banken und Versicherungen; vielmehr in Gebieten "heiler Welt", unzerstörter Natur, unter Menschen mit meist bescheidener Einkommen, die nachgerade zum Müßiggang einladen. Monatelang sind wir bereit, Pferch und Fron hinzunehmen, um uns für zwei, drei Wochen im Jahr das Milieu unserer Wünsche zu verdienen. Wer hat uns dazu gebracht? Auch der Nachbar?

 

Über die Probleme

Woher stammen die Paradigmen unserer Gesellschaft?

Viele Probleme unserer Gesellschaft wurzeln in unserer Ausstattung, die, wie Possessivität und Rangstreben, nicht vermeidbar scheinen. Sie wurzeln  in den Auflagen, für die wir, nach Zwängen der Massengesellschaft, nicht vorbereitet sind. Verflechten sich beide Bedingungen, dann sind diese Probleme am drückendsten etabliert. Hierarchie, so bedauerlich das ist, fanden wir als eine unvermeidbare Struktur. In der Horde war sie noch übersichtlich: den Zusammenhang von Rang und Risiko und an die Folgen der Anonymität. In Kulturen türmt sie sich beträchtlich auf. Und die Frage, wie sich die höchsten Ränge und deren Selbstwertgefühl rechtfertige, beschäftigt die ganze Kulturgeschichte.

Die Griechen waren in der Sache unprätentiös: Diktatur, Oligarchie oder Demokratie. Man dachte sogar an einen Kreislauf; denn wenn die Demokratie wieder ins Chaos trieb, dann, besser, wieder die Tyrannis. Nicht so die Nachbarn. Schon die Pharaonen legitimierten ihre Ränge aus himmlischen Sphären; davon war schon die Rede, und das Konzept eines Herrschertums "von Gottes Gnaden" hat sich bis in die Neuzeit erhalten. Woher, wenn nicht von dort, könnte das Recht, Recht zu sprechen, in verbindlicherer Weise stammen? "Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann" kenne ich noch als Auszählreim aus meiner Kinderzeit. Ob Zünfte oder Stände, "white- or blue-collar", irgendeine Gliederung muss sein; und, menschengemacht wie sie ist, strukturiert sie sich zeitgebunden aus einem Geflecht aus Einsicht, Machtverteilung, Pragmatik und Erträglichkeit zu irgendwelchen, vermeintlichen Selbstverständlichkeiten. Auch in der Frage, was dem Kaiser und dem Papst zu geben wäre, wurde man sich einig. Und das, was man staatsmännisch nennt, entstammt einem ebensolchen, wenn auch schon übernationalen, daher unbestimmten Geflecht. So fragt man sich schließlich, wie denn auch unsere Republiken und Demokratien in solch unbestimmter Paradigmatik dahintreiben.

Was sichert den Kulturen Stabilität?

Neben jener Unbestimmtheit haben sich wenige höchst bestimmte Strukturen über unsere ganze Kulturgeschichte erhalten. Will man bedenken, was den Kulturen Stabilität brachte, dann sind solche Strukturen zu unterscheiden, die Stabilität brachten, von solchen, die sie bringen sollten. Effektiv, und auch legitim, waren Sprachgrenzen und die mit ihnen verbundenen Übergänge von Kultus und Lebensgefühl; seltener die Vernunft. Die Geografie der Verknüpfung von Ehebünden aus französischen und deutschen grenznahen Städten zeigt, dass die Franzosen doch wieder nach Frankreich, die Deutschen nach Deutschland heirateten.

Was Sicherheit bringen sollte, war dagegen erstens Expansion - die Grenzen des Feindlichen hinauszuschieben, oder einfach Macht auszubreiten, also Landraub. Persien, Rom, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, die Österreichische Monarchie, die Kolonialmächte wuchsen alle zu kranken Riesen. In der Neuzeit sollten zudem Bündnisse Sicherheit bringen; und wo immer Macht zu kumulieren drohte, wurde sie von Staatenbünden, so gut es ging, umzingelt. Und Orte "politischen Vakuums" wurden sofort absorbiert, weil die Einladung zur Plünderung offenbar für jeden Nachbarn selbstverständlich war.

Heute, so sagen mir Kenner, ist die Ausfärbung der Länder auf unseren politischen Globen bedeutungslos; fast eine Irreführung. In der Realität müssten die Relationen der Macht über Kapitalflüsse dargestellt werden, ähnlich jenen Weltkarten, welche uns die sich verzweigenden Bahnen von Mengen an Erdöl zeigen, die über die Ozeane geschleppt werden. Aber solche Globen der Kapitalflüsse kann man nicht haben, weil die Ströme alle paar Monate anders aussähen. So wollen wir weiter auf unsere Sprachen hoffen, und die Fülle an Kultur, die sie versammelt haben.

 

Werden wir Menschen zu teuer?
Wird der Mensch zu teuer?Zu den stabilen Strukturen unserer Gesellschaft zählt auch ihre Zweiteilung, von der schon im Zusammenhang mit Wertschöpfung die Rede war. Man erinnert sich an die Teilung in Freie/Sklaven, Lehnsherren/Leibeigene und Arbeitgeber/Arbeitnehmer, die unsere gesamte Geschichte begleitet. Offenbar ein ebenso probates Mittel wie ein archaisches Erbe. Nun hat man den Eindruck, dass für den Gedanken, dass jeder Mensch das Recht auf Wertschöpfung haben müsste, nicht nochmals die Lanze gebrochen zu werden braucht. Aber wir Menschen werden zu teuer! Wo immer möglich, finden wir unsere Wirtschaft gedrängt, uns Menschen ganz, oder doch durch "billigere Menschen" zu ersetzen. Drei Techniken sind im Schwange: Zentralisierung, Automatisierung und Globalisierung.
Schon regional werden Hundertschaften kleiner Kaufleute durch Großmärkte ersetzt, Hundertschaften von bäuerlichen Wirtschaften durch die zentralisierte Agrar- und Lebensmittel-Industrie. Ein Heer von Arbeitslosen ist geschaffen. Zu hunderten sind auch die Orte der Kommunikation verschwunden; beim Kaufmann hörte man noch, dass die alte Frau Marie von Nummer 14 schon Tage nicht mehr gekommen war, und sogleich machten sich einige auf den Weg, um nach ihr zu sehen. Heute findet sie sich in einem Alters- oder Sterbesilo, oder sie stirbt allein. Wir zahlen dafür nur an anderen Orten. Auch Automaten sind billiger. In unserem Alltag stehen wir wohl nur gelegentlich vor einem streikenden Bankomaten, einer Benzinpumpe, die nicht funktioniert, einer Garagen-Schranke, die uns nicht hinauslässt, und stets ohne die Hilfe eines jeweils kompetenten Menschen. Hinter den Mauern der Industrien aber leeren sich die Werkhallen ganz. Roboterarme greifen herum, Wägelchen schnurrten ferngesteuert durch die Gänge. Die Zahl der Arbeitslosen wächst weiter. Bloß untergeordnete Dienste bleiben erhalten. Man sagte mir, dass es nur mehr wenige Ingenieure in Europa gibt, die einen Eiskasten zu verbessern vermögen, aber tausende, die Eiskästen ausliefern, die man jedoch, wen sie anfingen zu rinnen, auf den Müll fahre. Der Ausbildungsgrad wächst zu menschenverachtenden Unterschieden.

Wenn schon Menschen unvermeidlich sind, dann schafft Globalisierung billigere. Reiche Länder pressen ärmeren die Industrien ab und verlagern sie in die ärmsten. Wieder fließen Arbeitsplätze ab; nun von jenen, die etwas aufbauten, zu solchen, denen es nur ums Einkommen geht. Wie soll das enden? Bei einer weltweiten Gleichheit der Einkommen? Man stelle sich vor, was bis dahin noch an Erdrückendem geschehen muss. Einst entstanden zum Schutz Gewerkschaften. Deren Ohnmacht nimmt in der besprochenen Reihe zu. Gegenüber der Globalisierung ist sie vollständig. Es sei denn, eine Weltgewerkschaft entstünde. Und in dieser sollte Bangladesch die Österreicher vor dem Ruin retten, und China die Amerikaner? Was für eine Utopie. Es ist zu raten, ein Wirtschaftskonzept, das für die Wirtschaft gemacht ist, durch eines für den Menschen zu ersetzen.

Was unterscheidet Patrioten von Terroristen?

Stabil ist in unserer Gesellschaft auch die Auseinandersetzung über die Frage geblieben, was oder wer zwischen Patrioten und Terroristen unterscheidet. Ich denke, dass das von der Frage abhängen müsste, was oder wer darüber entscheiden, was unter patria, einer Heimat, zu verstehen ist. Und das ist wohl wieder aus der Geschlossenheit eines Ethnos zu verstehen; aus einem Zusammenhang von Sprache, Religion, Geschichte und Kulturgefühl. Zivilisierte Nationen haben begonnen, auf den blanken Landraub zu verzichten; aber was die vorliegende Frage betrifft, haben auch diese noch nicht das Verhandeln gelernt. Immer noch überlässt man der blanken Waffe die Entscheidungen; also der stärker gerüsteten Mehrheit. Ob Basken, Iren oder Ksosovo-Albaner, es werden jahre-, jahrzentelange Kämpfe geliefert, und etwas ferner von Europa die Kurden in einem Völkermord zerrieben. Und wir staunen über die Nachrichten. Die negative Korrelation zwischen Verantwortungsumfang und Verantwortungsempfinden ist eine der Einsichten, die an Schulen unterrichten werden sollte. Staaten und den von ihnen abhängigen Lenkern ist nicht zu trauen. Nur was in der Einsicht einer Bevölkerung eine Mehrheit bildet, ist in unseren Demokratien, durchsetzbar.

Ist Wachstum noch zu steuern?

Von ganz anderer Wirkung, aber ähnlich in den Strukturmängeln der Verantwortlichkeit, ist das Phänomen des Wachstums. Nicht nur explodieren die Bevölkerungszahlen in der Dritten Welt, aus uns selbst ist eine Industriegesellschaft geworden, die nur mehr vom Wachsen der Ansprüche leben kann. Unsere Ausstattung mit den Bedürfnissen nach Besitz, Sicherheit und Rang steht im Hintergrund. Darüber hat unsere Zivilisation antreibende Systeme etabliert: Geld, Spekulation, Zins, Werbung und die zunehmende Beanspruchung von Fremdenergie (wie fossile Brennstoffe und Kernenergie), sowie treibende Institutionen - in einer ersten Ebene Industrie, Management, Verkehr und Wirtschaft, in einer zweiten Politik und Kapital.

Allgemein wird zur Systemerhaltung ein Wachstum von 5 % angestrebt und eine einfache Rechnung ergibt, dass das in 15, 30 und 45 Jahren, also schon in gut einer Generation, eine Verdoppelung, Vervierfachung und Verachtfachung aller Aufwände bedeuten muss:  an Material- und Energieverschleiß, verbetonierter Fläche und der Störung von Böden, Wasser, Vegetation und Atmosphäre. Man bemüht sich, Emissionen zu drosseln und mit Ressourcen sparsamer umzugehen. Aber das macht keine 5 % pro Jahr. Wenn man Politikern sagt, dass Systeme, die nur vom Wachsen leben können, allein an ihrem Wachstum zu Grunde gehen müssen, wird einem geantwortet: aber 5 % muss sein. Politiker stecken in den Zugzwängen nationaler und internationaler Abhängigkeiten; ebenso wie Industrie und Wirtschaft, die sich nur mehr von der Erfindung und Durchsetzung neuer Bedürfnisse erhalten kann. Das Ganze ist am Zins festgemacht. Die systembedingte Wachstumsrate entspricht etwa der Mitte aus Soll- und Habenzinsen.

Kann gegengesteuert werden? Damit befasst sich der "Club of Vienna"*  Kann der Zins schrittweise abgeschafft werden? Vielfach ist er unmoralisch. Schon Aristoteles wusste, dass man für die Ausgabe einer Armensuppe nicht demnächst zwei Armensuppen zurückverlangen kann, und die Kirche hat jahrhundertlang gegen die Unmoral des Zinses gekämpft. Kann man die Weltwirtschaft belehren? Wahrscheinlich auch nicht. Vielleicht kann Autonomie helfen; in dem Sinne, dass wenigstens lokal von Zugzwängen befreite Vernunft entstehen kann. Mehr ist auf den Bürger zu setzen, wenn er erkennt, woraus Lebensqualität, für seine Kinder und Enkel, in Wirklichkeit besteht. Denn wofür immer sich eine Mehrheit andeutet, ist diese politisch sogleich durchzusetzen.

* Anmerkung aus einem Mail von Rupert Riedl vom 30.8.2004 "Nachdem ich in Altenberg zum Ehrenpräsidenten ausgetreten wurde und im darauf gegründeten "Club of Vienna" von mittelmäßigen Plänen majorisiert werden sollte, habe ich mich auch von dort auf ein kleines Budget zurückgezogen. Meine Tochter Barbara, Dr. Schweder, die Anthropologin, hilft mir einmal die Woche Verrechnungskram zu erledigen."


Ist dem Liberalismus zu trauen oder dem Kollektiv?

Das Thema lenkt in die Gesellschaftstheorien. Zwei habe ich überlebt: den Marxismus, der durch Formen der Sozialdemokratie ein menschliches Antlitz erhielt, und den Kapitalismus, den man durch irgendwelche Formen der Umverteilung zu humanisieren trachtet.

Schon diese Formen der Adaptierung zeigen, dass beide Ansätze die Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft nicht erfassen. Beide gehen von einer linearen Kausalität aus. Der Kollektivismus trachtet die Gesellschaft zu fördern und schadet dem Individuum. Er nimmt dem Einzelnen das Motiv für initiative Wertschöpfung. Der Liberalismus trachtet das Individuum zu fördern und schadet der Gesellschaft. Ihr gegenüber entbindet er das Individuum des Verantwortungsgefühls. Der Ansatz beider Theorien liegt ein Jahrhundert zurück, und in dieser Zeitspanne haben wir dazugelernt. Systemtheorie, Spieltheorie, Katastrophentheorie sind entstanden, die Evolutionstheorie wurde vom Papst anerkannt. Heute redet alles von Systemen, und Einsichten in diese haben uns gelehrt, dass in allen komplexen Systemen rekursive Kausalität, Wechselbezüge der Ursachen, vorliegen. Wir haben gelernt, dass Systeme zum Überleben mehr Ordnung erzeugen müssen, als sie beanspruchen dürfen.

Wäre es nicht an der Zeit, sich von den alten Zöpfen zu befreien und eine Systemtheorie der Gesellschaft zu entwickeln? Es gibt längst keine freien Individuen ohne Gesellschaften mehr und keine Gesellschaft ohne freie Individuen. Und es liegt wohl auf der Hand, dass die Wohlfahrt der Individuen auf Dauer mit jener der Gesellschaft verknüpft sein muss, ebenso wie umgekehrt. Genügt hier eine Häufung an Expertise? Kann es Objektivität geben? Kann man errechnen, wie viel man den Erfolgreichen wegnehmen darf, bevor man damit beginnt, auch den Erfolglosen zu schaden? Kann an ein Junktim zwischen Wertschöpfung und Ansprüchen des Individuums gedacht werden? Oder bedarf es doch wieder der Ideologien, irgendwelcher unbegründbarer Qualitätsannahmen? Nähern wir uns wieder der Metaphysik? Solchen Gedanken zu folgen scheint mir wertvoller als jenem Zank zwischen den rechten und linken Reichshälften; denn aus zwei falschen Theorien war noch nie eine richtige zu machen.

Was legitimiert heute das Recht des Souveräns?

Einige der Positionen, die eine Gesellschaft einnehmen muss, sind von besonderer Sensibilität. Kommen wir nochmals auf die Frage zurück, was ihre Rechtsprechung legitimiert. Wie man sich erinnert, waren schon die Pharaonen der Ansicht, diese Rechte von den Göttern zu beziehen, zumal sie sich selbst Göttlichkeit zudachten. Daraus hat sich wenigstens unser "Kaisertum von Gottes Gnaden" erhalten. Nun sind wir Bürger selbst der Souverän; wer oder was legitimiert nun die Rechtsprechung? Kann man sich auf unsere Ausstattung, gewissermaßen auf Universalien menschlichen Rechtsempfindens, verlassen? In einem elementaren Sinne scheint das tatsächlich so zu sein. In fast allen Gesetzbüchern findet man jene Grundsätze, die man als "Rechtsgüter-Ordnung" bezeichnet. Sie geben eine Hierarchie vor: Leben vor Gesundheit sowie Gesundheit vor Besitz. Damit wird erwartet, dass man seine Gesundheit aufs Spiel setzt, wenn es darum geht, ein Leben zu retten, sowie materielle Aufwendungen nicht zu scheuen, um einen Mitmenschen vor Krankheit zu bewahren. Das klingt nicht nur höchst human, es ist fast noch aus den Bedingungen der Arterhaltung zu verstehen. Ist die Erhaltung der Art vor die des Individuums zu stellen? Seitdem die Individuen unserer Spezies mit hellem Bewusstsein versehen sind, bedarf schon das der Überlegung. Kann weiter an der Natur des Menschen Maß genommen werden? Könnte ein "evolutives Recht" formuliert werden? Der Begriff des "Naturrechts" wäre irreführend, weil dieses als von Gott gegeben gedacht ist. Soll jede Nation das Recht haben, ihr eigenes Recht zu setzen? Wenn man an Völkerrecht denkt, und noch mehr an die Auseinandersetzungen um die Abstimmung der Menschenrechte, muss das fraglich erscheinen. Und kann ein Verbrechen so schwer sein, dass wir legitimiert sein könnten, den Rechtsbrecher zu töten? Auch das erscheint höchst fraglich.

Denkende MenschenDenkende Menschen kommen um die Metaphysik nicht herum. Es erscheint mir aussichtsreich, darüber nachzudenken, ob nicht in den Gesetzen der Evolution noch eine Hilfestellung gefunden werden könnte. Aber selbst wenn das so wäre, müssten wir doch in manchem eine neue Stellung beziehen; eine Stellung, die jenseits des uns Erfahrbaren liegen muss. Freilich geht es um Humanität. Aber wer es legitimiert, festzulegen, was das ist? Ein sich schließender Kreis, ein Reigen von schrittweise verstandenen Zusammenhängen, über welche wir versuchen, die Welt, und uns in ihr, zu verstehen.


Die Inhalte ihrer Kultur zählt eine Gesellschaft zu ihren höchsten Gütern; und das wohl aus guten Grund, bedenkt man die Aufwände der Generationen, wie die Bildungsfunktionen, die sie trägt. Noch verfügt unser Globus über eine Differenzierung der Kulturen, was sie, zu unserem Glück, noch relativieren lässt. Anders steht es mit den Überschwemmungen, welche die wirtschaftlich und militärisch jeweils stärkeren Kulturen angerichtet haben und immer noch anrichten. Man lasse sich darum den Blick auf die Werte vom Kulturen nicht trüben; und auch nicht auf die metaphysischen Konstrukte, welchen sie sich nicht entwinden können - ebenso wenig wie unsere ganze evolutionäre Betrachtung. Soll das Schiffchen unseres Weltbilds aufgebaut werden, muss das eben auf hoher See erfolgen; kein Hafen erwartet uns. Nichts, in der Entwicklung dieser Welt, ist für sich allein zu verstehen.



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