NEUGIERDE UND STAUNEN

©Rupert Riedl
 

1995  Manuskript "Materialien zur Geschichte meines Denkens"

manuskripte-riedl "Im Juni 1995 wurde drei Tage lang in Prag über das Manuskript diskutiert." Milena Findeis

Im Jänner 2005 erschien das Buch mit dem Titel "Neugierde und Staunen"
Autobiographie, 2004, Seifert Verlag, ISBN: 3 902406-12-7

1. Die Welt erhellt sich, 1925 - 1935
2. Unsicheres Licht überm Land (1935 -1945)
3. Licht ins Meer (1945 - 1955)
4. Licht ins Werden (1955 - 1965)
5. Licht in die Urzeit (1965 - 1975)
6. Licht in die Vernunft (1975 - 1985)
7. Licht in die Gesellschaft (1985 - 1995)
8. Etwas Licht in die Welt (1995 - 2005)

 

Vorwort
Eine Autobiographie zu schreiben setzt einiges Selbstwertgefühl voraus. Entweder wird dem Autor gesagt, etwas geleistet zu haben, oder er kommt selbst zu ehrenden Ansichten. Jedenfalls verfügt er sich in auffallende Gesellschaft, weil Biographien von solcherart Personen oft voll aufschlussreicher Geschichten sind.

Ich sollte mich nach solchem Bekenntnis zurücknehmen, tue das aber nur beschränkt. Denn ich referiere jene drei Viertel des 20. Jahrhunderts, in welchen Wissenschaften voll der opferbereiten Hingabe und eines Ethos der Wahrheitsfindung für alle in eine Zeit eingetreten sind, in der man nun machtvolle Forschung von Orchideenfächern unterscheidet, deren Produkte man entweder in Industrie-Tresors verschließt und patentiert auf den Markt bringt oder aber für verdientermaßen absterbendenn Luxus hält. Auch habe ich, ahnungsvoll, das mit vorbereitet, was man heute in der Erkenntnislehre, sogar in der Philosophie, eine "naturalisitische Wende" nennt.

Die Bruchlinie, welche die Kultur unserer Wissenschaften teilt, geht mitten durch die heute aufgewachsene Biologie trennt, die kausalistischen "Macher" von den nachdenklichen "Geschichtenerzählern", Physiologen von Morphologen, Anorganiker von Kulturwissenschaftlern und verdirbt den Sinn für Komplexität und für Verantwortung. Da muss sich ein Biologe zu Wort melden, um Hergänge und Entdeckungen aus diesen Jahrzehnten aus der Nähe vorzuführen und darüber nachzudenken zu machen.

neugierde-und-staunenEs geht um Spätfolgen der Aufklärung, wie sie von der Suche nach einem befreienden Weltbild in den Zwang zur Gewinnmaximierung und in eine Wirtschafts- und Wissenschaftstheorie führten, die zusammen das Umweltproblem heraufbeschworen haben; nämlich auch in die unwiederholbar historisch gewordenen Komplexe dieser Welt, von wer wir leben, einzugreifen: Kreaturen, Biotope, Biosphäre so lange im Konzept zu vereinfachen, bis es legitimiert erscheint, sie zu eigenem Nutzen und zum Schaden aller zu manipulieren.

Wie die meisten hatte ich das lange nicht erkannt. Nur meine angeborene Freude an der Entdeckung, an der Vielfalt des Lebendigen und daran, über das Denken nachzudenken, hat mich in diesem Strom nicht mittreiben lassen Und mit der steten Frage, wie sich das, was ich denke und tue, in einer weiteren Perspektive rechtfertige, hat mir dies in aller Unbefangenheit von der Praxis der Systematik und Ökologie zu den Theorien der Evolution, der Erkenntnis und der Gesellschaft den Rahmen erweitert. Es mag, die Geschichte lebendiger machen, sie aus der Nähe zu sehen, wie man sich freihalten kann und wie wissenschaftliche Einsicht entsteht und sich verantwortlich erweitern muss.

Eine bunte, verlässliche Welt hat mich dabei begleitet, von physischen zu geistigen Abenteuern, wie man es nur jedem wünschen kann. Auch ist, in aller Unbefangenheit, eine neue Beziehung zwischen Wissenschaft und Erkenntnis entstanden, die man nun, nach Jahrzehnten, die "naturalistische Wende" nennt. Dass ich allmählich auf die "Abschussliste" unliebsamer Wissenschaftler geriet, habe ich lange nicht bemerkt. Aber, was soll das schon sein?

rupert-riedlIch wünschte mir, dass sich die Freunde, die Studiosi wie Kapazitäten der Biologie, für die Expansion wie den Zusammenhalt der Teile dieses Faches einsetzen und meine weitsichtigen Leser sich - ihrem Ethos, unsere Enkeln und dem Vielfältigen und Schönen unserer Welt zuliebe - ebenfalls jenem Strom der Entzweiung widersetzen.

"Ich bild' mir nicht ein, ich könnte was lehren - die Menschen zu bessern und zu bekehren..." Das lässt bekanntlich Goethe seinen Faust sagen. Konrad Lorenz im Gespräch darüber: "Das ist feige. Natürlich bilde ich mir ein, ich könnte was lehren - die Menschen zu bessern und zu bekehren. Wozu sonst sollten wir gut sein?"

Rupert Riedl
Wien, Sommer 2004

 

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